Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Masern-Parties sind Körperverletzung

15.12.2014

Der Kinder-Infektiologe Prof. Dr. Philipp Henneke vom Universitätsklinikum Freiburg fordert größeres ein gesellschaftliches Engagement beim Impfen

Viele Kinder in Deutschland sind nicht ausreichend gegen Infektionskrankheiten geimpft, wie eine kürzlich im Deutschen Ärzteblatt erschienene bundesweite Studie zeigt. Gerade Baden-Württemberg hinkt bei vielen Impfungen hinterher.

Prof. Dr. Philipp Henneke, Leiter der Sektion Pädiatrische Infektiologie und Rheumatologie der Klinik für Allgemeine Kinder- und Jugendheilkunde am Universitätsklinikum Freiburg, setzt sich daher für ein „Grundrecht auf Impfung“ ein. Gestärkt sieht sich Prof. Henneke durch die von Bundesgesundheitsminister Herman Gröhe ins Gespräch gebrachte verpflichtende Impfberatung, bevor Eltern ihre Kinder in eine Kindertagesstätte geben dürfen.

Außerdem sollen nach dem Willen des Ministers drei zusätzliche Vorsorgeuntersuchungen für Kinder eingerichtet werden, die für diese Beratung genutzt werden können.

Besonders besorgniserregend ist die Situation bei den hochansteckenden Masern-Viren. Die Infektion kann zu einer Schädigung des Gehirns und sogar zum Tod führen. Gerade einmal zwei von 35 Landkreisen in Baden-Württemberg erreichen eine Durchimpfungsrate von über 95 Prozent. Ab diesem Wert gehen Mediziner davon aus, dass sich die Krankheit in der Gesellschaft nicht ausbreiten kann.

„Gerade bei einer so leicht übertragbaren Erkrankung wie den Masern gilt: Ich schütze andere, indem ich mich schütze“, erklärt Prof. Henneke, der am Centrum für Chronische Immundefizienz (CCI) des Universitätsklinikums Freiburg auch eine Forschungsgruppe zum Verlauf Infektionen leitet. Wie schnell mangelnder Impfschutz zu einer großen Gefahr werden kann, zeigte sich im Jahr 2013, als über 1800 Menschen teils mit schweren Folgen an Masern erkrankten.

Impfstoffe gehören zu den am besten untersuchten und kontrollierten medizinischen Substanzen. Unerwünschte Nebenwirkungen sind extrem selten und müssen sofort gemeldet werden. Dass manche Eltern so genannte „Masern-Parties“ – also das Zusammenbringen gesunder und kranker Kinder – als Alternative sehen, kann Prof. Henneke nicht verstehen: „So ein Verhalten kommt für mich einer Körperverletzung gleich. Masern sind keine Banalität, sondern eine potentiell gefährliche Erkrankung.“

Impfstoffe schützen zuverlässig vor einigen der gefährlichsten Infektionskrankheiten. Sie zählen zu den größten Errungenschaften der modernen Medizin. „Sie sind eine Basis-Errungenschaft der modernen Medizin und sollten so selbstverständlich sein wie die Wund-Desinfektion oder steriles Operations-Besteck“, ist Prof. Henneke überzeugt. Doch noch immer werde Impfen nicht als öffentliche Aufgabe wahrgenommen. Die Vorschläge des Bundesgesundheitsministers sieht der Infektiologe als einen Schritt in die richtige Richtung. „Wir brauchen keine Impfpflicht, aber Impfen sollte für verantwortungsvolle Eltern selbstverständlich sein.“

Auch beim Schutz vor Tetanus herrscht Nachholbedarf. In Baden-Württemberg sind in mehr als 20 Landkreisen fünf bis zehn Prozent der Kinder bei Einschulung nicht ausreichend gegen Tetanus geimpft. Eine Infektion mit dem Tetanus-Erreger führt zum schwer behandelbaren und oft tödlich verlaufenden Wundstarrkrampf. „Das gehört zur absoluten Basisversorgung“, so Prof. Henneke. „Wir haben eine paradoxe Situation: Auf der einen Seite bittet UNICEF in der Weihnachtszeit um Spenden für Tetanus-Impfungen in Entwicklungsländern. In Deutschland hingegen verfügen wir über eine hervorragende medizinische Infrastruktur, aber den eindeutigen Impfempfehlungen wird in zu vielen Fällen nicht entsprochen.“

Kontakt:
Prof. Dr. Philipp Henneke
Leiter der Sektion Pädiatrische Infektiologie und Rheumatologie
Klinik für Allgemeine Kinder- und Jugendheilkunde
Universitätsklinikum Freiburg
Telefon: 0761 270-77640
Philipp.Henneke@uniklinik-freiburg.de

Weitere Informationen:

http://www.uniklinik-freiburg.de Universitätsklinikum Freiburg
http://www.aerzteblatt.de/archiv/163517/Durchimpfungsraten-bei-der-Schuleingangs... Studie des Deutschen Ärzteblatts

Benjamin Waschow | idw - Informationsdienst Wissenschaft

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Medizin Gesundheit:

nachricht Bei Notfällen wie Herzinfarkt und Schlaganfall immer den Notruf 112 wählen: Jede Minute zählt!
22.06.2017 | Deutsche Herzstiftung e.V./Deutsche Stiftung für Herzforschung

nachricht Tropenviren bald auch in Europa? Bayreuther Forscher untersuchen Folgen des Klimawandels
21.06.2017 | Universität Bayreuth

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Medizin Gesundheit >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Klima-Satellit: Mit robuster Lasertechnik Methan auf der Spur

Hitzewellen in der Arktis, längere Vegetationsperioden in Europa, schwere Überschwemmungen in Westafrika – mit Hilfe des deutsch-französischen Satelliten MERLIN wollen Wissenschaftler ab 2021 die Emissionen des Treibhausgases Methan auf der Erde erforschen. Möglich macht das ein neues robustes Lasersystem des Fraunhofer-Instituts für Lasertechnologie ILT in Aachen, das eine bisher unerreichte Messgenauigkeit erzielt.

Methan entsteht unter anderem bei Fäulnisprozessen. Es ist 25-mal wirksamer als das klimaschädliche Kohlendioxid, kommt in der Erdatmosphäre aber lange nicht...

Im Focus: Climate satellite: Tracking methane with robust laser technology

Heatwaves in the Arctic, longer periods of vegetation in Europe, severe floods in West Africa – starting in 2021, scientists want to explore the emissions of the greenhouse gas methane with the German-French satellite MERLIN. This is made possible by a new robust laser system of the Fraunhofer Institute for Laser Technology ILT in Aachen, which achieves unprecedented measurement accuracy.

Methane is primarily the result of the decomposition of organic matter. The gas has a 25 times greater warming potential than carbon dioxide, but is not as...

Im Focus: How protons move through a fuel cell

Hydrogen is regarded as the energy source of the future: It is produced with solar power and can be used to generate heat and electricity in fuel cells. Empa researchers have now succeeded in decoding the movement of hydrogen ions in crystals – a key step towards more efficient energy conversion in the hydrogen industry of tomorrow.

As charge carriers, electrons and ions play the leading role in electrochemical energy storage devices and converters such as batteries and fuel cells. Proton...

Im Focus: Die Schweiz in Pole-Position in der neuen ESA-Mission

Die Europäische Weltraumagentur ESA gab heute grünes Licht für die industrielle Produktion von PLATO, der grössten europäischen wissenschaftlichen Mission zu Exoplaneten. Partner dieser Mission sind die Universitäten Bern und Genf.

Die Europäische Weltraumagentur ESA lanciert heute PLATO (PLAnetary Transits and Oscillation of stars), die grösste europäische wissenschaftliche Mission zur...

Im Focus: Forscher entschlüsseln erstmals intaktes Virus atomgenau mit Röntgenlaser

Bahnbrechende Untersuchungsmethode beschleunigt Proteinanalyse um ein Vielfaches

Ein internationales Forscherteam hat erstmals mit einem Röntgenlaser die atomgenaue Struktur eines intakten Viruspartikels entschlüsselt. Die verwendete...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

10. HDT-Tagung: Elektrische Antriebstechnologie für Hybrid- und Elektrofahrzeuge

22.06.2017 | Veranstaltungen

„Fit für die Industrie 4.0“ – Tagung von Hochschule Darmstadt und Schader-Stiftung am 27. Juni

22.06.2017 | Veranstaltungen

Forschung zu Stressbewältigung wird diskutiert

21.06.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Individualisierte Faserkomponenten für den Weltmarkt

22.06.2017 | Physik Astronomie

Evolutionsbiologie: Wie die Zellen zu ihren Kraftwerken kamen

22.06.2017 | Biowissenschaften Chemie

Spinflüssigkeiten – zurück zu den Anfängen

22.06.2017 | Physik Astronomie