Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Warum Bergsteiger am Höhenlungenödem erkranken

07.08.2006
Wissenschaftler des Universitätsklinikums Heidelberg identifizieren mangelhafte Produktion von Stickoxid als Ursache / Arbeit mit Albrecht-Ludwig-Berblinger Preis 2006 der Deutschen Akademie für Flug- und Reisemedizin ausgezeichnet

Von Bergsteigern gefürchtet ist das Höhenlungenödem, das sich ab 3.000 bis 3.500 Metern einstellen kann. Es kommt zur Ansammlung von Wasser in der Lunge, die Betroffenen drohen zu ersticken. Einer molekularen Ursache der lebensbedrohlichen Erkrankung sind Ärzte des Universitätsklinikums Heidelberg schon seit geraumer Zeit auf der Spur: Anfällige Personen verfügen in der Lunge nicht über ausreichend Stickoxid (NO). Diese Erkenntnisse eröffnet neue Wege zur Behandlung der lebensgefährlichern Erkrankung oder gar zur Vorbeugung. Viel versprechende Kandidaten sind z.B. Potenzmittel wie Viagra oder Cialis, die die NO-Wirkung verstärken.

Die neueste Publikation der Heidelberger Arbeitsgruppe zu diesem Thema wurde kürzlich mit dem Albrecht-Ludwig-Berblinger Preis 2006 der Deutschen Akademie für Flug- und Reisemedizin ausgezeichnet, der mit 10.000 Euro dotiert ist. Im Forscherteam vertreten waren die Abteilungen Anaesthesiologie mit dem Erstautor Dr. Marc Berger, die Abteilung Klinische Pharmakologie (Professor Dr. Walter Haefeli) und die Abteilung Sportmedizin, die von einem international renommierten Höhenmedizinforscher, Professor Dr. Peter Baertsch, geleitet wird.

Lebensbedrohliche Erkrankung durch Sauerstoffmangel in großer Höhe

Das Höhenlungenödem ist eine lebensbedrohliche Erkrankung. Lungenödeme - Flüssigkeitsansammlungen in der Lunge - sind in der Medizin vor allem von Herzerkrankungen wie der Herzschwäche bekannt. Das Höhenlungenödem entsteht, wenn anfällige Personen rasch in große Höhen aufsteigen; begünstigt wird es durch körperliche Anstrengung und vermehrten Kältereiz.

Je höher der Bergsteiger empor klettert, desto mehr sinkt der Luftdruck und desto weniger Sauerstoff ist in seiner Atemluft enthalten. Die roten Blutkörperchen können nicht mehr genügend Sauerstoffmoleküle transportieren, um die Organe und Gewebe des Körpers ausreichend mit Sauerstoff zu versorgen. Auf diesen Versorgungsengpass reagieren vor Ort die Blutgefäße der Lunge: sie ziehen sich zusammen.

Diese "Vasokonstriktion" ist eine natürliche Reaktion des Körpers, um schlecht durchlüftete Lungenbezirke zugunsten von Gebieten, die besser mit Sauerstoff versorgt sind, "abzuklemmen". Wenn die Vasokonstriktion zu stark ausfällt, steigt der Druck in den Lungengefäßen übermäßig an und es kommt zum Austritt von Flüssigkeit, die sich in den Lungenbläschen ansammelt. Die Funktion der Lunge wird nachhaltig gestört: Die Betroffenen verspüren Atemnot, atmen flach und rasch, das Herz schlägt schnell, Husten stellt sich ein und die Körpertemperatur steigt. Der lebensbedrohliche Zustand bessert sich oft erstaunlich schnell, wenn der Abstieg rechtzeitig gelingt. Andernfalls kann die Erkrankung tödlich enden.

Funktion des Endothels ist bei Sauerstoffmangel gestört

Die Heidelberger Wissenschaftler konnten durch Versuche im Höhenraum der Abteilung Sportmedizin zeigen, dass bei anfälligen Personen die Funktion des Endothels bei Sauerstoffmangel gestört ist. Als "Endothel" wird die Zellschicht bezeichnet, welche die Wand der Blutgefäße von innen wie eine Tapete auskleidet und schützt. Endothelzellen produzieren Stickoxid (NO), ein sehr kleines Molekül, dass mühelos durch winzige Poren schlüpfen und zu seinem Bestimmungsziel, den benachbarten Muskelzellen in der Wand des Blutgefäßes, gelangen kann und sie zur Entspannung bringt.

"Diese Endothelfunktion ist bei anfälligen Personen gestört, sobald sie in großer Höhe in Sauerstoffnot geraten," erklärt Dr. Berger, der Erstautor der Publikation. Stickoxid wird nicht mehr in ausreichender Menge produziert, die übermäßige Vasokonstriktion lässt ein Höhenlungenödem entstehen. Die neuen Erkenntnisse sind gut vereinbar mit weiteren, noch nicht vollständig publizierten Daten aus einer internationalen Feldstudie an der die Heidelberger Gruppe beteiligt war. Diese zeigen, dass das Potenzmittel Cialis zur Vorbeugung des Höhenlungenödems verwendet werden kann.

Literatur:
Berger MM, Hesse C, Dehnert C, Siedler H, Kleinbongard P, Kelm M, Bardenheuer HJ, Bärtsch P, Haefeli W: Hypoxia impairs systemic endothelial function in individuals prone to high-altitude pulmonary edema. Am J Respir Crit Care Med 2005; 172:763-765

(Der Originalartikel kann bei der Pressestelle des Universitätsklinikums Heidelberg unter contact@med.uni-heidelberg.de angefordert werden)

Kontakt:
Prof. Dr. Peter Bärtsch
Innere Medizin VII / Sportmedizin
Universitätsklinikum Heidelberg
Im Neuenheimer Feld 410, 69120 Heidelberg
Telefon: 06221 / 56 8101, Fax: 06221/56 5972
E-Mail: Sportmedizin@med.uni-heidelberg.de
Dr. Marc Berger
Anaesthesiologische Klinik
Universitätsklinikum Heidelberg
Telefon: 06221 / 56 37162
E-Mail: marc.berger@med.uni-heidelberg.de
Bei Rückfragen von Journalisten:
Dr. Annette Tuffs
Presse- und Öffentlichkeitsarbeit des Universitätsklinikums Heidelberg
und der Medizinischen Fakultät der Universität Heidelberg
Im Neuenheimer Feld 672
69120 Heidelberg
Tel.: 06221 / 56 45 36
Fax: 06221 / 56 45 44
E-Mail: Annette_Tuffs@med.uni-heidelberg.de

Dr. Annette Tuffs | idw
Weitere Informationen:
http://www.klinikum.uni-heidelberg.de/presse

Weitere Berichte zu: Blutgefäß Höhenlungenödem Lunge Stickoxid

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Medizin Gesundheit:

nachricht Verschwindende Äderchen: Diabetes schädigt kleine Blutgefäße am Herz und erhöht das Infarkt-Risiko
23.03.2017 | Technische Universität München

nachricht Ein Knebel für die Anstandsdame führt zu Chaos in Krebszellen
22.03.2017 | Wilhelm Sander-Stiftung

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Medizin Gesundheit >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Fliegende Intensivstationen: Ultraschallgeräte in Rettungshubschraubern können Leben retten

Etwa 21 Millionen Menschen treffen jährlich in deutschen Notaufnahmen ein. Im Kampf zwischen Leben und Tod zählt für diese Patienten jede Minute. Wenn sie schon kurz nach dem Unfall zielgerichtet behandelt werden können, verbessern sich ihre Überlebenschancen erheblich. Damit Notfallmediziner in solchen Fällen schnell die richtige Diagnose stellen können, kommen in den Rettungshubschraubern der DRF Luftrettung und zunehmend auch in Notarzteinsatzfahrzeugen mobile Ultraschallgeräte zum Einsatz. Experten der Deutschen Gesellschaft für Ultraschall in der Medizin e.V. (DEGUM) schulen die Notärzte und Rettungsassistenten.

Mit mobilen Ultraschallgeräten können Notärzte beispielsweise innere Blutungen direkt am Unfallort identifizieren und sie bei Bedarf auch für Untersuchungen im...

Im Focus: Gigantische Magnetfelder im Universum

Astronomen aus Bonn und Tautenburg in Thüringen beobachteten mit dem 100-m-Radioteleskop Effelsberg Galaxienhaufen, das sind Ansammlungen von Sternsystemen, heißem Gas und geladenen Teilchen. An den Rändern dieser Galaxienhaufen fanden sie außergewöhnlich geordnete Magnetfelder, die sich über viele Millionen Lichtjahre erstrecken. Sie stellen die größten bekannten Magnetfelder im Universum dar.

Die Ergebnisse werden am 22. März in der Fachzeitschrift „Astronomy & Astrophysics“ veröffentlicht.

Galaxienhaufen sind die größten gravitativ gebundenen Strukturen im Universum, mit einer Ausdehnung von etwa zehn Millionen Lichtjahren. Im Vergleich dazu ist...

Im Focus: Giant Magnetic Fields in the Universe

Astronomers from Bonn and Tautenburg in Thuringia (Germany) used the 100-m radio telescope at Effelsberg to observe several galaxy clusters. At the edges of these large accumulations of dark matter, stellar systems (galaxies), hot gas, and charged particles, they found magnetic fields that are exceptionally ordered over distances of many million light years. This makes them the most extended magnetic fields in the universe known so far.

The results will be published on March 22 in the journal „Astronomy & Astrophysics“.

Galaxy clusters are the largest gravitationally bound structures in the universe. With a typical extent of about 10 million light years, i.e. 100 times the...

Im Focus: Auf der Spur des linearen Ubiquitins

Eine neue Methode ermöglicht es, den Geheimcode linearer Ubiquitin-Ketten zu entschlüsseln. Forscher der Goethe-Universität berichten darüber in der aktuellen Ausgabe von "nature methods", zusammen mit Partnern der Universität Tübingen, der Queen Mary University und des Francis Crick Institute in London.

Ubiquitin ist ein kleines Molekül, das im Körper an andere Proteine angehängt wird und so deren Funktion kontrollieren und verändern kann. Die Anheftung...

Im Focus: Tracing down linear ubiquitination

Researchers at the Goethe University Frankfurt, together with partners from the University of Tübingen in Germany and Queen Mary University as well as Francis Crick Institute from London (UK) have developed a novel technology to decipher the secret ubiquitin code.

Ubiquitin is a small protein that can be linked to other cellular proteins, thereby controlling and modulating their functions. The attachment occurs in many...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Lebenswichtige Lebensmittelchemie

23.03.2017 | Veranstaltungen

Die „Panama Papers“ aus Programmierersicht

22.03.2017 | Veranstaltungen

Über Raum, Zeit und Materie

22.03.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Besser lernen dank Zink?

23.03.2017 | Biowissenschaften Chemie

Lebenswichtige Lebensmittelchemie

23.03.2017 | Veranstaltungsnachrichten

Innenraum-Ortung für dynamische Umgebungen

23.03.2017 | Architektur Bauwesen