Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Knochenmarktransplantation: Neuer Wirkstoff schützt fast nebenwirkungsfrei vor Virus-Infektionen

08.05.2014

Letermovir hält die im Körper allgegenwärtigen Zytomegaloviren im für die Transplantation geschwächten Immunsystem betroffener Patienten in Schach

„So etwas habe ich in meiner bisherigen Forscher-Laufbahn bei einem hoch wirksamen Wirkstoff noch nicht erleben dürfen“, sagt Prof. Gerhard Ehninger begeistert.


Prof. Gerhard Ehninger

Foto: Christoph Reichelt

Der weltweit anerkannte Dresdner Hämatologe, Direktor des Universitäts KrebsCentrums UCC am Universitätsklinikum Carl Gustav Carus Dresden und Mitbegründer der Deutschen Knochenmarkspenderdatei DKMS, koordinierte eine Studie zum Viren-blockenden Wirkstoff Letermovir auf nationaler und internationaler Ebene.

„Mit Letermovir blockieren wir den Austritt des vermehrten Virus aus der infiltrierten, befallenen Zelle“, erklärt Prof. Ehninger. Der dafür nötige Eingriff mit dem Wirkstoff auf zellulärer Ebene hat aber keine Auswirkungen auf andere Prozesse im Körper. Dieser fast nebenwirkungsfreie Wirkmechanismus des Medikaments zeigt sich eindrucksvoll in einer kontrollierten Doppel-Blind-Studie:

Erstmals konnte hier der Placebo-Effekt kontrolliert werden, das heißt, dass Letermovir so wenig giftig für den geschwächten Körper war, dass weniger Nebenwirkungen auftraten als bei Patienten, die gar keinen Wirkstoff erhielten. Ein typisches Beispiel für Patienten-nahe Forschung mit raschen, positiven Effekten für die Betroffenen.

In den vergangenen Jahren entwickelte sich am Standort der Hochschulmedizin Dresden die translationale Krebsforschung zu einem international sichtbaren Forschungsschwerpunkt. Heute (8. Mai 2014) veröffentlichte das aus den USA und Deutschland stammende Forscherteam im führenden Fachblatt „The New England Journal of Medicine“ (DOI: 10.1056/NEJMoa1309533) seine bahnbrechenden Ergebnisse. Das Editorial der Ausgabe widmet sich zusätzlich eingehend der Arbeit – ein Zeichen für die hohe Qualität und Relevanz der Studie.

„Mit dem Wirkstoff Letermovir können wir die für Gesunde ungefährlichen, aber für Immungeschwächte höchst gefährlichen Zytomegaloviren, auch als Humanes Herpes-Virus 5 bekannt, wirkungsvoll unterdrücken. Zerstören lassen sich diese evolutionsgeschichtlich gesehen uralten Stämme im Körper nicht“, erklärt Prof. Ehninger. Die bei bisherigen Wirkstoffen bei der Virus-Unterdrückung auftretenden schweren Nebenwirkungen sind aufgrund eines völlig neuartigen Wirkmechanismus auf zellulärer Ebene bei Letermovir je nach Wirkstoffmenge kaum noch oder gar nicht mehr zu beobachten.

„In der abschließenden Zulassungs-Studie dürfen wir deshalb den Probanden bereits am Tag der Knochenmarkstransplantation Letermovir verabreichen und die Viren früher bekämpfen – wegen der bei hergebrachten Wirkstoffen hervorgerufenen Nebenwirkungen war bisher erst an Tag 30 nach dem Eingriff eine Medikation zu verantworten, um die geschwächten Patienten nicht einem zu hohen Risiko auszusetzen.“

Eine Neuinfektion mit oder die Reaktivierung von bereits vorhandenen Zytomegaloviren (CMV) können bei immungeschwächten Menschen schwerwiegende Problemen verursachen. Es kann zu einer CMV-assoziierten Darmentzündung mit starkem Durchfall, Leber- oder Lungenentzündungen kommen, bei nierentransplantierten Menschen kann eine starke CMV-Reaktivierung zu einer Transplantats-Funktionsverschlechterung und womöglich sogar zum Verlust des Transplantates führen.

Bei 30 Prozent der AIDS-Patienten, die keine hochaktive antiretrovirale Therapie erhalten, befällt das Virus die Netzhaut und führt zum Erblinden. Die Infektion mit dem Zytomegalovirus ist außerdem mit Bluthochdruck und Arteriosklerose verbunden.

Der von den Wissenschaftlern in Dresden, Houston, Wuppertal, Münster, Würzburg, Iowa, Chicago und Stanford in einer umfangreichen klinischen Studie im Auftrag der Firma AiCuris getestete Wirkstoff Letermovir wirkt an anderer Stelle als derzeit genutzte Viren-Blocker: Diese haben die DNA-Polymerase, also die Vervielfältigung der Viren-DNA, durch Ausschalten eines bestimmten Eiweiß-Bausteins behindert. Dieser Baustein wird aber auch im restlichen Körper und nicht nur bei der Viren-Vermehrung benötigt. Dadurch kommt es zu teilweise erheblichen Nebenwirkungen wie eine Hemmung der Blutbildung oder Nierenfunktionsstörungen.

Mit der multizentrischen Studie wurde auch offenbar, dass die Virus-Testung in den Kliniken stärker entsprechend der Leitlinien der Weltgesundheitsorganisation WHO standardisiert werden muss. In wenigen Fällen wurden während der Studie Blutproben ermittelt, bei denen Kliniken einen noch nicht reaktivierten Virus diagnostizierten, im zentralen Studienlabor aber genau diese Reaktivierung nachgewiesen wurde. Eine zuverlässige und genaue Diagnostik dieser Parameter ist aber unabdingbar für den rechtzeitigen und richtig dosierten Einsatz virushemmender Mittel. 

