Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Kühlen Kopf bewahren

02.12.2005


Reaktion auf die Einnahme von Nikotinsäure ist das so genannte "Flushing" (rechts). Quelle: Pharmakologisches Institut der Universität Heidelberg


Heidelberger Wissenschaftler entschlüsseln Mechanismus der "Flushing-Reaktion" durch Nikotinsäure und zeigen neue Ansatzpunkte für einen besseren Schutz vor Herzinfarkt


Wissenschaftlern des Pharmakologischen Instituts am Universitätsklinikum Heidelberg ist es gelungen, den Mechanismus für eine harmlose, aber sehr unangenehme Nebenwirkung des wichtigen Arzneiwirkstoffs Nikotinsäure aufzuklären.

Nikotinsäure kann Herzinfarkt und Schlaganfall vorbeugen, führt aber auch zum so genannten "Flushing": Nach Einnahme des Medikaments röten sich Gesicht und Oberkörper bis zu 90 Minuten lang. Diese Erweiterung der Blutgefäße wird von einem unangenehmen Wärmegefühl und Brennen begleitet. Die Heidelberger Forscher haben mit ihren Arbeiten erstmals Ansatzpunkte für die Entwicklung von Arzneimitteln geschaffen, die die erwünschte Arzneiwirkung erhalten und das "Flushing" ausschalten.


Über ihre aktuellen Forschungsergebnisse berichten Professor Dr. Stefan Offermanns, Ärztlicher Direktor des Heidelberger Pharmakologischen Instituts, und seine Mitarbeiter Dr. Zoltán Benyó, und Dr. Andreas Gille in der Dezemberausgabe der renommierten Zeitschrift The Journal of Clinical Investigation (Vol 115, No 12).

Fehlt das Rezeptorprotein, bleibt das Flushing aus

Die Konstellation der Blutfette ist ein wichtiger Risikofaktor für Herzinfarkt, Schlaganfall oder Durchblutungsstörungen durch arteriosklerotisch veränderte Blutgefäße. Ungünstig sind erhöhte LDL-Cholesterin-Werte (Low Density Lipoproteine) und niedrige HDL-Werte (High Density Lipoproteine). Die Nikotinsäure, ein Mitglied der Vitamin-B-Familie, sorgt für einen starken Anstieg der "guten" HDL-Cholesterin-Blutwerte und spielt deswegen potenziell eine wichtige Rolle bei der Vorbeugung der Arteriosklerose. Wegen des "Flushing" wird ihre Einnahme jedoch oft von Patienten abgelehnt.

Vor zwei Jahren haben die Heidelberger Forscher bereits entdeckt, dass das Vitamin Nikotinsäure an einen passenden Eiweißstoff, einen so genannten Rezeptor bindet, um seine Fettstoffwechsel-regulierende Wirkung zu entfalten. Ihre jüngsten Untersuchungen an Mäusen beweisen nun die Mehrfachfunktion dieses Rezeptors: Ist das Gen für den Rezeptor inaktiv und der Rezeptor somit nicht vorhanden, wird durch Nikotinsäure keine Flushing-Reaktion ausgelöst. Wird diesen Mäusen Knochenmark von normalen Tieren transplantiert, so tritt das Flushing wieder auf, da die Abkömmlinge der Knochenmarkzellen die Rezeptoren besitzen.

Die Wissenschaftler haben zudem den Mechanismus der Blutgefäßerweiterung entschlüsselt: Der Nikotinsäure-Rezeptor stimuliert Immunzellen in der Haut, gewebseigene Hormone - so genannte "Prostaglandine" - zu bilden. Diese wiederum erweitern über die Bindung an Prostaglandin-Rezeptoren die Blutgefäße in der Haut. Enzyme, die an der Prostaglandin-Produktion beteiligt sind, sowie spezifische Prostaglandin-Rezeptoren sind somit viel versprechende Ansatzpunkte für neue Pharmaka. Durch ihre Hemmung kann die unerwünschte Wirkung von Nikotinsäure unterdrückt werden, während die erwünschte Wirkung auf den Fettstoffwechsel erhalten bleibt.

Renaissance der Nikotinsäure als Medikament zur Herzinfarkt-Vorbeugung

"Als vorbeugende Medikamente wurden in den vergangenen Jahren vor allem Statine und Cholesterin-Resorptionshemmer eingesetzt, die das "schlechte" LDL-Cholesterin senken.

