Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Multiple Sklerose: Neues Behandlungskonzept schützt Nervenzellen

06.05.2013
Pilotstudie zeigt: Im Frühstadium der Erkrankung verhindert Hormon EPO, dass Nervenzellen in Sehnerv und Netzhaut absterben / Bundesministerium für Bildung und Forschung fördert klinische Studie der Universitätskliniken Heidelberg und Freiburg mit 1 Million Euro

Das Hormon Erythropoietin, auch bekannt als Dopingmittel EPO, kann bei einer Entzündung des Sehnervs - einem frühen Stadium der Multiplen Sklerose - das Absterben von Nervenzellen verhindern. Dies hat die Heidelberger Neurologin Professor Dr. Ricarda Diem im Rahmen einer Pilotstudie gezeigt.

Nun soll das neue Behandlungskonzept in einer groß angelegten Patientenstudie der Universitätskliniken Heidelberg und Freiburg überprüft werden. Das Bundesministerium für Bildung und Forschung hat die Förderung des Projekts mit einer Million Euro bewilligt. Erste Patientinnen und Patienten werden ab Oktober 2013 eingeschlossen.

Bestätigen sich die Ergebnisse, gäbe es erstmals einen Therapieansatz, der Nervengewebe vor den Angriffen des Immunsystems und den Entzündungsreaktionen bei der Autoimmunerkrankung Multiple Sklerose (MS) schützt. EPO ist bereits als Medikament bei Blutarmut zugelassen.

Deutschlandweit leiden rund 120.00 Menschen an MS. Körpereigene Immunzellen greifen gesundes Nervengewebe an und zerstören es. Häufig verursacht MS bereits in jungen Jahren Nervenschäden und Behinderungen. Medikamente, die das Immunsystem hemmen und die Entzündungsprozesse mildern, können die Krankheitsschübe zwar dämpfen, aber nicht heilen. Es gibt keine zugelassenen Wirkstoffe, um die Nervenzellen zu schützen und ihr Absterben zu verhindern.

Sehnerventzündung bei Multipler Sklerose kann zu Erblindung führen

Häufig ist eine Entzündung des Sehnervs mit Schädigung der Netzhaut im Auge das erste Anzeichen einer MS. Die Betroffenen verspüren Schmerzen hinter dem Auge, innerhalb von Stunden oder Tagen verschlechtert sich das Sehvermögen bis fast zur Erblindung. Nach der Behandlung mit Cortison verschwinden diese Symptome in der Regel nahezu vollständig.

„Bei zahlreichen Patienten bleibt es aber nicht bei einer Sehnerventzündung, nach Wochen oder Monaten gibt es einen weiteren Schub“, erklärt Professor Dr. Ricarda Diem, Oberärztin an der Abteilung Neuroonkologie der Neurologischen Universitätsklinik Heidelberg und Leiterin einer Forschungsgruppe im Rahmen der Klinischen Kooperationseinheit Neuroonkologie von Klinikum, Deutschem Krebsforschungszentrum und Nationalem Centrum für Tumorerkrankungen, NCT. „Jedes Mal schrumpft die Anzahl der Nervenzellen weiter, bis es schließlich zu einer dauerhaften Verschlechterung des Sehvermögens oder sogar zur Erblindung kommt.“

Das Wachstumshormon EPO kurbelt die Bildung der roten Blutkörperchen an, kann nach neuen Erkenntnissen aber auch die Widerstandskraft von Nervenzellen gegenüber schädigenden Reizen verbessern. In Arbeiten an Tiermodellen der MS und der Sehnerventzündung entdeckte Professor Diem 2005, dass EPO das Überleben der Zellen in Netzhaut und Sehnerv während einer Entzündung fördert.

Schaffen es die Nervenzellen auf diese Weise, den Angriff des Immunsystems zu überstehen, können sich Netzhaut und Sehnerv nach Abklingen der Entzündung erholen. Eine Pilotstudie mit 40 MS-Patienten, die 2012 in den „Annals of Neurology“ veröffentlicht wurde, zeigte: Bei Patienten, die zusätzlich zur Standardtherapie mit Cortison drei Tage lang EPO erhielten, starben deutlich weniger Nervenzellen ab als bei der Kontrollgruppe mit alleiniger Cortison-Behandlung. Nervenfasern in Netzhaut und Sehnerv degenerierten unter dem Einfluss von EPO kaum, optische Reize aus dem Auge wurden besser ans Gehirn weitergeleitet. Es traten keine schwerwiegenden Nebenwirkungen auf.

Erster Therapieansatz zum Schutz der Nervenzellen

„Indem wir die Nervenzellen mit EPO stärken und durch die Entzündung retten, könnten wir in Zukunft dauerhafte Schäden am Nervengewebe zumindest hinauszögern und mildern“, so Diem. An der Studie unter Leitung von Professor Dr. Diem und Professor Dr. Wolf Lagrèze, Universitäts-Augenklinik Freiburg, beteiligen sich zwölf deutsche Universitätskliniken. Eingeschlossen werden insgesamt 100 Patienten, die erstmals unter einer Sehnerventzündung leiden und bei denen bisher keine anderen Symptome einer MS aufgetreten sind. Sie erhalten zusätzlich zur Standardtherapie mit Cortison entweder EPO oder ein Scheinmedikament (Plazebo). „Die Sehnerventzündung dient uns in dieser Studie als Modell für MS im Frühstadium, wenn das Nervengewebe noch nicht geschädigt ist“, erklärt Diem. „Später wollen wir den neuen Therapieansatz auch in weiter fortgeschrittenen Stadien einer MS untersuchen.“
Literatur:
Pilotstudie: Sühs et al., 2012, Annals of Neurology, 72(2):199-210, DOI 10.1002/ana.23573
www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/22926853

Präklinische Vorarbeit: Diem et al., 2005; Brain, 128:375-85. DOI 10.1093/brain/awh365
Weitere Informationen im Internet:
Abt. Neuroonkologie am Universitätsklinikum Heidelberg:
http://www.klinikum.uni-heidelberg.de/Willkommen.105540.0.html

Arbeitsgruppe Neuroinflammation / Klinische Kooperationseinheit Neuroonkologie
http://www.dkfz.de/de/neuroonkologie/Mitarbeiter_AG_Diem.html

Ansprechpartner für Journalisten:
Prof. Dr. med. Ricarda Diem
Neurologische Universitätsklinik Heidelberg
Abteilung Neuroonkologie
Im Neuenheimer Feld 400, 69120 Heidelberg
E-mail: ricarda.diem@med.uni-heidelberg.de

Universitätsklinikum und Medizinische Fakultät Heidelberg
Krankenversorgung, Forschung und Lehre von internationalem Rang
Das Universitätsklinikum Heidelberg ist eines der bedeutendsten medizinischen Zentren in Deutschland; die Medizinische Fakultät der Universität Heidelberg zählt zu den international renommierten biomedizinischen Forschungseinrichtungen in Europa. Gemeinsames Ziel ist die Entwicklung innovativer Diagnostik und Therapien sowie ihre rasche Umsetzung für den Patienten. Klinikum und Fakultät beschäftigen rund 11.000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter und engagieren sich in Ausbildung und Qualifizierung. In mehr als 50 klinischen Fachabteilungen mit ca. 2.200 Betten werden jährlich rund 118.000 Patienten voll- bzw. teilstationär und rund 1.000.000 mal Patienten ambulant behandelt. Das Heidelberger Curriculum Medicinale (HeiCuMed) steht an der Spitze der medizinischen Ausbildungsgänge in Deutschland. Derzeit studieren ca. 3.500 angehende Ärztinnen und Ärzte in Heidelberg.

Bei Rückfragen von Journalisten:
Dr. Annette Tuffs
Leiterin Unternehmenskommunikation / Pressestelle
des Universitätsklinikums Heidelberg und der
Medizinischen Fakultät der Universität Heidelberg
Im Neuenheimer Feld 672
69120 Heidelberg
Tel.: 06221 56-4536
Fax: 06221 56-4544
E-Mail: annette.tuffs@med.uni-heidelberg.de

Julia Bird
Referentin Unternehmenskommunikation / Pressestelle
des Universitätsklinikums Heidelberg und der
Medizinischen Fakultät der Universität Heidelberg
Im Neuenheimer Feld 672
69120 Heidelberg
Tel.: 06221 56-7071
Fax: 06221 56-4544
E-Mail: julia.bird@med.uni-heidelberg.de

Diese Pressemitteilung ist auch online verfügbar unter
http://www.klinikum.uni-heidelberg.de/presse

