Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

RUB-Philosophen veröffentlichen neue Theorie der Emotionen

10.03.2008
Der Ursprung allen Ärgers - und aller Freude
Wie aus Unbehagen erst Angst und dann Eifersucht wird

Dass Riesenärger oder jubelnde Freude ausschließlich den Gedanken entspringt, ist eine überholte Theorie. Genauso wenig funktionieren alle Emotionen ganz ohne das Denken - noch eine überholte Theorie. Wie aber entstehen dann Emotionen?

Ein neues Modell dazu haben Prof. Dr. Albert Newen und seine Mitarbeiterin Alexandra Zinck entwickelt (Philosophie des Geistes, Institut für Philosophie der RUB). Es nutzt entwicklungspsychologische Erkenntnisse und klassifiziert alle menschlichen Emotionen nach ansteigender Komplexität in vier Entwicklungsstufen: in Prä-Emotionen, Basisemotionen sowie primäre und sekundäre kognitive Emotionen.

Auf diesem Wege entsteht zum Beispiel aus einem vagen Wohlbefinden erst Freude, dann Zufriedenheit und schließlich Stolz. Dieses Modell der Emotionen haben die Bochumer Philosophen jetzt in "Synthese" veröffentlicht, einer der weltweit wichtigsten philosophischen Fachzeitschriften.

Am Anfang stehen Unbehagen oder Wohlbefinden

Die erste Stufe der Emotionen, die sog. Prä-Emotionen, drücken spontan nur Wohlbefinden oder Unbehagen aus. Zwar sind bei diesen unfokussierten Vorformen schon alle Aspekte von Emotionen vorhanden: die physische Erregung, eine schnelle Bewertung der Situation, der physiognomische Ausdruck, das dazugehörige Gefühl. Aber Prä-Emotionen bleiben unspezifisch und sind nicht mit einer Handlungsabsicht verbunden. Eine Situation wird nur positiv oder negativ bewertet, ohne dass sie näher gedanklich analysiert wäre.

In allen Kulturen gleich: Angst, Freude, Ärger, Trauer

Die Prä-Emotionen differenzieren sich auf der nächsten Stufe dann in eine der vier Basisemotionen: Freude im positiven Fall, Trauer, Angst oder Ärger im negativen. "Diese Emotionen sind entwicklungspsychologisch betrachtet universelle Basisemotionen", erklärt Prof. Newen. "Der Gesichtsausdruck verrät sie, und zwar unabhängig vom kulturellen Umfeld." Die basalen Emotionen sind grundlegende Affektprogramme, die unabhängig von der bewussten Reizverarbeitung und auch unabhängig von langsameren kognitiven Prozessen wie Gedanken ablaufen. Sie fokussieren unmittelbar die Aufmerksamkeit und rufen eine schnelle Reaktion hervor: Wir haben Angst noch bevor wir z.B. wissen, ob ein Objekt eine Schlange oder ein Stock ist. Das ermöglicht es uns, unverzögert auf etwas zu reagieren, das wir als "gefährlich" vermuten und das bei uns ein Fluchtverhalten auslöst. Die langsamere, bewusste Verarbeitung eines Reizes läuft parallel über die Großhirnrinde, den sog. Neokortex, ab. Wir sehen bewusst die Schlange oder den Stock - und werden durch diesen Eindruck bestätigt oder entwarnt. Trotzdem sind wir dann schon zur Seite gesprungen. Aus den Basisemotionen entstehen im Zuge der bewussten Verarbeitung des Reizes Verhaltensreaktionen: Gefahr erzeugt Angst und entsprechendes Fluchtverhalten; aus der Erfahrung von Trennung und Verlust entsteht Traurigkeit; Frustrationen und Hindernisse verursachen Ärger; schließlich entsteht mit der Erfahrung des Erfolges eigener Mühe sowie sozialer Akzeptanz das Gefühl von Freude.

Zufriedenheit - erst mit Gedanken zu erreichen

Zur körperlichen Reaktion kommt in der nächsten Entwicklungsstufe, bei den primären kognitiven Emotionen, nun der Inhalt von Gedanken hinzu. "Wenn wir beim Beispiel der Angst bleiben, so wird die basale Emotion Angst allein dadurch erzeugt, dass es eine unbewusste Bewertung einer Situation als gefährlich gibt. Die primäre kognitive Emotion dagegen schließt die bewusste Überzeugung ein, dass die Situation gefährlich ist. Dann sprechen wir von Bedrohung", erläutert Prof. Newen. Mit der bewussten Überzeugung wird eine feinkörnigere Bewertung der Situation vorgenommen. Im Fall der Freude wäre die primäre kognitive Emotion die Zufriedenheit, wenn jemand feststellt, dass alles gemäß seinen Erwartungen verläuft und zudem noch die Sonne scheint.

Soziale Minitheorie ermöglicht Stolz und Scham

Bei den sich daran anschließenden sekundären kognitiven Emotionen ist nicht nur eine Überzeugung, sondern gleich eine Minitheorie über soziale Beziehungen mit im Spiel. "So kann zur Dimension der Angst als sekundäre kognitive Emotion die Eifersucht hinzukommen - als die Angst, den Partner zu verlieren", so Prof. Newen. Hier wirkt eine Minitheorie über soziale Erwartungen und Normen, zu der ein Selbstkonzept, Meinungen über soziale Relationen zu bestimmten Individuen und allgemeine soziale Normen, sowie Erwartungen und Hoffnungen in Bezug auf die Zukunft gehören. Daher sind diese komplexen Emotionen besonders abhängig von kultureller Einbettung und persönlicher Erfahrung. Deshalb unterscheiden sie sich auch sehr stark, sowohl zwischen Individuen als auch zwischen Kulturen. Scham und Stolz zum Beispiel unterscheiden sich sowohl was die Anlässe, als auch was das Verhalten oder die Bewertung dieser Emotion selbst angehen, stark zwischen westlichen und asiatischen Kulturen.

