Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Mit kühlem Kopf Herzproblemen vorbeugen

26.07.2010
Max-Planck-Forscher klären Ursache des „Flushing“-Effekts bei der Cholesterin-Behandlung mit Nikotinsäure auf.

Cholesterin beeinflusst die Gesundheit von Herz und Blutgefäßen. In gängigen Therapien versucht man deshalb, den Spiegel des „schlechten“ Cholesterins, des LDL-Cholesterins, im Blutplasma zu senken. Den umgekehrten Weg, nämlich die Konzentration des „guten“ HDL-Cholesterins durch das Medikament Nikotinsäure zu erhöhen, nahmen Patienten bisher nur ungern auf sich. Das liegt daran, dass die Behandlung mit Nikotinsäure eine wenn auch ungefährliche, so doch unangenehme Nebenwirkung hat: Die Patienten bekommen einen hochroten Kopf.

Wissenschaftler vom Max-Planck-Institut für Herz- und Lungenforschung in Bad Nauheim haben nun den Mechanismus dieses als „Flushing“ bezeichneten Effekts geklärt, wodurch die Entwicklung von „Flush-Hemmern“ und somit eine verbesserte Therapie möglich wird. (Journal of Clinical Investigation, Online-Version: 26. Juli 2010)

Die Behandlung von Fettstoffwechselstörungen gilt – neben einer gesunden Lebensweise – als eine der wichtigen Präventionsmaßnahmen bei der Vermeidung von Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Als Schlüsselmolekül gilt dabei das Cholesterin. In aller Munde ist zumeist das LDL-Cholesterin. Dieses „schlechte“ Cholesterin gilt als einer der wichtigsten Risikofaktoren für die Entstehung kardiovaskulärer Erkrankungen. Je höher die Plasmakonzentration des LDL-Cholesterins, desto höher ist das individuelle Risiko, Herzinfarkt, Schlaganfall oder periphere Gefäßerkrankungen zu erleiden. Umgekehrt gilt dies aber auch für das „gute“ Cholesterin. Je höher der Spiegel dieses HDL-Cholesterins, desto geringer ist das Erkrankungsrisiko. Deshalb verfolgt man in jüngster Zeit verstärkt die Strategie, die HDL-Plasmakonzentration medikamentös zu erhöhen. Als Hoffnungsträger gilt hierbei die Nikotinsäure.

„Das Hauptproblem bei der Behandlung mit Nikotinsäure – die im Übrigen nichts mit dem Nikotin im Tabak zu tun hat – liegt im Auftreten des Flushings“, sagt Stefan Offermanns, Direktor der Abteilung „Pharmakologie“ am Max-Planck-Institut für Herz- und Lungenforschung. „Bereits kurze Zeit nach Einnahme von Nikotinsäure kommt es bis zu eineinhalb Stunden lang zu einer sehr starken Rötung des Gesichts und des Oberkörpers. Ursache dafür ist die Erweiterung von Blutgefäßen in der Haut.“ Zusammen mit einem starken Wärmegefühl und Brennen sind die Symptome zwar mit denen eines Sonnenbrands vergleichbar, ansonsten aber völlig ungefährlich. Allerdings brechen Patienten die Therapie oftmals wegen dieser Symptome ab.

Es handelt sich beim „Flushing“-Phänomen um ein typisches pharmakologisches Problem: Erwünschte und unerwünschte Wirkungen treten parallel auf. Deshalb verfolgten die Bad Nauheimer Wissenschaftler das Ziel, die Mechanismen der gewünschten und insbesondere der unerwünschten Wirkungen von Nikotinsäure zu verstehen. Die Ergebnisse dieser Arbeit werden nun in der Augustausgabe des Journal of Clinical Investigation veröffentlicht.

Offermanns und seinen Mitarbeitern war es bereits zuvor gelungen, einen spezifischen Rezeptor für Nikotinsäure zu identifizieren, der die erwünschten Wirkungen der Nikotinsäure vermittelt. Untersuchungen an Mäusen, in denen das Gen für diesen Rezeptor inaktiviert worden war, zeigten aber, dass der Rezeptor ebenfalls für die Nikotinsäure-induzierte Flushing-Reaktion verantwortlich ist. „Nun ist uns der Nachweis gelungen, dass der Rezeptor sowohl in den Hauptzellen der oberen Hautschicht, den so genannten Keratinozyten, vorhanden ist, als auch in Immunzellen dieser Hautschicht, den so genannten Langerhans-Zellen“, so Offermanns. Durch Untersuchung genetisch veränderter Mausstämme, bei denen der Rezeptor entweder in den Langerhans-Zellen oder in den Keratinozyten der oberen Hautschicht blockiert ist, konnten die Max-Planck-Forscher zeigen, dass die erste Phase der Flushing-Reaktion durch Aktivierung von Langerhans-Zellen ausgelöst wird. Die zweite länger andauernde Phase beruht dagegen auf einer Aktivierung von Keratinozyten. In den beiden Phasen werden durch die Aktivierung des Nikotinsäure-Rezeptors jeweils unterschiedliche Prostaglandine gebildet. „Durch Hemmung der Prostaglandin-Bildung oder durch Blockade der Prostaglandin-Rezeptoren in der Haut lässt sich das Flushing-Phänomen unterbinden, während die erwünschten Effekte der Nikotinsäure auf den Fettstoffwechsel dadurch unbeeinflusst bleiben.“

Offermanns ist sich sicher, dass mit diesen Befunden nun die Basis für neuartige Verfahren zur Hemmung der unerwünschten Flushing-Reaktion unter Nikotinsäuretherapie gelegt worden ist. So haben bereits mehrere pharmazeutische Unternehmen mit der Entwicklung neuartiger „Flush-Hemmer“ begonnen, die zu einer Verminderung der Prostaglandin-Bildung oder Prostaglandin-Wirkung führen. Wenn man diese zukünftig in Kombination mit Nikotinsäure verabreicht, lassen sich diese unangenehmen Nebenwirkungen unterdrücken, die bisher für die mangelnde Akzeptanz beim Patienten verantwortlich waren.

Originalpublikation:
Julien Hanson, Andreas Gille, Sabrina Zwykiel, Martina Lukasova, Björn E. Clausen, Kashan Ahmed, Sorin Tunaru, Angela Wirth, and Stefan Offermanns: Nicotinic acid– and mono-Methyl fumarate–induced flushing involves GPR109A expressed by keratinocytes and COX-2–dependent prostanoid formation in mice. J Clin Invest. doi:10.1172/JCI42273
Kontakt:
Prof. Dr. Stefan Offermanns
Max-Planck-Institut für Herz- und Lungenforschung
Abteilung Pharmakologie
Tel.: +49(0)6032 705 - 1201
Email: stefan.offermanns@mpi-bn.mpg.de
Dr. Matthias Heil, Presse- und Öffentlichkeitsarbeit
Max-Planck-Institut für Herz- und Lungenforschung
Tel.: +49(0)6032 705 - 1705
Email: matthias.heil@mpi-bn.mpg.de

Dr Harald Rösch | Max-Planck-Gesellschaft
Weitere Informationen:
http://www.mpi-bn.mpg.de

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Medizin Gesundheit:

nachricht Verschwindende Äderchen: Diabetes schädigt kleine Blutgefäße am Herz und erhöht das Infarkt-Risiko
23.03.2017 | Technische Universität München

nachricht Ein Knebel für die Anstandsdame führt zu Chaos in Krebszellen
22.03.2017 | Wilhelm Sander-Stiftung

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Medizin Gesundheit >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Wegweisende Erkenntnisse für die Biomedizin: NAD⁺ hilft bei Reparatur geschädigter Erbinformationen

Eine internationale Forschergruppe mit dem Bayreuther Biochemiker Prof. Dr. Clemens Steegborn präsentiert in 'Science' neue, für die Biomedizin wegweisende Forschungsergebnisse zur Rolle des Moleküls NAD⁺ bei der Korrektur von Schäden am Erbgut.

Die Zellen von Menschen und Tieren können Schäden an der DNA, dem Träger der Erbinformation, bis zu einem gewissen Umfang selbst reparieren. Diese Fähigkeit...

Im Focus: Designer-Proteine falten DNA

Florian Praetorius und Prof. Hendrik Dietz von der Technischen Universität München (TUM) haben eine neue Methode entwickelt, mit deren Hilfe sie definierte Hybrid-Strukturen aus DNA und Proteinen aufbauen können. Die Methode eröffnet Möglichkeiten für die zellbiologische Grundlagenforschung und für die Anwendung in Medizin und Biotechnologie.

Desoxyribonukleinsäure – besser bekannt unter der englischen Abkürzung DNA – ist die Trägerin unserer Erbinformation. Für Prof. Hendrik Dietz und Florian...

Im Focus: Fliegende Intensivstationen: Ultraschallgeräte in Rettungshubschraubern können Leben retten

Etwa 21 Millionen Menschen treffen jährlich in deutschen Notaufnahmen ein. Im Kampf zwischen Leben und Tod zählt für diese Patienten jede Minute. Wenn sie schon kurz nach dem Unfall zielgerichtet behandelt werden können, verbessern sich ihre Überlebenschancen erheblich. Damit Notfallmediziner in solchen Fällen schnell die richtige Diagnose stellen können, kommen in den Rettungshubschraubern der DRF Luftrettung und zunehmend auch in Notarzteinsatzfahrzeugen mobile Ultraschallgeräte zum Einsatz. Experten der Deutschen Gesellschaft für Ultraschall in der Medizin e.V. (DEGUM) schulen die Notärzte und Rettungsassistenten.

Mit mobilen Ultraschallgeräten können Notärzte beispielsweise innere Blutungen direkt am Unfallort identifizieren und sie bei Bedarf auch für Untersuchungen im...

Im Focus: Gigantische Magnetfelder im Universum

Astronomen aus Bonn und Tautenburg in Thüringen beobachteten mit dem 100-m-Radioteleskop Effelsberg Galaxienhaufen, das sind Ansammlungen von Sternsystemen, heißem Gas und geladenen Teilchen. An den Rändern dieser Galaxienhaufen fanden sie außergewöhnlich geordnete Magnetfelder, die sich über viele Millionen Lichtjahre erstrecken. Sie stellen die größten bekannten Magnetfelder im Universum dar.

Die Ergebnisse werden am 22. März in der Fachzeitschrift „Astronomy & Astrophysics“ veröffentlicht.

Galaxienhaufen sind die größten gravitativ gebundenen Strukturen im Universum, mit einer Ausdehnung von etwa zehn Millionen Lichtjahren. Im Vergleich dazu ist...

Im Focus: Giant Magnetic Fields in the Universe

Astronomers from Bonn and Tautenburg in Thuringia (Germany) used the 100-m radio telescope at Effelsberg to observe several galaxy clusters. At the edges of these large accumulations of dark matter, stellar systems (galaxies), hot gas, and charged particles, they found magnetic fields that are exceptionally ordered over distances of many million light years. This makes them the most extended magnetic fields in the universe known so far.

The results will be published on March 22 in the journal „Astronomy & Astrophysics“.

Galaxy clusters are the largest gravitationally bound structures in the universe. With a typical extent of about 10 million light years, i.e. 100 times the...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Rund 500 Fachleute aus Wissenschaft und Wirtschaft diskutierten über technologische Zukunftsthemen

24.03.2017 | Veranstaltungen

Lebenswichtige Lebensmittelchemie

23.03.2017 | Veranstaltungen

Die „Panama Papers“ aus Programmierersicht

22.03.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Rund 500 Fachleute aus Wissenschaft und Wirtschaft diskutierten über technologische Zukunftsthemen

24.03.2017 | Veranstaltungsnachrichten

Förderung des Instituts für Lasertechnik und Messtechnik in Ulm mit rund 1,63 Millionen Euro

24.03.2017 | Förderungen Preise

TU-Bauingenieure koordinieren EU-Projekt zu Recycling-Beton von über sieben Millionen Euro

24.03.2017 | Förderungen Preise