The New England Journal of Medicine, May 8, 2014, vol. 370, no. 19: Letermovir for Cytomegalovirus Prophylaxis in Hematopoietic-Cell Transplantation; Roy F. Chemaly, M.D., Andrew J. Ullmann, M.D., Susanne Stoelben, M.D., Marie Paule Richard, M.D., Martin Bornhäuser, M.D., Christoph Groth, M.D., Hermann Einsele, M.D., Margarida Silverman, M.D., Kathleen M. Mullane, M.D., Janice Brown, M.D., Horst Nowak, Ph.D., Katrin Kölling, M.Sc., Hans P. Stobernack, D.V.M., Peter Lischka, Ph.D., Holger Zimmermann, Ph.D., Helga Rübsamen-Schaeff, Ph.D., Richard E. Champlin, M.D., and Gerhard Ehninger, M.D., for the AIC246 Study Team
DOI: 10.1056/NEJMoa1309533

Kontakt:
Universitäts KrebsCentrum des Universitätsklinikums
und der Medizinischen Fakultät Carl Gustav Carus der TU Dresden
Prof. Dr. med. Gerhard Ehninger, geschäftsführender Direktor
Tel.: 0049 (0) 351 458 4190
E-Mail: gerhard.ehninger@uniklinikum-dresden.de

Weitere Informationen:

http://www.krebscentrum.de

Konrad Kästner | idw - Informationsdienst Wissenschaft

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Medizin Gesundheit:

nachricht Chancen für die Behandlung von Kinderdemenz
24.07.2017 | Julius-Maximilians-Universität Würzburg

nachricht Titandioxid-Nanopartikel können Darmentzündungen verstärken
19.07.2017 | Universität Zürich

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Medizin Gesundheit >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: 3-D scanning with water

3-D shape acquisition using water displacement as the shape sensor for the reconstruction of complex objects

A global team of computer scientists and engineers have developed an innovative technique that more completely reconstructs challenging 3D objects. An ancient...

Im Focus: Einblicke unter die Oberfläche des Mars

Die Region erstreckt sich über gut 1000 Kilometer entlang des Äquators des Mars. Sie heißt Medusae Fossae Formation und über ihren Ursprung ist bislang wenig bekannt. Der Geologe Prof. Dr. Angelo Pio Rossi von der Jacobs University hat gemeinsam mit Dr. Roberto Orosei vom Nationalen Italienischen Institut für Astrophysik in Bologna und weiteren Wissenschaftlern einen Teilbereich dieses Gebietes, genannt Lucus Planum, näher unter die Lupe genommen – mithilfe von Radarfernerkundung.

Wie bei einem Röntgenbild dringen die Strahlen einige Kilometer tief in die Oberfläche des Planeten ein und liefern Informationen über die Struktur, die...

Im Focus: Molekulares Lego

Sie können ihre Farbe wechseln, ihren Spin verändern oder von fest zu flüssig wechseln: Eine bestimmte Klasse von Polymeren besitzt faszinierende Eigenschaften. Wie sie das schaffen, haben Forscher der Uni Würzburg untersucht.

Bei dieser Arbeit handele es sich um ein „Hot Paper“, das interessante und wichtige Aspekte einer neuen Polymerklasse behandelt, die aufgrund ihrer Vielfalt an...

Im Focus: Das Universum in einem Kristall

Dresdener Forscher haben in Zusammenarbeit mit einem internationalen Forscherteam einen unerwarteten experimentellen Zugang zu einem Problem der Allgemeinen Realitätstheorie gefunden. Im Fachmagazin Nature berichten sie, dass es ihnen in neuartigen Materialien und mit Hilfe von thermoelektrischen Messungen gelungen ist, die Schwerkraft-Quantenanomalie nachzuweisen. Erstmals konnten so Quantenanomalien in simulierten Schwerfeldern an einem realen Kristall untersucht werden.

In der Physik spielen Messgrößen wie Energie, Impuls oder elektrische Ladung, welche ihre Erscheinungsform zwar ändern können, aber niemals verloren gehen oder...

Im Focus: Manipulation des Elektronenspins ohne Informationsverlust

Physiker haben eine neue Technik entwickelt, um auf einem Chip den Elektronenspin mit elektrischen Spannungen zu steuern. Mit der neu entwickelten Methode kann der Zerfall des Spins unterdrückt, die enthaltene Information erhalten und über vergleichsweise grosse Distanzen übermittelt werden. Das zeigt ein Team des Departement Physik der Universität Basel und des Swiss Nanoscience Instituts in einer Veröffentlichung in Physical Review X.

Seit einigen Jahren wird weltweit untersucht, wie sich der Spin des Elektrons zur Speicherung und Übertragung von Information nutzen lässt. Der Spin jedes...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Gipfeltreffen der String-Mathematik: Internationale Konferenz StringMath 2017

24.07.2017 | Veranstaltungen

Von atmosphärischen Teilchen bis hin zu Polymeren aus nachwachsenden Rohstoffen

24.07.2017 | Veranstaltungen

Recherche-Reise zum European XFEL und DESY nach Hamburg

24.07.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Gipfeltreffen der String-Mathematik: Internationale Konferenz StringMath 2017

24.07.2017 | Veranstaltungsnachrichten

Von atmosphärischen Teilchen bis hin zu Polymeren aus nachwachsenden Rohstoffen

24.07.2017 | Veranstaltungsnachrichten

Lupinen beim Trinken zugeschaut – erstmals 3D-Aufnahmen vom Wassertransport zu Wurzeln

24.07.2017 | Biowissenschaften Chemie