Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Topstandorte in Osteuropa

23.10.2003


Die bevorstehende EU-Erweiterung nahmen pressetext.austria und das Hamburger Manager Magazin zum Anlass, gemeinsam mit der Bank Austria Creditanstalt und Roland Berger Strategy Consultants eine brandaktuelle Studie im Rahmen eines Informationsabends im Wiener Grand Hotel zu präsentieren. (Pressetext berichtete: siehe pte-Meldungen 031022009 und 031022015) Tenor der durchaus kontroversen Experten-Diskussion: Der rasante Transformationsprozess der neuen EU-Länder habe sich für alle Beteiligten in West- und Osteuropa positiv entwickelt, Österreich und Deutschland hätten von den EU-Hilfen am meisten profitiert.



Für den Chefredakteur des manager magazins, Arno Balzer, war es eine "Selbstverständlichkeit", die Studie "Topstandorte in Osteuropa" der WHU Koblenz in Wien erstmals der Öffentlichkeit vorzustellen. Wien sei eine Weltmetropole und Ausgangspunkt aller Betrachtungen zum Thema Zentral- und Osteuropa. Manfred Reichl von Roland Berger verwahrte sich dagegen, Tschechien oder Ungarn als "osteuropäische Länder" zu bezeichnen. Die Leute in diesen Ländern fühlten sich als Mitteleuropäer. "Sie sprechen eine andere Sprache. Aber sie denken und handeln wie wir, und ihr Ausbildungsniveau ist dem unseren vergleichbar."

... mehr zu:
»BIP »Creditanstalt »Lohnniveau


Sehr positive Erfahrungen schilderte Heinrich Franke, Finanzchef der Audi Hungaria, einer 100 % Tochter der Ingolstädter Audi AG. Das Unternehmen in Györ unweit der österreichischen Grenze beschäftigt mittlerweile über 4.800 Mitarbeiter und betrachte sich als durch und durch "ungarisch". Nur 20 % des Managements seien Deutsche. Allerdings war für die Standortwahl seinerzeit ausschlaggebend, dass alle Leute in Györ deutsch sprechen und Deutsch als Konzernsprache durchsetzbar war. Natürlich war auch die Konzeption des Unternehmens als "Zollfreizone" wichtig. Für Audi werde sich daher durch den EU-Beitritt Ungarns nichts wesentlich ändern.

Während die Chefökonomin der Bank Austria Creditanstalt, Marianne Kager, das unglaubliche Tempo des Tranformationsprozesses in Zentral- und Osteuropa hervorhob und mit anderen Weltregionen verglich, warnte Reichl vor allzu großen Hoffnungen, dass das Lohnniveau und damit der Wohlstand in den neuen EU-Ländern rasch an Westniveau herankommt. Reichl glaubt, dass es 40 bis 50 Jahre dauern werde. Audi-Chef Franke sagte, seine Leute hätten ausgerechnet, dass es bei "normalen Bedingungen und moderaten Lohnerhöhungen" rund 35 Jahre dauern werde, bis die Leute in Györ dasselbe verdienten wie in Ingolstadt. Heute verdient ein Ingeneur in Ungarn ein Drittel seines Kollegen in Deutschland.

Einig war man sich in der Diskussion, dass die wesentlichen Faktoren für die Standortwahl politische Stabilität (Franke: "muss nicht demokratisch sein - siehe China") und das Lohnniveau seien. Reichl sagte dazu: Derzeit würden vor allem Südwestpolen und Ostslowakei für investitionen geprüft, weil dort auf Jahre hinaus keine gravierenden Lohnerhöhungen zu erwarten seien. Hinzu kommen als Standortfaktoren laut Franke Rechtssicherheit, Infrastruktur und Verkehrserschließung, die Qualifikation der Mitarbeiter und soziales Umfeld.

Die Chefökonomin der Bank Austria Creditanstalt, Mag. Marianne Kager, bestätigte die Studienergebnisse der WHU Koblenz weitgehend. Im Vorfeld des EU-Beitritts hätten sich die Länder Zentral- und Osteuropas zu einem der attraktivsten Zielgebiete für ausländisches Kapital entwickelt. "Ein Rechtsrahmen mit EU-Standard, ein vergleichweise niedriges Lohnniveau, hohe Produktivitätssteigerungen, geringe Inflation und das dynamische Wachstum sind wesentlichen Faktoren der hohen Anziehungskraft der Region", erklärte Kager.

Als Beispiel gab Kager an, dass allein in Tschechien und der Slowakei der Zufluss an ausländischen Direktinvestitionen zwischen 1996 und 2002 mit durchschnittlich 7,6 % bzw. 6 % des BIP pro Jahr über dem Vergleichswert von China lag, das von den internationalen Investoren als Hoffnungsmarkt gesehen wird. Zudem sei der Zustrom an Auslandskapital in den meisten Ländern Osteuropas in demselben Zeitraum höher gewesen als in den asiatischen und lateinamerikanischen Wachstumsmärkten. Die Herkunft des ausländischen Kapitals sei dabei in der Grundtendenz klar: "Westzentraleuropa investiert in Ostzentraleuropa."

Die EU-Beitrittsländer hätten ihre Hausaufgaben weitgehend erledigt und sind nun für die neuen Verhältnisse in der EU gut aufgestellt. "Wir erwarten ein weiteres Wirtschaftswachstum in den Region, das deutlich über jenem der derzeitigen EU-Mitglieder liegen wird. Für das Jahr 2004 denken wir sogar an eine leichte Beschleunigung von 3,4 % des BIP auf 3,9 %." Maßgeblich dazu beitragen werde die Erholung in Polen, dem größten Markt der Region. Mittelfristig rechnet Kager mit einer Verdoppelung des Wohlstandsniveau in der Region innerhalb von nur 10 Jahren auf durchschnittlich 12.000 Euro (BIP pro Kopf).

Der Geschäftsführer des Österreich-Büros der internationalen Strategieberatung Roland Berger, Dr. Manfred Reichl, relativierte allzu optimistische Erwartungen. Der rasche Strukturwandel im Osten sei bewundernswert und verdiene Anerkennung, er berge aber auch eine Reihe von Risiken. Zu schnell steigende Löhne gefährden die neu erworbene Standortattraktivität, das sehe man schon an Beispielen wie IBM und Flextronics, die ihre Produktionsstätten weiter in den Osten verlagerten. Die Anpassung der Löhne von topqualifizierten Leuten an Westniveau vergrößere zudem das schon bestehende Einkommensgefälle, was zu sozialen Spannungen führen werde. In Ungarn gäbe es dafür Beispiele.

Weitere Gefahren: Die Abwanderung von hochqualifizierten Leuten in den Westen oder zu internationalen Firmen werde sich auf das bisher gute Ausbildungswesen in den CEE-Staaten auswirken. "Es ist eben ein Unterschied, ob man als Mathematik-Lehrer 300 Euro verdient oder als Mitarbeiter in einer Forschungsabteilung 900", so Reichl. Nicht zuletzt fehlten gerade im mittleren Management ausgebildete Fachleute, warnte der Berater. Es sei eben nicht möglich, innerhalb einer halben Geration eine ausreichende Anzahl von Führungskräften auszubilden, die international wettbewerbsfähig sind.

Alle diese Faktoren haben mit Wettbewerbsfähigkeit zu tun, erläuterte Reichl und gab die Prognose: "Auf die Politik kommt ein ziemlicher Balanceakt zu." Er persönlich rechne mit einer Abschwächung des Wachstums. Es werde noch 40 bis 50 Jahre dauern, bis der Osten das durchschnittliche BIP-Niveau der westeuropäischen Länder erreichen werde. Mit einer Ausnahme, sagte Reichl: Slowenien.

Matthias Sturm | Roland Berger
Weitere Informationen:
http://www.rolandberger.com

Weitere Berichte zu: BIP Creditanstalt Lohnniveau

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Studien Analysen:

nachricht Weltweit erste Therapiemöglichkeit für Kinderdemenz CLN2 entwickelt
25.04.2018 | Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf

nachricht Tabakrauchen verkalkt Arterien stärker als reiner Cannabis-Konsum
11.04.2018 | Universität Bern

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Studien Analysen >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Starke IT-Sicherheit für das Auto der Zukunft – Forschungsverbund entwickelt neue Ansätze

Je mehr die Elektronik Autos lenkt, beschleunigt und bremst, desto wichtiger wird der Schutz vor Cyber-Angriffen. Deshalb erarbeiten 15 Partner aus Industrie und Wissenschaft in den kommenden drei Jahren neue Ansätze für die IT-Sicherheit im selbstfahrenden Auto. Das Verbundvorhaben unter dem Namen „Security For Connected, Autonomous Cars (SecForCARs) wird durch das Bundesministerium für Bildung und Forschung mit 7,2 Millionen Euro gefördert. Infineon leitet das Projekt.

