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Immunglobuline scheinen gegen Alzheimer zu helfen

16.09.2004


Immunglobuline, die heute beispielsweise schon zur Behandlung der Multiplen Sklerose eingesetzt werden, können möglicherweise auch Alzheimer-Patienten helfen.



Zu diesem Ergebnis kommt zumindest eine Pilotstudie mit fünf Patienten an der Universität Bonn. Ihre Ergebnisse erscheinen in der kommenden Ausgabe des Journal of Neurology, Neurosurgery and Psychiatry (Band 75, Seite 1.472-1.474), das der Entdeckung auch sein Editorial widmet.



Immunglobuline enthalten unter anderem Antikörper gegen ein Protein, das als "Hauptverdächtiger" bei der Auslösung der Alzheimer-Erkrankung gilt. Nach sechsmonatiger Immunglobulin-Gabe ging die Konzentration dieses Proteins in der Hirnflüssigkeit der Patienten um ein Drittel zurück. Die kognitiven Fähigkeiten der Probanden verbesserten sich leicht. Die Mediziner betonen allerdings, dass ihre Ergebnisse noch sehr vorläufig sind. Sie planen nun eine große klinische Doppelblindstudie mit etwa sechzig Patienten, um die positive Wirkung der Immunglobuline weiter abzusichern. Sollte sie die Ergebnisse bestätigen, wäre das die erste Therapie, die an den Ursachen der Alzheimer-Demenz angreift.

In der Hirnrinde von Alzheimer-Erkrankten finden sich regelmäßig große Eiweiß-Aggregate, die sogenannten Alzheimer-Plaques. Sie bestehen vorwiegend aus Beta-Amyloid-Peptid, einem kleinen Protein. Dieses Peptid sammelt sich bei Alzheimer-Patienten im Gehirn an und bildet dort Eiweiß-Ablagerungen, die die empfindlichen Nervenzellen schädigen und sogar zerstören können.

Ein viel versprechender Ansatz gegen die Erkrankung scheint die Behandlung mit Antikörpern zu sein, die spezifisch gegen Beta-Amyloid wirken. So führte in Tierversuchen die Injektion von Beta-Amyloid-Antikörpern zu einer Abnahme der Eiweiß-Ablagerungen und zu einer Verbesserung der Verhaltensdefizite bei diesen Tieren. Eine andere Studie hat zudem kürzlich ergeben, dass durch eine Immunisierung nicht nur Amyloid-Plaques reduziert werden können, sondern auch die Bildung des abnormen tau-Proteins verhindert wird.

Kürzlich konnte die Abeitsgruppe um den Bonner Privatdozenten Dr. Richard Dodel feststellen, dass das Blut jedes Menschen Antikörper gegen Beta-Amyloid enthält, die Konzentration bei Alzheimer-Patienten aber deutlich geringer ist. Ihr Ergebnis ist inzwischen von zwei amerikanischen Arbeitsgruppen bestätigt worden. "Es gibt bereits Antikörper-Präparationen aus Blut, die gegen bestimmte Erkrankungen des Nervensystems wie Multiple Sklerose eingesetzt werden, die so genannten Immunglobuline", erklärt Dr. Dodel. "Wir haben nun untersucht, ob diese Präparationen Antikörper gegen Beta-Amyloid enthalten und ob man mit ihnen auch die Alzheimer-Erkrankung bekämpfen kann." Tatsächlich fand seine Arbeitsgruppe in einem Immunglobulin-Medikament Antikörper, die hoch spezifisch gegen Beta-Amyloid wirken. In einer Pilotstudie mit fünf Alzheimer-Patienten untersuchten die Mediziner daraufhin den Effekt der Immunglobuline auf den Verlauf der Erkrankung. Dazu erhielten die Probanden in einer sechsmonatigen Studie alle vier Wochen eine intravenöse Immunglobulin-Injektion. Vor Beginn und nach Abschluss der Behandlung bestimmten die Forscher den Beta-Amyloid-Gehalt im Blut und im Liquor - das ist die Flüssigkeit, die Gehirn und Rückenmark umspült. "Durchschnittlich nahm die Beta-Amyloid-Konzentration im Liquor im Studienverlauf um gut 30 Prozent ab, während die Konzentration im Blut auf den 2,3fachen Wert stieg", so Dodel. "Die Immunglobuline scheinen daher zu bewirken, dass das Beta-Amyloid aus dem Gehirn ausgeschwemmt wird" - wie genau das funktioniert, ist noch unklar.

Begleitend führten die Mediziner verschiedene Tests durch, mit denen sich die Hirnleistung von Demenzkranken überprüfen lässt. Nach sechs Monaten schnitten im so genannten ADAS-cog-Test (Alzheimer’s Disease Assessment Scale, cognitive subscale) vier der fünf Patienten ein wenig besser ab als zuvor. Im MMSE- (Mini-Mental State Examination) Test verbesserten sich drei Probanden. "Noch bemerkenswerter ist, dass sich keine unserer Testpersonen verschlechterte", erklärt Dr. Dodel. "Unbehandelt schneiden Alzheimerkranke nach einem Jahr im ADAS-cog-Test durchschnittlich sieben bis elf Punkte schlechter ab, unter medikamentöser Behandlung immerhin noch um vier bis sechs Punkte. In unserer Studie verbesserten sie sich im Durchschnitt um 3,7 Punkte."

Doppelblindstudie zur Absicherung geplant

Allerdings sei die Stichprobe viel zu gering, um sichere Rückschlüsse auf die Effektivität der Immunglobulin-Behandlung ziehen zu können, zumal man die Substanz nicht gegen ein Placebo getestet habe. "Wir sprechen von einer reinen Pilotstudie", relativiert der Mediziner daher; "um die Ergebnisse abzusichern, müssen wir jetzt unbedingt eine Doppelblindstudie mit größeren Patientenzahlen durchführen."

Dr. Andreas Archut | idw
Weitere Informationen:
http://www.uni-bonn.de

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