Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

HIV/AIDS: Eine Wurminfektion verdoppelt das Ansteckungsrisiko

03.08.2016

Seit Beginn der HIV-Epidemie wird darüber spekuliert, warum HIV und die durch die Viren ausgelöste Immunschwächekrankheit AIDS in Afrika so viel stärker verbreitet sind als in anderen Ländern der Welt. Einen Grund dafür konnten nun Wissenschaftler des Deutschen Zentrums für Infektionsforschung (DZIF) erstmals nachweisen: Sie fanden im Rahmen einer Kohorten-Studie in Tansania heraus, dass eine Infektion mit dem Wurm Wuchereria bancrofti das Risiko für eine Ansteckung mit HI-Viren um das 2- bis 3-fache erhöht. Die Studie ist aktuell veröffentlicht in Lancet.

„Besonders betroffen sind Jugendliche und junge Erwachsene: Ihr Risiko, sich mit HIV zu infizieren, stieg circa um das 3-fache, wenn sie mit Wuchereria bancrofti infiziert waren“, erklärt Dr. Inge Kroidl aus der Abteilung Infektionserkrankungen und Tropenmedizin am Klinikum der Universität München (LMU). Wissenschaftler des Tropeninstituts der LMU haben die Studie gemeinsam mit Wissenschaftlern an der Universität Bonn sowie mit der Afrikanischen Partnerinstitution des DZIF in Tansania durchgeführt.


Wurmlarve von Wuchereria bancrofti

Uniklinikum Bonn/Achim Hörauf


Junge Frau aus dem Studiengebiet in Tansania mit Lymphödem des linken Beines, einer typischen Folge der Filarien-Infektion

LMU/Kroidl

Wurminfektion mit schweren Folgen

Eine Infektion mit dem Fadenwurm Wuchereria bancrofti führt zur lymphatischen Filariose, einer Erkrankung der Lymphgefäße, die im schlimmsten Fall zur Elephantiasis führt. Das Bild von elefantös verformten Gliedmaßen ist in Afrika keine Seltenheit.

Die in afrikanischen Ländern gegen diese Würmer eingesetzte Medikamentenkombination wirkt nur gegen die von den Würmern produzierten Mikrofilarien, die ins Blut wandern und von dort über Mücken weiterverbreitet werden. Der erwachsene Wurm hingegen bleibt oft jahrelang im Lymphsystem des menschlichen Körpers lebendig und konnte somit bei den meisten Teilnehmern dieser jetzt in Lancet veröffentlichten Studie nachgewiesen werden.

Studie weist den Zusammenhang zwischen Wurminfektion und HIV-Risiko nach

In der zu Grunde liegenden Studie sollten HIV-Risikofaktoren in der Normalbevölkerung im Südwesten Tansanias identifiziert werden. Eine Untergruppe von 1055 Personen wurde nachträglich auf eine Infektion mit den Fadenwürmern (Filarien) untersucht.

Insgesamt wurden 32 neu aufgetretene HIV-Infektionen beschrieben. Der Vergleich von Filarien-Infizierten mit nicht-Infizierten zeigt ein 3,2-fach erhöhtes Risiko für die HIV-Ansteckung bei den 14 bis 25-Jährigen, ein 2,4-fach erhöhtes Risiko für die 25 bis 45-Jährigen, und ein 1,2-fach erhöhtes Risiko für die über 45-Jährigen.

„Mit dieser ersten Bestätigung einer lange gehegten Hypothese fängt die Arbeit erst richtig an“, erklärt Prof. Michael Hoelscher, Leiter des Tropeninstitutes in München und Initiator der Kohorten-Studien, die bereits 2006 begonnen haben. Gemeinsam mit den Forschern der Universität Bonn sind weitere Studien geplant. „Wichtig sind jetzt Therapien, die auch die erwachsenen Würmer von W. bancrofti schnell eliminieren“, bekräftigt Prof. Achim Hörauf, der sich seit Jahren auch im DZIF mit Filarien beschäftigt und ein neues Medikament gegen diese Würmer entwickelt.

„Auch aus immunologischer Sicht sind die Ergebnisse dieser Studie interessant. Sie können uns helfen, Faktoren, die zu einer erleichterten Infektion beitragen, besser zu verstehen und so sowohl präventive als auch therapeutische Ansätze zu finden“, sagt Prof. Hans-Georg Kräusslich, Leiter der Virologie Universität Heidelberg und Koordinator des Schwerpunkts „HIV“ am DZIF.

