Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Genetik des Übergewichts

07.12.2000


Bundesforschungsministerium fördert Marburger Wissenschaftler mit zwei Millionen Mark

Extremformen des Übergewichts nehmen zu - inzwischen ist ein Körpergewicht von 150 Kilogramm bei Jugendlichen keine medizinische Rarität mehr. Im Rahmen des Deutschen Humangenom-Projekts wird das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) die Suche nach Erbanlagen, die für Fettleibigkeit prädisponieren, mit 3,5 Millionen Mark fördern. Die Federführung in diesem Projekt haben Professor Johannes Hebebrand und Dr. Anke Hinney von der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie des Kindes- und Jugendalters der Philipps-Universität Marburg. Der Löwenanteil von knapp zwei Millionen Mark fließt an Forscher in Marburg, etwa eine Million Mark an das Institut für Molekulare Biotechnologie in Jena, der Rest verteilt sich auf Forscher in Bad Nauheim, Heidelberg und Ulm.

Angesichts der Zunahme der Häufigkeit von Übergewicht bei Kindern und Erwachsenen gerade in den letzten zwei Jahrzehnten fällt es zunächst schwer nachzuvollziehen, dass erblichen Faktoren eine bedeutsame Rolle für die Entstehung von Übergewicht zukommt. Der Vorgang ist jedoch vermutlich vergleichbar mit der Zunahme der Körperlänge: Über zwei Jahrhunderte hinweg hat die durchschnittliche Körpergröße der Deutschen zugenommen - ein Prozess, der erst vor kurzem zum Stillstand gekommen ist. In einer Gesellschaft, in der Hunger zum Fremdwort geworden ist, hat sich hier offenbar das volle genetische Potenzial im Körperlängenwachstum entfaltet. Ähnliches gilt möglicherweise für das Körpergewicht: Auch hier kommen die Erbanlagen erst voll zum Tragen, wenn ihre Wirkung nicht mehr durch Nahrungsmangel eingeschränkt wird. Möglicherweise sind derartige Erbanlagen überhaupt erst so häufig geworden, da sie in früheren Jahrhunderten das Überleben einer Hungerkatastrophe ermöglichten. Gerade das Überangebot an preiswerten und schmackhaften Nahrungsmitteln und die sitzende Tätigkeit, die unseren Lebensstil in modernen Industriegesellschaften charakterisieren, begünstigen, dass sich solche Erbanlagen auswirken, die eine erhöhte Fettmasse bedingen. Da Studien unter anderem aus Marburg belegen, dass die Extremformen des Übergewichts bei Kindern zunehmen, ist angesichts der erst in der jüngeren Vergangenheit aufgekommenen sozialen Diskriminierung von Menschen mit Fettleibigkeit auch nicht auszuschließen, dass heute im Vergleich zu früher vermehrt Partnerschaften zwischen übergewichtigen Individuen geschlossen werden. In der Folge weisen deren Kinder eine starke genetische Belastung auf. Die Entstehung von Übergewicht ist in Deutschland ein vernachlässigtes Forschungsgebiet, wohl weil es hierzu einer Zusammenarbeit von verschiedenen Fachgebieten bedarf. Eine der wenigen Ausnahmen ist an der Philipps-Universität die Klinische Forschergruppe "Genetische Mechanismen der Gewichtsregulation" unter Leitung von Professor Hebebrand. Er versucht, mit seinen Mitarbeitern Erbanlagen zu identifizieren, die für Übergewicht prädisponieren.

Diese Suche wird durch die komplette Sequenzzierung des menschlichen Erbmaterials ungemein erleichtert. Anders als die Berichterstattung in den Medien suggeriert, liegt allerdings erst von den Chromosomen 21 und 22 - bis auf winzige Abschnitte - die vollständige, geordnete Sequenz vor. Die übrigen Chromosomen sind zwar auch schon in allen Teilen sequenziert worden, jedoch gleichen die Daten einem riesigen Puzzle, das noch zusammengesetzt werden muss. Als Vorarbeit gibt es jedoch von allen Chromosomen Karten, die so genannte Mikrosatelliten verzeichnen. Das sind unverwechselbare Abschnitte im Genom, die als Orientierungspunkte dienen. Einige tausend dieser Mikrosatelliten sind identifiziert worden, die sich wie ein Raster über das Genom verteilen. Sie werden von den Genetikern so ähnlich benutzt, wie ein Plan von einem U-Bahn-Netz, auf dem auch nur die Haltestellen verzeichnet sind. In diesem Fall liegt ebenfalls nur die Abfolge der Bahnhöfe fest, über den Verlauf der U-Bahn-Linie zwischen den Haltestellen sagt eine solche Karte jedoch nichts.

