Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

"Revolution" in der Endokarditis-Prophylaxe

05.10.2007
Neues Positionspapier der DGK verabschiedet: Nur noch Hochrisiko-Patienten sollen vorsorglich mit Antibiotika versorgt werden

Das Ruder wurde radikal herumgeworfen - für die Endokarditis-Prophylaxe gilt auch in Deutschland ab sofort: Nur noch Patienten mit hohem Risiko werden bei bestimmten medizinischen Eingriffen mit Antibiotika versorgt, um einer Entzündung der Herzinnenhaut vorzubeugen.

Der Vorstand der Deutschen Gesellschaft für Kardiologie (DGK) verabschiedete jetzt das Positionspapier "Prophylaxe der infektiösen Endokarditis", das gemeinsam mit der Paul-Ehrlich-Gesellschaft und in Kooperation mit 16 weiteren medizinischen Fachgesellschaften aus Deutschland, Österreich und der Schweiz sowie der Deutschen Herzstiftung erarbeitet wurde. Grundlage waren neue Leitlinien der American Heart Association, die im April 2007 für Aufsehen gesorgt hatten. Das deutsche Positionspapier entspricht den Qualitätskriterien einer S2-Leitlinie, ersetzt die bisherige Stellung der beteiligten Fachgesellschaften und trägt somit zu einer internationalen Harmonisierung bei.

Bisher gehörte es zum medizinischen Goldstandard, einer großen Zahl von Patienten vor allem bei zahnärztlichen - aber auch bei urologischen, gynäkologischen, internistischen, dermatologischen, orthopädischen oder herzchirurgischen - Eingriffen 30 bis 60 Minuten zuvor Antibiotika zu verabreichen. Damit sollte einer Endokarditis vorgebeugt werden, die bei Menschen mit entsprechenden Risikofaktoren dadurch entsteht, dass Bakterien in das Blut eindringen. Nicht rechtzeitig behandelt, verläuft eine Endokarditis meist tödlich. Das neue Positionspapier empfiehlt eine Prophylaxe nur noch bei Hochrisiko-Patienten, das heißt bei Patienten mit künstlichen Herzklappen oder mit einer Endokarditis in der Vorgeschichte, bei Patienten mit bestimmten angeborenen Herzfehlern oder bei Patienten nach einer Herztransplantation, die Klappenfehler entwickeln.

"Unser Positionspapier stellt einen dramatischen Paradigmen-Wechsel im Vergleich zu den Leitlinien der letzten 50 Jahre dar", erläutert die Kardiologin und Mitautorin Dr. Christa Gohlke-Bärwolf vom Herzzentrum Bad Krozingen. "Die Indikation für eine Endokarditis-Prophylaxe wird auf einen wesentlich engeren Patientenkreis eingegrenzt. Das mag bei Patienten und Ärzten zunächst für Verwirrung sorgen, vor allem, weil diese Änderungen nicht auf neuen Studien beruhen, sondern auf einer Neubewertung bisheriger Studien nach den Kriterien der Evidenz-basierten Medizin." Das Prinzip der Prophylaxe konnte bisher lediglich in Tierexperimenten belegt werden.

Auch Privatdozent Dr. Christoph Naber vom Westdeutschen Herzzentrum Essen, der federführend für das neue Positionspapier verantwortlich ist, spricht von einer "Revolution in der Endokarditis-Prophylaxe". Diese Veränderung kommt für ihn allerdings nicht überraschend, sondern spiegelt einen sich bereits länger entwickelnden Prozess im Rahmen einer umfangreichen internationalen Diskussion wider. Bereits vor dem deutschen Positionspapier und den Empfehlungen der Amerikaner haben Expertenkommissionen 2002 in Frankreich und 2006 in Großbritannien ähnliche Empfehlungen veröffentlicht. "Es handelt sich hier um eine sinnvolle Neubewertung der existierenden Daten", sagt der Essener Kardiologe. Schon länger hätten Fachleute aussagekräftige Studien gefordert. Diese seien aber auch vor dem Hintergrund der existierenden Empfehlungen nur sehr schwer möglich gewesen.

Der Bedeutung der Mundhygiene zur Vorbeugung einer infektiösen Endokarditis kommt im neuen Positionspapier eine besondere Bedeutung zu. "Aus unseren Re-gistern wissen wir, dass 80 Prozent der Patienten mit einer Endokarditis keinen Eingriff vor dem Auftreten der Erkrankung haben. Die Bakterien müssen also auf andere Weise ins Blut gelangt sein", erläutert Naber. "Eine Möglichkeit ist, dass die Bakterien aufgrund eines schlechten Zahnstatus bereits bei alltäglichen Aktivitäten wie dem Kauen ins Blut gelangen. Davor können wir nicht mit Medikamenten schützen. Es macht daher Sinn, kranke Zähne rechtzeitig solide zu sanieren und Karies und Parodontose effektiv zu behandeln."