Besuchen Sie das Universitätsklinikum Heidelberg auch bei:
Facebook: http://www.klinikum.uni-heidelberg.de/facebook
Twitter: http://www.klinikum.uni-heidelberg.de/twitter
Youtube: http://www.klinikum.uni-heidelberg.de/youtube

Dr. Annette Tuffs | idw
Weitere Informationen:
http://www.klinikum.uni-heidelberg.de

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Medizin Gesundheit:

nachricht Kokosöl verlängert Leben bei peroxisomalen Störungen
20.06.2018 | Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn

nachricht Überdosis Calcium
19.06.2018 | Albert-Ludwigs-Universität Freiburg im Breisgau

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Medizin Gesundheit >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Innovative Handprothesensteuerung besteht Alltagstest

Selbstlernende Steuerung für Handprothesen entwickelt. Neues Verfahren lässt Patienten natürlichere Bewegungen gleichzeitig in zwei Achsen durchführen. Forscher der Universitätsmedizin Göttingen (UMG) veröffentlichen Studie im Wissenschaftsmagazin „Science Robotics“ vom 20. Juni 2018.

Motorisierte Handprothesen sind mittlerweile Stand der Technik bei der Versorgung von Amputationen an der oberen Extremität. Bislang erlauben sie allerdings...

Im Focus: Temperaturgesteuerte Faser-Lichtquelle mit flüssigem Kern

Die moderne medizinische Bildgebung und neue spektroskopische Verfahren benötigen faserbasierte Lichtquellen, die breitbandiges Laserlicht im nahen und mittleren Infrarotbereich erzeugen. Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler des Leibniz-Instituts für Photonische Technologien Jena (Leibniz-IPHT) zeigen in einer aktuellen Veröffentlichung im renommierten Fachblatt Optica, dass sie die optischen Eigenschaften flüssigkeitsgefüllter Fasern und damit die Bandbreite des Laserlichts gezielt über die Umgebungstemperatur steuern können.

Das Besondere an den untersuchten Fasern ist ihr Kern. Er ist mit Kohlenstoffdisulfid gefüllt - einer flüssigen chemischen Verbindung mit hoher optischer...

Im Focus: Temperature-controlled fiber-optic light source with liquid core

In a recent publication in the renowned journal Optica, scientists of Leibniz-Institute of Photonic Technology (Leibniz IPHT) in Jena showed that they can accurately control the optical properties of liquid-core fiber lasers and therefore their spectral band width by temperature and pressure tuning.

Already last year, the researchers provided experimental proof of a new dynamic of hybrid solitons– temporally and spectrally stationary light waves resulting...

Im Focus: Revolution der Rohre

Forscher*innen des Instituts für Sensor- und Aktortechnik (ISAT) der Hochschule Coburg lassen Rohrleitungen, Schläuchen oder Behältern in Zukunft regelrecht Ohren wachsen. Sie entwickelten ein innovatives akustisches Messverfahren, um Ablagerungen in Rohren frühzeitig zu erkennen.

Rückstände in Abflussleitungen führen meist zu unerfreulichen Folgen. Ein besonderes Gefährdungspotential birgt der Biofilm – eine Schleimschicht, in der...

Im Focus: Überdosis Calcium

Nanokristalle beeinflussen die Differenzierung von Stammzellen während der Knochenbildung

Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler der Universitäten Freiburg und Basel haben einen Hauptschalter für die Regeneration von Knochengewebe identifiziert....

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

VideoLinks
Industrie & Wirtschaft
Veranstaltungen

Leben im Plastikzeitalter: Wie ist ein nachhaltiger Umgang mit Plastik möglich?

21.06.2018 | Veranstaltungen

Kongress BIO-raffiniert X – Neue Wege in der Nutzung biogener Rohstoffe?

21.06.2018 | Veranstaltungen

DFG unterstützt Kongresse und Tagungen im August 2018

20.06.2018 | Veranstaltungen

VideoLinks
Wissenschaft & Forschung
Weitere VideoLinks im Überblick >>>
 
Aktuelle Beiträge

Der “Stein von Rosetta” für aktive Galaxienkerne entschlüsselt

21.06.2018 | Physik Astronomie

Schneller und sicherer Fliegen

21.06.2018 | Informationstechnologie

Innovative Handprothesensteuerung besteht Alltagstest

21.06.2018 | Innovative Produkte

Weitere B2B-VideoLinks
IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics