Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Warum manche Babys kein Vitamin D vertragen

22.06.2011
Manchmal kann auch das Gute zu viel sein - Mediziner an der Universität Münster fanden heraus, warum manche Babys kein Vitamin D vertragen

Eigentlich soll es Wachstumsstörungen der Knochen vorbeugen. In seltenen Fällen aber vertragen Säuglinge das Vitamin D nicht, das ihnen zur Vermeidung von Rachitis verabreicht wird. Forscher der Universität Münster konnten nun in Zusammenarbeit mit einem kanadischen Wissenschaftlerteam den Grund nachweisen: Ursache ist ein Gendefekt in einem Enzym, das Vitamin D abbaut. Die Studie wurde jetzt in der renommierten Fachzeitschrift „New England Journal of Medicine“ veröffentlicht.

Bei Fachleuten heißt die Erkrankung „Idiopathische infantile Hyperkalzämie“. Sie wurde erstmals in den 1950er Jahren beschrieben, als Säuglinge in Großbritannien zum Schutz vor Rachitis große Mengen an Vitamin D erhielten. Dieses Vitamin steuert im menschlichen Organismus vor allem den Kalzium-Haushalt, und der wiederum ist für einen gesunden Knochenbau wichtig. Einige der Babys jedoch entwickelten Erbrechen, bekamen Fieber, schieden zu viel Urin aus und nahmen an Gewicht ab. Die Ärzte stellten fest, dass sich in Blut und Nieren zu viel Kalzium angesammelt hatte.

„Von Hundertausenden von Kindern wurden in Großbritannien etwa 200 krank. Eine genaue Erklärung dafür hatten die Wissenschaftler damals nicht. Lediglich der Zusammenhang mit der Vitamingabe war offensichtlich. Zu viel konnte offenbar toxisch wirken, daher wurde die Dosis reduziert“, erklärt Prof. Dr. Martin Konrad, Leitender Oberarzt der Klinik für Allgemeine Pädiatrie des Universitätsklinikums Münster und Experte für Nierenkrankheiten. In der ehemaligen DDR wurde noch bis 1990 eine zweimonatliche so genannte „Stoßtherapie“ mit sehr hohen Vitamin-D-Gaben unter ärztlicher Aufsicht praktiziert. Prof. Konrad und sein Kollege Dr. Karl Peter Schlingmann, die damals noch in Marburg tätig waren, hatten Kontakte zu einem Kollegen aus Ostdeutschland. Dieser berichtete, dass einige Kinder unter der Stoßtherapie schon nach wenigen Wochen die für das Krankheitsbild typischen Symptome gezeigt hatten.

In den westlichen Ländern wurde nach den Erfahrungen in Großbritannien die Dosis auf 400 bis 500 Einheiten Vitamin D täglich während des ersten Lebensjahres reduziert. Die Zahl der Komplikationen ging dadurch zurück, ohne dass die Häufigkeit einer Rachitis als Folge eines Vitamin D-Mangels zunahm. Die Vermutung früherer Forscher, dass die an Hyperkalzämie erkrankten Babys eine besondere Empfindlichkeit für das Vitamin haben, konnte Prof. Konrads Arbeitsgruppe in Zusammenarbeit mit dem Team des Biochemikers Prof. Glenville Jones von der Queen’s University in Kingston (Kanada) bestätigen: Die Wissenschaftler entdeckten bei erkrankten Kindern Mutationen im Gen CYP24A1.

Dieses Gen kodiert für das Schlüsselenzym des Abbaus von aktivem Vitamin D im menschlichen Körper. Die Mutationen führen zu einem Ausfall des Enzyms, wodurch der Vitamin-D-Spiegel ansteigt. Die Idee für die Studie stammt von den Münsteranern, die auch sämtliche klinischen Untersuchungen und Gentests durchführten. „Die Kooperation mit Prof. Jones ergab sich, weil er zurzeit als einziger Forscher weltweit in der Lage ist, die Abbauprodukte des Vitamin D-Stoffwechsels nachzuweisen. Und dieser Nachweis war nötig, um zu zeigen, dass das betreffende Enzym tatsächlich nicht mehr funktioniert“, so Konrad.

Exakte Zahlen über die Häufigkeit in der Bevölkerung gibt es nicht. Man schätzt, dass eines von etwa 50.000 Babys betroffen ist. Der Gendefekt wird autosomal-rezessiv vererbt. Dies bedeutet, dass beim Kind ein 25-prozentiges Risiko für das Auftreten der Erkrankung besteht, wenn beide Eltern Träger der Krankheitsanlage sind. Da die Symptome zunächst recht unspezifisch sind, ist eine eindeutige Diagnose nicht einfach. Schwer erkrankte Kinder werden meist an Universitätskliniken überwiesen, wo die Ursache dann eindeutig festgestellt werden kann.

Prof. Konrad warnt davor, aufgrund der neuen Erkenntnisse nun Babys die Vitamin-D-Prophylaxe vorzuenthalten: „Die ist in jedem Fall richtig und sinnvoll“. Jedes Baby einem Gentest zu unterziehen, sei weder ethisch noch aus Kostengründen vertretbar. „Wenn man weiterhin vernünftig mit dieser Prophylaxe umgeht, wird es nur einige wenige Kinder treffen“, so der Experte. Mit Skepsis sieht Konrad jedoch, dass immer mehr Erwachsene Vitamin D in einer Dosis von mehreren tausend Einheiten pro Tag zu sich nehmen, um, wie es die Werbung verspricht, ihre Knochen und ihr Immunsystem zu stärken. „Wenn jemand aufgrund eines Gendefekts Vitamin D nicht verträgt, so gilt dies ein Leben lang. Prophylaxe ist sinnvoll, man darf es aber nicht übertreiben.“

Redaktion: Dr. Thomas Bauer (Telefon: 0251 83-58937; E-Mail: thbauer@uni-muenster.de)

Literatur: Karl P. Schlingmann et al.: Mutations in CYP24A1 and Idiopathic Infantile Hypercalcemia; The New England Journal of Medicine, June 15, 2011 (10.1056/NEJMoa1103864)

Dr. Christina Heimken | idw
Weitere Informationen:
http://www.uni-muenster.de
http://dx.doi.org/10.1056/NEJMoa1103864

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Medizin Gesundheit:

nachricht Neuer Ansatz gegen Gastritis
10.08.2017 | Medizinische Hochschule Hannover

nachricht Wenn Schimmelpilze das Auge zerstören
10.08.2017 | Julius-Maximilians-Universität Würzburg

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Medizin Gesundheit >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Topologische Quantenzustände einfach aufspüren

Durch gezieltes Aufheizen von Quantenmaterie können exotische Materiezustände aufgespürt werden. Zu diesem überraschenden Ergebnis kommen Theoretische Physiker um Nathan Goldman (Brüssel) und Peter Zoller (Innsbruck) in einer aktuellen Arbeit im Fachmagazin Science Advances. Sie liefern damit ein universell einsetzbares Werkzeug für die Suche nach topologischen Quantenzuständen.

In der Physik existieren gewisse Größen nur als ganzzahlige Vielfache elementarer und unteilbarer Bestandteile. Wie das antike Konzept des Atoms bezeugt, ist...

Im Focus: Unterwasserroboter soll nach einem Jahr in der arktischen Tiefsee auftauchen

Am Dienstag, den 22. August wird das Forschungsschiff Polarstern im norwegischen Tromsø zu einer besonderen Expedition in die Arktis starten: Der autonome Unterwasserroboter TRAMPER soll nach einem Jahr Einsatzzeit am arktischen Tiefseeboden auftauchen. Dieses Gerät und weitere robotische Systeme, die Tiefsee- und Weltraumforscher im Rahmen der Helmholtz-Allianz ROBEX gemeinsam entwickelt haben, werden nun knapp drei Wochen lang unter Realbedingungen getestet. ROBEX hat das Ziel, neue Technologien für die Erkundung schwer erreichbarer Gebiete mit extremen Umweltbedingungen zu entwickeln.

