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Beweidungsstrategien im südlichen Afrika

15.04.2004


Traditionelle Rinderhaltung der Ova Himba


Schafhirte auf Gamis-Farm


Leipziger und Heidelberger Wissenschaftler starten im April gemeinsame Nachwuchsforschergruppe „Ökologische Ökonomik“


Was verbindet die traditionelle Rinderhaltung der Ova Himba, einem halbnomadisch als Selbstversorger lebenden Volksstamm im Nordwesten Namibias, mit der Schafzucht eines Farmers südlich der namibischen Hauptstadt Windhoek, dessen Ziel die rein kommerzielle Vermarktung möglichst vieler Schaffelle ist? Es ist in erster Linie der Erfolg in der Bewirtschaftung der Weideflächen (ökonomisch und ökologisch), die an die Gegebenheiten halbtrockener (semi-arider) Gebiete hervorragend angepasst ist und dabei so unterschiedlich ist, wie die Menschen selbst, ihre Kultur, ihre wirtschaftlichen Ziele und Motivationen.

Für die 5 jungen Heidelberger und Leipziger Wissenschaftler sind das genau die “good practice" Beispiele, die sie brauchen, um in ihrer für 3 Jahre von der Volkswagen-Stiftung finanzierten gemeinsamen Nachwuchsgruppe daran mitzuarbeiten, die relativ neue Wissenschaftsdisziplin der “Ökologischen Ökonomik" konzeptionell und modelltheoretisch auf feste Füße zu stellen. Sie verfolgen dabei einen Ansatz, der Analysen auf verschiedenen Abstraktionsebenen ermöglicht – angefangen von konkreten Fallbeispielen über Computermodelle bis hin zu theoretischen Konzepten. Damit stellen sie sicher, dass ihre Forschungsergebnisse zum einen in der Realität verankert und zum anderen verallgemeinerbar sind. Beispielsweise wird untersucht, wie sich Maßnahmen zur ökonomischen Risikoabsicherung wie Kredit- und Versicherungsmöglichkeiten auf die Wahl der Beweidungsstrategie eines Farmers auswirken. Diese beeinflusst in der Folge ganz direkt den Zustand des entsprechenden Ökosystems.


Bei ihren Arbeiten kann die Forschergruppe auf ein umfangreiches empirisches und methodisches Wissen in den Einzeldisziplinen Ökonomik und Ökologie zurückgreifen. Hinzu kommt das Know how von assoziierten Projektpartnern, wie einem Sonderforschungsbereich der Uni Köln, der sich schon seit Jahren mit Savannenökologie und der Ethnologie der Ova Himba beschäftigt. Außerdem wird auf eine Verankerung der Arbeiten vor Ort sowie in den verschiedensten Wissenschaftler-Netzwerken geachtet. Die Fragen, welche die fünf jungen Wissenschaftler nun gemeinsam bearbeiten werden, drehen sich vor allem um die Kompatibilität und die Kombination dieser Bausteine.

Warum sind integrierte Modelle und Konzepte wichtig?

Die Beweidung in semi-ariden Gebieten ist durch eine enge Wechselwirkung von ökologischen Faktoren (Niederschlagsmenge und -schwankungen, Biomasse, langfristige Erhaltung der Bodenfunktionen) und ökonomischen Faktoren (Eigennutzung oder Vermarktung des Viehs, verschiedene Formen zur Risikoabsicherung) gekennzeichnet. So wie die Menschen ihre Entscheidungen für oder gegen eine bestimmte Form der Nutzung in einem komplexen ökologisch-ökonomischen Kontext treffen, so sind die Wissenschaftler davon überzeugt, nur dann sinnvolle und allgemeingültige Konzepte erstellen zu können, wenn sie es schaffen, in ihren neuen Modellansätzen die wissenschaftlichen Einzeldisziplinen zu verknüpfen. Dazu gehört auch, erst einmal ein Fundament aus klar definierten, einheitlichen Begriffen zu schaffen und integrierte Konzepte und Modelle zu entwickeln. Dies sind zum einen Konzepte, die das ganze Spektrum zeitlicher Struktur zwischen “Beständigkeit“ (u.a. Biomasse, Viehbestand, Kapital) und “Variabilität“ (Schwankungen des Niederschlages und des Einkommens der Farmers) aufspannen und zum anderen normative Konzepte wie “Lebensfähigkeit" und “Optimalität“.

Fallbeispiel: Beweidung in semi-ariden Gebieten

Semi-aride Gebiete bedecken zwei Drittel der Landoberfläche der Erde. Sie sind durch geringe Niederschläge und stark schwankende Niederschlagsmengen gekennzeichnet und reagieren dadurch um vieles empfindlicher auf äußere Eingriffe und Klimaänderungen als die Ökosysteme unserer Breiten. Die landwirtschaftliche Nutzung (wie Beweidung) dieser hochsensiblen halbtrockenen Systeme bildet die wirtschaftliche Lebensgrundlage für Millionen von Menschen in Afrika, Australien, Südasien und Lateinamerika. Dass falsche Nutzung, wie bspw. Übernutzung und nicht angepasste Beweidungsstrategien, ein Hauptfaktor dafür sein kann, das System zu einem irreversiblen Zusammenbruch zu bringen, zeigen zahllose Beispiele aus der Vergangenheit – allein auf dem afrikanischen Kontinent sind nahezu drei Viertel der semi-ariden Gebiete von einer dramatischen Verschlechterung der Bodenqualität oder Verwüstung betroffen und unzählige Menschen damit von Hunger bedroht.

Kommerzielle Schafzucht auf der Gamis-Farm

Die Gamis-Farm umfasst eine Fläche von 300 Quadratkilometern, auf denen in durchschnittlichen Regenjahren (<180 mm bei sehr starken Schwankungen) zirka 3.000 Karakulschafe gehalten werden. Aufgrund seiner langjährigen Erfahrungen wendet der Farmer ein ganzes Bündel von Beweidungsstrategien an, in deren Kern die Umtriebsweide steht. Dazu hat er sein Land in zirka 100 Einheiten (Kamps) zerlegt, die abwechselnd beweidet (zirka 2 Wochen) und danach einer längeren Schonung (zirka 2 Monate) zugeführt werden. Zusätzlich gönnt er - wenn genügend Niederschlag fällt - einem Drittel der Kamps eine mehrmonatige Ruhepause. Diese Taktik widerspricht zwar der Lehrmeinung und wird auch nur selten von anderen Farmern angewendet - war aber bislang sehr erfolgreich.

Weidenutzung durch die Ova Himba

Kaokoland, so heißt ein Gebiet im Nordwesten Namibias, das etwa 50.000 Quadratkilometern groß ist und in dem etwa 30.000 Menschen – unter anderem etwa 16.000 Ova Himba - leben. Es ist ein Volk von Rinderzüchtern, dessen Ziel ausschließlich die eigene Versorgung ist. Auf eine hervorragende Weise haben sie sich im Laufe ihrer Geschichte mit dem extremen Klima arrangiert (mittlerer Jahresniederschlag < 300 mm und sehr unregelmäßig). Durch ihre halbnomadische Lebensweise reagieren sie sehr flexibel auf sich ändernde Umweltbedingungen und damit Futterqualität – in regenreicher Zeit wird die ertragreiche Weide im Umkreis der Siedlungen genutzt, in regenarmer Zeit die weiter entfernten Weideflächen. Darüber hinaus ist bekannt, dass sie sich strenge Schutzbestimmungen zur Schonung der Weideflächen auferlegt haben und es zudem ein soziales System des Umgangs mit Risiko gibt (bspw. Darlehen in Form von Vieh unter Verwandten).

Dr. Stefan Baumgärtner | Umweltforschungszentrum
Weitere Informationen:
http://www.eco-eco.ufz.de

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