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Wilde Enten oder offener Sternhaufen?

01.10.2014

Mit dem Wide Field Imager am MPG/ESO 2,2-Meter-Teleskop am La Silla-Observatorium in Chile wurde dieses atemberaubende Bild aufgenommen, das mit blauen Sternen gesprenkelt ist. Es handelt sich um einen der sternreichsten derzeit bekannten offenen Sternhaufen – Messier 11, der auch als NGC 6705 oder Wildentenhaufen bekannt ist.

Messier 11 gehört zur Klasse der offenen Sternhaufen, die manchmal auch als galaktische Sternhaufen bezeichnet werden, und befindet sich etwa 6000 Lichtjahre von uns im Sternbild Scutum (der Schild) entfernt. Er wurde vom deutschen Astronomen Gottfried Kirch im Jahr 1681 auf der Berliner Sternwarte entdeckt, wobei er bloß als diffuser Fleck durch das Teleskop erschien. Erst im Jahr 1733 wurde dieser Fleck von dem Pfarrer William Derham in England in seine einzelnen Sterne aufgelöst und von Charles Messier im Jahr 1764 in seinen berühmten Katalog aufgenommen.


Der Wildentenhaufen.

Bild: ESO

Messier war ein Kometenjäger und der Katalog entstand aus Frust über die ständig beobachteten fixen, diffusen Objekte, die wie Kometen aussahen (also zum Beispiel Objekte, die wir heutzutage als Sternhaufen, Galaxien und Nebel kennen). Er wollte diese Auflistung anfertigen, um versehentliche erneute Beobachtungen dieser Objekte zu vermeiden und um sie nicht mit möglichen neuen Kometen zu verwechseln. Dieser spezielle Sternhaufen wurde als das elfte solcher Objekte in den Katalog aufgenommen – daher der Name Messier 11.

Offene Sternhaufen befinden sich typischerweise in den Armen von Spiralgalaxien oder in dichteren Regionen irregulärer Galaxien, wo noch häufig neue Sterne entstehen. Messier 11 ist einer der sternreichsten und kompaktesten offenen Sternhaufen mit einem Durchmesser von fast 20 Lichtjahren und Heimat von annähernd 3000 Sternen. Offene Sternhaufen sind nicht gleichzusetzen mit Kugelsternhaufen, die im Vergleich sehr dicht und durch Gravitationskräfte stark gebunden sind. Außerdem enthalten sie hunderttausende sehr alter Sterne, von denen manche fast so alt wie das Universum selbst sind.

Die Erforschung offener Sternhaufen ist ein ausgezeichneter Weg, um Theorien der Sternentwicklung zu testen, da die Sterne aus der selben anfänglichen Wolke aus Gas und Staub entstehen und sich daher sehr ähneln. Sie sind alle ungefähr gleich alt, besitzen die gleiche chemische Zusammensetzung und befinden sich in der gleichen Entfernung zur Erde. Allerdings besitzt jeder Stern des Sternhaufens eine andere Masse, wobei die massereicheren Sterne sich sehr viel schneller entwickeln als ihre leichteren Gegenstücke, da sie ihren Wasserstoff viel früher verbrauchen.

Auf diese Weise können direkte Vergleiche zwischen den verschiedenen Entwicklungsstadien innerhalb des gleichen Sternhaufens angestellt werden: Zum Beispiel entwickelt sich ein 10 Millionen Jahre alter Stern mit der Masse der Sonne auf eine andere Weise als ein anderer Stern des gleichen Alters, aber mit der halben Masse? In diesem Sinn sind offene Sternhaufen das, was für Astronomen "Laborbedingungen" am Nächsten kommt.

Weil die Sterne in einem offenen Sternhaufen nur sehr schwach aneinander gebunden sind, sind einzelne Sterne sehr anfällig dafür, durch die gravitativen Effekte benachbarter Himmelsobjekte aus der Hauptgruppe geschleudert zu werden. NGC 6705 ist bereits mindestens 250 Millionen Jahre alt. Deshalb ist es wahrscheinlich, dass sich in einigen weiteren Millionen Jahren diese Wildentenformation auflösen wird und somit der Sternhaufen auseinander bricht und anschließend in seiner Umgebung aufgeht [1].

Dieses Bild wurde mit dem Wide Field Imager am MPG/ESO 2,2-Meter-Teleskop am La Silla-Observatorium der ESO im Norden Chiles aufgenommen.

Endnoten

[1] Der alternative und aussagekräftige Name für NGC 6705, der Wildentenhaufen, stammt aus dem 19. Jahrhundert. Als der Sternhaufen durch ein kleines Teleskop beobachtet wurde, bemerkte man, dass die hellsten Sterne das Muster eines offenen Dreiecks am Himmel bildeten, welches der Flugformation von Enten ähnelte.

Weitere Informationen

Die Europäische Südsternwarte ESO (European Southern Observatory) ist die führende europäische Organisation für astronomische Forschung und das wissenschaftlich produktivste Observatorium der Welt. Getragen wird die Organisation durch ihre 15 Mitgliedsländer: Belgien, Brasilien, Dänemark, Deutschland, Finnland, Frankreich, Großbritannien, Italien, die Niederlande, Österreich, Portugal, Spanien, Schweden, die Schweiz und die Tschechische Republik. Die ESO ermöglicht astronomische Spitzenforschung, indem sie leistungsfähige bodengebundene Teleskope entwirft, konstruiert und betreibt. Auch bei der Förderung internationaler Zusammenarbeit auf dem Gebiet der Astronomie spielt die Organisation eine maßgebliche Rolle. Die ESO betreibt drei weltweit einzigartige Beobachtungsstandorte in Nordchile: La Silla, Paranal und Chajnantor. Auf dem Paranal betreibt die ESO mit dem Very Large Telescope (VLT) das weltweit leistungsfähigste Observatorium für Beobachtungen im Bereich des sichtbaren Lichts und zwei Teleskope für Himmelsdurchmusterungen: VISTA, das größte Durchmusterungsteleskop der Welt, arbeitet im Infraroten, während das VLT Survey Telescope (VST) für Himmelsdurchmusterungen ausschließlich im sichtbaren Licht konzipiert ist. Die ESO ist der europäische Partner bei den neuartigen Verbundteleskop ALMA, dem größten astronomischen Projekt überhaupt. Derzeit entwickelt die ESO ein Großteleskop mit 39 Metern Durchmesser für Beobachtungen im Bereich des sichtbaren und Infrarotlichts, das einmal das größte optische Teleskop der Welt werden wird: das European Extremely Large Telescope (E-ELT).

Die Übersetzungen von englischsprachigen ESO-Pressemitteilungen sind ein Service des ESO Science Outreach Network (ESON), eines internationalen Netzwerks für astronomische Öffentlichkeitsarbeit, in dem Wissenschaftler und Wissenschaftskommunikatoren aus allen ESO-Mitgliedsländern (und einigen weiteren Staaten) vertreten sind. Deutscher Knoten des Netzwerks ist das Haus der Astronomie in Heidelberg.

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