Bereits heute bieten Fahrzeuge vielfältige Kommunikationsschnittstellen und immer mehr automatisierte Fahrfunktionen, wie beispielsweise Abstands- und...

Im Focus: Powerful IT security for the car of the future – research alliance develops new approaches

The more electronics steer, accelerate and brake cars, the more important it is to protect them against cyber-attacks. That is why 15 partners from industry and academia will work together over the next three years on new approaches to IT security in self-driving cars. The joint project goes by the name Security For Connected, Autonomous Cars (SecForCARs) and has funding of €7.2 million from the German Federal Ministry of Education and Research. Infineon is leading the project.

Vehicles already offer diverse communication interfaces and more and more automated functions, such as distance and lane-keeping assist systems. At the same...

Im Focus: Mit Hilfe molekularer Schalter lassen sich künftig neuartige Bauelemente entwickeln

Einem Forscherteam unter Führung von Physikern der Technischen Universität München (TUM) ist es gelungen, spezielle Moleküle mit einer angelegten Spannung zwischen zwei strukturell unterschiedlichen Zuständen hin und her zu schalten. Derartige Nano-Schalter könnten Basis für neuartige Bauelemente sein, die auf Silizium basierende Komponenten durch organische Moleküle ersetzen.

Die Entwicklung neuer elektronischer Technologien fordert eine ständige Verkleinerung funktioneller Komponenten. Physikern der TU München ist es im Rahmen...

Im Focus: Molecular switch will facilitate the development of pioneering electro-optical devices

A research team led by physicists at the Technical University of Munich (TUM) has developed molecular nanoswitches that can be toggled between two structurally different states using an applied voltage. They can serve as the basis for a pioneering class of devices that could replace silicon-based components with organic molecules.

The development of new electronic technologies drives the incessant reduction of functional component sizes. In the context of an international collaborative...

Im Focus: GRACE Follow-On erfolgreich gestartet: Das Satelliten-Tandem dokumentiert den globalen Wandel

Die Satellitenmission GRACE-FO ist gestartet. Am 22. Mai um 21.47 Uhr (MESZ) hoben die beiden Satelliten des GFZ und der NASA an Bord einer Falcon-9-Rakete von der Vandenberg Air Force Base (Kalifornien) ab und wurden in eine polare Umlaufbahn gebracht. Dort nehmen sie in den kommenden Monaten ihre endgültige Position ein. Die NASA meldete 30 Minuten später, dass der Kontakt zu den Satelliten in ihrem Zielorbit erfolgreich hergestellt wurde. GRACE Follow-On wird das Erdschwerefeld und dessen räumliche und zeitliche Variationen sehr genau vermessen. Sie ermöglicht damit präzise Aussagen zum globalen Wandel, insbesondere zu Änderungen im Wasserhaushalt, etwa dem Verlust von Eismassen.

Potsdam, 22. Mai 2018: Die deutsch-amerikanische Satellitenmission GRACE-FO (Gravity Recovery And Climate Experiment Follow On) ist erfolgreich gestartet. Am...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

VideoLinks
Industrie & Wirtschaft
Veranstaltungen

Im Fokus: Klimaangepasste Pflanzen

25.05.2018 | Veranstaltungen

Größter Astronomie-Kongress kommt nach Wien

24.05.2018 | Veranstaltungen

22. Business Forum Qualität: Vom Smart Device bis zum Digital Twin

22.05.2018 | Veranstaltungen

VideoLinks
Wissenschaft & Forschung
Weitere VideoLinks im Überblick >>>
 
Aktuelle Beiträge

Berufsausbildung mit Zukunft

25.05.2018 | Unternehmensmeldung

Untersuchung der Zellmembran: Forscher entwickeln Stoff, der wichtigen Membranbestandteil nachahmt

25.05.2018 | Interdisziplinäre Forschung

Starke IT-Sicherheit für das Auto der Zukunft – Forschungsverbund entwickelt neue Ansätze

25.05.2018 | Informationstechnologie

Weitere B2B-VideoLinks
IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics