Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Menschen mit schweren psychischen Erkrankungen brauchen bessere Versorgung

24.11.2005


DGPPN: Versorgungsengpass verschärft / Schere zwischen Bedarf und Finanzierung geht weiter auseinander



Die Deutsche Gesellschaft für Psychiatrie, Psychotherapie und Nervenheilkunde (DGPPN) fordert anlässlich ihrer Jahrestagung in Berlin bessere und eindeutigere Versorgungsstrukturen für die Therapie von Menschen mit schweren psychischen Erkrankungen. Unser bisheriges Versorgungssystem zeigt nach Auffassung von Professor Dr. Mathias Berger, Ärztlicher Direktor der Abteilung für Psychiatrie und Psychotherapie am Universitätsklinikum Freiburg und Mitglied im Vorstand der DGPPN, entscheidende Mängel in der patientenorientierten Versorgung: "Wir haben in Deutschland zwar eine große Anzahl von ärztlichen und psychologischen Psychotherapeuten, dagegen ist aber die pharmako-, sozio- und psychotherapeutische Komplexversorgung von Betroffenen mit schweren chronischen psychischen Erkrankungen völlig unzureichend." Zu diesen Krankheiten sind unter anderem die Psychosen, die schweren Persönlichkeitsstörungen und die schweren Depressionen oder beginnende demenzielle beziehungsweise Suchterkrankungen zu zählen.

... mehr zu:
»Depression »Suchterkrankung


Die Ursachen dafür liegen nach Ansicht von Mathias Berger vor allem in einer viel zu geringen Anzahl von niedergelassenen Fachärzten für Psychiatrie und Psychotherapie sowie in der massiven Unterfinanzierung der psychiatrischen-psychotherapeutischen Basisversorgung. Nach Umsetzung der Reform der "Einheitlichen Bewertungsmaßstäbe (EBM)" stehen pro Arzt und Patient nur noch 40 Euro pro Quartal zur Verfügung, was real zwei Patientenkontakte in einem Vierteljahr erlaube. "De facto, so Berger, ist heute eine Situation zu konstatieren, dass immer weniger Ärzte immer mehr Patienten in kürzerer Zeit zu behandeln haben, weil im ambulanten Bereich eindeutig Fachärzte für Psychiatrie und Psychotherapie fehlen. Eine dreifach höhere Zahl wird benötigt, um alle Menschen mit Behandlungsbedarf versorgen zu können."

Derzeit behandeln knapp 5.000 niedergelassene Fachärzte für Psychiatrie und Psychotherapie etwa vier Millionen Menschen im Jahr. Behandlungsbedürftig sind nach Erhebungen im Rahmen des Gesundheitssurvey der Bundesregierung aber deutlich mehr Menschen. "Um eine ausreichende Versorgungssituation zu schaffen", so der DGPPN-Vorstand, "benötigt man einen Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie auf 6.000 Einwohner." Dagegen zeigt der Ist-Zustand ein gänzlich anderes Bild: Auf einen Facharzt kommen heute durchschnittlich 17.000 Einwohner. Besonders dramatisch ist die Lage in den neuen Bundesländern: Denn dort muss ein Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie etwa 27.000 Einwohner versorgen. Nach Auffassung der DGPPN ist damit eine flächendeckende psychiatrisch-psychotherapeutische Versorgung der Bevölkerung in keiner Weise mehr gewährleistet.

Eine wesentliche Ursache für diese Unterversorgungssituation liegt für Berger in der Tatsache, dass die Bedarfsplanung für die niedergelassenen Ärzte im Fach Psychiatrie und Psychotherapie inzwischen 15 Jahre alt ist. Dadurch ist die Möglichkeit für junge Fachärzte, sich niederzulassen stark eingeschränkt. Verschärft wird diese Situation noch dadurch, dass in der aktuellen politischen und wirtschaftlichen Lage dem Gesundheitswesen keine zusätzlichen finanziellen Ressourcen zur Verfügung stehen, um die psychiatrisch-psychotherapeutische Versorgung gerade von Menschen mit schweren psychischen Erkrankungen nachhaltig zu verbessern. Derzeit werden lediglich etwa drei Prozent des Etats der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV) für die ambulante nervenärztliche Fachgruppe ausgegeben.

Außerdem wurden seit 1975 mehr als 50 Prozent der Krankenhausbetten in Kliniken für Psychiatrie und Psychotherapie abgebaut. Die Verweildauer der Patienten sank in dieser Zeit von fast 230 auf 23 Tage. Damit fand eine deutliche Verlagerung der Versorgung vom stationären in den ambulanten Bereich statt, wie dies in der so genannten Psychiatrie-Enquete von 1975 gefordert wurde. Dies geschah allerdings ohne den gleichzeitigen Transfer von Ressourcen. Ein Großteil dieser wissenschaftlich und ethisch geforderten Entwicklungen auf dem medizinischen Gebiet von Psychiatrie und Psychotherapie fand in einer Zeit der gesundheitspolitischen Ressourcenverknappung statt.

Der Freiburger Psychiater erinnerte daran, dass in unserer Gesellschaft eine stetige Zunahme von psychischen Störungen zu verzeichnen sei. Seelische Erkrankungen zählen mittlerweile bei Frauen und Männern zu den häufigsten Frühberentungsgründen. Junge Menschen werden mit am häufigsten wegen psychischen Leiden krankgeschrieben. Umso mehr sind nach Auffassung der DGPPN alle Verantwortlichen im Gesundheitssystem aufgerufen, konstruktiv an einer Lösung dieser Versorgungsfrage mitzuarbeiten. "Mit Nachdruck setzt sich die DGPPN", so Berger, "daher für integrierte und übergreifende Versorgungssysteme ein, in denen störungsspezifische Therapiemodelle im Vordergrund stehen. Dazu gehört auch die Entwicklung von entsprechenden Leitlinien zur Behandlung von psychischen Erkrankungen wie etwa der Depressionen oder Suchterkrankungen. Die strikte Trennung von ambulanter Versorgung, Akutkrankenhäusern und Rehabilitationseinrichtungen führt insbesondere bei psychischen Erkrankungen zu massiven Schnittstellenproblemen und einer fachlich nicht zufrieden stellenden Versorgung sowie zu umfangreichen vermeidbaren Kosten. Das Konzept der Integrierten Versorgung sollte deswegen gerade hier flächendeckend und kassenübergreifend vom Gesetzgeber ermöglicht werden."

Kontakt:
Prof. Dr. Mathias Berger
Universitätsklinikum Freiburg
Abt. für Psychiatrie und Psychotherapie
Hauptstraße 5
79104 Freiburg
Tel. 0761.270-6506
Fax 0761/270-6523
Mail: mathias_berger@psyallg.ukl.uni-freiburg.de

Kontakt während des Kongresses:
Pressbüro
Tel: 030 30 38 75 47

Dr. Thomas Nesseler | idw
Weitere Informationen:
http://www.dgppn.de

Weitere Berichte zu: Depression Suchterkrankung

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Medizin Gesundheit:

nachricht Sicher und gesund arbeiten mit Datenbrillen
13.01.2017 | Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin

nachricht Vorhersage entlastet das Gehirn
13.01.2017 | Philipps-Universität Marburg

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Medizin Gesundheit >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: How gut bacteria can make us ill

HZI researchers decipher infection mechanisms of Yersinia and immune responses of the host

Yersiniae cause severe intestinal infections. Studies using Yersinia pseudotuberculosis as a model organism aim to elucidate the infection mechanisms of these...

Im Focus: Interfacial Superconductivity: Magnetic and superconducting order revealed simultaneously

Researchers from the University of Hamburg in Germany, in collaboration with colleagues from the University of Aarhus in Denmark, have synthesized a new superconducting material by growing a few layers of an antiferromagnetic transition-metal chalcogenide on a bismuth-based topological insulator, both being non-superconducting materials.

While superconductivity and magnetism are generally believed to be mutually exclusive, surprisingly, in this new material, superconducting correlations...

Im Focus: Erforschung von Elementarteilchen in Materialien

Laseranregung von Semimetallen ermöglicht die Erzeugung neuartiger Quasiteilchen in Festkörpersystemen sowie ultraschnelle Schaltung zwischen verschiedenen Zuständen.

Die Untersuchung der Eigenschaften fundamentaler Teilchen in Festkörpersystemen ist ein vielversprechender Ansatz für die Quantenfeldtheorie. Quasiteilchen...

Im Focus: Studying fundamental particles in materials

Laser-driving of semimetals allows creating novel quasiparticle states within condensed matter systems and switching between different states on ultrafast time scales

Studying properties of fundamental particles in condensed matter systems is a promising approach to quantum field theory. Quasiparticles offer the opportunity...

Im Focus: Mit solaren Gebäudehüllen Architektur gestalten

Solarthermie ist in der breiten Öffentlichkeit derzeit durch dunkelblaue, rechteckige Kollektoren auf Hausdächern besetzt. Für ästhetisch hochwertige Architektur werden Technologien benötigt, die dem Architekten mehr Gestaltungsspielraum für Niedrigst- und Plusenergiegebäude geben. Im Projekt »ArKol« entwickeln Forscher des Fraunhofer ISE gemeinsam mit Partnern aktuell zwei Fassadenkollektoren für solare Wärmeerzeugung, die ein hohes Maß an Designflexibilität erlauben: einen Streifenkollektor für opake sowie eine solarthermische Jalousie für transparente Fassadenanteile. Der aktuelle Stand der beiden Entwicklungen wird auf der BAU 2017 vorgestellt.

Im Projekt »ArKol – Entwicklung von architektonisch hoch integrierten Fassadekollektoren mit Heat Pipes« entwickelt das Fraunhofer ISE gemeinsam mit Partnern...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Bundesweiter Astronomietag am 25. März 2017

17.01.2017 | Veranstaltungen

Über intelligente IT-Systeme und große Datenberge

17.01.2017 | Veranstaltungen

Aquakulturen und Fangquoten – was hilft gegen Überfischung?

16.01.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Geothermie: Den Sommer im Winter ernten

18.01.2017 | Energie und Elektrotechnik

Kompositmaterial für die Wasseraufbereitung

18.01.2017 | Biowissenschaften Chemie

Brain-Computer-Interface: Wenn der Computer uns intuitiv versteht

18.01.2017 | Informationstechnologie