Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Leberzirrhose: Bluttest identifiziert lebensgefährliche Fälle

07.11.2008
Patienten mit einer Zirrhose lassen sich oft nur durch eine Transplantation retten. Allerdings gibt es viel zu wenig Spenderorgane. Sie sollen daher bevorzugt lebensgefährlichen Fällen zu Gute kommen.

Diese lassen sich anscheinend an einem speziellen Blutprotein mit einer größeren Genauigkeit erkennen, als bislang möglich war. Das Protein namens sTNF-R75 könnte Ärzten dabei helfen, die Warteliste in eine entsprechende Rangfolge zu bringen. Das zeigt eine Studie am Universitätsklinikum Bonn, die in der kommenden Ausgabe der Zeitschrift Clinical Gastroenterology and Hepatology erscheint.

Eine Zirrhose entsteht typischerweise durch jahrelangen starken Alkohol-Konsum. Ursachen können aber auch Entzündungen wie eine Hepatitis B oder C sein. Die Leber wandelt sich dabei nach und nach in narbiges Bindegewebe um - ein Prozess, der irreversibel ist. Sie kann dann ihre vielfältigen Aufgaben nicht mehr wahrnehmen - unter anderem dient sie als Energiespeicher und wichtigste Entgiftungs-Station des Körpers. Eine Leberzirrhose ist daher lebensgefährlich; am Ende steht meist die Transplantation.

Doch gibt es bei weitem nicht genügend Ersatzlebern, um den Bedarf zu decken. "Die Mediziner nehmen daher eine Reihung vor", erklärt die Bonner Ärztin Dr. Bettina Rezori. "Dazu stützen sie sich vor allem auf den so genannten MELD-Score." Das ist letztlich nichts anderes als eine Zahl, die sich aus verschiedenen Blutwerten berechnet. Bei einem Score von 15 und mehr gilt der entsprechende Patient als gefährdet und wird auf die Transplantationsliste gesetzt. Das ist die Voraussetzung dafür, dass er bei der Vergabe von Spenderorganen berücksichtigt werden kann.

Doch der MELD-Score differenziert nicht genau genug. "Immer wieder versterben Zirrhose-Patienten, die es wegen eines unkritischen Scores gar nicht auf die Transplantationsliste geschafft haben", sagt Bettina Rezori. Die Assistenzärztin der Anästhesie hat in der Abteilung für Innere Medizin 1 des Universitätsklinikums Bonn über ein Blutprotein promoviert, das das eventuell ändern könnte. Die Rede ist vom so genannten "Tumor-Nekrose-Faktor", einem Signalmolekül, das die Immunabwehr zu Höchstleistungen anspornt. "Das funktioniert so gut, dass die alarmierten Abwehrzellen selbst Tumoren angreifen und zerstören können - daher auch der Name", erklärt Dr. Christoph Reichel. Der Direktor des Reha-Zentrums Bad Brückenau und Privatdozent an der Bonner Medizinischen Fakultät hat Bettina Rezoris Doktorarbeit betreut.

Bei einer Leberzirrhose setzt der Körper permanent Tumor-Nekrose-Faktor frei. Das Immunsystem läuft dadurch dauerhaft auf Hochtouren - eine nicht unbedingt erwünschte Reaktion: Denn mit der Zeit wird die Leber durch den Angriff der körpereigenen Streitkräfte noch weiter geschädigt. Wer viel Tumor-Nekrose-Faktor ausschüttet, ist daher möglicherweise besonders anfällig für ein tödliches Organversagen. "Der Tumor-Nekrose-Faktor selbst eignet sich aus diversen Gründen aber nicht allzu gut für einen Bluttest", sagt Reichel.

Die Mediziner gingen in ihrer Studie daher einen indirekten Weg: Der Tumor-Nekrose-Faktor dockt nämlich an einen Rezeptor auf der Oberfläche bestimmter Zellen an. Das ist gewissermaßen der Startschuss zur verstärkten Immunreaktion. Der Rezeptor (im Fachjargon sTNF-R75 genannt) samt seiner Fracht hat dann seiner Schuldigkeit getan: Er wird von der Zelle ins Blut entsorgt und über die Nieren ausgeschieden. "Wir messen daher die Konzentration von sTNF-R75 im Blut", erklärt Reichel. "Denn auch die steigt bei Leberschädigungen an."

Die Mediziner untersuchten in ihrer zweijährigen Studie 92 Patienten mit Leberzirrhose. Nur sieben von ihnen konnte in dieser Zeit eine Spenderleber transplantiert werden. Als Entscheidungskriterium für die Dringlichkeit diente den Ärzten der MELD-Score. 44 weitere Patienten starben, ohne dass ihnen ein Ersatzorgan angeboten werden konnte. Bei 11 von ihnen war der MELD-Score unkritisch gewesen. Der sTNF-R75-Spiegel hatte sie dagegen korrekt als Risiko-Patienten ausgewiesen. Umgekehrt hätte der MELD-Score 18 der überlebenden Patienten als gefährdet eingestuft. Sieben von ihnen wiesen jedoch einen unkritischen sTNF-R75-Spiegel auf.

Allerdings kann die sTNF-R75-Menge beispielsweise auch bei einer verminderten Nierenfunktion ansteigen - und zwar selbst dann, wenn die Leber noch nicht weitreichend geschädigt ist. "In Verbindung mit dem MELD-Score ist der sTNF-R75-Spiegel jedoch gut geeignet, um das Sterberisiko von Patienten mit Leberzirrhose genauer abzuschätzen", fasst Bettina Rezori die Ergebnisse zusammen. "Für die Entscheidung, wer ein Spenderorgan wirklich dringend benötigt und wer vielleicht noch warten kann, ist das eine extrem wichtige Information."

Kontakt:
Dr. Bettina Rezori
Telefon: 0228/383-0
E-Mail: b_rezori@yahoo.de
oder
Privatdozent Dr. Christoph Reichel
Reha-Zentrum Bad Brückenau
Telefon: 09741/82-161
E-Mail: christoph.reichel@web.de

Frank Luerweg | idw
Weitere Informationen:
http://www.uni-bonn.de/

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Medizin Gesundheit:

nachricht Lymphdrüsenkrebs programmiert Immunzellen zur Förderung des eigenen Wachstums um
22.02.2018 | Wilhelm Sander-Stiftung

nachricht Forscher entdecken neuen Signalweg zur Herzmuskelverdickung
22.02.2018 | Ruhr-Universität Bochum

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Medizin Gesundheit >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Vorstoß ins Innere der Atome

Mit Hilfe einer neuen Lasertechnologie haben es Physiker vom Labor für Attosekundenphysik der LMU und des MPQ geschafft, Attosekunden-Lichtblitze mit hoher Intensität und Photonenenergie zu produzieren. Damit konnten sie erstmals die Interaktion mehrere Photonen in einem Attosekundenpuls mit Elektronen aus einer inneren atomaren Schale beobachten konnten.

Wer die ultraschnelle Bewegung von Elektronen in inneren atomaren Schalen beobachten möchte, der benötigt ultrakurze und intensive Lichtblitze bei genügend...

Im Focus: Attoseconds break into atomic interior

A newly developed laser technology has enabled physicists in the Laboratory for Attosecond Physics (jointly run by LMU Munich and the Max Planck Institute of Quantum Optics) to generate attosecond bursts of high-energy photons of unprecedented intensity. This has made it possible to observe the interaction of multiple photons in a single such pulse with electrons in the inner orbital shell of an atom.

In order to observe the ultrafast electron motion in the inner shells of atoms with short light pulses, the pulses must not only be ultrashort, but very...

Im Focus: Good vibrations feel the force

Eine Gruppe von Forschern um Andrea Cavalleri am Max-Planck-Institut für Struktur und Dynamik der Materie (MPSD) in Hamburg hat eine Methode demonstriert, die es erlaubt die interatomaren Kräfte eines Festkörpers detailliert auszumessen. Ihr Artikel Probing the Interatomic Potential of Solids by Strong-Field Nonlinear Phononics, nun online in Nature veröffentlich, erläutert, wie Terahertz-Laserpulse die Atome eines Festkörpers zu extrem hohen Auslenkungen treiben können.

Die zeitaufgelöste Messung der sehr unkonventionellen atomaren Bewegungen, die einer Anregung mit extrem starken Lichtpulsen folgen, ermöglichte es der...

Im Focus: Good vibrations feel the force

A group of researchers led by Andrea Cavalleri at the Max Planck Institute for Structure and Dynamics of Matter (MPSD) in Hamburg has demonstrated a new method enabling precise measurements of the interatomic forces that hold crystalline solids together. The paper Probing the Interatomic Potential of Solids by Strong-Field Nonlinear Phononics, published online in Nature, explains how a terahertz-frequency laser pulse can drive very large deformations of the crystal.

By measuring the highly unusual atomic trajectories under extreme electromagnetic transients, the MPSD group could reconstruct how rigid the atomic bonds are...

Im Focus: Verlässliche Quantencomputer entwickeln

Internationalem Forschungsteam gelingt wichtiger Schritt auf dem Weg zur Lösung von Zertifizierungsproblemen

Quantencomputer sollen künftig algorithmische Probleme lösen, die selbst die größten klassischen Superrechner überfordern. Doch wie lässt sich prüfen, dass der...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

VideoLinks
Industrie & Wirtschaft
Veranstaltungen

Von festen Körpern und Philosophen

23.02.2018 | Veranstaltungen

Spannungsfeld Elektromobilität

23.02.2018 | Veranstaltungen

DFG unterstützt Kongresse und Tagungen - April 2018

21.02.2018 | Veranstaltungen

VideoLinks
Wissenschaft & Forschung
Weitere VideoLinks im Überblick >>>
 
Aktuelle Beiträge

Vorstoß ins Innere der Atome

23.02.2018 | Physik Astronomie

Wirt oder Gast? Proteomik gibt neue Aufschlüsse über Reaktion von Rifforganismen auf Umweltstress

23.02.2018 | Biowissenschaften Chemie

Wie Zellen unterschiedlich auf Stress reagieren

23.02.2018 | Biowissenschaften Chemie

Weitere B2B-VideoLinks
IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics