Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Tuberkulose-Forschung kommt in Fahrt

23.03.2015

Wissenschaftler fordern eine globale Strategie für die Entwicklung neuer Tuberkulose-Impfstoffe

Über 80 Jahre lang herrschte in der Tuberkulose-Forschung weitestgehend Flaute. Deshalb ist auch der letzte wissenschaftliche Durchbruch aus dem Jahr 1921 noch heute die zentrale Säule der Tuberkulose-Prävention: der Impfstoff Bacille Calmette–Guérin (BCG).


Ein Freßzelle verspeißt ein Tuberkel: Obwohl hier eine Fresszelle (in grün) sich an Tuberkuloseerregern (gelb-rot) gütlich tut, bedeutet dies nicht, dass die Keime ein für alle Mal vernichtet sind. Denn Mycobacterium tuberculosis ist hoch ansteckend: Weltweit hat der Tuberkuloseerreger zwei Milliarden Menschen infiziert. Doch nur ein Zehntel der unfreiwilligen Wirte erkrankt - bei den anderen residiert der Keim teilweise über Jahre, ohne je Beschwerden zu verursachen. Wird das Immunsystem jedoch geschwächt, kann aus der latenten sehr plötzlich eine aktive, oft tödliche Infektion werden.

© MPI für Infektionsbiologie / Volker Brinkmann

Eine Impfung mit BCG schützt Kinder in den meisten Fällen vor den schlimmsten Formen der Krankheit, nicht dagegen gegen die häufigste Form, die Lungentuberkulose bei Erwachsenen und Kindern. Der Impfstoff hat daher nicht dazu beigetragen, die Tuberkulose-Zahlen zu verringern. Erst seit Beginn des neuen Jahrtausends kann die Forschung wieder bedeutsame Forstschritte bei der Entwicklung neuer Impfstoffe und Medikamente vermelden.

Inzwischen gibt es verschiedene vielversprechende Impfstoff-Kandidaten. Doch Rückschläge bleiben bis heute nicht aus: 2013 enttäuschte der am weitesten entwickelte Kandidat in einer klinischen Studie an Kindern und 2015 an HIV-positiven Erwachsenen. Auch wenn verschiedene andere Kandidaten die ersten klinischen Tests bestanden haben, so bleibt BCG noch für einige Jahre der einzige verfügbare Impfstoff.

Gleichzeitig treten immer häufiger Tuberkulose-Fälle auf, die gegen alle verfügbaren Medikamente resistent sind. Schlechte Aussichten also, das von der Weltgesundheitsorganisation WHO angepeilte Ziel bis 2035 zu erreichen: Das Auftreten von Tuberkulose weltweit um 90 Prozent und die Todesrate um 95 Prozent zu verringern. „Der unaufhaltsame Anstieg der Tuberkulose-Zahlen scheint vorläufig zwar gestoppt, denn die Zahl der Tuberkulose-Fälle sinkt erstmals seit Jahrzehnten wieder leicht. Trotzdem müssen wir wesentlich mehr tun, um die Seuche wirklich einzudämmen“, sagt Stefan Kaufmann, Direktor am Max-Planck-Institut für Infektionsbiologie in Berlin und Mitglied verschiedener internationaler Forschungsverbünde.

Ein großes Hindernis sind die enormen Kosten der Tuberkulose-Forschung. Schon eine Phase-2-Studie, die die Wirksamkeit und Sicherheit an vergleichsweise wenig Patienten untersuchen soll, kostet rund 20 Millionen US-Dollar. Eine großangelegte Phase-3-Studie schlägt dann mit 100 Millionen Dollar zu Buche. Parallel dazu benötigt die Tuberkulose-Forschung mehrere 100 Millionen Dollar pro Jahr. Dabei sind die Ausgaben für die Tuberkulose-Impfstoff-Forschung und -Entwicklung gering im Vergleich zur finanziellen Bürde der Erkrankung. Nach einer Studie kosten Tuberkulose-bedingte Arbeitsausfälle und Behandlungen die EU-Länder jährlich fünf Milliarden Euro. „Diese finanzielle Herausforderung können wir nur bewältigen, wenn öffentliche Forschungsorganisationen, Industrie, Regierungen und Nichtregierungsorganisationen ihre Kräfte bündeln. Gleichzeitig müssen wir alles tun, um die Forschung effizienter zu machen“, sagt Kaufmann.

Kaufmann schlägt zusammen mit Thomas G. Evans von Aeras und Willem A. Hanekom von der Bill & Melinda Gates Stiftung verschiedene Maßnahmen vor, wie die Tuberkulose-Forschung künftig noch effektiver organisiert werden kann. So muss sichergestellt sein, dass nur die erfolgversprechendsten Impfstoff-Kandidaten in weiterführende Studien aufgenommen werden.

Dazu müssen weltweit Forschungseinrichtungen eng zusammenarbeiten und Studien harmonisieren. Sie sollten beispielsweise einheitliche Zielpunkte für Studien festlegen, Impfstoff-Kandidaten direkt miteinander in Studien vergleichen und verbindlich festlegen, mit welchen Kriterien die Schutzwirkung eines Impfstoffs gemessen wird. „Auf diese Weise könnten beträchtliche Kosten eingespart werden. Außerdem wäre es hilfreich, wenn klinische Studien zu Tuberkulose-Impfstoffen an die zu Tuberkulose-Medikamenten und HIV-Impfstoffen angeglichen würden“, rät Kaufmann.

Erhebliche Kosten lassen sich auch einsparen, wenn es gelingt, die erforderlichen Teilnehmerzahlen für Studien zu verringern. Studien mit Probanden aus Hochrisikogruppen wären dafür eine Lösung. In solchen Gruppen infizieren sich mehr Menschen als im Bevölkerungsdurchschnitt. Dadurch wird die erforderlich Patientenzahl für aussagekräftige Studien schneller erreicht.

Außerdem können molekulare Tests wie der sogenannte Interferon-gamma-Assay oder der Tuberkulin-Haut-Test den Umfang von Studien verkleinern und damit Geld sparen. Diese Tests zeigen eine Tuberkulose-Infektion verlässlich an. Studien, die die Wirkung von Impfstoff-Kandidaten anhand solcher Tests messen, kommen mit weniger Teilnehmern aus. Sogenannte Biomarker wiederum geben wertvolle Hinweise darauf, bei welchen Personen ein Impfstoff wirkt.

Darüber hinaus erhöht die Analyse von Zwischenergebnissen in laufenden Studien deren Effektivität. Dadurch können die Untersuchungen schnell an die gewonnenen neuen Erkenntnisse angepasst und beispielsweise Teilnehmerzahlen erhöht oder verringert werden. „Auf die Daten und Proben aus solchen Studien sollten auch andere Forscher zugreifen können. Dann könnten auch künftige Studien davon profitieren“, sagt Kaufmann.


Ansprechpartner

Prof. Dr. Stefan H. E. Kaufmann
Max-Planck-Institut für Infektionsbiologie, Berlin
Telefon: +49 30 28460-500

Fax: +49 30 28460-501

E-Mail: kaufmann@mpiib-berlin.mpg.de


Originalpublikation
Stefan H.E. Kaufmann, Thomas G. Evans, Willem A. Hanekom

Tuberculosis vaccines: Time for a global strategy

Science Translational Medicine, 25. Februar 2015

Quelle

Prof. Dr. Stefan H. E. Kaufmann | Max-Planck-Institut für Infektionsbiologie, Berlin
Weitere Informationen:
http://www.mpg.de/9064484/strategie-gegen-tuberkulose

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Medizin Gesundheit:

nachricht Neuer Ansatz gegen Gastritis
10.08.2017 | Medizinische Hochschule Hannover

nachricht Wenn Schimmelpilze das Auge zerstören
10.08.2017 | Julius-Maximilians-Universität Würzburg

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Medizin Gesundheit >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Unterwasserroboter soll nach einem Jahr in der arktischen Tiefsee auftauchen

Am Dienstag, den 22. August wird das Forschungsschiff Polarstern im norwegischen Tromsø zu einer besonderen Expedition in die Arktis starten: Der autonome Unterwasserroboter TRAMPER soll nach einem Jahr Einsatzzeit am arktischen Tiefseeboden auftauchen. Dieses Gerät und weitere robotische Systeme, die Tiefsee- und Weltraumforscher im Rahmen der Helmholtz-Allianz ROBEX gemeinsam entwickelt haben, werden nun knapp drei Wochen lang unter Realbedingungen getestet. ROBEX hat das Ziel, neue Technologien für die Erkundung schwer erreichbarer Gebiete mit extremen Umweltbedingungen zu entwickeln.

„Auftauchen wird der TRAMPER“, sagt Dr. Frank Wenzhöfer vom Alfred-Wegener-Institut, Helmholtz-Zentrum für Polar- und Meeresforschung (AWI) selbstbewusst. Der...

Im Focus: Mit Barcodes der Zellentwicklung auf der Spur

Darüber, wie sich Blutzellen entwickeln, existieren verschiedene Auffassungen – sie basieren jedoch fast ausschließlich auf Experimenten, die lediglich Momentaufnahmen widerspiegeln. Wissenschaftler des Deutschen Krebsforschungszentrums stellen nun im Fachjournal Nature eine neue Technik vor, mit der sich das Geschehen dynamisch erfassen lässt: Mithilfe eines „Zufallsgenerators“ versehen sie Blutstammzellen mit genetischen Barcodes und können so verfolgen, welche Zelltypen aus der Stammzelle hervorgehen. Diese Technik erlaubt künftig völlig neue Einblicke in die Entwicklung unterschiedlicher Gewebe sowie in die Krebsentstehung.

Wie entsteht die Vielzahl verschiedener Zelltypen im Blut? Diese Frage beschäftigt Wissenschaftler schon lange. Nach der klassischen Vorstellung fächern sich...

Im Focus: Fizzy soda water could be key to clean manufacture of flat wonder material: Graphene

Whether you call it effervescent, fizzy, or sparkling, carbonated water is making a comeback as a beverage. Aside from quenching thirst, researchers at the University of Illinois at Urbana-Champaign have discovered a new use for these "bubbly" concoctions that will have major impact on the manufacturer of the world's thinnest, flattest, and one most useful materials -- graphene.

As graphene's popularity grows as an advanced "wonder" material, the speed and quality at which it can be manufactured will be paramount. With that in mind,...

Im Focus: Forscher entwickeln maisförmigen Arzneimittel-Transporter zum Inhalieren

Er sieht aus wie ein Maiskolben, ist winzig wie ein Bakterium und kann einen Wirkstoff direkt in die Lungenzellen liefern: Das zylinderförmige Vehikel für Arzneistoffe, das Pharmazeuten der Universität des Saarlandes entwickelt haben, kann inhaliert werden. Professor Marc Schneider und sein Team machen sich dabei die körpereigene Abwehr zunutze: Makrophagen, die Fresszellen des Immunsystems, fressen den gesundheitlich unbedenklichen „Nano-Mais“ und setzen dabei den in ihm enthaltenen Wirkstoff frei. Bei ihrer Forschung arbeiteten die Pharmazeuten mit Forschern der Medizinischen Fakultät der Saar-Uni, des Leibniz-Instituts für Neue Materialien und der Universität Marburg zusammen Ihre Forschungsergebnisse veröffentlichten die Wissenschaftler in der Fachzeitschrift Advanced Healthcare Materials. DOI: 10.1002/adhm.201700478

Ein Medikament wirkt nur, wenn es dort ankommt, wo es wirken soll. Wird ein Mittel inhaliert, muss der Wirkstoff in der Lunge zuerst die Hindernisse...

Im Focus: Exotische Quantenzustände: Physiker erzeugen erstmals optische „Töpfe" für ein Super-Photon

Physikern der Universität Bonn ist es gelungen, optische Mulden und komplexere Muster zu erzeugen, in die das Licht eines Bose-Einstein-Kondensates fließt. Die Herstellung solch sehr verlustarmer Strukturen für Licht ist eine Voraussetzung für komplexe Schaltkreise für Licht, beispielsweise für die Quanteninformationsverarbeitung einer neuen Computergeneration. Die Wissenschaftler stellen nun ihre Ergebnisse im Fachjournal „Nature Photonics“ vor.

Lichtteilchen (Photonen) kommen als winzige, unteilbare Portionen vor. Viele Tausend dieser Licht-Portionen lassen sich zu einem einzigen Super-Photon...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

European Conference on Eye Movements: Internationale Tagung an der Bergischen Universität Wuppertal

18.08.2017 | Veranstaltungen

Einblicke ins menschliche Denken

17.08.2017 | Veranstaltungen

Eröffnung der INC.worX-Erlebniswelt während der Technologie- und Innovationsmanagement-Tagung 2017

16.08.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Eine Karte der Zellkraftwerke

18.08.2017 | Biowissenschaften Chemie

Chronische Infektionen aushebeln: Ein neuer Wirkstoff auf dem Weg in die Entwicklung

18.08.2017 | Biowissenschaften Chemie

Computer mit Köpfchen

18.08.2017 | Informationstechnologie