Für die HDL-Cholesterin-Steigerung ist die Nikotinsäure einer der wichtigsten Hoffnungsträger, der aufgrund seines einzigartigen Wirkspektrums in den letzten Jahren eine gewisse Renaissance erfahren hat", erklärt Professor Offermanns. Die Heidelberger Forscher konnten mit ihren Arbeiten der Entwicklung neuer Pharmaka auf der Grundlage des Nikotinsäure-Rezeptors - die bereits auf Hochtouren läuft - wichtige neue Impulse geben.

Bei Rückfragen:
Prof. Dr. Stefan Offermanns
E-Mail: stefan.offermanns@urz.uni-heidelberg.de
Pharmakologisches Institut
Universität Heidelberg
INF 366
69120 Heidelberg
Fax: +49 (0) 6221 / 54 - 8549

Literatur:
Offermanns S, Benyo Z et.al: GPR109A (PUMA-G/HM74A) mediates nicotinic acid-induced flushing. Journal of Clinical Investigation, Vol 115, No 12.

Dr. Annette Tuffs | idw
Weitere Informationen:
http://www.med.uni-heidelberg.de/
http://www.klinikum.uni-heidelberg.de/presse
http://www.pharmakologie.uni-hd.de

Weitere Berichte zu: Blutgefäß Nikotinsäure Rezeptor

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Medizin Gesundheit:

nachricht Abstoßung von Spenderorganen: Neue Biomarker sollen Komplikationen verhindern
15.12.2017 | Deutsche Herzstiftung e.V./Deutsche Stiftung für Herzforschung

nachricht Antibiotikaresistenzen durch Nanopartikel überwinden?
15.12.2017 | Friedrich-Schiller-Universität Jena

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Medizin Gesundheit >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Immunsystem - Blutplättchen können mehr als bislang bekannt

LMU-Mediziner zeigen eine wichtige Funktion von Blutplättchen auf: Sie bewegen sich aktiv und interagieren mit Erregern.

Die aktive Rolle von Blutplättchen bei der Immunabwehr wurde bislang unterschätzt: Sie übernehmen mehr Funktionen als bekannt war. Das zeigt eine Studie von...

Im Focus: First-of-its-kind chemical oscillator offers new level of molecular control

DNA molecules that follow specific instructions could offer more precise molecular control of synthetic chemical systems, a discovery that opens the door for engineers to create molecular machines with new and complex behaviors.

Researchers have created chemical amplifiers and a chemical oscillator using a systematic method that has the potential to embed sophisticated circuit...

Im Focus: Nanostrukturen steuern Wärmetransport: Bayreuther Forscher entdecken Verfahren zur Wärmeregulierung

Der Forschergruppe von Prof. Dr. Markus Retsch an der Universität Bayreuth ist es erstmals gelungen, die von der Temperatur abhängige Wärmeleitfähigkeit mit Hilfe von polymeren Materialien präzise zu steuern. In der Zeitschrift Science Advances werden diese fortschrittlichen, zunächst für Laboruntersuchungen hergestellten Funktionsmaterialien beschrieben. Die hiermit gewonnenen Erkenntnisse sind von großer Relevanz für die Entwicklung neuer Konzepte zur Wärmedämmung.

Von Schmetterlingsflügeln zu neuen Funktionsmaterialien

Im Focus: Lange Speicherung photonischer Quantenbits für globale Teleportation

Wissenschaftler am Max-Planck-Institut für Quantenoptik erreichen mit neuer Speichertechnik für photonische Quantenbits Kohärenzzeiten, welche die weltweite...

Im Focus: Long-lived storage of a photonic qubit for worldwide teleportation

MPQ scientists achieve long storage times for photonic quantum bits which break the lower bound for direct teleportation in a global quantum network.

Concerning the development of quantum memories for the realization of global quantum networks, scientists of the Quantum Dynamics Division led by Professor...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Call for Contributions: Tagung „Lehren und Lernen mit digitalen Medien“

15.12.2017 | Veranstaltungen

Die Stadt der Zukunft nachhaltig(er) gestalten: inter 3 stellt Projekte auf Konferenz vor

15.12.2017 | Veranstaltungen

Mit allen Sinnen! - Sensoren im Automobil

14.12.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Weltrekord: Jülicher Forscher simulieren Quantencomputer mit 46 Qubits

15.12.2017 | Informationstechnologie

Wackelpudding mit Gedächtnis – Verlaufsvorhersage für handelsübliche Lacke

15.12.2017 | Verfahrenstechnologie

Forscher vereinfachen Installation und Programmierung von Robotersystemen

15.12.2017 | Energie und Elektrotechnik