Langfristige Forschungsförderung für Afrika

Möglich wurden diese Ergebnisse durch die Förderung der Europäischen Kommission, die bereits vor zehn Jahren zusammen mit dem Tansanischen Gesundheitsministerium begonnen hatte, die Forschungskapazitäten im tansanischen Gesundheitssystem zu stärken. Des Weiteren aber auch durch die Förderung durch das Bundesministerium für Bildung und Forschung, das sich seit 2011 verstärkt für die Gesundheitsforschung in Afrika einsetzt.

Dies kommt unter anderem durch die Förderung von fünf Forschungsnetzwerken für Gesundheitsinnovationen in Subsahara-Afrika mit einem Gesamtvolumen von rund 50 Millionen Euro zum Ausdruck, die dieses Jahr starten. TAKE-OFF, eines der fünf Netzwerke widmet sich der Filarienforschung. In ihm werden Prof. Hörauf und Dr. Kroidl ihre erfolgreiche Forschung zur Bekämpfung von Filarien in drei afrikanischen Ländern fortsetzen.

"Es zeigt sich mit diesem Erfolg ganz deutlich, wie diese langfristige Förderung zur Ausarbeitung neuartiger Interventionen gegen die großen Krankheiten wie HIV beiträgt“, freut sich daher der stellvertretende Generaldirektor der Generaldirektion für Entwicklung und Internationale Zusammenarbeit der Europäischen Kommission, Klaus Rudischhauser.

Publikation
Kroidl I, Saathof E, Maganga L, et al. Effect of Wuchereria bancrofti infection on HIV incidence in southwest Tanzania: a prospective cohort study. Lancet 2016; published online August 2, 2016. http://dx.doi.org/10.1016/S0140-6736(16)31252-1

Kontakt

Dr. Inge Kroidl
Abteilung für Infektions- und Tropenmedizin
Klinikum der LMU
T: +49 89 218017637
E-Mail: ikroidl@lrz.uni-muenchen.de

Prof. Dr. Michael Hoelscher
Abteilung für Infektions- und Tropenmedizin
Klinikum der LMU
DZIF-Schwerpunkt „HIV“
T: +49 89 218017613
E-Mail: hoelscher@lrz.uni-muenchen.de

Prof. Dr. med. Achim Hoerauf
Institut für Med. Mikrobiologie, Immunologie und Parasitologie
Universitätsklinikum Bonn
DZIF-Schwerpunkt „Neuartige Antiinfektiva“
T: +49 228 287-15675
E-Mail: achim.hoerauf@ukb.uni-bonn.de

Das Deutschen Zentrum für Infektionsforschung
Im Deutschen Zentrum für Infektionsforschung (DZIF) entwickeln bundesweit mehr als 350 Wissenschaftler aus 35 Institutionen gemeinsam neue Ansätze zur Vorbeugung, Diagnose und Behandlung von Infektionskrankheiten. Ziel ist die sogenannte Translation: die schnelle, effektive Umsetzung von Forschungsergebnissen in die klinische Praxis. Damit bereitet das DZIF den Weg für die Entwicklung neuer Impfstoffe, Diagnostika und Medikamente gegen Infektionen.

www.dzif.de

Weitere Informationen:

http://dx.doi.org/10.1016/S0140-6736(16)31252-1 Publikation

Karola Neubert | idw - Informationsdienst Wissenschaft

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Medizin Gesundheit:

nachricht Neuer Ansatz gegen Gastritis
10.08.2017 | Medizinische Hochschule Hannover

nachricht Wenn Schimmelpilze das Auge zerstören
10.08.2017 | Julius-Maximilians-Universität Würzburg

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Medizin Gesundheit >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Mit Barcodes der Zellentwicklung auf der Spur

Darüber, wie sich Blutzellen entwickeln, existieren verschiedene Auffassungen – sie basieren jedoch fast ausschließlich auf Experimenten, die lediglich Momentaufnahmen widerspiegeln. Wissenschaftler des Deutschen Krebsforschungszentrums stellen nun im Fachjournal Nature eine neue Technik vor, mit der sich das Geschehen dynamisch erfassen lässt: Mithilfe eines „Zufallsgenerators“ versehen sie Blutstammzellen mit genetischen Barcodes und können so verfolgen, welche Zelltypen aus der Stammzelle hervorgehen. Diese Technik erlaubt künftig völlig neue Einblicke in die Entwicklung unterschiedlicher Gewebe sowie in die Krebsentstehung.

Wie entsteht die Vielzahl verschiedener Zelltypen im Blut? Diese Frage beschäftigt Wissenschaftler schon lange. Nach der klassischen Vorstellung fächern sich...

Im Focus: Fizzy soda water could be key to clean manufacture of flat wonder material: Graphene

Whether you call it effervescent, fizzy, or sparkling, carbonated water is making a comeback as a beverage. Aside from quenching thirst, researchers at the University of Illinois at Urbana-Champaign have discovered a new use for these "bubbly" concoctions that will have major impact on the manufacturer of the world's thinnest, flattest, and one most useful materials -- graphene.

As graphene's popularity grows as an advanced "wonder" material, the speed and quality at which it can be manufactured will be paramount. With that in mind,...

Im Focus: Forscher entwickeln maisförmigen Arzneimittel-Transporter zum Inhalieren

Er sieht aus wie ein Maiskolben, ist winzig wie ein Bakterium und kann einen Wirkstoff direkt in die Lungenzellen liefern: Das zylinderförmige Vehikel für Arzneistoffe, das Pharmazeuten der Universität des Saarlandes entwickelt haben, kann inhaliert werden. Professor Marc Schneider und sein Team machen sich dabei die körpereigene Abwehr zunutze: Makrophagen, die Fresszellen des Immunsystems, fressen den gesundheitlich unbedenklichen „Nano-Mais“ und setzen dabei den in ihm enthaltenen Wirkstoff frei. Bei ihrer Forschung arbeiteten die Pharmazeuten mit Forschern der Medizinischen Fakultät der Saar-Uni, des Leibniz-Instituts für Neue Materialien und der Universität Marburg zusammen Ihre Forschungsergebnisse veröffentlichten die Wissenschaftler in der Fachzeitschrift Advanced Healthcare Materials. DOI: 10.1002/adhm.201700478

Ein Medikament wirkt nur, wenn es dort ankommt, wo es wirken soll. Wird ein Mittel inhaliert, muss der Wirkstoff in der Lunge zuerst die Hindernisse...

Im Focus: Exotische Quantenzustände: Physiker erzeugen erstmals optische „Töpfe" für ein Super-Photon

Physikern der Universität Bonn ist es gelungen, optische Mulden und komplexere Muster zu erzeugen, in die das Licht eines Bose-Einstein-Kondensates fließt. Die Herstellung solch sehr verlustarmer Strukturen für Licht ist eine Voraussetzung für komplexe Schaltkreise für Licht, beispielsweise für die Quanteninformationsverarbeitung einer neuen Computergeneration. Die Wissenschaftler stellen nun ihre Ergebnisse im Fachjournal „Nature Photonics“ vor.

Lichtteilchen (Photonen) kommen als winzige, unteilbare Portionen vor. Viele Tausend dieser Licht-Portionen lassen sich zu einem einzigen Super-Photon...

Im Focus: Exotic quantum states made from light: Physicists create optical “wells” for a super-photon

Physicists at the University of Bonn have managed to create optical hollows and more complex patterns into which the light of a Bose-Einstein condensate flows. The creation of such highly low-loss structures for light is a prerequisite for complex light circuits, such as for quantum information processing for a new generation of computers. The researchers are now presenting their results in the journal Nature Photonics.

Light particles (photons) occur as tiny, indivisible portions. Many thousands of these light portions can be merged to form a single super-photon if they are...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Einblicke ins menschliche Denken

17.08.2017 | Veranstaltungen

Eröffnung der INC.worX-Erlebniswelt während der Technologie- und Innovationsmanagement-Tagung 2017

16.08.2017 | Veranstaltungen

Sensibilisierungskampagne zu Pilzinfektionen

15.08.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Scharfe Röntgenblitze aus dem Atomkern

17.08.2017 | Physik Astronomie

Fake News finden und bekämpfen

17.08.2017 | Interdisziplinäre Forschung

Effizienz steigern, Kosten senken!

17.08.2017 | Messenachrichten