Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Ein neuer Blick in das Heiße und Energetische Universum

29.11.2013
ESA wählt Wissenschaftsthema für nächste Großmission

Bei seiner heutigen Sitzung in Paris entschied sich das wissenschaftliche Programmkommittee SPC der Europäischen Weltraumorganisation (ESA) für das „Heiße und Energetische Universum“ als Thema ihrer nächsten Großmission, die voraussichtlich 2028 gestartet wird.


Das zukünftige Athena Röntgenobservatorium könnte die entscheidenden Antworten liefern auf die Fragen: Wie bildeten sich die großräumigen Strukturen aus gewöhnlicher Materie, die wir heute sehen? Wie wachsen Schwarze Löcher und wir beeinflussen sie das Universum?

© Athena collaboration

Das Thema wurde von einer internationalen Kollaboration vorgeschlagen, die von Prof. Kirpal Nandra, Direktor am Max-Planck-Institut für extraterrestrische Physik (MPE) geleitet wird. Nach der überzeugenden Argumentation für dieses spannende Thema wird das gleiche Team nun ein innovatives Missionskonzept vorlegen, um damit einige der dringendsten Fragen der modernen Astrophysik zu beantworten.

Mit dem „Advanced Telescope for High-Energy Astrophysics” (Athena) hätten die Astrophysiker die nötige räumliche und spektrale Auflösung sowie genügend Nachweisempfindlichkeit und Himmelsabdeckung zur Verfügung, um viel besser verstehen zu können, warum das beobachtete Universum genauso aussieht wie wir es beobachten.

Wie bildeten sich die großräumigen Strukturen aus gewöhnlicher Materie, die wir heute sehen? Wie sind Schwarze Löcher gewachsen und wie prägten sie das Universum? Diese Fragen gehören zu den wichtigsten offenen Problemstellungen der modernen Astrophysik, und die nächste große ESA-Mission könnte die nötigen Antworten liefern.

"Wir freuen uns sehr, dass die ESA das „Heiße und Energetische Universum“ als eines seiner Hauptziele ausgewählt hat", sagt Nandra, der Sprecher des Wissenschaftsthemas und Leiter der Athena Kollaboration, die diesen Vorschlag in einem White Paper vorbereitet hatte. "Wir haben ein hervorragendes Team an Astrophysikern, deren Argumente für dieses spannende Thema eindeutig überzeugt haben. Unsere Arbeit ist damit aber noch längst nicht getan: jetzt müssen wir daran arbeiten, ein Röntgenteleskop zu definieren, das uns die gewünschten Antworten liefern kann."

Gewöhnliche Materie liegt im Universum größtenteils als heißes Gas vor. Dieses ist zum Beispiel für die Galaxienhaufen verantwortlich, die größten zusammenhängenden Strukturen, die wir heute kennen. Bei Temperaturen von mehr als zehn Million Grad emittiert das Gas besonders hell im Röntgenbereich. Deshalb ist ein Röntgenobservatorium im Weltraum mit hoher Empfindlichkeit, guter spektraler Auflösung und einem großen Sichtfeld der Schlüssel dazu, die Entstehung und Entwicklung dieser Strukturen zu verstehen. Athena wurde zu genau diesem Zweck konzipiert. Mit einem derartigen Teleskop könnten Astronomen spektroskopische Beobachtungen von weit entfernten Galaxien erhalten und die physikalischen Parameter der größten gebundenen Objekte vermessen.

Diese Informationen würden unser Verständnis davon, wie sich die Strukturen aus heißem Gas in der Kinderstube des Universums bildeten, einen großen Schritt voran bringen. Messungen der Geschwindigkeiten, der Thermodynamik und der chemischen Zusammensetzung des heißen Gases sowie die Veränderung dieser Parameter auf kosmischen Zeitskalen würde den Wissenschaftlern auch ganz neue Einblicke in komplexe astrophysikalische Prozesse erlauben, wie Turbulenzen oder nicht-gravitative Heizung. Derartige Vorgänge sind von entscheidender Bedeutung, wenn die Wissenschaftler verstehen wollen, wie sich Strukturen aus gewöhnlicher Materie bilden und entwickeln.

Mit einem Röntgenteleskop wie Athena könnten die Astronomen sogar noch weiter in die Geschichte des Universums zurück blicken, um dort die energiereichsten Vorgänge zu untersuchen und die ersten supermassereichen Schwarzen Löcher zu entdecken. Diese stammen aus einer Zeit, als sich die ersten Galaxien bildeten, weniger als eine Milliarde Jahre nach dem Urknall. Aufgrund der extrem hohen Temperaturen und der riesigen Energiemengen, die Materie abgibt, wenn sie in ein Schwarzes Loch fällt, ist Röntgenstrahlung die verlässlichste und vollständigste Methode, um diese akkretierenden Monster zu untersuchen.

Bemerkenswerterweise scheinen Prozesse aus der unmittelbaren Nähe des Schwarzen Lochs in der Lage zu sein, ganze Galaxien und Galaxienhaufen auf Milliarden-mal größeren Längenskalen zu beeinflussen. Diese "kosmische Rückkoppelung" ist daher ein wesentlicher - aber bisher unzureichend verstandener - Bestandteil von Modellen zur Galaxienentwicklung.

Das Wachstum von supermassereichen Schwarzen Löchern über kosmische Zeitskalen hinweg nachzuverfolgen, insbesondere in der frühesten Epoche der Galaxienbildung (bei z=6-10), ist mit heutigen Instrumenten und Teleskopen unmöglich. "Aber inzwischen haben wir die Technologien für die Röntgenoptik genügend weiterentwickelt, um nicht nur einen kleinen Schritt sondern einen großen Sprung in Bezug auf Lichtsammelfläche und Winkelauflösung für großflächigen Röntgenbilder zu machen", sagt Nandra.

"Am MPE haben wir in den letzten Jahren unsere Röntgendetektoren kontinuierlich für genau diese Einsatzmöglichkeit entwickelt. Jetzt haben wir die Chance, damit das Universum mit ausgezeichneter Empfindlichkeit und über einen beispiellos großen Himmelsbereich hinweg abzutasten. Die frühesten supermassereichen Schwarzen Löcher sind jetzt in unserer Reichweite."

Nachdem das Wissenschaftsthema von der ESA jetzt festgelegt wurde, folgt als nächster Schritt die Suche nach einem Röntgenobservatorium, das diese wissenschaftlichen Ziele erreichen kann. Da das Team von Athena dieses Themas vorgeschlagen hatte und auch die erforderlichen Technologien bereits vorweisen kann, sind die Wissenschaftler zuversichtlich, dass ihre Mission das Rennen machen wird. Sobald ein Missionskonzept ausgewählt wird, sollte die Technologieentwicklung in einem Zeitraum von 3-4 Jahren konsolidiert werden. Anschließend dürfte es weitere 10 Jahre dauern, um das Observatorium fertig zu stellen. Ab 2028 könnte Athena dann das heiße und energetische Universum mit bisher unerreichter Genauigkeit durchleuchten und eine Antwort auf die grundlegende Frage finden, warum unser Universum so aussieht, wie wir es heute beobachten.

Nach der Auswahl des "Heißen und Energetischen Universum" für die nächste Großmission, beschloss die ESA das „gravitative Universum" als Thema bei der darauffolgenden Großmission zu verfolgen. Als bester Kandidat gilt dafür das Gravitationswellenobservatorium eLISA („evolved Laser Interferometer Space Antenna.

Weitere Informationen
Zu den Autoren, die überzeugende Argumente für das „Heiße und Energetische Universum“ lieferten, zählen 140 Wissenschaftler aus über 20 Ländern weltweit. Zu den wichtigsten beteiligten Instituten in Deutschland gehören das MPE, die Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn, die Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg und die Eberhard Karls Universität Tübingen.
Kontakt
Kirpal Nandra
Max Planck Institute für extraterrestrische Physik
85741 Garching
E-mail: knandra@mpe.mpg.de
Tel: +49 89 30000-3401
Mobil: +49 0151 – 42627193
Arne Rau
Max Planck Institute for Extraterrestrial Physics
85741 Garching
E-mail: arau@mpe.mpg.de
Tel: +49 89 30000- 3851
Thomas Reiprich
Argelander-Institut für Astronomie
Universität Bonn
Auf dem Hügel 71
53121 Bonn
Tel: +49-228-733642
Mobile: +49-151-41943953
Email: reiprich@astro.uni-bonn.de
Joern Wilms
FAU Erlangen-Nuremberg
Remeis-Sternwarte & ECAP
Sternwartstr. 7
96049 Bamberg
email: joern.wilms@sternwarte.uni-erlangen.de
mobile: +49 174 2068644

Dr. Hannelore Hämmerle | Max-Planck-Institut
Weitere Informationen:
http://www.mpa-garching.mpg.de
http://www.mpe.mpg.de/4667554/News_20131128

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Physik Astronomie:

nachricht Die schnellste lichtgetriebene Stromquelle der Welt
26.09.2017 | Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg

nachricht Internationales Forscherteam entdeckt kohärenten Lichtverstärkungsprozess in Laser-angeregtem Glas
25.09.2017 | Universität Kassel

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Physik Astronomie >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Die schnellste lichtgetriebene Stromquelle der Welt

Die Stromregelung ist eine der wichtigsten Komponenten moderner Elektronik, denn über schnell angesteuerte Elektronenströme werden Daten und Signale übertragen. Die Ansprüche an die Schnelligkeit der Datenübertragung wachsen dabei beständig. In eine ganz neue Dimension der schnellen Stromregelung sind nun Wissenschaftler der Lehrstühle für Laserphysik und Angewandte Physik an der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg (FAU) vorgedrungen. Ihnen ist es gelungen, im „Wundermaterial“ Graphen Elektronenströme innerhalb von einer Femtosekunde in die gewünschte Richtung zu lenken – eine Femtosekunde entspricht dabei dem millionsten Teil einer milliardstel Sekunde.

Der Trick: die Elektronen werden von einer einzigen Schwingung eines Lichtpulses angetrieben. Damit können sie den Vorgang um mehr als das Tausendfache im...

Im Focus: The fastest light-driven current source

Controlling electronic current is essential to modern electronics, as data and signals are transferred by streams of electrons which are controlled at high speed. Demands on transmission speeds are also increasing as technology develops. Scientists from the Chair of Laser Physics and the Chair of Applied Physics at Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg (FAU) have succeeded in switching on a current with a desired direction in graphene using a single laser pulse within a femtosecond ¬¬ – a femtosecond corresponds to the millionth part of a billionth of a second. This is more than a thousand times faster compared to the most efficient transistors today.

Graphene is up to the job

Im Focus: LaserTAB: Effizientere und präzisere Kontakte dank Roboter-Kollaboration

Auf der diesjährigen productronica in München stellt das Fraunhofer-Institut für Lasertechnik ILT das Laser-Based Tape-Automated Bonding, kurz LaserTAB, vor: Die Aachener Experten zeigen, wie sich dank neuer Optik und Roboter-Unterstützung Batteriezellen und Leistungselektronik effizienter und präziser als bisher lasermikroschweißen lassen.

Auf eine geschickte Kombination von Roboter-Einsatz, Laserscanner mit selbstentwickelter neuer Optik und Prozessüberwachung setzt das Fraunhofer ILT aus Aachen.

Im Focus: LaserTAB: More efficient and precise contacts thanks to human-robot collaboration

At the productronica trade fair in Munich this November, the Fraunhofer Institute for Laser Technology ILT will be presenting Laser-Based Tape-Automated Bonding, LaserTAB for short. The experts from Aachen will be demonstrating how new battery cells and power electronics can be micro-welded more efficiently and precisely than ever before thanks to new optics and robot support.

Fraunhofer ILT from Aachen relies on a clever combination of robotics and a laser scanner with new optics as well as process monitoring, which it has developed...

Im Focus: The pyrenoid is a carbon-fixing liquid droplet

Plants and algae use the enzyme Rubisco to fix carbon dioxide, removing it from the atmosphere and converting it into biomass. Algae have figured out a way to increase the efficiency of carbon fixation. They gather most of their Rubisco into a ball-shaped microcompartment called the pyrenoid, which they flood with a high local concentration of carbon dioxide. A team of scientists at Princeton University, the Carnegie Institution for Science, Stanford University and the Max Plank Institute of Biochemistry have unravelled the mysteries of how the pyrenoid is assembled. These insights can help to engineer crops that remove more carbon dioxide from the atmosphere while producing more food.

A warming planet

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Im Spannungsfeld von Biologie und Modellierung

26.09.2017 | Veranstaltungen

Archaeopteryx, Klimawandel und Zugvögel: Deutsche Ornithologen-Gesellschaft tagt an der Uni Halle

26.09.2017 | Veranstaltungen

Unsere Arbeitswelt von morgen – Polarisierendes Thema beim 7. Unternehmertag der HNEE

26.09.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Europas erste Testumgebung für selbstfahrende Züge entsteht im Burgenland

26.09.2017 | Verkehr Logistik

Nerven steuern die Bakterienbesiedlung des Körpers

26.09.2017 | Biowissenschaften Chemie

Mit künstlicher Intelligenz zum chemischen Fingerabdruck

26.09.2017 | Biowissenschaften Chemie