Titelaufnahme

Alexandra Zinck, Albert Newen: Classifying Emotions: A Development Account. In Synthese vol. 161, no. 1, 2008, 1-25.

Weitere Informationen

Prof. Dr. Albert Newen, Alexandra Zinck, Fakultät für Philosophie der Ruhr-Universität Bochum, 44780 Bochum, Tel. 0234/32-22139 bzw.-24724, E-Mail: Albert.Newen@rub.de, Alexandra.Zinck@rub.de

Dr. Josef König | idw
Weitere Informationen:
http://www.ruhr-uni-bochum.de/

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Studien Analysen:

nachricht Diabetesmedikament könnte die Heilung von Knochenbrüchen verbessern
17.03.2017 | Deutsches Institut für Ernährungsforschung Potsdam-Rehbrücke

nachricht Soziale Phobie: Hinweise auf genetische Ursache
10.03.2017 | Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Studien Analysen >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Wegweisende Erkenntnisse für die Biomedizin: NAD⁺ hilft bei Reparatur geschädigter Erbinformationen

Eine internationale Forschergruppe mit dem Bayreuther Biochemiker Prof. Dr. Clemens Steegborn präsentiert in 'Science' neue, für die Biomedizin wegweisende Forschungsergebnisse zur Rolle des Moleküls NAD⁺ bei der Korrektur von Schäden am Erbgut.

Die Zellen von Menschen und Tieren können Schäden an der DNA, dem Träger der Erbinformation, bis zu einem gewissen Umfang selbst reparieren. Diese Fähigkeit...

Im Focus: Designer-Proteine falten DNA

Florian Praetorius und Prof. Hendrik Dietz von der Technischen Universität München (TUM) haben eine neue Methode entwickelt, mit deren Hilfe sie definierte Hybrid-Strukturen aus DNA und Proteinen aufbauen können. Die Methode eröffnet Möglichkeiten für die zellbiologische Grundlagenforschung und für die Anwendung in Medizin und Biotechnologie.

Desoxyribonukleinsäure – besser bekannt unter der englischen Abkürzung DNA – ist die Trägerin unserer Erbinformation. Für Prof. Hendrik Dietz und Florian...

Im Focus: Fliegende Intensivstationen: Ultraschallgeräte in Rettungshubschraubern können Leben retten

Etwa 21 Millionen Menschen treffen jährlich in deutschen Notaufnahmen ein. Im Kampf zwischen Leben und Tod zählt für diese Patienten jede Minute. Wenn sie schon kurz nach dem Unfall zielgerichtet behandelt werden können, verbessern sich ihre Überlebenschancen erheblich. Damit Notfallmediziner in solchen Fällen schnell die richtige Diagnose stellen können, kommen in den Rettungshubschraubern der DRF Luftrettung und zunehmend auch in Notarzteinsatzfahrzeugen mobile Ultraschallgeräte zum Einsatz. Experten der Deutschen Gesellschaft für Ultraschall in der Medizin e.V. (DEGUM) schulen die Notärzte und Rettungsassistenten.

Mit mobilen Ultraschallgeräten können Notärzte beispielsweise innere Blutungen direkt am Unfallort identifizieren und sie bei Bedarf auch für Untersuchungen im...

Im Focus: Gigantische Magnetfelder im Universum

Astronomen aus Bonn und Tautenburg in Thüringen beobachteten mit dem 100-m-Radioteleskop Effelsberg Galaxienhaufen, das sind Ansammlungen von Sternsystemen, heißem Gas und geladenen Teilchen. An den Rändern dieser Galaxienhaufen fanden sie außergewöhnlich geordnete Magnetfelder, die sich über viele Millionen Lichtjahre erstrecken. Sie stellen die größten bekannten Magnetfelder im Universum dar.

Die Ergebnisse werden am 22. März in der Fachzeitschrift „Astronomy & Astrophysics“ veröffentlicht.

Galaxienhaufen sind die größten gravitativ gebundenen Strukturen im Universum, mit einer Ausdehnung von etwa zehn Millionen Lichtjahren. Im Vergleich dazu ist...

Im Focus: Giant Magnetic Fields in the Universe

Astronomers from Bonn and Tautenburg in Thuringia (Germany) used the 100-m radio telescope at Effelsberg to observe several galaxy clusters. At the edges of these large accumulations of dark matter, stellar systems (galaxies), hot gas, and charged particles, they found magnetic fields that are exceptionally ordered over distances of many million light years. This makes them the most extended magnetic fields in the universe known so far.

The results will be published on March 22 in the journal „Astronomy & Astrophysics“.

Galaxy clusters are the largest gravitationally bound structures in the universe. With a typical extent of about 10 million light years, i.e. 100 times the...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Rund 500 Fachleute aus Wissenschaft und Wirtschaft diskutierten über technologische Zukunftsthemen

24.03.2017 | Veranstaltungen

Lebenswichtige Lebensmittelchemie

23.03.2017 | Veranstaltungen

Die „Panama Papers“ aus Programmierersicht

22.03.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Rund 500 Fachleute aus Wissenschaft und Wirtschaft diskutierten über technologische Zukunftsthemen

24.03.2017 | Veranstaltungsnachrichten

Förderung des Instituts für Lasertechnik und Messtechnik in Ulm mit rund 1,63 Millionen Euro

24.03.2017 | Förderungen Preise

TU-Bauingenieure koordinieren EU-Projekt zu Recycling-Beton von über sieben Millionen Euro

24.03.2017 | Förderungen Preise