Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Dicke Luft macht Kinder krank

15.04.2010
Stiftung Kindergesundheit informiert über Luftschadstoffe und Allergierisiko

Die Einrichtung und Ausweitung von Umweltzonen in Deutschlands Städten wird von vielen Autofahrern mit Unverständnis aufgenommen und als Schikane kritisiert. Ein Autofahrerclub bezeichnete die zum Jahresbeginn 2010 verschärften Regeln sogar als „unverhältnismäßige Eingriffe in die Mobilität der Bevölkerung“.

Dabei bedeuten die neuen Maßnahmen einen wichtigen Schritt zum besseren Schutz der Gesundheit unserer Kinder, stellt die Stiftung Kindergesundheit fest. Es werde nämlich immer deutlicher, dass Autoabgase und die verkehrsbedingte Feinstaubbelastung am immensen Anstieg von Allergien und Atemwegserkrankungen bei Kindern Mitschuld tragen.

Verquollene Augen, ständiges Niesen, keuchender Atem, quälender Juckreiz – jeder kennt heute Menschen mit allergischen Symptomen oder ist sogar selbst davon betroffen. „An der alarmierenden Zunahme von Allergien besteht kein Zweifel mehr. Insbesondere die drei so genannten atopischen Krankheitsbilder Heuschnupfen, Neurodermitis (atopisches Ekzem) und Asthma beeinträchtigen die Lebensqualität vieler Kinder und ihrer Eltern“, sagt Professor Dr. Berthold Koletzko, Stoffwechselspezialist der Münchner Universitätskinderklinik und Vorsitzender der Stiftung Kindergesundheit.

Den Beweis lieferte die europaweit größte Kinderstudie KiGGS des Robert-Koch-Instituts Berlin, an der 17.641 Kinder und Jugendliche aus 167 Orten der Bundesrepublik gemeinsam mit ihren Eltern teilgenommen haben. Auf die Frage, ob jemals ein Arzt bei ihrem Kind eine der so genannten atopischen Erkrankungen festgestellt hatte (dazu zählen Heuschnupfen, Neurodermitis und Asthma) antworteten 22,9 Prozent der für KiGGS befragten Eltern mit „Ja“.

Die so genannte Lebenszeitprävalenz beträgt für Neurodermitis 13,1 Prozent, für Heuschnupfen 10,5 Prozent, für ein allergisches Kontaktekzem 9,5 Prozent und für Asthma 4,7 Prozent. Das bedeutet, dass fast jedes vierte Kind und Jugendliche in Deutschland irgendwann an einer dieser Krankheiten leidet. Jungen sind mit 24,3 Prozent statistisch signifikant häufiger betroffen als Mädchen. Während in der DDR Allergien bei Kindern seltener vorkamen, bestehen heute zwischen Ost- und Westdeutschland keine Unterschiede mehr: Das Allergie-Risiko hat sich auf dem ungünstigeren, hohen Westniveau eingependelt.

„Die Neigung zu Allergien wird zwar vererbt, an den Genen allein kann die rasante Zunahme aber nicht liegen, denn sie können sich nicht in einer so kurzen Zeit ändern“, sagt Professor Berthold Koletzko. „Eine wichtige Rolle spielen die Umweltbedingungen, Zivilisationsfaktoren und die Ernährung. Es gibt immer mehr Beweise dafür, dass auch Schadstoffe aus der Luft zu diesen Trigger-Faktoren gehören“.
Risiko aus dem Wohnumfeld
So wurden im Auftrag der unabhängigen US-Organisation „Health Effects Institute“ über 700 weltweite Studien zum Gesundheitszustand von Kindern ausgewertet, die in der Nähe von viel befahrenen Straßen wohnen. Das kürzlich veröffentlichte Ergebnis: Schon in einer Entfernung von 300 bis 500 Metern von Hauptstraßen erreicht die verkehrsbedingte Luftbelastung gesundheitsgefährdende Ausmaße. Es sei auch erwiesen, dass Luftschadstoffe eine Asthmaerkrankung verschlimmern können.

Zu einer ähnlichen Beurteilung kommt die „Kinderumwelt“, eine gemeinnützige Gesellschaft der Akademie der Kinder- und Jugendärzte (DAKJ). In ihrem Informationsangebot ALLUM zu Allergie, Umwelt und Gesundheit(www.allum.de) heißt es: „Verschiedene Längsschnittstudien mit Asthmatikern haben ergeben, dass die Exposition mit Fein- und Feinststaub – insbesondere aus dem Straßenverkehr - mit Atemwegsbeschwerden, einer Beeinträchtigung der Lungenfunktion und mit dem Medikamentenbedarf korrelieren. In experimentellen Studien konnte nachgewiesen werden, dass Feinstaub Auswirkungen auf die Bildung von Immunglobulin E (IgE) hat. Feinstaub kann die Symptome bei Allergikern - insbesondere bei Asthmatikern und Heuschnupfenpatienten – verstärken“.

