Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Lichtinduzierte Rotationen von Atomen rufen Magnetwellen hervor

24.10.2016

Terahertz-Anregung ausgewählter Kristallschwingungen führt zu einem effektiven Magnetfeld, das kohärente Spindynamik antreibt

Die Kontrolle funktionaler Eigenschaften durch Licht ist eines der großen Ziele moderner Festkörperphysik und der Materialwissenschaften. Eine neue Studie zeigt, wie die ultraschnelle, lichtinduzierte Modulation atomarer Positionen in einem Material zur Kontrolle seiner Magnetisierung verwendet werden kann.


Lichtinduzierte Rotationen der Atome (Spiralen) erzeugen kohärente Bewegungen der Elektronenspins (blaue Pfeile).

Bild: J.M. Harms/MPI für Struktur und Dynamik der Materie

Ein internationales Forschungsteam unter der Leitung von Andrea Cavalleri vom Max-Planck-Institut für Struktur und Dynamik der Materie am CFEL in Hamburg verwendete Terahertz-Lichtpulse, um in einem magnetischen Kristall paarweise Gitterschwingungen anzuregen. Diese kurzen Lichtpulse erzeugten eine Rotation der Gitterionen um ihre Ursprungspositionen, welche wie ein ultraschnelles, effektives Magnetfeld auf die Elektronenspins wirkte und somit eine magnetische Welle auf kohärente Weise stimulierte.

Diese Erkenntnisse setzen ein wichtiges Zeichen für die Art und Weise der Wechselwirkung von Licht mit Materie und begründen einen neuartigen Ansatz in der Kontrolle von Magnetismus mit Terahertz-Geschwindigkeit. Sie könnten daher für Magnetspeichertechnologien relevant sein. Die Ergebnisse werden heute in der Fachzeitschrift Nature Physics vorgestellt.

Ultraschnelle Materialkontrolle durch Schwingungen

Mikroskopische Wechselwirkungen zu verstehen und kollektive Anregungen zu steuern, um Materialfunktionen maßzuschneidern, ist eine treibende Kraft in der Physik der kondensierten Materie und den Materialwissenschaften, sowohl für grundlegende Fragen als auch aus technologischer Perspektive. Chemische Substitution, d.h. der Austausch bestimmter Atome des Kristallgitters durch Atome eines anderen chemischen Elements, oder die Anwendung äußerer Störfaktoren, wie z.B. Druck oder Magnetfelder, gehören zu den konventionellen, statischen Ansätzen zur Veränderung und Beeinflussung von Materialeigenschaften.

Ein konzeptionell anderer Ansatz besteht in der ultraschnellen, dynamischen Modulation von Materialparametern. In diesem Fall hat sich die direkte Anregung von Schwingungen des Kristallgitters in Festkörpersystemen (kollektive Anregungen der Ionen, die man Phononen nennt) durch ultrakurze und ultraintensive Terahertz-Lichtpulse als extrem effiziente Strategie für die Materialkontrolle erwiesen. Die Hamburger Gruppe spielt eine Vorreiterrolle in der Entwicklung dieser als Nichtlineare Phononik bezeichneten Methode. Zu den jüngsten erfolgreichen Beispielen gehören die Kontrolle von Isolator–Metall-Übergängen, das Schmelzen magnetischer Ordnung und die Verstärkung von Supraleitung.

Der Ursprung dieses leistungsfähigen Werkzeugs liegt in der nichtlinearen Natur des Kristallgitters begründet. Dadurch kann ein Phonon, das durch Laserlicht auf große Auslenkungen angeregt wurde, Energie an andere, niederfrequentere Schwingungsmoden übertragen. Diese nichtlineare Phonon–Phonon-Kopplung führt zu einer vorübergehenden, gerichteten und selektiven Verzerrung der Kristallstruktur, d.h. bestimmte Atome des Gitters bewegen sich zeitweise an andere Positionen. Dieser Effekt im extrem wichtig für komplexe Materialien, in denen makroskopische elektronische Eigenschaften eng mit der atomaren Anordnung verknüpft sind.

Spinkontrolle durch kreisende Ionen

Im Bestreben diese Prinzipien zu verallgemeinern und zu zeigen, dass die kohärente Anregung von Phononen nicht nur die Kristallstruktur beeinflussen, sondern auch andere Eigenschaften wie die Magnetisierung direkt kontrollieren kann, hat ein internationales Forscherteam aus Deutschland, den Niederlanden und den USA die Stimulation des magnetischen Materials Erbium-Orthoferrit (ErFeO3) mit Terahertz-Strahlung untersucht.

Zunächst regten die Wissenschaftler ein einzelnes Phonon an und beobachteten die typische Signatur nichtlinearer Phononik, d.h. den Energietransfer zu niederfrequenteren Gitterschwingungen. Die Schlüsselidee, um über diese „konventionelle“ Beobachtung hinauszugehen, war es, die Wirkung zweier verschiedener, orthogonaler Phononen zu kombinieren. Durch die leicht verschiedenen Frequenzen der beiden Moden begannen die Atome des Kristallgitters um ihre ursprünglichen Positionen zu rotieren, was ein zirkular polarisiertes Phononfeld erzeugte. Diese Bewegung führte zu einer dynamischen Modulation des von den Elektronen wahrgenommenen elektrischen Feldes, die ihre Orbitalbewegung störte. Als Konsequenz wurde eine hochfrequente Magnetwelle – eine kollektive Anregung der Elektronenspins – hervorgerufen.

„Dies ist das erste Mal, dass eine direkte und kohärente Kontrolle von Spins durch Gitterschwingungen beobachtet wurde“, sagt Tobia Nova, Doktorand am MPSD in Hamburg und Erstautor der Arbeit. Das Experiment demonstriert erfolgreich, dass ein Energieaustausch zwischen stimulierten Phononen und magnetischen Anregungen bei gleichzeitiger „Verformung“ der Spinanordnung eines Materials möglich ist und somit zu einer ultraschnellen Kontrolle seiner Magnetisierung führt.

Forschungsausblick und mögliche Anwendungen

Die Auslenkung der Magnetwelle skaliert quadratisch mit der elektrischen Feldstärke der Terahertz-Strahlung. Eine moderate Erhöhung der Feldstärke könnte daher zu immenser Phonon-getriebener magnetischer Dynamik und möglicherweise zu magnetischen Schaltvorgängen führen. Da der Effekt im Terahertz-Frequenzbereich erzeugt wird, könnte sich eine Anwendung in neuen Bauteilen ergeben, die mit solch hohen Geschwindigkeiten arbeiten.

Mögliche Anwendungen zirkular polarisierter Phononen könnten sich auch weit über die Kontrolle der Magnetisierung hinaus ergeben. Es konnte bereits gezeigt werden, dass eine zeitabhängige Störung in der Form zirkular polarisierten Lichts Oberflächeneigenschaften in der neuartigen Materialklasse der sogenannten topologischen Isolatoren beeinflusst. Zudem wurde vorhergesagt, dass eine solche Störung entsprechende topologische Zustände in Graphen erzeugen könnte. Auf ähnliche Weise könnte auch Phononen-getriebene Floquet-Physik durch Gitterrotationen erzeugt werden.

Diese Arbeit wurde durch den ERC Synergy Grant „Frontiers in Quantum Materials’ Control” (Q-MAC) und den Exzellenzcluster „The Hamburg Centre for Ultrafast Imaging“ (CUI) ermöglicht. Das Center for Free-Electron Laser Science (CFEL) ist eine Kooperation von DESY, der Max-Planck-Gesellschaft und der Universität Hamburg. Weitere beteiligte Institutionen sind die Radboud Universiteit in Nijmegen und die University of Michigan.

Ansprechpartner:
Herr Tobia Nova
Max-Planck-Institut für Struktur und Dynamik der Materie
Center for Free-Electron Laser Science
Luruper Chaussee 149
22761 Hamburg
Germany
+49 (0)40 8998-6574
tobia.nova@mpsd.mpg.de

Prof. Dr. Andrea Cavalleri
Max-Planck-Institut für Struktur und Dynamik der Materie
Center for Free-Electron Laser Science
Luruper Chaussee 149
22761 Hamburg
Germany
+49 (0)40 8998-5354
andrea.cavalleri@mpsd.mpg.de

Originalpublikation:
T. F. Nova, A. Cartella, A. Cantaluppi, M. Först, D. Bossini, R. V. Mikhaylovskiy, A. V. Kimel, R. Merlin and A. Cavalleri, “An effective magnetic field from optically driven phonons,” Nature Physics, Advance Online Publication (October 24, 2016), DOI: 10.1038/nphys3925

Weitere Informationen:

http://dx.doi.org/10.1038/nphys3925 Originalpublikation
http://qcmd.mpsd.mpg.de/ Forschungsgruppe von Prof. Dr. Andrea Cavalleri
http://www.mpsd.mpg.de Max-Planck-Institut für Struktur und Dynamik der Materie

Dr. Michael Grefe | Max-Planck-Institut für Struktur und Dynamik der Materie

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Physik Astronomie:

nachricht Blick ins Universum
15.01.2018 | Georg-August-Universität Göttingen

nachricht Extrem helle und schnelle Lichtemission
11.01.2018 | Eidgenössische Technische Hochschule Zürich (ETH Zürich)

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Physik Astronomie >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Erstmalige präzise Messung der effektiven Ladung eines einzelnen Moleküls

Zum ersten Mal ist es Forschenden gelungen, die effektive elektrische Ladung eines einzelnen Moleküls in Lösung präzise zu messen. Dieser fundamentale Fortschritt einer vom SNF unterstützten Professorin könnte den Weg für die Entwicklung neuartiger medizinischer Diagnosegeräte ebnen.

Die elektrische Ladung ist eine der Kerneigenschaften, mit denen Moleküle miteinander in Wechselwirkung treten. Das Leben selber wäre ohne diese Eigenschaft...

Im Focus: The first precise measurement of a single molecule's effective charge

For the first time, scientists have precisely measured the effective electrical charge of a single molecule in solution. This fundamental insight of an SNSF Professor could also pave the way for future medical diagnostics.

Electrical charge is one of the key properties that allows molecules to interact. Life itself depends on this phenomenon: many biological processes involve...

Im Focus: Wie Metallstrukturen effektiv helfen, Knochen zu heilen

Forscher schaffen neue Generation von Knochenimplantaten

Wissenschaftler am Julius Wolff Institut, dem Berlin-Brandenburger Centrum für Regenerative Therapien und dem Centrum für Muskuloskeletale Chirurgie der...

Im Focus: Extrem helle und schnelle Lichtemission

Eine in den vergangenen Jahren intensiv untersuchte Art von Quantenpunkten kann Licht in allen Farben wiedergeben und ist sehr hell. Ein internationales Forscherteam mit Beteiligung von Wissenschaftlern der ETH Zürich hat nun herausgefunden, warum dem so ist. Die Quantenpunkte könnten dereinst in Leuchtdioden zum Einsatz kommen.

Ein internationales Team von Wissenschaftlern der ETH Zürich, von IBM Research Zurich, der Empa und von vier amerikanischen Forschungseinrichtungen hat die...

Im Focus: Paradigmenwechsel in Paris: Den Blick für den gesamten Laserprozess öffnen

Die neusten Trends und Innovationen bei der Laserbearbeitung von Composites hat das Fraunhofer-Institut für Lasertechnik ILT im März 2018 auf der JEC World Composite Show im Fokus: In Paris demonstrieren die Forscher auf dem Gemeinschaftsstand des Aachener Zentrums für integrativen Leichtbau AZL unter anderem, wie sich Verbundwerkstoffe mit dem Laser fügen, strukturieren, schneiden und bohren lassen.

Keine andere Branche hat in der Öffentlichkeit für so viel Aufmerksamkeit für Verbundwerkstoffe gesorgt wie die Automobilindustrie, die neben der Luft- und...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Tagung „Elektronikkühlung - Wärmemanagement“ vom 06. - 07.03.2018 in Essen

11.01.2018 | Veranstaltungen

Registrierung offen für Open Science Conference 2018 in Berlin

11.01.2018 | Veranstaltungen

Wie sieht die Bioökonomie der Zukunft aus?

10.01.2018 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Mit mikroskopischen Luftblasen dämmen

15.01.2018 | Architektur Bauwesen

Feldarbeiten der größten Bodeninventur Deutschlands sind abgeschlossen

15.01.2018 | Agrar- Forstwissenschaften

Perowskit-Solarzellen: Es muss gar nicht perfekt sein

15.01.2018 | Materialwissenschaften