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Auf die Art des Ehrenamts kommt es an

01.12.2011
Fast die Hälfte der 14- bis 15-Jährigen in Deutschland waren oder sind in ihrer Freizeit ehrenamtlich aktiv. Doch die Art des Engagements macht den Unterschied, wie eine Studie der Uni Würzburg zeigt.

Nicht jeder Jugendliche hat das Gefühl, einen wichtigen Beitrag für die Gesellschaft zu leisten.

Manche Jugendliche organisieren Workshops zur politischen Bildung oder suchen Sponsoren für Hilfsprojekte zu Weihnachten. Andere betreuen Jugendgruppen bei den Pfadfindern oder helfen älteren Menschen beim Einkaufen. Die Bandbreite ehrenamtlichen Engagements von Jugendlichen in Deutschland ist groß. Knapp 45 Prozent der 14- bis 15-Jährigen waren oder sind in ihrer Freizeit ehrenamtlich aktiv, wie eine bundesweite Studie zur gemeinnützigen Tätigkeit Heranwachsender des Lehrstuhls Empirische Bildungsforschung der Universität Würzburg belegt. Ein Ergebnis, das selbst den Projektleiter, Professor Heinz Reinders, überrascht hat.

Noch mehr überrascht die Bildungsforscher allerdings ein zweites Ergebnis ihrer Untersuchungen: Demnach beeinflusst die Zusammenarbeit mit bedürftigen und benachteiligten Personen das Weltbild Jugendlicher stärker als andere Formen des Engagements. So hilft etwa ein Drittel aller engagierten Jugendlichen in der Freizeit sozial benachteiligten Menschen wie Senioren, Migranten oder Menschen mit Behinderungen. „Im Vergleich zu Gleichaltrigen, die in ihrem Engagement keinen Umgang mit Hilfsbedürftigen haben, berichten diese Jugendlichen häufiger, dass sie einen wichtigen gesellschaftlichen Beitrag leisten“, sagt Reinders. Immerhin 47 Prozent stimmten dieser Aussage voll zu. Bei der Vergleichsgruppe seien es nur 33 Prozent.

Menschen direkt zu helfen stärkt das Selbstbewusstsein

Auch führe der direkte Umgang mit hilfsbedürftigen Personen stärker zu dem Gefühl, Menschen in Not helfen zu können. Gut zwei Drittel der befragten Mädchen und Jungen teilen diese Einschätzung, wenn sie beim Ehrenamt persönlichen Kontakt haben. Diese Jugendlichen erleben sich als aktiv Handelnde, die einen wichtigen Beitrag zum Gelingen des Projektes leisten. Bei den Engagierten ohne direkten Umgang mit Hilfsbedürftigen stellt sich dieses Gefühl nur bei etwa einem Drittel der Befragten ein.

Häufige Gespräche und Hilfe für sozial Schwächere erweitern zudem den Erfahrungshorizont der Jugendlichen. Ebenfalls etwa zwei Drittel sagen, dass sie durch ihre gemeinnützige Tätigkeit neue Dinge erlebt und kennengelernt haben. Besteht ein solcher persönlicher Umgang mit Hilfsbedürftigen nicht, sinkt der Anteil auf knapp 50 Prozent.

„Vor diesem Hintergrund verwundert es nicht, dass Jugendliche, die persönlichen Kontakt zu Hilfsbedürftigen haben, mehr Zeit für ihr Engagement aufwenden“, so Reinders. Zwischen zwölf und 15 Stunden im Monat sind sie im Durchschnitt im Einsatz. Bei den übrigen engagierten Jugendlichen sind es hingegen meist zwischen acht und elf Stunden.

Die Welt mit anderen Augen sehen

„Wir sehen an den Ergebnissen ganz deutlich, dass nicht jede Form von ehrenamtlichen Engagement die gleichen positiven Auswirkungen auf die Entwicklung von Jugendlichen hat“, erläutert die Psychologin Gabriela Christoph die Befunde. Sie ist wissenschaftliche Mitarbeiterin im Projekt. Was sie bei der Auswertung der Daten besonders erstaunt: Zwischen Jugendlichen, die sich unter dem Dach einer gemeinnützigen Organisation ehrenamtlich engagieren, und solchen, die das außerhalb eines solchen Rahmens tun, zeigt sich dieser Unterschied nicht. Die Forscher führen dieses Ergebnis darauf zurück, dass eher die Art der Tätigkeit entscheidend ist und nicht, ob Jugendliche für eine Organisation tätig sind.

„Die Welt mit den Augen von Bedürftigen zu sehen“, nennt das Reinders. „Wer als Jugendlicher sieht, wie schwierig der Alltag für alte Menschen ist oder welche Barrieren sich Rollstuhlfahrern in den Weg stellen, der denkt schon mal darüber nach, was soziale Gerechtigkeit bedeutet.“ Solche intensiven Erfahrungen seien eben nicht daran gebunden, ob eine Organisation dahinter stecke, sondern daran, welche neuen Lebenswelten Jugendliche durch ihr Engagement kennen lernen.

In Organisationen sind vor allem Jungen tätig

Immerhin zeigt die Studie, dass die Bindung an eine Organisation wichtig für ein langfristiges Engagement ist. So sind Jugendliche, die in einer Organisation wie Kirche, Jugendfeuerwehr oder Sportverein aktiv sind, in der Regel bereits seit zwei bis drei Jahren engagiert. Jugendliche mit ehrenamtlichen Tätigkeiten außerhalb einer Organisation können auf ein zumeist nur zweijähriges Engagement zurückblicken. Ein Klischee konnte die Studie übrigens bestätigen: Vor allem Jungen engagieren sich in Organisationen, während Mädchen eher den direkten Umgang mit Menschen suchen.

Der Rat für gemeinnützige Organisationen

Die Bildungsforscher schließen daraus, dass es weniger darauf ankomme, ob Jugendliche sich eigeninitiativ betätigen oder Mithelfende in einer Organisation sind. „Jugendliche erleben ihr Engagement vor allem dann als sinnstiftend, wenn sie Menschen unmittelbar helfen können“, kommentiert Reinders die Befunde. Dies vermittele ihnen das wichtige Gefühl, sich aktiv zum Wohle anderer einsetzen und etwas durch ihr Handeln verändern zu können. Diese positiven Erfahrungen motivieren Jugendliche dann wiederum auch in Zukunft ehrenamtlich aktiv zu sein, vermuten die Autoren der Studie. Daher sei es besonders wichtig für karitative Institutionen, Jugendlichen wichtige Erfahrungen des aktiven Helfens zu ermöglichen.

Die Studie

2.408 Jugendliche im Alter zwischen 14 und 15 Jahren haben die Bildungsforscher im Zeitraum von Oktober 2010 bis Januar 2011 für ihre Studie befragt. 84,6 Prozent von ihnen sind deutscher Herkunft. Die Stichprobe umfasst jeweils zur Hälfte Mädchen (46,9 Prozent) und Jungen (53,1 Prozent). Die Befragten sind Schüler an Gymnasien (48,1 Prozent), Realschulen (26,3 Prozent) sowie Hauptschulen (20,4 Prozent). Die meisten Jugendlichen besuchten zum Befragungszeitpunkt die 8. bis 10. Klasse (96 Prozent).

Kontakt
Prof. Dr. Heinz Reinders, T: (0931) 31-85563,
E-Mail: heinz.reinders@uni-wuerzburg.de

Gunnar Bartsch | idw
Weitere Informationen:
http://www.uni-wuerzburg.de

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