Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Strategien gegen multiresistente Erreger

12.04.2012
Um der Entstehung und Ausbreitung bakterieller Resistenzen entgegen zu wirken, arbeitet eine klinisch-infektiologische Forschergruppe im Universitätsklinikum Jena an verschiedenen Ansätzen.
Dies beinhaltet u.a. die frühzeitige Erkennung resistenter Erreger, die Voraussetzung für den zielgenauen Einsatz von Antibiotika und einen rechtzeitigen Beginn konsequenter Hygiene- und Sanierungsmaßnahmen. Zum Arbeitsprogramm der zwölfköpfigen Gruppe, die vom BMBF für drei Jahre mit 2,3 Mio € gefördert wird, zählen sowohl klinisch-experimentelle Forschungsprojekte und Patientenstudien als auch der Aufbau eines infektiologischen Konsildienstes und die Weiterbildung von Infektiologen.

Ließ vor Jahrzehnten die Schlagkraft der Antibiotika die Infektionskrankheiten schon als besiegt erscheinen, so sehen sich die Mediziner heute einer ständig wachsenden Zahl von bakteriellen Infektionen gegenüber, gegen auch Breitspektrum-Antibiotika machtlos sind. Der unsachgemäße Umgang mit Antibiotika hat zur Entstehung und Ausbreitung resistenter Erreger geführt, die durch die wachsende Invasivität der Medizin und den demographischen Wandel an Bedrohung zunimmt. Trotz der dynamisch ansteigenden Resistenzraten stehen kaum neue Antibiotika zur Verfügung, da die meisten Pharma-Konzerne aus ökonomischen Gründen die Antibiotika-Forschung eingestellt haben.

„Neben der Suche nach neuen Wirkstoffen sind der rationale Einsatz von Antibiotika, um den Selektionsdruck zu vermindern, sowie stringente Hygiene-, Isolations- und Sanierungsmaßahmen wichtige Strategien gegen die zunehmende Resistenzentwicklung“, so Professor Mathias Pletz. Der Infektiologe leitet eine neue klinische Forschergruppe am Universitätsklinikum Jena (UKJ), die zum einen mit klinisch-experimentellen Projekten und in Patientenstudien an neuen Vorgehensweisen gegen die Ausbreitung von Resistenzen forscht. Als Sektion Infektiologie an der Abteilung Gastroenterologie, Hepatologie, Infektiologie des UKJ setzt sie sich zum anderen für einen optimalen Antibiotikaeinsatz im klinischen Alltag ein, indem sie einen infektiologischen Konsilidienst im Klinikum aufbaut und sich in der Aus- und Weiterbildung von Infektiologen engagiert.

Künftig sollen Intensivmediziner, Chirurgen und Ärzte aller anderen Fachdisziplinen am Jenaer Uniklinikum bei der Behandlung von Patienten mit Infektionen rund um die Uhr fachlichen Rat erfragen können. „Gemeinsam mit den Mikrobiologen und der Klinikumsapotheke wollen wir für jede Station Erreger- und Resistenzstatistiken sowie den Antibiotikaverbrauch erfassen und die Verordnungsstrategien im Sinne eines antibiotic stewardship überarbeiten, wo das notwendig ist“, erklärt Professor Pletz.

Einen Schwerpunkt in der Forschung der Gruppe stellen die β-Laktamasen mit erweitertem Spektrum dar, kurz ESBL, die eine besondere Rolle bei der Entwicklung von Antibiotika-Resistenzen spielen. Diese von vielen Bakterien produzierten Enzyme können Bestandteile der β-Lactam-Antibiotika, Penicilline und Cephalosporine, spalten und diese so unwirksam machen. Durch Mutationen sind Bakterien entstanden, deren Enzyme gleich ganze Gruppen von Antibiotika außer Kraft setzen – fatalerweise in Bakteriengattungen wie Kolibakterien oder Klebsiellen, die auch in der natürlichen Darmflora vorkommen und sich somit schnell ausbreiten können.

Die Wissenschaftler der Arbeitsgruppe arbeiten an einem molekularbiologischen Nachweisverfahren, das diese multiresistenten Bakterien schnell und genau direkt in Patientenproben an ihrem Bauplan für die Enzyme identifizieren kann. Gemeinsam mit der Forschergruppe für Klinische Sepsisforschung von Prof. Frank Brunkhorst soll die Frage beantwortet werden, wie sich die Antibiotikagabe bei Krankenhausinfektionen auf in der Darmflora vorhandene multiresistente Bakterien auswirkt. Dies ist ein Forschungsprojekt des Integrierten Forschungs- und Behandlungszentrums für Sepsis und Sepsisfolgen in Jena. Eine wichtige Augfgabe der Gruppe ist es, den Einfluss einer neuen Impfung auf die Resistenzraten bei Pneumokokken, den wichtigsten Erreger der Lungenentzündung, zu untersuchen. „Dabei interessieren uns die Mechanismen der Selektion und Resistenzentwicklung“, so Mathias Pletz, „die es dann gezielt zu umgehen gilt.“

Die im April gestartete klinische Forschergruppe wird mit ca. 2,3 Mio € für zunächst drei Jahre vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) gefördert.

