Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Mastdarmkrebs: Neue Wirkstoff-Kombination bei Radiochemotherapie vielversprechend getestet

20.06.2012
Bei Patienten mit fortgeschrittenem Mastdarmkrebs (Rektumkarzinom) setzen Ärzte vor der Operation des Karzinoms oft eine Radiochemotherapie ein, um den Tumor zu verkleinern.

Wie ein deutsches Forscherteam nun herausfand, reagiert der Tumor dabei eher auf eine Wirkstoff-Kombination als auf die bisher übliche Gabe eines einzelnen Medikaments.

Über die Ergebnisse ihrer Studie mit mehr als 1200 Patienten berichten die Wissenschaftler aktuell in einer Online-Vorabveröffentlichung des Fachmagazins „The Lancet Oncology“. Diese neue Behandlung könnte in Kombination mit der anschließenden Chemotherapie zum Goldstandard werden, betont die Deutsche Gesellschaft für Radioonkologie (DEGRO).

Bei lokal fortgeschrittenem Mastdarmkrebs ist der Tumor schon in das umliegende Fettgewebe oder in die Lymphknoten vorgedrungen, hat aber noch keine Fernmetastasen gebildet. Der wichtigste Therapieschritt ist die Entfernung des Tumors durch eine Operation.

„Aber noch vor diesem Eingriff behandeln wir die meisten Patienten mit einer Strahlenchemotherapie, die die Tumorzellen abtöten und zur Verkleinerung des Tumors führen soll“, erklärt DEGRO-Präsident Professor Dr. med. Jürgen Dunst, Direktor der Klinik für Strahlentherapie an der Universität Lübeck. Nach der Operation folge dann eine weitere Chemotherapie.

In Deutschland und anderen Ländern verwenden Ärzte für beide Chemotherapien meist das Mittel Fluorouracil. In einer großangelegten Studie prüfte die Deutsche Rektumkarzinom-Studiengruppe nun an 88 beteiligten Zentren, ob eine Kombination dieses Medikaments mit dem Wirkstoff Oxaliplatin den Erfolg der Behandlung verbessert. Während die eine Hälfte der Patienten ausschließlich mit Fluorouracil behandelt wurde, bekam die andere Hälfte beide Arzneien verabreicht.

Wie sich zeigte, wirkte die Behandlung mit der Wirkstoffkombination effektiver als die Therapie mit dem einzelnen Medikament: Nach der Radiochemotherapie waren hier bei etwa jedem sechsten Patienten keine Tumorzellen bei der Operation mehr nachweisbar. Bei der Standardbehandlung war dies nur bei etwa jedem achten Teilnehmer der Fall. Diese sogenannte Komplettremission des Tumors senkt vermutlich das Risiko für ein späteres Wiederauftreten der Erkrankung.

Der Erstautor der Studie, Professor Dr. med. Claus Rödel, DEGRO-Mitglied und Direktor der Klinik für Strahlentherapie und Onkologie am Klinikum der Goethe-Universität in Frankfurt am Main, stellt fest: „Ob die Kombination tatsächlich die langfristige Prognose der Patienten bessert, wird jedoch erst der weitere Verlauf der Untersuchung zeigen.“

Die Arbeit der deutschen Forschergruppe, die im Kommentar der Fachzeitschrift wegen ihrer herausragenden Qualität besonders gelobt wird, markiert vermutlich einen Wendepunkt. „Die Kombination zweier Wirkstoffe könnte künftig zur Standardtherapie bei fortgeschrittenem Mastdarmkrebs werden“, erklärt DEGRO-Präsident Dunst. Allerdings seien die positiven Effekte bislang nur für die unmittelbare Wirkung der Radiochemotherapie gezeigt. „Vor allem gilt es nun zu prüfen, ob die zusätzliche Gabe des Wirkstoffs Oxaliplatin tatsächlich langfristig eine Rückkehr des Krebses verhindert und die Prognose der Patienten verbessert“, so der Experte.

Professor Rödel ergänzt, dass die Patienten des Studienarms mit den zwei Medikamenten diese Wirkstoff-Kombination gut vertrugen. Zwar verursachte die zusätzliche Gabe von Oxaliplatin häufiger Durchfall und Erbrechen. Insgesamt traten aber akut-toxische Effekte in beiden Gruppen gleich häufig auf – bei etwa 20 Prozent der Teilnehmer. Besonders positiv beurteilt der Experte die gute „Compliance“: In beiden Gruppen blieben über 80 Prozent der Teilnehmer bis zum Ende bei der Behandlung.

In einer zweiten, auch in „The Lancet Oncology“ veröffentlichten Studie prüften deutsche Mediziner ebenfalls bei Patienten mit lokal fortgeschrittenem Mastdarmkrebs, ob man Fluorouracil durch den Wirkstoff Capecitabin ersetzen kann. Tatsächlich erwies sich dieses Mittel als zumindest gleichwertig: Nach fünf Jahren lebten noch 76 Prozent der mit diesem Wirkstoff behandelten Patienten. Mit Fluorouracil lag der Anteil bei 67 Prozent. Derzeit prüft eine weitere Studie, ob auch die Wirkung von Capecitabin durch eine Kombination mit Oxaliplatin gesteigert werden kann.

Zur Strahlentherapie:
Die Strahlentherapie ist eine lokale, nicht-invasive, hochpräzise Behandlungsmethode mit hohen Sicherheitsstandards und regelmäßigen Qualitätskontrollen. Bildgebende Verfahren wie die Computer- oder Magnetresonanztomografie ermöglichen eine exakte Ortung des Krankheitsherdes, sodass die Radioonkologen die Strahlen dann zielgenau auf das zu bestrahlende Gewebe lenken können. Umliegendes Gewebe bleibt weitestgehend verschont.
Literatur:
Rödel, C. et al.: Preoperative chemoradiotherapy with fluorouracil and oxaliplatin versus fluorouracil alone in locally advanced rectal cancer: initial results of the German CAO/ARO/AIO-04 randomised phase 3 trial. Lancet Oncology 2012, Online-Vorabveröffentlichung
Hofheinz, R.-D. et al.: Chemoradiotherapy with capecitabine versus fluorouracil for locally advanced rectal cancer: a randomised, multicentre, non-inferiority, phase 3 trial. Lancet Oncology 2012; Bd. 13:579–588
Rödel, C.: Neoadjuvante Radiochemotherapie mit 5-FU plus Oxaliplatin beim lokal fortgeschrittenen Rektumkarzinom. Strahlentherapie und Onkologie 2012: Bd. 188:446–447

Kontakt für Journalisten:
Dagmar Arnold
Deutsche Gesellschaft für Radioonkologie e. V.
Pressestelle
Postfach 30 11 20
70451 Stuttgart
Telefon: 0711 8931-380
Fax: 0711 8931656-380
E-Mail: arnold@medizinkommunikation.org

Dagmar Arnold | idw
Weitere Informationen:
http://www.degro.org/

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Medizin Gesundheit:

nachricht Greifswalder Forscher dringen mit superauflösendem Mikroskop in zellulären Mikrokosmos ein
02.12.2016 | Ernst-Moritz-Arndt-Universität Greifswald

nachricht Epstein-Barr-Virus: von harmlos bis folgenschwer
30.11.2016 | Deutsches Zentrum für Infektionsforschung

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Medizin Gesundheit >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Greifswalder Forscher dringen mit superauflösendem Mikroskop in zellulären Mikrokosmos ein

Das Institut für Anatomie und Zellbiologie weiht am Montag, 05.12.2016, mit einem wissenschaftlichen Symposium das erste Superresolution-Mikroskop in Greifswald ein. Das Forschungsmikroskop wurde von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) und dem Land Mecklenburg-Vorpommern finanziert. Nun können die Greifswalder Wissenschaftler Strukturen bis zu einer Größe von einigen Millionstel Millimetern mittels Laserlicht sichtbar machen.

Weit über hundert Jahre lang galt die von Ernst Abbe 1873 publizierte Theorie zur Auflösungsgrenze von Lichtmikroskopen als ein in Stein gemeißeltes Gesetz....

Im Focus: Durchbruch in der Diabetesforschung: Pankreaszellen produzieren Insulin durch Malariamedikament

Artemisinine, eine zugelassene Wirkstoffgruppe gegen Malaria, wandelt Glukagon-produzierende Alpha-Zellen der Bauchspeicheldrüse (Pankreas) in insulinproduzierende Zellen um – genau die Zellen, die bei Typ-1-Diabetes geschädigt sind. Das haben Forscher des CeMM Forschungszentrum für Molekulare Medizin der Österreichischen Akademie der Wissenschaften im Rahmen einer internationalen Zusammenarbeit mit modernsten Einzelzell-Analysen herausgefunden. Ihre bahnbrechenden Ergebnisse werden in Cell publiziert und liefern eine vielversprechende Grundlage für neue Therapien gegen Typ-1 Diabetes.

Seit einigen Jahren hatten sich Forscher an diesem Kunstgriff versucht, der eine simple und elegante Heilung des Typ-1 Diabetes versprach: Die vom eigenen...

Im Focus: Makromoleküle: Mit Licht zu Präzisionspolymeren

Chemikern am Karlsruher Institut für Technologie (KIT) ist es gelungen, den Aufbau von Präzisionspolymeren durch lichtgetriebene chemische Reaktionen gezielt zu steuern. Das Verfahren ermöglicht die genaue, geplante Platzierung der Kettengliedern, den Monomeren, entlang von Polymerketten einheitlicher Länge. Die präzise aufgebauten Makromoleküle bilden festgelegte Eigenschaften aus und eignen sich möglicherweise als Informationsspeicher oder synthetische Biomoleküle. Über die neuartige Synthesereaktion berichten die Wissenschaftler nun in der Open Access Publikation Nature Communications. (DOI: 10.1038/NCOMMS13672)

Chemische Reaktionen lassen sich durch Einwirken von Licht bei Zimmertemperatur auslösen. Die Forscher am KIT nutzen diesen Effekt, um unter Licht die...

Im Focus: Neuer Sensor: Was im Inneren von Schneelawinen vor sich geht

Ein neuer Radarsensor erlaubt Einblicke in die inneren Vorgänge von Schneelawinen. Entwickelt haben ihn Ingenieure der Ruhr-Universität Bochum (RUB) um Dr. Christoph Baer und Timo Jaeschke gemeinsam mit Kollegen aus Innsbruck und Davos. Das Messsystem ist bereits an einem Testhang im Wallis installiert, wo das Schweizer Institut für Schnee- und Lawinenforschung im Winter 2016/17 Messungen damit durchführen möchte.

Die erhobenen Daten sollen in Simulationen einfließen, die das komplexe Geschehen im Inneren von Lawinen detailliert nachbilden. „Was genau passiert, wenn sich...

Im Focus: Neuer Rekord an BESSY II: 10 Millionen Ionen erstmals bis auf 7,4 Kelvin gekühlt

Magnetische Grundzustände von Nickel2-Ionen spektroskopisch ermittelt

Ein internationales Team aus Deutschland, Schweden und Japan hat einen neuen Temperaturrekord für sogenannte Quadrupol-Ionenfallen erreicht, in denen...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Von „Coopetition“ bis „Digitale Union“ – Die Fertigungsindustrien im digitalen Wandel

02.12.2016 | Veranstaltungen

Experten diskutieren Perspektiven schrumpfender Regionen

01.12.2016 | Veranstaltungen

Die Perspektiven der Genom-Editierung in der Landwirtschaft

01.12.2016 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Parkinson-Krankheit und Dystonien: DFG-Forschergruppe eingerichtet

02.12.2016 | Förderungen Preise

Smart Data Transformation – Surfing the Big Wave

02.12.2016 | Studien Analysen

Nach der Befruchtung übernimmt die Eizelle die Führungsrolle

02.12.2016 | Biowissenschaften Chemie