Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Ein Atlas der Milchstraße

23.08.2011
Deutsch-chinesische Forschergruppe erstellt am Urumqi-Radioteleskop eine neue Karte und entdeckt zwei Supernova-Überreste

Anhalter durch die Galaxis werden ihn vielleicht nicht nutzen, für Astronomen dagegen ist er überaus wertvoll: der neue Radioatlas der Milchstraße. Nach fast zehnjähriger Arbeit haben Forscher der Max-Planck-Gesellschaft und der chinesischen Akademie der Wissenschaften die Untersuchung der polarisierten Radiostrahlung in der galaktischen Ebene abgeschlossen. Der Atlas beruht auf Beobachtungen mit dem 25-Meter-Radioteleskop der chinesischen Stadt Urumqi und zeigt am Himmel eine Fläche von 2200 Quadratgrad.


Neuling am Himmel: Der Supernova-Überrest G25.1-2.3, der im Zuge der Kartierung der Milchstraße bei sechs Zentimeter Wellenlänge mit dem 25-Meter-Radioteleskop bei Urumqi entdeckt wurde. © NAOC/MPIfR

Die Radiokarte umfasst den nördlichen Teil der Milchstraße in einem Bereich zwischen zehn und 230 Grad in galaktischer Länge und zwischen minus fünf und plus fünf Grad in galaktischer Breite. Die umfangreiche Kartierung zeigt die polarisierte Radiostrahlung unseres Sternsystems bei fünf Gigahertz (entsprechend einer Wellenlänge von sechs Zentimetern) und damit bei der höchsten, jemals mit erdgebundenen Instrumenten aufgenommenen Frequenz.

Das interstellare Medium der Milchstraße besteht aus Magnetfeldern, Elektronen, atomarem Gas und anderen Komponenten, welche die Schwingungsebene der Radiostrahlung beeinflussen (Polarisation). Die Partnergruppe des Max-Planck-Instituts für Radioastronomie, die am National Astronomical Observatory (NAO) in Peking eingerichtet wurde, hat die Eigenschaften von Bereichen ausgedehnter diffuser Strahlung erforscht und umfangreiche Objekte in ihrer Struktur erfasst, die größeren Radioteleskopen entgehen. Dazu gehören dichte ionisierte Wolken – die HII-Regionen – sowie die Überreste von explodierten Sternen.

Ziel des Projekts war die Erfassung des großräumigen Magnetfelds der Milchstraße. Dabei fanden die deutschen und chinesischen Forscher eine Handvoll eigentümlicher Klumpen mit sehr starkem regulärem Magnetfeld (Faraday-Screens) sowie zwei neue Supernova-Überreste mit Ausdehnungen von jeweils etwa einem Grad am Himmel. Es sind die ersten Quellen dieser Art, die mit einem chinesischen Radioteleskop entdeckt wurden; bisher kennen die Astronomen in der Milchstraße 270 derartige Objekte. Außerdem konnten die Wissenschaftler zwei falsch identifizierte Supernova-Überreste als thermische Radioquellen klassifizieren.

Der neue Atlas entstand in mehr als 4500-stündiger Beobachtungszeit und besitzt eine vergleichbare Winkelauflösung wie die am 100-Meter-Radioteleskop Effelsberg gewonnene Durchmusterung der Milchstraße bei 21 Zentimeter Wellenlänge. Die vergleichende Analyse dieser beiden umfangreichen Himmelskartierungen bei ähnlicher Winkelauflösung führt zu einem besseren Verständnis der Vorgänge im interstellaren Medium.

Die Gründung der Partnergruppe in China geht zurück auf einen Beschluss der Max-Planck-Gesellschaft vom 9. November 2000. Der Vorschlag umfasste die Zusammenarbeit bei der Erforschung von Magnetfeldern in Galaxien mit spezieller Betonung auf der Untersuchung des Magnetfelds unserer Milchstraße. Der wichtigste Beitrag des Bonner Max-Planck-Instituts für Radioastronomie betrifft den Bau eines Empfängers für Radiostrahlung bei sechs Zentimeter Wellenlänge inklusive Polarisation, der am 25-Meter-Nanshan-Radioteleskop in Urumqi zum Einsatz kommt. Der Vorteil dieses Radioteleskops ist sein Standort in 2000 Meter Höhe, der durch die besseren Wetterbedingungen Vorteile bei der Beobachtung der Radiostrahlung in höheren Frequenzen bringt.

„Durch gegenseitige Besuche in den beteiligten Instituten wurde eine ganze Reihe von persönlichen Kontakten geknüpft“, sagt Richard Wielebinski, emeritierter Direktor am Max-Planck-Institut für Radioastronomie. „Wir haben von deutscher Seite aus eine gute Kooperation mit unseren chinesischen Kollegen aufgebaut. Was mit der Partnergruppe gestartet wurde, wird auch weiterhin auf persönlicher Basis fortgesetzt.“

„Im Zuge unserer Arbeit an diesem Projekt konnten insgesamt fünf Doktorarbeiten in unserer Forschungsgruppe fertiggestellt werden“, sagt Jin-Lin Han, der Leiter der Partnergruppe in Peking. „Unsere Zusammenarbeit hat die Entwicklung der Radioastronomie in China deutlich verstärkt. Damit ist das Ziel der Partnergruppe in exzellenter Weise erreicht worden.“

Die Resultate des Forschungsprojekts umfassen 24 wissenschaftliche Publikationen seit 2002, die meisten davon in der renommierten europäischen Zeitschrift Astronomy & Astrophysics (A&A). Das Projekt hat eine Menge Erfahrung für die Durchführung von Radiokontinuums-Beobachtungen erbracht und bedeutet einen deutlichen Fortschritt beim Bau von Empfangssystemen für die chinesische Astronomie.