In Marburg sind bisher 93 Familien untersucht worden, in denen mindestens zwei Kinder unter Übergewicht leiden. Als Geschwister teilen sie 50 Prozent des Erbmaterials miteinander. Wenn bestimmte Chromosomenabschnitte, die mit den Mikrosatelliten erkannt werden, häufiger als in 50 Prozent der Fälle bei beiden Geschwistern auftauchen, liegt der Verdacht nahe, dass in der Nähe dieser Orientierungsmarken die gesuchten Erbanlagen für Übergewicht zu finden sein müssen. In der Sprache der Genetiker "koppeln" diese Abschnitte miteinander. Allerdings können die verdächtigen Regionen durchaus noch bis zu 300 Gene umfassen. Weltweit sind bislang schon zahlreiche derartige Regionen identifiziert worden. Die in dem Forschungsverbund zusammengeschlossenen Gruppen werden in den nächsten Jahren versuchen, die in diesen Regionen liegenden Erbanlagen zu identifizieren.

Es scheint also nicht das "Übergewichts-Gen" zu geben, sondern es gibt eine Vielzahl von Erbanlagen, die Fettleibigkeit auslösen können. Damit Übergewicht entstehen kann, müssen in aller Regel mehrere derartige Erbanlagen bei einem Menschen vorhanden sein. Kennt man erst mal die Gene, so lässt sich die Biochemie der Entstehung von Übergewicht viel leichter durchschauen. Vielleicht findet sich so auch ein Ansatzpunkt, um Medikamente gegen Fettleibigkeit zu entwickeln.


An der Philipps-Universität sind folgende Forschergruppen beteiligt:

Klinische Forschergruppe "Genetische Mechanismen der Gewichtsregulation" an der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie des Kindes- und Jugendalters
Institut für Medizinische Biometrie und Epidemiologie (Prof. Helmut Schäfer)
Zentrum für Humangenetik (Prof. Karl-Heinz Grzeschik)
Fachgebiet Tierphysiologie (Dr. Martin Klingenspor)


Die externen Kooperationspartner sind:

Institut für Molekulare Biologietechnologie (Dr. Mathias Platzer)
Medizinische Klinik der Universität Heidelberg (Dr. Andreas Hamann)
Max-Planck-Institut für Physiologische und Klinische Forschung, Bad Nauheim (Prof. Ingrid Schmidt)
Universitätskinderklinik Ulm (PD Dr. Martin Wabitsch)


Kontakt:

Prof. Dr. Johannes Hebebrand
Dr. Anke Hinney
Klinische Forschergruppe "Genetische Mechanismen der Gewichtsregulation"
Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie des Kindes- und Jugendalters
Hans-Sachs-Straße 4-8
35039 Marburg
Telefon: 06421 / 28-66466
Fax: 06421 / 28-63056
E-Mail: Hebebran@post.med.uni-marburg.de

Ulrich Thimm | idw

Weitere Berichte zu: Erbanlage Fettleibigkeit Genetik Psychiatrie Übergewicht

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Medizin Gesundheit:

nachricht Berner Forschende entdecken Schlaf-Wach-Schaltzentrale im Hirn
11.06.2018 | Universität Bern

nachricht Malaria: Kooperierende Antikörper verbessern Immunreaktion
08.06.2018 | Deutsches Krebsforschungszentrum

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Medizin Gesundheit >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: AchemAsia 2019 in Shanghai

Die AchemAsia geht in ihr viertes Jahrzehnt und bricht auf zu neuen Ufern: Das International Expo and Innovation Forum for Sustainable Chemical Production findet vom 21. bis 23. Mai 2019 in Shanghai, China statt. Gleichzeitig erhält die Veranstaltung ein aktuelles Profil: Die elfte Ausgabe fokussiert auf Themen, die für Chinas Prozessindustrie besonders relevant sind, und legt den Schwerpunkt auf Nachhaltigkeit und Innovation.

