Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Der gesunde Dicke und der kranke Dicke

04.07.2011
Wessen Stoffwechsel profitiert von einem gesunden Lebensstil?

Neueste Daten aus der Wissenschaft belegen, dass die Fettleibigkeit weltweit ungebremst voranschreitet. Damit steigt auch das Risiko für die beiden häufigsten Stoffwechselstörungen, Typ 2 Diabetes und Herz-Kreislauferkrankungen.

Parallel wachsen die Kosten für die Behandlung der Fettsucht (Adipositas) und ihrer Folgen, Präventionsmaßnahmen sind oft durch die geringen Ressourcen nur begrenzt durchführbar. Aber welcher Teil der Übergewichtigen ist besonders behandlungsbedürftig?

Wissenschaftler am Tübinger Universitätsklinikum untersuchen seit mehreren Jahren, in welchem Umfang Adipositas Stoffwechselerkrankungen zur Folge hat. Professor Norbert Stefan und seine Kollegen konnten erstmals 2008 zeigen, dass 25 bis 30 Prozent der Menschen mit Fettleibigkeit eine „gutartige“ Adipositas hinsichtlich der Stoffwechselveränderungen aufweisen. Sie sind weniger gefährdet, eine Insulinresistenz und damit später auch einen Diabetes zu entwickeln. Dieses Ergebnis wurde mittlerweile von vielen Studien bestätigt

Die Gruppe in Tübingen hat inzwischen untersucht inwieweit Menschen mit beiden Formen der Adipositas auf eine Änderung des Lebensstils ansprechen *. Dabei zeigte sich, dass Übergewichtige unterschiedlich auf die Lebensstiländerungen ansprechen: Die gefährdeten Dicken nahmen zwar ab, wiesen aber trotzdem ein wesentlich höheres Risiko für eine Insulinresistenz, d.h. eine Vorstufe des Diabetes auf. Diese besonders gefährdeten Patienten konnten von den gesunden Dicken am besten am Vorliegen einer Fettleber unterschieden werden und sollten in der Zukunft intensiver betreut werden.

In einer kürzlich erschienenen Arbeit ** im renommierten Journal The Lancet berichteten Wissenschaftler der Harvard Medical School (USA), der WHO und des Imperial College (England) anhand von Daten, die bei mehr als 9 Millionen Menschen weltweit über einen Zeitraum von 28 Jahren erhoben wurden, über die alarmierende Zunahme der Adipositas. Dabei sprechen sie auch die von der Fettleibigkeit induzierten Folgeerkrankungen an und die Tatsache, dass Maßnahmen zur Verringerung der Adipositas und der Stoffwechselerkrankungen oft wenig Erfolg mit sich bringen.

In einem Kommentar *** vom Juni 2011 zu dieser Arbeit weisen der Tübinger Wissenschaftler Professor Norbert Stefan und seine Kollegen in The Lancet auf einen wichtigen Gesichtspunkt hin: Bei zukünftigen Strategien zur Bekämpfung Adipositas-bedingter Stoffwechselerkrankungen muss die Tatsache berücksichtigt werden, dass es im Hinblick auf den Stoffwechsel gesunde und kranke Dicke gibt. Diese benötigen unterschiedlich intensive Interventionsmaßnahmen und sind am besten am Vorliegen oder am Fehlen einer Fettleber zu erkennen.

Dazu hat die Tübinger Gruppe kürzlich zeigen können *, dass während einer neunmonatigen Lebensstilumstellung (Tübinger Lebensstil Interventionsprogramm – TULIP) die gesunden Dicken nicht wesentlich von einer Umstellung des Lebensstils (u.a. drei Stunden körperliche Aktivität im Ausdauerbereich pro Woche, mehr Ballaststoff- und weniger Fettaufnahme mit der Nahrung) profitieren konnten. Im Gegensatz dazu verbesserten sich die kranken Dicken hinsichtlich des Fettgehalts in der Leber und im Bauch und bei der Insulinresistenz, die den Hauptbestandteil der Stoffwechselerkrankungen ausmacht.

Allerdings hatten die kranken Dicken trotz dieser Verbesserungen nach der Lebensstilumstellung und einer geringeren Gesamtfettmasse weiterhin etwa doppelt so viel Fett in der Leber und im Bauch und waren entsprechend annähernd doppelt so insulinresistent wie die gesunden Dicken.

Die Autoren zogen daraus die Schlussfolgerung, dass man vor einer Lebensstilintervention die Teilnehmer hinsichtlich der Körperfettverteilung und Stoffwechselveränderungen genau charakterisieren sollte, um dann - bei den oft limitierten Ressourcen – jene Patienten mit dem höchsten Risiko für Stoffwechselerkrankungen intensiver betreuen zu können und ihnen gegebenenfalls eine medikamentöse Unterstützung anzubieten.

Zum Projekt
Seit 2003 wird in der Medizinischen Universitätsklinik Tübingen, in enger Zusammenarbeit mit der Sektion für Experimentelle Radiologie, bei Menschen mit einem erhöhten Risiko für Diabetes der Nutzen der Umstellung auf gesunde Ernährung und die Steigerung der körperlichen Aktivität auf den Stoffwechsel wissenschaftlich untersucht. Ziel ist dabei, weitere Erkenntnisse zur Prävention des Diabetes und seiner Folgeerkrankungen zu bekommen. Unterstützt wurde diese Forschung im Rahmen einer Klinischen Forschergruppe (KFO 114) von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG). Professor Norbert Stefan ist Heisenberg-Stipendiat der DFG.

Die Studien in Tübingen zur Pathogenese und Prävention des Diabetes werden u.a. im Paul Langerhans Institut für Diabetesprävention Tübingen (PLIT), unter Leitung von Professor Hans-Ulrich Häring und den Leitern der Forschungsschwerpunkten Professor Andreas Fritsche, Professor Norbert Stefan und Professor Jan Born, durchgeführt. Das PLIT ist Mitglied des Deutschen Zentrums für Diabetesforschung (DZD) e.V. und somit Bestandteil der durch das Bundesforschungsministerium neu gegründeten Deutschen Zentren der Gesundheitsforschung (DZG).

Ansprechpartner für die Presse

Universitätsklinikum Tübingen
Medizinische Klinik, Abteilung IV
Prof. Dr. med. Norbert Stefan
Otfried-Müller-Straße 10, 72076 Tübingen
Tel. 0 70 71 / 29-8 03 90, Fax 0 70 71 / 29-59 74
norbert.stefan@med.uni-tuebingen.de
Publikationen
* Effects of a lifestyle intervention in metabolically benign and malign obesity.
Kantartzis K, Machann J, Schick F, Rittig K, Machicao F, Fritsche A, Häring HU, Stefan N.
Diabetologia 2011 Apr;54(4):864-8;
doi: 10.1007/s00125-010-2006-3
** National, regional, and global trends in body-mass index since 1980: systematic analysis of health examination surveys and epidemiological studies with 960 country-years and 9•1 million participants.
Finucane MM, Stevens GA, Cowan MJ, Danaei G, Lin JK, Paciorek CJ, Singh GM, Gutierrez HR, Lu Y, Bahalim AN, Farzadfar F, Riley LM, Ezzati M; Global Burden of Metabolic Risk Factors of Chronic Diseases Collaborating Group (Body Mass Index).
Lancet 2011 Feb 12;377(9765):557-67;
doi:10.1016/S0140-6736(10)62037-5
*** Global trends in body-mass index.
Stefan N, Kantartzis K, Machann J, Schick F, Häring HU.
Lancet 2011 Jun 4;377(9781):1917;
doi:10.1016/S0140-6736(11)60805-2

Dr. Ellen Katz | idw
Weitere Informationen:
http://www.medizin.uni-tuebingen.de

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Medizin Gesundheit:

nachricht Neuer Ansatz im Kampf gegen Prostatakrebs entdeckt
24.05.2018 | Universität Bern

nachricht Die neue Achillesferse von Blutkrebs
22.05.2018 | Ludwig Boltzmann Gesellschaft

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Medizin Gesundheit >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Starke IT-Sicherheit für das Auto der Zukunft – Forschungsverbund entwickelt neue Ansätze

Je mehr die Elektronik Autos lenkt, beschleunigt und bremst, desto wichtiger wird der Schutz vor Cyber-Angriffen. Deshalb erarbeiten 15 Partner aus Industrie und Wissenschaft in den kommenden drei Jahren neue Ansätze für die IT-Sicherheit im selbstfahrenden Auto. Das Verbundvorhaben unter dem Namen „Security For Connected, Autonomous Cars (SecForCARs) wird durch das Bundesministerium für Bildung und Forschung mit 7,2 Millionen Euro gefördert. Infineon leitet das Projekt.

Bereits heute bieten Fahrzeuge vielfältige Kommunikationsschnittstellen und immer mehr automatisierte Fahrfunktionen, wie beispielsweise Abstands- und...

Im Focus: Powerful IT security for the car of the future – research alliance develops new approaches

The more electronics steer, accelerate and brake cars, the more important it is to protect them against cyber-attacks. That is why 15 partners from industry and academia will work together over the next three years on new approaches to IT security in self-driving cars. The joint project goes by the name Security For Connected, Autonomous Cars (SecForCARs) and has funding of €7.2 million from the German Federal Ministry of Education and Research. Infineon is leading the project.

Vehicles already offer diverse communication interfaces and more and more automated functions, such as distance and lane-keeping assist systems. At the same...

Im Focus: Mit Hilfe molekularer Schalter lassen sich künftig neuartige Bauelemente entwickeln

Einem Forscherteam unter Führung von Physikern der Technischen Universität München (TUM) ist es gelungen, spezielle Moleküle mit einer angelegten Spannung zwischen zwei strukturell unterschiedlichen Zuständen hin und her zu schalten. Derartige Nano-Schalter könnten Basis für neuartige Bauelemente sein, die auf Silizium basierende Komponenten durch organische Moleküle ersetzen.

Die Entwicklung neuer elektronischer Technologien fordert eine ständige Verkleinerung funktioneller Komponenten. Physikern der TU München ist es im Rahmen...

Im Focus: Molecular switch will facilitate the development of pioneering electro-optical devices

A research team led by physicists at the Technical University of Munich (TUM) has developed molecular nanoswitches that can be toggled between two structurally different states using an applied voltage. They can serve as the basis for a pioneering class of devices that could replace silicon-based components with organic molecules.

The development of new electronic technologies drives the incessant reduction of functional component sizes. In the context of an international collaborative...

Im Focus: GRACE Follow-On erfolgreich gestartet: Das Satelliten-Tandem dokumentiert den globalen Wandel

Die Satellitenmission GRACE-FO ist gestartet. Am 22. Mai um 21.47 Uhr (MESZ) hoben die beiden Satelliten des GFZ und der NASA an Bord einer Falcon-9-Rakete von der Vandenberg Air Force Base (Kalifornien) ab und wurden in eine polare Umlaufbahn gebracht. Dort nehmen sie in den kommenden Monaten ihre endgültige Position ein. Die NASA meldete 30 Minuten später, dass der Kontakt zu den Satelliten in ihrem Zielorbit erfolgreich hergestellt wurde. GRACE Follow-On wird das Erdschwerefeld und dessen räumliche und zeitliche Variationen sehr genau vermessen. Sie ermöglicht damit präzise Aussagen zum globalen Wandel, insbesondere zu Änderungen im Wasserhaushalt, etwa dem Verlust von Eismassen.

Potsdam, 22. Mai 2018: Die deutsch-amerikanische Satellitenmission GRACE-FO (Gravity Recovery And Climate Experiment Follow On) ist erfolgreich gestartet. Am...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

VideoLinks
Industrie & Wirtschaft
Veranstaltungen

Im Fokus: Klimaangepasste Pflanzen

25.05.2018 | Veranstaltungen

Größter Astronomie-Kongress kommt nach Wien

24.05.2018 | Veranstaltungen

22. Business Forum Qualität: Vom Smart Device bis zum Digital Twin

22.05.2018 | Veranstaltungen

VideoLinks
Wissenschaft & Forschung
Weitere VideoLinks im Überblick >>>
 
Aktuelle Beiträge

Berufsausbildung mit Zukunft

25.05.2018 | Unternehmensmeldung

Untersuchung der Zellmembran: Forscher entwickeln Stoff, der wichtigen Membranbestandteil nachahmt

25.05.2018 | Interdisziplinäre Forschung

Starke IT-Sicherheit für das Auto der Zukunft – Forschungsverbund entwickelt neue Ansätze

25.05.2018 | Informationstechnologie

Weitere B2B-VideoLinks
IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics