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Ursache für extreme Kleinwüchsigkeit aufgeklärt

01.08.2011
Seltene Patientendaten aus Leipzig beigesteuert

Julia ist eine erwachsene Frau von 21 Jahren und misst nur 1,10 Meter. Sie leidet am sogenannten Seckel-Syndrom, einer äußerst seltenen Erbkrankheit in Form einer besonders ausgeprägten Kleinwüchsigkeit. Weltweit sind schätzungsweise nur knapp 25 Erkrankte bekannt. Dementsprechend wenig erforscht war die Krankheit bislang.

Ein internationales Forscherteam unter türkischer Leitung hat die Ursache für den Gendefekt aufklären können und die Ergebnisse in der hochrangigen Fachzeitschrift nature genetics veröffentlicht. Leipzig hat für ganz Deutschland zwei Patientenfälle beigesteuert.

Seit vielen Jahren betreut Prof. Wieland Kiess, Direktor der Klinik und Poliklinik für Frauen- und Kindermedizin am Universitätsklinikum Leipzig, Julia (Name geändert) und ihre Familie, hat sie und ihren Zwillingsbruder aufwachsen sehen. Er ist inzwischen zu einem kräftigen, normal entwickelten Mann herangewachsen. Sie dagegen ist mit etwas über einen Meter Körperlänge zwergenhaft klein, nach einem internationalen Standartmaß 8 Punkte vom Mittelwert entfernt. Im Alter von 6 Jahren war sie so groß wie ein Neugeborenes. Das Seckel Syndrom oder auch Vogelkopf-Zwergwuchs genannt, weil die Betroffenen zu einem sehr kleinen Kopf auch eine auffällige Hakennase haben, zieht mehrere Beeinträchtigungen nach sich. Der kleine Kopfwuchs bewirkt, dass sich das Gehirn nicht richtig entwickeln kann (Mikrozephalie). Die Betroffenen bleiben psycho-sozial schwer zurück und sind meist mehrfach behindert. Sie kommen zwar zum Laufen und können auch Worte sagen, benötigen aber ein Leben lang Hilfe. Die Fehlbildung tritt zwar mit einer geschätzten Häufigkeit von 1:100.000 auf, tatsächlich leben aber weitaus weniger Betroffene damit, weil viele die Schwangerschaft oder Kindheit nicht überleben. Prof. Kiess sind in ganz Deutschland nur die 2 Patienten bekannt, die er betreut.

Julia ist eine fröhliche Frau, die aussieht wie ein Kind und löst auch am liebsten Kinderpuzzle. Ihre Eltern hatten sich damals an den Kindermedizinexperten Kiess gewandt, weil sie die Ursachen verstehen wollten. Über Jahre gab es nur Theorien, aber keine Erklärungen. Bis deutsche und türkische Mediziner anhand von Stammbäumen das Schlüsselgen ausfindig machen konnten, das bei den Patienten mutiert ist. "Ein schönes Beispiel für internationales, fachübergreifendes Forschungszusammenwirken", urteilt Kiess. "Alles in allem braucht es Kliniker, DNA-Analytiker und für die Datenauswertung Mathematiker. Als behandelnder Arzt konnte ich umfangreiche phänotypische Beschreibungen der Patientin beisteuern, eine besondere Leipziger Stärke.

Die Kollegen um Dr. B. Wollnick, Universität Köln, und Dr.
E. Kalay, Technische Universität Karedeniz, Trabzon, Türkei, haben damit die Genmutation gefunden."

Wachstumshormone sind wirkungslos

Das betroffene Gen bewirkt, dass bei der Zellteilung die Reparatur der Erbbotschaft gestört wird. "Die Zellteilung ist ein sehr komplexer Vorgang, währenddessen geht ständig DNA kaputt. In der Regel funktionieren die nötigen biochemischen Reparaturmechanismen einwandfrei. Beim Seckel-Syndrom dagegen ist bildlich gesprochen die zentrale Eingreiftruppe an sich schon falsch ausgerichtet", erklärt Prof. Kiess. Das von der Mutation betroffene Gen kodiert nämlich für einen Eiweißstoff im Zentrosom, eine Apparatur, die in jeder Zelle vorkommt und bei der Zellteilung die DNA sortiert. Unter der Mutation wird dieser fundamentale Prozess gestört, deshalb sind die Auswirkungen des Gendefekts beim Seckel-Syndrom auch dermaßen fatal und nicht behebbar. Eine besonders nahrhafte Ernährung oder Wachstumshormone können auf zellulärer Ebene nichts bewirken. Das könnte allenfalls eine Gentherapie noch im Mutterleib. Für eine Anwendbarkeit ist die Krankheit aber viel zu selten. Es besteht schlichtweg keine Aussicht auf Therapie für die Hand voll Kinder, die europaweit registriert sind.

Dennoch waren die Bemühungen der Forscher nach Ansicht des Leipziger Experten Kiess nicht umsonst: "Wir lernen immer mehr, wie Gewebe und Organe wachsen. In diesem Fall wurde ein neues Gen gefunden, das entscheidend in Wachstumsprozesse eingreift. Wissenschaftliche Erkenntnis dieser Art lebt von Grundlagenforschung und Zufallsentdeckungen."

Link zur Veröffentlichung: nature genetics 43, 23-26 (2011), http://www.nature.com/ng/journal/v43/n1/full/ng.725.html

Weitere Informationen:
Prof. Dr. Wieland Kiess
Telefon: +49 341 97-26000
E-Mail: wieland.kiess@medizin.uni-leipzig.de

Diana Smikalla | Universität Leipzig
Weitere Informationen:
http://www.uni-leipzig.de
http://www.uni-leipzig.de/~kikli

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