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Neues Prognose-System für Knochenmarkkrebs

26.04.2012
UMG-Hämatologen entwickeln neues Prognose-System, um den Krankheitsverlauf bei Patienten mit bösartigen Knochenmarkserkrankungen genauer zu bestimmen. Veröffentlichung im „Journal of Clinical Oncology“.

Myelodysplastische Syndrome (MDS) sind die häufigsten bösartigen Knochenmarkerkrankungen. Bei dieser Erkrankung der Stammzellen bildet der Körper zu wenige Blutzellen. Gleichzeitig kann es zur Vermehrung von Krebs (Leukämie)-zellen kommen. Das kann im schlimmsten Fall zu Blutkrebs führen.


Das Chromosomenbild eines MDS-Patienten mit einer komplexen Anomalie. Dieser Patient sollte eine Knochenmarktransplantation erhalten. Grafik: Haase

Bei den meisten Patienten ist es schwer, frühzeitig einzuschätzen, wie die Erkrankung verlaufen wird und welche Behandlung die beste ist. Hinzu kommt: Die Erkrankung kann sich jederzeit im Verlauf von gut- zu bösartig wandeln. So muss die Therapie stets angepasst werden. Wissenschaftler der Abteilung Hämatologie und Onkologie (Direktor: Prof. Dr. Lorenz Trümper) der Universitätsmedizin Göttingen haben jetzt ein neues Prognose-System entwickelt mit dem sich frühzeitig noch genauere Voraussagen über den Krankheitsverlauf von MDS-Patienten machen lassen. Das ist ein enormer Vorteil für die Auswahl der Therapie durch die Ärzte und die Lebenspla-nung der Patienten.

Die Ergebnisse der Studie sind in der Ausgabe März 2012 der renommierten amerikanischen Fachzeitschrift „Journal of Clinical Oncology“ (JCO) veröffentlicht.

Originalveröffentlichung: Julie Schanz, Heinz Tüchler, Francesc Solé, Mar Mallo, Elisa Luño, José Cervera, Isabel Granada, Barbara Hildebrandt, Marilyn L. Slovak, Kazuma Ohyashiki, Christian Steidl, Christa Fonatsch, Michael Pfeilstöcker, Thomas Nösslinger, Peter Valent, Aristoteles Giagounidis, Carlo Aul, Michael Lübbert, Reinhard Stauder, Otto Krieger, Guillermo Garcia-Manero, Stefan Faderl, Sherry Pierce, Michelle M. Le Beau, John M. Bennett, Peter Greenberg, Ulrich Germing, and Detlef Haase: „A new, comprehensive cytogenetic scoring system for primary myelodysplastic syndromes derived from an international database merge“. Journal of Clinical Oncology, March 10, 2012 vol. 30 no. 8 p. 820-829.

NEUER INTERNATIONALER STANDARD

Das Internationale Prognostische Scoring System (IPSS) ist bisher das weltweit am meisten verwendete und am besten akzeptierte System zur Risikoeinschätzung beim Myelodysplastischen Syndrom. Das System orientiert sich für die Prognose an der Anzahl der Leukämiezellen im Knochenmark. Das Hauptaugenmerk liegt

also auf der Frage: Wie hoch ist der Anteil an unreifen Zellen im Knochenmark? Chromosomenveränderungen und der Mangel an Blutzellen werden weniger berücksichtigt.

Aktuelle Publikationen (Schanz, Haase: Journal of Clinical Oncology May 20, 2011 vol. 29 no. 15 p. 1963-1970) zeigen jedoch, dass der Bereich der Zytogenetik, speziell die Chromosomenveränderungen, für die Überlebenszeit und für das Risiko, eine Leukämie zu entwickeln, von wesentlich höherer Bedeutung sind als bisher angenommen wurde. Dieses Ergebnis war unabhängig davon, welche Therapie der Patient erhalten hat.

Auf Grundlage der im Mai 2011 veröffentlichten Ergebnisse hat die Arbeitsgruppe von Prof. Haase und Dr. Schanz in einer neuen Studie ein umfassendes zytogenetisches Prognose Scoring System für MDS-Patienten entwickelt. In einer internationalen Kooperation wurden Daten von 2.902 Patienten gesammelt. Das ist der größte Datensatz weltweit zur Untersuchung von MDS-Patienten. Die Patientendaten wurden zusammengetragen aus Datensätzen der Deutsch-Österreichischen MDS-Studiengruppe, dem „International MDS Risk Analysis Workshop“ aus den USA, der „Spanish Hematological Cytogenetics Working Group“ und der „International Working Group on MDS Cytogenetics“. Mit Hilfe von speziellen Analysen und Kalkulationen konnten die Wissenschaftler 19 neue zytogenetische Kategorien definieren, die künftig genauere Voraussagen über den Krankheitsverlauf von MDS-Patienten möglich machen. Mit dem neuen Prognose-System ließen sich für 90 Prozent der Patienten, die an der Studie teilgenommen haben, eindeutige Voraussagen über den Verlauf der Krankheit machen.
„Mit dem neuen System zur Risikoeinschätzung von MDS-Patienten können wir in unserer Arbeitsgruppe auf der Basis genetischer Untersuchungen genau einschätzen, welchen Verlauf die Erkrankung des Patienten nehmen wird. Methoden wie das neue Scoring-System helfen uns dabei, Patienten mit genetischen Veränderungen noch besser behandeln zu können“, sagt Prof. Dr. Detlef Haase, Oberarzt in der Abteilung Hämatologie und Onkologie und Leiter der Arbeitsgruppe.

„In statistischen Tests hat das neue Scoring-System eine sehr hohe Vorhersagegenauigkeit. Es verbessert die individuelle Prognoseeinschätzung für Patienten mit MDS erheblich. Das von uns neu entwickelte Scoring-Systems wird dann der neue international gültige Standard zur Risikoeinschätzung bei MDS sein“, sagt Dr. Julie Schanz aus der Abteilung Hämatologie und Onkologie der UMG. Das neue Prognose-System wurde bereits von einer italienischen Arbeitsgruppe für Patienten mit unterstützend behandelten MDS und von der weltweit führenden Knochenmarktransplantationsklinik Fred Hutchinson Cancer Research Center in Seattle für transplantierte MDS-Patienten positiv bewertet.

MYELODYSPLASTISCHE SYNDROME (MDS)
Die Erkrankungsformen von MDS sind sehr unterschiedlich und reichen von relativ harmlosen bis hin zu sehr bösartigen Verläufen. Die Krankheit tritt vor allem bei Patienten über 60 Jahren auf. Patienten mit MDS bilden aus ihren Stammzellen keine vollständig reifen und funktionstüchtigen Blutzellen mehr, da ihre Stammzellen genetisch verändert sind. Der Körper produziert nicht mehr ausreichend Blut und unreife Knochenmarkzellen können sich vermehren. Eine Leukämie ist die mögliche Folge. Da sich der Verlauf der Krankheit jederzeit von gut- zu bösartig verändern kann, ist es sehr wichtig bei Diagnosestellung und dann regelmäßig im Verlauf zu kontrollieren, ob und welche genetischen Veränderungen in den Stammzellen vorliegen Die Behandlung reicht von einer rein unterstützenden Therapie bis zur Knochenmarktransplantation.
WEITERE INFORMATIONEN:
Universitätsmedizin Göttingen, Georg-August-Universität
Abteilung Hämatologie und Onkologie Prof. Dr. Detlef Haase,
Telefon 0551 / 39-6313
Robert-Koch-Str. 40, 37075 Göttingen
haase.onkologie@med.uni-goettingen.de

Stefan Weller | Uni Göttingen
Weitere Informationen:
http://www.universitaetsmedizin-goettingen.de

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