Kontakt:
Prof. Dr. Mathias Pletz
Sektion Klinische Infektiologie,
Abteilung für Gastroenterologie, Hepatologie, Infektiologie, Klinik für Innere Medizin II
Universitätsklinikum Jena
Tel. 03641/9324650
E-Mail: Mathias.Pletz[at]med.uni-jena.de

Dr. Uta von der Gönna | idw
Weitere Informationen:
http://www.uni-jena.de

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Medizin Gesundheit:

nachricht Die neue Achillesferse von Blutkrebs
22.05.2018 | Ludwig Boltzmann Gesellschaft

nachricht Schnelltests für genauere Diagnose bei Hirntumoren
17.05.2018 | Universitätsklinikum Heidelberg

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Medizin Gesundheit >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Raumschrott im Fokus

Das Astronomische Institut der Universität Bern (AIUB) hat sein Observatorium in Zimmerwald um zwei zusätzliche Kuppelbauten erweitert sowie eine Kuppel erneuert. Damit stehen nun sechs vollautomatisierte Teleskope zur Himmelsüberwachung zur Verfügung – insbesondere zur Detektion und Katalogisierung von Raumschrott. Unter dem Namen «Swiss Optical Ground Station and Geodynamics Observatory» erhält die Forschungsstation damit eine noch grössere internationale Bedeutung.

Am Nachmittag des 10. Februars 2009 stiess über Sibirien in einer Höhe von rund 800 Kilometern der aktive Telefoniesatellit Iridium 33 mit dem ausgedienten...

Im Focus: Bose-Einstein-Kondensat im Riesenatom - Universität Stuttgart untersucht exotisches Quantenobjekt

Passt eine ultrakalte Wolke aus zehntausenden Rubidium-Atomen in ein einzelnes Riesenatom? Forscherinnen und Forschern am 5. Physikalischen Institut der Universität Stuttgart ist dies erstmals gelungen. Sie zeigten einen ganz neuen Ansatz, die Wechselwirkung von geladenen Kernen mit neutralen Atomen bei weitaus niedrigeren Temperaturen zu untersuchen, als es bisher möglich war. Dies könnte einen wichtigen Schritt darstellen, um in Zukunft quantenmechanische Effekte in der Atom-Ion Wechselwirkung zu studieren. Das renommierte Fachjournal Physical Review Letters und das populärwissenschaftliche Begleitjournal Physics berichteten darüber.*)

In dem Experiment regten die Forscherinnen und Forscher ein Elektron eines einzelnen Atoms in einem Bose-Einstein-Kondensat mit Laserstrahlen in einen riesigen...

Im Focus: Algorithmen für die Leberchirurgie – weltweit sicherer operieren

Die Leber durchlaufen vier komplex verwobene Gefäßsysteme. Die chirurgische Entfernung von Tumoren ist daher oft eine schwierige Aufgabe. Das Fraunhofer-Institut für Bildgestützte Medizin MEVIS hat Algorithmen entwickelt, die die Bilddaten von Patienten analysieren und chirurgische Risiken berechnen. Leberkrebsoperationen werden damit besser planbar und sicherer.

Jährlich erkranken weltweit 750.000 Menschen neu an Leberkrebs, viele weitere entwickeln Lebermetastasen aufgrund anderer Krebserkrankungen. Ein chirurgischer...

Im Focus: Positronen leuchten besser

Leuchtstoffe werden schon lange benutzt, im Alltag zum Beispiel im Bildschirm von Fernsehgeräten oder in PC-Monitoren, in der Wissenschaft zum Untersuchen von Plasmen, Teilchen- oder Antiteilchenstrahlen. Gleich ob Teilchen oder Antiteilchen – treffen sie auf einen Leuchtstoff auf, regen sie ihn zum Lumineszieren an. Unbekannt war jedoch bisher, dass die Lichtausbeute mit Elektronen wesentlich niedriger ist als mit Positronen, ihren Antiteilchen. Dies hat Dr. Eve Stenson im Max-Planck-Institut für Plasmaphysik (IPP) in Garching und Greifswald jetzt beim Vorbereiten von Experimenten mit Materie-Antimaterie-Plasmen entdeckt.

„Wäre Antimaterie nicht so schwierig herzustellen, könnte man auf eine Ära hochleuchtender Niederspannungs-Displays hoffen, in der die Leuchtschirme nicht von...

Im Focus: Erklärung für rätselhafte Quantenoszillationen gefunden

Sogenannte Quanten-Vielteilchen-„Scars“ lassen Quantensysteme länger außerhalb des Gleichgewichtszustandes verweilen. Studie wurde in Nature Physics veröffentlicht

Forschern der Harvard Universität und des MIT war es vor kurzem gelungen, eine Rekordzahl von 53 Atomen einzufangen und ihren Quantenzustand einzeln zu...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

VideoLinks
Industrie & Wirtschaft
Veranstaltungen

48V im Fokus!

21.05.2018 | Veranstaltungen

„Data Science“ – Theorie und Anwendung: Internationale Tagung unter Leitung der Uni Paderborn

18.05.2018 | Veranstaltungen

Visual-Computing an Bord der MS Wissenschaft

17.05.2018 | Veranstaltungen

VideoLinks
Wissenschaft & Forschung
Weitere VideoLinks im Überblick >>>
 
Aktuelle Beiträge

Raumschrott im Fokus

22.05.2018 | Physik Astronomie

48V im Fokus!

21.05.2018 | Veranstaltungsnachrichten

Bose-Einstein-Kondensat im Riesenatom - Universität Stuttgart untersucht exotisches Quantenobjekt

18.05.2018 | Physik Astronomie

Weitere B2B-VideoLinks
IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics