Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Heiße Lavaströme auf der Venus

19.06.2015

Mit einer Kamera an Bord der Raumsonde Venus Express entdecken Forscher deutliche Anzeichen von aktivem Vulkanismus

Den bisher besten Hinweis auf aktiven Vulkanismus auf dem Planeten Venus hat ein internationales Team unter Leitung des Max-Planck-Instituts für Sonnensystemforschung jetzt vorgelegt.


Natürliche Urkraft: Diese künstlerische Darstellung zeigt einen Vulkanausbruch auf der Venus.

© ESA/AOES medialab


Spuren auf der Oberfläche: Die Karten zeigen Helligkeitsänderungen im Vergleich zur durchschnittlichen Helligkeit in der Atla-Region, in der sich die Ganiki-Riftzone befindet, aufgenommen an drei verschiedenen Tagen. Rot und orange steht für eine Zunahme, blau und grün für eine Abnahme der Helligkeit. Ein Gebiet, das als „Object A“ beschriftet ist, sticht am 24. Juni 2008 deutlich hervor.

© E. Shalygin et al (2015)

Die Wissenschaftler werteten Messdaten der ESA-Raumsonde Venus Express aus. Die Forscher identifizierten vier Regionen auf der Planetenoberfläche, deren Temperatur im Laufe weniger Tage dramatisch angestiegen war. Die Größe und Temperatur des kleinsten dieser „Hotspots“ schätzen die Forscher auf etwa einen Quadratkilometer und 830 Grad Celsius.

Die Venus gilt als Schwester der Erde: Beide Planeten sind fast gleich groß und im Innern ähnlich aufgebaut. Forscher halten es deshalb für wahrscheinlich, dass unser Nachbarplanet im Kern eine Wärmequelle besitzt – etwa zerfallende radioaktive Elemente. Die entstehende Wärme muss irgendwie entweichen. Eine Möglichkeit dafür bieten Vulkanausbrüche.

Einige Modelle der Planetenentwicklung deuten sogar daraufhin, dass vor etwa 500 Millionen Jahren eine gewaltige Lavaflut die Oberfläche des Planeten komplett umgestaltet hat. Die Frage, ob Venus noch immer vulkanisch aktiv ist, gehört deshalb zu den meist diskutierten der Planetenforschung.

Das bisher stichhaltigste Anzeichen von Aktivität hat jetzt ein Forscherteam in Daten der Venus Monitoring Kamera (VMC) an Bord der Raumsonde Venus Express gefunden. In Infrarotaufnahmen, die nur wenige Tage auseinander lagen, entdeckten die Wissenschaftler stark lokalisierte Veränderungen der Oberflächenhelligkeit.

„Wir haben Stellen auf der Oberfläche gefunden, die rasch sehr heiß werden und sich dann wieder abkühlen“, sagt Eugene Shalygin vom Göttinger Max-Planck-Institut für Sonnensystemforschung, Erstautor der neuen Studie. Die vier „Hotspots“ liegen in einem Gebiet, das aus Radaruntersuchungen als tektonische Riftzone bekannt ist.

„Dies ist der bisher spannendste Hinweis auf aktiven Vulkanismus auf der Venus“, erklärt Shalygin. Die heißen Stellen finden sich in der Atla-Region entlang der Ganiki-Riftzone, einem Grabenbruch in der Nähe der Vulkane Ozza Mons und Maat Mons.

Bereits 2010 hatten Wissenschaftler Auffälligkeiten in der Infrarotstrahlung bei drei vulkanischen Regionen auf der Venus entdeckt. Die Strahlung unterschied sich von der aus anderen Gebieten. Dort könnten sich erstarrte, aber vergleichsweise junge Lavaströme befinden, die noch nicht stark verwittert sind. Sie müssten weniger als 2,5 Millionen Jahre alt sein.

Einen weiteren Hinweis gab es 2012. Forscher fanden, dass die Konzentration von Schwefeldioxid in der oberen Venusatmosphäre in den Jahren 2006 bis 2007 dramatisch angestiegen war. Danach folgte ein fünfjähriger langsamer Abfall. Ursächlich könnten zwar auch Veränderungen der Windbewegungen sein; doch auch Vulkane können die Atmosphäre mit großen Mengen an Schwefeldioxid anreichern. Die neuen Ergebnisse, die jetzt in den Geophysical Research Letters erschienen sind, setzen die Reihe dieser Entdeckungen fort.

„Unsere Beobachtungen bewegen sich am Rande dessen, was Venus Express leisten kann. Es war ausgesprochen schwierig, diese Helligkeitsveränderungen durch die dicke Wolkendecke hindurch zu detektieren“, sagt Koautor und Max-Planck-Forscher Wojciech Markiewicz. Da der Blick der Kamera durch die dichten Venuswolken verschmiert wird, scheint es zunächst so, als erstreckten sich die Stellen erhöhter Infrarotabstrahlung über mehr als 100 Kilometer.

Die wirklichen „Hotspots“ sind jedoch wahrscheinlich viel kleiner. Für den kleinsten berechnete das Team eine Größe von etwa einem Quadratkilometer und eine Temperatur von 830 Grad Celsius. Die globale Durchschnittstemperatur auf der Venus beträgt 480 Grad Celsius.

Die Ganiki-Chasma-Region galt bereits bisher als Gebiet mit der jüngsten geologischen Vergangenheit. Die neue Studie legt nun nahe, dass sie noch immer aktiv ist. „Es sieht so aus, als könnten wir Venus endlich in die kleine Gruppe von Körpern im Sonnensystem aufnehmen, die vulkanisch aktiv sind“, sagt Håkan Svedhem von der europäischen Raumfahrtagentur ESA, Venus-Express-Projektwissenschaftler. „Die Untersuchungen zeigen, dass unser nächster Nachbar sich bis zum heutigen Tag noch immer verändert.“ Dies sei ein wichtiger Schritt, um die unterschiedlichen Entwicklungen, die sich auf Erde und Venus vollzogen haben, zu verstehen.


Ansprechpartner

Dr. Birgit Krummheuer
Presse- und Öffentlichkeitsarbeit

Max-Planck-Institut für Sonnensystemforschung, Göttingen
Telefon: +49 551 384979-462

E-Mail: Krummheuer@mps.mpg.de


Dr. Eugene Shalygin
Max-Planck-Institut für Sonnensystemforschung, Göttingen
Telefon: +49 551 384979-153

E-Mail: Shalygin@mps.mpg.de

 
Dr. Wojciech Markiewicz
Max-Planck-Institut für Sonnensystemforschung, Göttingen
Telefon: +49 555 6979-294

E-Mail: Markiewicz@mps.mpg.de


Originalpublikation


E.V. Shalygin, M.J. Markiewicz et al.

Active volcanism on Venus in the Ganiki Chasma rift zone

Geophysical Research Letters, accepted for publication

Quelle

Dr. Birgit Krummheuer | Max-Planck-Institut für Sonnensystemforschung, Göttingen
Weitere Informationen:
http://www.mpg.de/9282212/venus-vulkanismus

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Physik Astronomie:

nachricht Scharfe Röntgenblitze aus dem Atomkern
17.08.2017 | Max-Planck-Institut für Kernphysik, Heidelberg

nachricht Optische Technologien für schnellere Computer / „Licht“ mit Wespentaille
16.08.2017 | Universität Duisburg-Essen

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Physik Astronomie >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Mit Barcodes der Zellentwicklung auf der Spur

Darüber, wie sich Blutzellen entwickeln, existieren verschiedene Auffassungen – sie basieren jedoch fast ausschließlich auf Experimenten, die lediglich Momentaufnahmen widerspiegeln. Wissenschaftler des Deutschen Krebsforschungszentrums stellen nun im Fachjournal Nature eine neue Technik vor, mit der sich das Geschehen dynamisch erfassen lässt: Mithilfe eines „Zufallsgenerators“ versehen sie Blutstammzellen mit genetischen Barcodes und können so verfolgen, welche Zelltypen aus der Stammzelle hervorgehen. Diese Technik erlaubt künftig völlig neue Einblicke in die Entwicklung unterschiedlicher Gewebe sowie in die Krebsentstehung.