Die Stiftung Kindergesundheit führt zum Beweis Studien aus den letzten Jahren an. Die Belastung durch Schwerverkehr führt bei Kindern nicht nur zu vermehrtem Asthma und zur Überempfindlichkeit der Atemwege („bronchiale Hyperreaktivität“), sondern auch zu einer Zunahme der allergischen Sensibilisierung (Kramer et al. Epidemiology 2000;11:64-70; Wyler et al. Epidemiology 2000;11:450-6; Janssen et al. Environ Health Perspect 2003;111:1512-8). Zwar kann in diesen Studien nicht bestimmt werden, ob wirklich der Feinstaub, oder andere durch Verkehrsabgase freigesetzte Schadstoffe für diese Effekte verantwortlich sind. In Tierversuchen konnte jedoch gezeigt werden, dass eine isolierte Feinstaubbelastung die allergische Entzündung in der Bronchialschleimhaut verstärkt (Takano et al, Am J Respir Crit Care Med 1997;156:36-42). Beim Menschen kommt es zudem durch starke alleinige Exposition mit Dieselabgasen – sie sind die Hauptquelle von verkehrsbedingtem Feinstaub – zu vermehrter allergischer Entzündung (Stenfors et al. Eur Resp J 2004;23: 82-6) und bei ausschließlicher Einwirkung von Feinstaub zu einer Sensibilisierung der Atemwegsschleimhaut auf neue Allergene (Diaz-Sanchez et al, J Allergy Clin Immunol 1999;104:1183-8).

3 000 Münchner Kinder untersucht
Einen weiteren Beleg lieferte eine Studie an mehreren tausend Münchener Kindern, veröffentlicht im American Journal of Respiratory and Critical Care Medicine, Bd.177, S.1331 (2008). Das Forscherteam um Dr. Joachim Heinrich vom Institut für Epidemiologie des Helmholtz-Zentrums München verglich die Daten von 3061 sechsjährigen Kindern aus München und Umgebung, deren Entwicklung im Rahmen der – von der Stiftung Kindergesundheit unterstützten - GINI- und LISA-Studien seit ihrer Geburt verfolgt wird.

Mit Hilfe von Rechenmodellen konnten die Wissenschaftler individuelle Werte der Belastung der Kinder durch Feinstaub und Stickstoffdioxid abschätzen. Es zeigte sich, dass eine steigende Feinstaub-Exposition zu einer Zunahme der asthmatischen Bronchitis sowie der Sensibilisierung gegenüber Pollen und anderen häufigen Allergenen führt. Eine erhöhte Stickoxid-Belastung war mit der Zunahme von Ekzemen verknüpft.

Besonders deutlich waren die Zusammenhänge zwischen dem Wohnumfeld und dem Auftreten von asthmatischer Bronchitis, Heuschnupfen, Ekzemen sowie allergischer Sensibilisierung: Kinder, die weniger als 50 Meter von einer viel befahrenen Hauptstraße entfernt wohnten, hatten im Vergleich zu weiter abseits wohnenden Altersgenossen ein um bis zu 50 Prozent höheres Risiko für diese Erkrankungen! Mit steigendem Abstand zur Hauptstraße wurde das Allergierisiko immer geringer.

Eine mögliche Erklärung dafür, dass die dicke Luft nicht nur das Risiko für Asthma und Bronchitis erhöht, sondern auch zu Heuschnupfen und Neurodermitis führen kann, liegt in der Tatsache, dass Feinstaub sich an Pollen anheften und deren allergene Wirkung dadurch verstärken kann.

Feinstaub – eine unterschätztes Problem
In Gegenden mit erhöhter Feinstaubbelastung besteht ein generell erhöhtes Sterberisiko für Herz-Kreislauf- und Atemwegserkrankungen sowie für Lungenkrebs, stellt die Stiftung Kindergesundheit in ihrer aktuellen Stellungnahme fest. Die Lungenfunktion und das Lungenwachstum von Kindern werden beeinträchtigt. Wenn sich die Luftqualität verbessert, leiden die Kinder nicht nur seltener unter Bronchitis, sondern auch das Risiko von Mittelohrentzündungen, häufigen Erkältungen und fieberhaften Infekten wird geringer.

Professor Berthold Koletzko fasst zusammen: „Es wird mehr und mehr deutlich, dass es sich bei der Feinstaubbelastung um ein besonders ernstes Gesundheitsproblem handelt. Es scheint in seiner Größenordnung sogar bedeutender zu sein als viele anderen umweltmedizinischen Probleme, schon deshalb, weil sehr viele Kinder und Erwachsene davon betroffen sind. Anstatt an der Einrichtung von Umweltzonen herumzunörgeln sollten wir aktiv an der Verminderung dieser Gefahren mitarbeiten, um die Chancen für unsere Kinder, gesund heranzuwachsen, nachhaltig zu verbessern“.