„Auftauchen wird der TRAMPER“, sagt Dr. Frank Wenzhöfer vom Alfred-Wegener-Institut, Helmholtz-Zentrum für Polar- und Meeresforschung (AWI) selbstbewusst. Der...

Im Focus: Mit Barcodes der Zellentwicklung auf der Spur

Darüber, wie sich Blutzellen entwickeln, existieren verschiedene Auffassungen – sie basieren jedoch fast ausschließlich auf Experimenten, die lediglich Momentaufnahmen widerspiegeln. Wissenschaftler des Deutschen Krebsforschungszentrums stellen nun im Fachjournal Nature eine neue Technik vor, mit der sich das Geschehen dynamisch erfassen lässt: Mithilfe eines „Zufallsgenerators“ versehen sie Blutstammzellen mit genetischen Barcodes und können so verfolgen, welche Zelltypen aus der Stammzelle hervorgehen. Diese Technik erlaubt künftig völlig neue Einblicke in die Entwicklung unterschiedlicher Gewebe sowie in die Krebsentstehung.

Wie entsteht die Vielzahl verschiedener Zelltypen im Blut? Diese Frage beschäftigt Wissenschaftler schon lange. Nach der klassischen Vorstellung fächern sich...

Im Focus: Fizzy soda water could be key to clean manufacture of flat wonder material: Graphene

Whether you call it effervescent, fizzy, or sparkling, carbonated water is making a comeback as a beverage. Aside from quenching thirst, researchers at the University of Illinois at Urbana-Champaign have discovered a new use for these "bubbly" concoctions that will have major impact on the manufacturer of the world's thinnest, flattest, and one most useful materials -- graphene.

As graphene's popularity grows as an advanced "wonder" material, the speed and quality at which it can be manufactured will be paramount. With that in mind,...

Im Focus: Forscher entwickeln maisförmigen Arzneimittel-Transporter zum Inhalieren

Er sieht aus wie ein Maiskolben, ist winzig wie ein Bakterium und kann einen Wirkstoff direkt in die Lungenzellen liefern: Das zylinderförmige Vehikel für Arzneistoffe, das Pharmazeuten der Universität des Saarlandes entwickelt haben, kann inhaliert werden. Professor Marc Schneider und sein Team machen sich dabei die körpereigene Abwehr zunutze: Makrophagen, die Fresszellen des Immunsystems, fressen den gesundheitlich unbedenklichen „Nano-Mais“ und setzen dabei den in ihm enthaltenen Wirkstoff frei. Bei ihrer Forschung arbeiteten die Pharmazeuten mit Forschern der Medizinischen Fakultät der Saar-Uni, des Leibniz-Instituts für Neue Materialien und der Universität Marburg zusammen Ihre Forschungsergebnisse veröffentlichten die Wissenschaftler in der Fachzeitschrift Advanced Healthcare Materials. DOI: 10.1002/adhm.201700478

Ein Medikament wirkt nur, wenn es dort ankommt, wo es wirken soll. Wird ein Mittel inhaliert, muss der Wirkstoff in der Lunge zuerst die Hindernisse...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Wissenschaftliche Grundlagen für eine erfolgreiche Klimapolitik

21.08.2017 | Veranstaltungen

DGI-Forum in Wittenberg: Fake News und Stimmungsmache im Netz

21.08.2017 | Veranstaltungen

European Conference on Eye Movements: Internationale Tagung an der Bergischen Universität Wuppertal

18.08.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Studie für Patienten mit Prostatakrebs: Einteilung in genomische Gruppen soll Therapie präzisieren

21.08.2017 | Interdisziplinäre Forschung

Forscher entwickeln zweidimensionalen Kristall mit hoher Leitfähigkeit

21.08.2017 | Physik Astronomie

Ein neuer Indikator für marine Ökosystem-Veränderungen - der Dia/Dino-Index

21.08.2017 | Ökologie Umwelt- Naturschutz