Wie entsteht die Vielzahl verschiedener Zelltypen im Blut? Diese Frage beschäftigt Wissenschaftler schon lange. Nach der klassischen Vorstellung fächern sich...

Im Focus: Fizzy soda water could be key to clean manufacture of flat wonder material: Graphene

Whether you call it effervescent, fizzy, or sparkling, carbonated water is making a comeback as a beverage. Aside from quenching thirst, researchers at the University of Illinois at Urbana-Champaign have discovered a new use for these "bubbly" concoctions that will have major impact on the manufacturer of the world's thinnest, flattest, and one most useful materials -- graphene.

As graphene's popularity grows as an advanced "wonder" material, the speed and quality at which it can be manufactured will be paramount. With that in mind,...

Im Focus: Forscher entwickeln maisförmigen Arzneimittel-Transporter zum Inhalieren

Er sieht aus wie ein Maiskolben, ist winzig wie ein Bakterium und kann einen Wirkstoff direkt in die Lungenzellen liefern: Das zylinderförmige Vehikel für Arzneistoffe, das Pharmazeuten der Universität des Saarlandes entwickelt haben, kann inhaliert werden. Professor Marc Schneider und sein Team machen sich dabei die körpereigene Abwehr zunutze: Makrophagen, die Fresszellen des Immunsystems, fressen den gesundheitlich unbedenklichen „Nano-Mais“ und setzen dabei den in ihm enthaltenen Wirkstoff frei. Bei ihrer Forschung arbeiteten die Pharmazeuten mit Forschern der Medizinischen Fakultät der Saar-Uni, des Leibniz-Instituts für Neue Materialien und der Universität Marburg zusammen Ihre Forschungsergebnisse veröffentlichten die Wissenschaftler in der Fachzeitschrift Advanced Healthcare Materials. DOI: 10.1002/adhm.201700478

Ein Medikament wirkt nur, wenn es dort ankommt, wo es wirken soll. Wird ein Mittel inhaliert, muss der Wirkstoff in der Lunge zuerst die Hindernisse...

Im Focus: Exotische Quantenzustände: Physiker erzeugen erstmals optische „Töpfe" für ein Super-Photon

Physikern der Universität Bonn ist es gelungen, optische Mulden und komplexere Muster zu erzeugen, in die das Licht eines Bose-Einstein-Kondensates fließt. Die Herstellung solch sehr verlustarmer Strukturen für Licht ist eine Voraussetzung für komplexe Schaltkreise für Licht, beispielsweise für die Quanteninformationsverarbeitung einer neuen Computergeneration. Die Wissenschaftler stellen nun ihre Ergebnisse im Fachjournal „Nature Photonics“ vor.

Lichtteilchen (Photonen) kommen als winzige, unteilbare Portionen vor. Viele Tausend dieser Licht-Portionen lassen sich zu einem einzigen Super-Photon...

Im Focus: Exotic quantum states made from light: Physicists create optical “wells” for a super-photon

Physicists at the University of Bonn have managed to create optical hollows and more complex patterns into which the light of a Bose-Einstein condensate flows. The creation of such highly low-loss structures for light is a prerequisite for complex light circuits, such as for quantum information processing for a new generation of computers. The researchers are now presenting their results in the journal Nature Photonics.

Light particles (photons) occur as tiny, indivisible portions. Many thousands of these light portions can be merged to form a single super-photon if they are...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Einblicke ins menschliche Denken

17.08.2017 | Veranstaltungen

Eröffnung der INC.worX-Erlebniswelt während der Technologie- und Innovationsmanagement-Tagung 2017

16.08.2017 | Veranstaltungen

Sensibilisierungskampagne zu Pilzinfektionen

15.08.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Graduiertenschule HyPerCells entwickelt hocheffiziente Perowskit- Dünnschichtsolarzelle

17.08.2017 | Energie und Elektrotechnik

Forschungsprojekt zu optimierten Oberflächen von Metallpulver-Spritzguss-Werkzeugen

17.08.2017 | Verfahrenstechnologie

Fernerkundung für den Naturschutz

17.08.2017 | Ökologie Umwelt- Naturschutz