Bitte helfen Sie uns
Fördern auch Sie die Gesundheit unserer Kinder durch Ihre Spende, die in voller Höhe den Projekten der Stiftung Kindergesundheit zugute kommt. Mit einem Beitritt zum Freundeskreis der Stiftung Kindergesundheit können Sie die Arbeit der Stiftung regelmäßig fördern. Mehr Informationen hierzu finden Sie unter: www.kindergesundheit.de
Spendenkonto Nr.: 520 55 520,
HypoVereinsbank München, BLZ: 700 202 70

Hildegard Debertin | Stiftung Kindergesundheit
Weitere Informationen:
http://www.kindergesundheit.de

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Medizin Gesundheit:

nachricht In Deutschland wächst die Zahl der Patienten mit Diabetes mellitus
23.02.2017 | Versorgungsatlas

nachricht Ursache für eine erbliche Muskelerkrankung entdeckt
22.02.2017 | Klinikum der Universität München

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Medizin Gesundheit >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Wie Proteine Zellmembranen verformen

Zellen schnüren regelmäßig kleine Bläschen von ihrer Außenhaut ab und nehmen sie in ihr Inneres auf. Daran sind die EHD-Proteine beteiligt, die Professor Oliver Daumke vom MDC erforscht. Er und sein Team haben nun aufgeklärt, wie sich diese Proteine auf der Oberfläche von Zellen zusammenlagern und dadurch deren Außenhaut verformen.

Zellen schnüren regelmäßig kleine Bläschen von ihrer Außenhaut ab und nehmen sie in ihr Inneres auf. Daran sind die EHD-Proteine beteiligt, die Professor...

Im Focus: Safe glide at total engine failure with ELA-inside

On January 15, 2009, Chesley B. Sullenberger was celebrated world-wide: after the two engines had failed due to bird strike, he and his flight crew succeeded after a glide flight with an Airbus A320 in ditching on the Hudson River. All 155 people on board were saved.

On January 15, 2009, Chesley B. Sullenberger was celebrated world-wide: after the two engines had failed due to bird strike, he and his flight crew succeeded...

Im Focus: „Vernetzte Autonome Systeme“ von acatech und DFKI auf der CeBIT

Auf der IT-Messe CeBIT vom 20. bis 24. März präsentieren acatech – Deutsche Akademie der Technikwissenschaften und das Deutsche Forschungszentrum für Künstliche Intelligenz (DFKI) in Kooperation mit der Deutschen Messe AG vernetzte Autonome Systeme. In Halle 12 am Stand B 63 erwarten die Besucherinnen und Besucher unter anderem Roboter, die Hand in Hand mit Menschen zusammenarbeiten oder die selbstständig gefährliche Umgebungen erkunden.

Auf der IT-Messe CeBIT vom 20. bis 24. März präsentieren acatech – Deutsche Akademie der Technikwissenschaften und das Deutsche Forschungszentrum für...

Im Focus: Kühler Zwerg und die sieben Planeten

Erdgroße Planeten mit gemäßigtem Klima in System mit ungewöhnlich vielen Planeten entdeckt

In einer Entfernung von nur 40 Lichtjahren haben Astronomen ein System aus sieben erdgroßen Planeten entdeckt. Alle Planeten wurden unter Verwendung von boden-...

Im Focus: Mehr Sicherheit für Flugzeuge

Zwei Entwicklungen am Lehrgebiet Rechnerarchitektur der FernUniversität in Hagen können das Fliegen sicherer machen: ein Flugassistenzsystem, das bei einem totalen Triebwerksausfall zum Einsatz kommt, um den Piloten ein sicheres Gleiten zu einem Notlandeplatz zu ermöglichen, und ein Assistenzsystem für Segelflieger, das ihnen das Erreichen größerer Höhen erleichtert. Präsentiert werden sie von Prof. Dr.-Ing. Wolfram Schiffmann auf der Internationalen Fachmesse für Allgemeine Luftfahrt AERO vom 5. bis 8. April in Friedrichshafen.

Zwei Entwicklungen am Lehrgebiet Rechnerarchitektur der FernUniversität in Hagen können das Fliegen sicherer machen: ein Flugassistenzsystem, das bei einem...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Poseidon goes Politics – Wer oder was regiert die Ozeane?

27.02.2017 | Veranstaltungen

Fachtagung Rapid Prototyping 2017 – Innovationen in Entwicklung und Produktion

27.02.2017 | Veranstaltungen

Aufbruch: Forschungsmethoden in einer personalisierten Medizin

24.02.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Dendromax: Züchtung und Vermehrung von Mehrklonsorten der Hybridlärche, Douglasie und Aspe

27.02.2017 | Agrar- Forstwissenschaften

IAB-Arbeitsmarktbarometer: positiver Ausblick auf die kommenden Monate

27.02.2017 | Wirtschaft Finanzen

Poseidon goes Politics – Wer oder was regiert die Ozeane?

27.02.2017 | Veranstaltungsnachrichten