Ansprechpartner
Dr. Norbert Junkes
Öffentlichkeitsarbeit
Max-Planck-Institut für Radioastronomie, Bonn
Telefon: +49 228 525-399
E-Mail: njunkes@mpifr-bonn.mpg.de
Prof. Dr. Richard Wielebinski
Max-Planck-Institut für Radioastronomie, Bonn
Telefon: +49 228 525-300
E-Mail: rwielebinski@mpifr-bonn.mpg.de
Dr. Wolfgang Reich
Max-Planck-Institut für Radioastronomie, Bonn
Telefon: +49 228 525-357
E-Mail: wreich@mpifr-bonn.mpg.de

Dr. Norbert Junkes | Max-Planck-Institut
Weitere Informationen:
http://www.mpifr-bonn.mpg.de
http://www.mpg.de/4401096/Atlas_Milchstrasse

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Physik Astronomie:

nachricht Schreiben mit dem Elektronenstrahl: Jetzt auch Nanostrukturen aus Silber
24.07.2017 | Helmholtz-Zentrum Berlin für Materialien und Energie GmbH

nachricht Quantenkommunikation in freier Luft nimmt Fahrt auf
24.07.2017 | Österreichische Akademie der Wissenschaften

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Physik Astronomie >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: 3-D scanning with water

3-D shape acquisition using water displacement as the shape sensor for the reconstruction of complex objects

A global team of computer scientists and engineers have developed an innovative technique that more completely reconstructs challenging 3D objects. An ancient...

Im Focus: Einblicke unter die Oberfläche des Mars

Die Region erstreckt sich über gut 1000 Kilometer entlang des Äquators des Mars. Sie heißt Medusae Fossae Formation und über ihren Ursprung ist bislang wenig bekannt. Der Geologe Prof. Dr. Angelo Pio Rossi von der Jacobs University hat gemeinsam mit Dr. Roberto Orosei vom Nationalen Italienischen Institut für Astrophysik in Bologna und weiteren Wissenschaftlern einen Teilbereich dieses Gebietes, genannt Lucus Planum, näher unter die Lupe genommen – mithilfe von Radarfernerkundung.

Wie bei einem Röntgenbild dringen die Strahlen einige Kilometer tief in die Oberfläche des Planeten ein und liefern Informationen über die Struktur, die...

Im Focus: Molekulares Lego

Sie können ihre Farbe wechseln, ihren Spin verändern oder von fest zu flüssig wechseln: Eine bestimmte Klasse von Polymeren besitzt faszinierende Eigenschaften. Wie sie das schaffen, haben Forscher der Uni Würzburg untersucht.

Bei dieser Arbeit handele es sich um ein „Hot Paper“, das interessante und wichtige Aspekte einer neuen Polymerklasse behandelt, die aufgrund ihrer Vielfalt an...

Im Focus: Das Universum in einem Kristall

Dresdener Forscher haben in Zusammenarbeit mit einem internationalen Forscherteam einen unerwarteten experimentellen Zugang zu einem Problem der Allgemeinen Realitätstheorie gefunden. Im Fachmagazin Nature berichten sie, dass es ihnen in neuartigen Materialien und mit Hilfe von thermoelektrischen Messungen gelungen ist, die Schwerkraft-Quantenanomalie nachzuweisen. Erstmals konnten so Quantenanomalien in simulierten Schwerfeldern an einem realen Kristall untersucht werden.

In der Physik spielen Messgrößen wie Energie, Impuls oder elektrische Ladung, welche ihre Erscheinungsform zwar ändern können, aber niemals verloren gehen oder...

Im Focus: Manipulation des Elektronenspins ohne Informationsverlust

Physiker haben eine neue Technik entwickelt, um auf einem Chip den Elektronenspin mit elektrischen Spannungen zu steuern. Mit der neu entwickelten Methode kann der Zerfall des Spins unterdrückt, die enthaltene Information erhalten und über vergleichsweise grosse Distanzen übermittelt werden. Das zeigt ein Team des Departement Physik der Universität Basel und des Swiss Nanoscience Instituts in einer Veröffentlichung in Physical Review X.

Seit einigen Jahren wird weltweit untersucht, wie sich der Spin des Elektrons zur Speicherung und Übertragung von Information nutzen lässt. Der Spin jedes...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Gipfeltreffen der String-Mathematik: Internationale Konferenz StringMath 2017

24.07.2017 | Veranstaltungen

Von atmosphärischen Teilchen bis hin zu Polymeren aus nachwachsenden Rohstoffen

24.07.2017 | Veranstaltungen

Recherche-Reise zum European XFEL und DESY nach Hamburg

24.07.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Gipfeltreffen der String-Mathematik: Internationale Konferenz StringMath 2017

24.07.2017 | Veranstaltungsnachrichten

Von atmosphärischen Teilchen bis hin zu Polymeren aus nachwachsenden Rohstoffen

24.07.2017 | Veranstaltungsnachrichten

Lupinen beim Trinken zugeschaut – erstmals 3D-Aufnahmen vom Wassertransport zu Wurzeln

24.07.2017 | Biowissenschaften Chemie