Die Autoren des Positionspapiers bemängeln das Fehlen prospektiver randomisierter und Placebo-kontrollierter Studien zur Effektivität der medikamentösen Endokarditis-Prophylaxe. Sie fordern die beteiligten Fachgesellschaften auf mitzuhelfen, ein entsprechendes Studienprojekt auf den Weg zu bringen. "Dies gäbe auch den Kostenträgern, Krankenkassen und staatlichen Institutionen die Möglichkeit, sich an einem praxisorientierten wichtigen Forschungsgebiet zu beteiligen", glaubt Gohlke-Bärwolf. "Dies kann ein wichtiger Schritt auf dem Weg zu einer Evidenz-basierten Endokarditis-Prophylaxe sein."

Den vollständigen Text des Positionspapiers "Prophylaxe der infektiösen Endokarditis" finden Sie in Kürze im Internet auf der Homepage der DGK www.dgk.org unter "Leitlinien".

Kontakt:
Deutsche Gesellschaft für Kardiologie (DGK)
Pressestelle
Prof. Dr. Eckart Fleck / Christiane Limberg
Achenbachstr. 43
40237 Düsseldorf
Tel.: 0211 / 600 692 - 61
E-Mail: limberg@dgk.org
Die Deutsche Gesellschaft für Kardiologie - Herz und Kreislaufforschung e.V. (DGK) mit Sitz in Düssel-dorf ist eine wissenschaftlich medizinische Fachgesellschaft mit heute mehr als 6300 Mitgliedern. Ihr Ziel ist die Förderung der Wissenschaft auf dem Gebiet der kardiovaskulären Erkrankungen, die Ausrichtung von Tagungen und die Aus-, Weiter- und Fortbildung ihrer Mitglieder. 1927 in Bad Nauheim gegründet, ist die DGK die älteste kardiologische Gesellschaft in Europa.

Christiane Limberg | idw
Weitere Informationen:
http://www.dgk.org

Weitere Berichte zu: Endokarditis Endokarditis-Prophylaxe

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Medizin Gesundheit:

nachricht Tollwutviren zeigen Verschaltungen im gläsernen Gehirn
19.01.2017 | Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn

nachricht Sicher und gesund arbeiten mit Datenbrillen
13.01.2017 | Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Medizin Gesundheit >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Innovatives Hochleistungsmaterial: Biofasern aus Florfliegenseide

Neuartige Biofasern aus einem Seidenprotein der Florfliege werden am Fraunhofer-Institut für Angewandte Polymerforschung IAP gemeinsam mit der Firma AMSilk GmbH entwickelt. Die Forscher arbeiten daran, das Protein in großen Mengen biotechnologisch herzustellen. Als hochgradig biegesteife Faser soll das Material künftig zum Beispiel in Leichtbaukunststoffen für die Verkehrstechnik eingesetzt werden. Im Bereich Medizintechnik sind beispielsweise biokompatible Seidenbeschichtungen von Implantaten denkbar. Ein erstes Materialmuster präsentiert das Fraunhofer IAP auf der Internationalen Grünen Woche in Berlin vom 20.1. bis 29.1.2017 in Halle 4.2 am Stand 212.

Zum Schutz des Nachwuchses vor bodennahen Fressfeinden lagern Florfliegen ihre Eier auf der Unterseite von Blättern ab – auf der Spitze von stabilen seidenen...

Im Focus: Verkehrsstau im Nichts

Konstanzer Physiker verbuchen neue Erfolge bei der Vermessung des Quanten-Vakuums

An der Universität Konstanz ist ein weiterer bedeutender Schritt hin zu einem völlig neuen experimentellen Zugang zur Quantenphysik gelungen. Das Team um Prof....

Im Focus: Traffic jam in empty space

New success for Konstanz physicists in studying the quantum vacuum

An important step towards a completely new experimental access to quantum physics has been made at University of Konstanz. The team of scientists headed by...

Im Focus: Textiler Hochwasserschutz erhöht Sicherheit

Wissenschaftler der TU Chemnitz präsentieren im Februar und März 2017 ein neues temporäres System zum Schutz gegen Hochwasser auf Baumessen in Chemnitz und Dresden

Auch die jüngsten Hochwasserereignisse zeigen, dass vielerorts das natürliche Rückhaltepotential von Uferbereichen schnell erschöpft ist und angrenzende...

Im Focus: Wie Darmbakterien krank machen

HZI-Forscher entschlüsseln Infektionsmechanismen von Yersinien und Immunantworten des Wirts

Yersinien verursachen schwere Darminfektionen. Um ihre Infektionsmechanismen besser zu verstehen, werden Studien mit dem Modellorganismus Yersinia...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Mittelstand 4.0 – Mehrwerte durch Digitalisierung: Hintergründe, Beispiele, Lösungen

20.01.2017 | Veranstaltungen

Nachhaltige Wassernutzung in der Landwirtschaft Osteuropas und Zentralasiens

19.01.2017 | Veranstaltungen

Künftige Rohstoffexperten aus aller Welt in Freiberg zur Winterschule

18.01.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Ionen gegen Herzrhythmusstörungen – Nicht-invasive Alternative zu Katheter-Eingriff

20.01.2017 | Biowissenschaften Chemie

Ein neuer Index zur Diagnose einer nichtalkoholischen Fettlebererkrankung

20.01.2017 | Biowissenschaften Chemie

Das Cockpit für Kühlgeräte

20.01.2017 | Energie und Elektrotechnik