1989 wurde die AchemAsia als Spin-Off der ACHEMA ins Leben gerufen, um die Bedürfnisse der sich damals noch entwickelnden Iindustrie in China zu erfüllen. Seit...

Im Focus: AchemAsia 2019 will take place in Shanghai

Moving into its fourth decade, AchemAsia is setting out for new horizons: The International Expo and Innovation Forum for Sustainable Chemical Production will take place from 21-23 May 2019 in Shanghai, China. With an updated event profile, the eleventh edition focusses on topics that are especially relevant for the Chinese process industry, putting a strong emphasis on sustainability and innovation.

Founded in 1989 as a spin-off of ACHEMA to cater to the needs of China’s then developing industry, AchemAsia has since grown into a platform where the latest...

Im Focus: Li-Fi erstmals für das industrielle Internet der Dinge getestet

Mit einer Abschlusspräsentation im BMW Werk München wurde das BMBF-geförderte Projekt OWICELLS erfolgreich abgeschlossen. Dabei wurde eine Li-Fi Kommunikation zu einem mobilen Roboter in einer 5x5m² Fertigungszelle demonstriert, der produktionsübliche Vorgänge durchführt (Teile schweißen, umlegen und prüfen). Die robuste, optische Drahtlosübertragung beruht auf räumlicher Diversität, d.h. Daten werden von mehreren LEDs und mehreren Photodioden gleichzeitig gesendet und empfangen. Das System kann Daten mit mehr als 100 Mbit/s und fünf Millisekunden Latenz übertragen.

Moderne Produktionstechniken in der Automobilindustrie müssen flexibler werden, um sich an individuelle Kundenwünsche anpassen zu können. Forscher untersuchen...

Im Focus: First real-time test of Li-Fi utilization for the industrial Internet of Things

The BMBF-funded OWICELLS project was successfully completed with a final presentation at the BMW plant in Munich. The presentation demonstrated a Li-Fi communication with a mobile robot, while the robot carried out usual production processes (welding, moving and testing parts) in a 5x5m² production cell. The robust, optical wireless transmission is based on spatial diversity; in other words, data is sent and received simultaneously by several LEDs and several photodiodes. The system can transmit data at more than 100 Mbit/s and five milliseconds latency.

Modern production technologies in the automobile industry must become more flexible in order to fulfil individual customer requirements.

Im Focus: ALMA entdeckt Trio von Baby-Planeten rund um neugeborenen Stern

Neuartige Technik, um die jüngsten Planeten in unserer Galaxis zu finden

Zwei unabhängige Astronomenteams haben mit ALMA überzeugende Belege dafür gefunden, dass sich drei junge Planeten im Orbit um den Säuglingsstern HD 163296...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

VideoLinks
Industrie & Wirtschaft
Veranstaltungen

Simulierter Eingriff am virtuellen Herzen

18.06.2018 | Veranstaltungen

Künstliche Intelligenz – Schafft der Mensch seine Arbeit ab?

15.06.2018 | Veranstaltungen

Internationale Konferenz zur Asteroidenforschung in Garching

13.06.2018 | Veranstaltungen

VideoLinks
Wissenschaft & Forschung
Weitere VideoLinks im Überblick >>>
 
Aktuelle Beiträge

Neuer Abwehrmechanismus gegen Sauerstoffradikale entdeckt

18.06.2018 | Biowissenschaften Chemie

Umwandlung von nicht-neuronalen Zellen in Nervenzellen

18.06.2018 | Biowissenschaften Chemie

Im Fußballfieber: Rittal Cup verspricht Spannung und Spaß

18.06.2018 | Unternehmensmeldung

Weitere B2B-VideoLinks
IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics