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Weihnachtszeit: Krisenzeit

18.12.2001


Weihnachten ist ein Fest der hohen Erwartungen. Wenn sich die Familie unter dem Tannenbaum versammelt hat, die Geschenke verteilt und der Weihnachtsbraten verzehrt wurden, stellt sich in den Tagen danach oft eine große Ernüchterung ein. Psychiater und Psychologen warnen vor Krisen während der Feiertage.

Fröhlichkeit auf Knopfdruck? Gerade für die mehr als 6 Millionen Deutschen, die unter psychischen Erkrankungen leiden, stellt die Weihnachtszeit oft eine Überforderung dar. "Weihnachtsschmuck aufhängen und 30 Weihnachtskarten an Freunde schreiben? Dass ich nicht lache", sagt eine depressiv erkrankte Frau, "ich bin schon froh, wenn ich in einer schlimmen Phase morgens die Kraft habe, mir die Zähne zu putzen!" Antriebslosigkeit und die Unfähigkeit, einen normalen Alltag zu bewältigen, gehören neben tiefer Traurigkeit, Schlafstörungen und körperlichen Beschwerden zu den Symptomen einer Depression. "Viele Menschen, die unter Depressionen leiden, sind wie versteinert und unfähig, Freude zu empfinden", erklärt Prof. Dr. Ulrich Hegerl, Psychiater und Sprecher des Kompetenznetzes Depression. Zu der Krankheit kommt in vielen Fällen die soziale Isolation, die psychisch erkrankte Menschen gerade am vermeintlichen "Fest der Familie" als besonders schmerzhaft erleben.

"Auch Familienmitglieder befinden sich in einer sehr belastenden Situation, wenn ein naher Angehöriger unter einer psychischen Erkrankung leidet", betont der Psychiater Hegerl. In einer Umfrage unter Mitgliedern des Bundesverbandes der Angehörigen psychisch Kranker berichteten zwei Drittel der Befragten, die Krankheit beeinträchtige ihr Leben und direkt ihren Alltag. Eine Selbsthilfegruppe für Angehörige aufzusuchen, gibt den betroffenen Familienmitgliedern die Möglichkeit, zum ersten Mal offen über diese Belastungen zu sprechen. Nicht nur die Patienten, sondern auch Partner und Familienmitglieder benötigten angesichts einer psychischen Erkrankung Unterstützung, betont Hegerl.

Eine Studie in elf europäischen Ländern zeigte, dass nach den Weihnachtsfeiertagen die Zahl der Suizidversuche kurzfristig um 40 Prozent anstieg. Professor Armin Schmidtke, Suizidforscher aus Würzburg, und seine Kollegen führen dies auf den "broken promise-Effekt" zurück - Erwartungen, die die Festtage geweckt hatten, wurden nicht erfüllt. Für die betroffenen Menschen, die sich in den Weihnachtstagen, aber auch darüber hinaus in einer Krise befinden, ist es wichtig, sich Hilfe zu holen. Anlaufstellen für Menschen in Krisensituationen sind die Telefonseelsorge (anonyme Beratung unter Telefon 0 800 / 1 11 01 11 sowie 0 800 / 1 11 02 22) sowie die Notfallambulanzen psychiatrischer Kliniken.


Kompetenznetz Depression, Psychiatrische Klinik der Ludwig-Maximilians-Universität München, Nussbaumstraße 7, 80336 München

Dipl.-Journ. Maike Zander | idw
Weitere Informationen:
http://www.kompetenznetz-depression.de/

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