Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Die Chronomedizin ist im Kommen - wie die innere Uhr des Menschen die Gesundheit beeinflusst

01.09.2005


"Uhrenforscher" aus aller Welt tagen in Frankfurt



Zahlreiche Körperfunktionen wie Puls, Blutdruck oder die Körpertemperatur unterliegen der zeitlichen Kontrolle durch eine innere Uhr. Sie erzeugt einen genetisch fixierten Rhythmus, der ungefähr den 24 Stunden eines Tages entspricht und deshalb auch als circadianer Rhythmus bezeichnet wird. Die innere Uhr wird täglich mit der Umwelt in Einklang gebracht (synchronisiert) und passt sich so dem Wechsel von Tag und Nacht oder Sommer und Winter an. Der Hell/Dunkelwechsel ist der wichtigste Zeitgeber.



Die Synchronisation der Körperfunktionen untereinander, aber auch mit dem natürlichen Rhythmus der Umwelt ist eine wichtige Voraussetzung für Gesundheit und Wohlbefinden. Dies bedeutet aber auch, dass eine Störung des körpereigenen Rhythmus zu zahlreichen körperlichen Erkrankungen führen kann, aber auch Verhaltensstörungen wie etwa Schlafstörungen, Tagesschläfrigkeit und verminderte Leistungsfähigkeit hervorruft. Klassische Beispiele sind körperliche Beschwerden bei Schichtarbeit, der sogenannte Jet-Lag nach einem Langstreckenflug, die Umstellung von der Sommer- auf die Winterzeit und umgekehrt oder die Winterdepression.

"Grundsätzlich ist festzuhalten, dass wir zwar eine gut etablierte und wissenschaftlich mittlerweile sehr angesehene Chronobiologie haben, die aber noch nicht zur Entwicklung und Etablierung einer Chronomedizin geführt hat. Dieses wird eine vordringliche Aufgabe der ’Uhrenforschung’ in den nächsten Jahren sein", sagt Professor Dr. med. Horst-Werner Korf, Direktor des Institutes für Anatomie II (Experimentelle Neurobiologie) am Klinikum der J. W. Goethe-Universität und Wissenschaftlicher Leiter des X. Congress of the European Pineal and Biological Rhythms Society (EPBRS), der zwischen dem 1. und 5. September 2005 in Frankfurt am Main stattfindet.

Defekte Uhrengene und ihre möglichen Folgen

Aktuelle Ergebnisse aus Tierexperimenten liefern den Uhrenforschern Erkenntnisse, die in Zukunft von klinischer Relevanz sein könnten. So vermuten die Wissenschaftler direkte Zusammenhänge zwischen Defekten oder Fehlfunktionen der Uhrengene und dem Auftreten bestimmter Krankheiten und veränderten Stoffwechselabläufen. Beispielsweise konnten sie Fehlregulationen der Uhrengene Per1, Per2, und Per3 in Tumorzellen nachweisen. Des Weiteren wird der Polymorphismus des Uhrengens Per3 mit einem verfrühten Auftreten von Brustkrebs in Verbindung gebracht (Zhu et al., 2005). Fehlt dagegen das Uhrengen Clock könnte dies gegebenenfalls zu Fettleibigkeit führen, wohingegen eine Mutation im Per2 Gen möglicherweise zu einem vermehrten Alkoholkonsum führt (Spanagel et al., 2005). Schlafstörungen wie das Advanced Sleep Phase Syndrom (ASPS) werden durch eine Mutation im Per2 Gen hervorgerufen (Toh et al., 2001; Xu et al., 2005), das Delayed Sleep Phase Syndrom (DSPS) durch Polymorphismus des Per3 Gens (Robilliard et al., 2002; Lowrey and Takahashi 2004).

Störungen der inneren Uhr beeinflussen Krankheitsverläufe

Indirekt könnten sich Störungen des circadianen Systems auch auf den Verlauf von Erkrankungen auswirken. So kommt es bei Patienten mit erhöhtem Bluthochdruck oder solchen, die an kardiovaskulären Erkrankungen leiden, morgens auffällig häufig zu einem Myocardinfarkt, Arrhythmien oder zu einem plötzlichen Herztod, insbesondere bei Diabetes mellitus. Asthmaanfälle treten oft in der Nacht auf (Smolensky et al., 1999) und Schlafstörungen führen vermehrt zur Entstehung von Geschwüren, kardiovaskulären Erkrankungen oder Fertilitätsstörungen. Insbesondere Nacht- oder Schichtarbeiter weisen einen höheren Krankenstand auf und sind häufiger von Stress betroffen. Auch haben Frauen in dieser Gruppe ein erhöhtes Risiko, an Brustkrebs zu erkranken. Schließlich ist die Unfallhäufigkeit insgesamt höher als im Durchschnitt.

Anwendungen der Erkenntnisse der Chronobiologie

"Erkenntnisse der Chronobiologie können helfen, die gesundheitlichen Gefahren eines Lebens gegen die innere Uhr zu begrenzen und Therapie- und Diagnosemethoden zu verbessern", sagt Professor Jörg Stehle, Leiter des Instituts für Anatomie III (Zelluläre und Molekulare Anatomie). Mit der Lichttherapie zur Behandlung der Winterdepression und anderen depressiven Erkrankungen konnte erstmals eine psychiatrische Behandlungsmethode aus den Erkenntnissen der Neurowissenschaften entwickelt werden. Auch ist die Wirkung von Medikamenten sehr stark von der Tageszeit abhängig, zu der sie verabreicht werden. "Dieses, von der gegenwärtigen Medizin viel zu wenig beachtete Phänomen, ist Gegenstand der Chronopharmakologie, die sich zum Ziel gesetzt hat, den optimalen Zeitpunkt für die Gabe von bestimmten Medikamenten, beispielsweise von Zytostatika bei Krebspatienten zu ermitteln", führt Stehle weiter aus.

EPBRS (European Pineal and Biological Rhythms Society)

Die EPBRS (European Pineal and Biological Rhythms Society), 1978 als European Pineal Study Group gegründet, ist eine internationale Gesellschaft von Wissenschaftlern, die biologische Rhythmen und photoneuroendokrine Systeme erforschen. Das spezifische Ziel der Gesellschaft ist die Analyse circadianer und saisonaler Mechanismen und Prozesse mit Hilfe eines "vertikalen" neurobiologischen Ansatzes, der molekular- bzw. zellbiologische Analysen und system-_bzw. verhaltensphysiologische Untersuchungen integriert. Die Gesellschaft hält alle drei Jahre einen internationalen Kongress ab (1978: Amsterdam; 1981: Giessen; 1984: Pecs; 1987: Modena; 1990 Guildford; 1993: Kopenhagen; 1996: Barcelona; 1999: Tours; 2002: Aberdeen). Der X. Kongress wird vom 1. bis 5. September 2005 in Frankfurt am Main unter Leitung von Prof. Dr. med. Horst-Werner Korf und Prof. Dr. rer. nat. Jörg Stehle stattfinden und der Vorstellung und Diskussion von neuesten Konzepten und Befunden zur biologischen Uhr dienen.

Für weitere Informationen:

Ricarda Wessinghage
Presse- und Öffentlichkeitsarbeit
Klinikum der J.W. Goethe-Universität Frankfurt/ Main
Fon (0 69) 63 01 - 77 64
Fax (0 69) 63 01 - 8 32 22
E-Mail ricarda.wessinghage@kgu.de

Ricarda Wessinghage | idw
Weitere Informationen:
http://www.kgu.de

Weitere Berichte zu: Anatomie Chronomedizin Gen Schlafstörung Uhrengen

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Medizin Gesundheit:

nachricht Aromatherapie bei COPD
12.05.2015 | Airnergy AG

nachricht Chronische Wunden können heilen
16.10.2017 | Universitätsklinik der Ruhr-Universität Bochum - Herz- und Diabeteszentrum NRW Bad Oeynhausen

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Medizin Gesundheit >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Topologische Isolatoren: Neuer Phasenübergang entdeckt

Physiker des HZB haben an BESSY II Materialien untersucht, die zu den topologischen Isolatoren gehören. Dabei entdeckten sie einen neuen Phasenübergang zwischen zwei unterschiedlichen topologischen Phasen. Eine dieser Phasen ist ferroelektrisch: das bedeutet, dass sich im Material spontan eine elektrische Polarisation ausbildet, die sich durch ein äußeres elektrisches Feld umschalten lässt. Dieses Ergebnis könnte neue Anwendungen wie das Schalten zwischen unterschiedlichen Leitfähigkeiten ermöglichen.

Topologische Isolatoren zeichnen sich dadurch aus, dass sie an ihren Oberflächen Strom sehr gut leiten, während sie im Innern Isolatoren sind. Zu dieser neuen...

Im Focus: Smarte Sensoren für effiziente Prozesse

Materialfehler im Endprodukt können in vielen Industriebereichen zu frühzeitigem Versagen führen und den sicheren Gebrauch der Erzeugnisse massiv beeinträchtigen. Eine Schlüsselrolle im Rahmen der Qualitätssicherung kommt daher intelligenten, zerstörungsfreien Sensorsystemen zu, die es erlauben, Bauteile schnell und kostengünstig zu prüfen, ohne das Material selbst zu beschädigen oder die Oberfläche zu verändern. Experten des Fraunhofer IZFP in Saarbrücken präsentieren vom 7. bis 10. November 2017 auf der Blechexpo in Stuttgart zwei Exponate, die eine schnelle, zuverlässige und automatisierte Materialcharakterisierung und Fehlerbestimmung ermöglichen (Halle 5, Stand 5306).

Bei Verwendung zeitaufwändiger zerstörender Prüfverfahren zieht die Qualitätsprüfung durch die Beschädigung oder Zerstörung der Produkte enorme Kosten nach...

Im Focus: Smart sensors for efficient processes

Material defects in end products can quickly result in failures in many areas of industry, and have a massive impact on the safe use of their products. This is why, in the field of quality assurance, intelligent, nondestructive sensor systems play a key role. They allow testing components and parts in a rapid and cost-efficient manner without destroying the actual product or changing its surface. Experts from the Fraunhofer IZFP in Saarbrücken will be presenting two exhibits at the Blechexpo in Stuttgart from 7–10 November 2017 that allow fast, reliable, and automated characterization of materials and detection of defects (Hall 5, Booth 5306).

When quality testing uses time-consuming destructive test methods, it can result in enormous costs due to damaging or destroying the products. And given that...

Im Focus: Cold molecules on collision course

Using a new cooling technique MPQ scientists succeed at observing collisions in a dense beam of cold and slow dipolar molecules.

How do chemical reactions proceed at extremely low temperatures? The answer requires the investigation of molecular samples that are cold, dense, and slow at...

Im Focus: Kalte Moleküle auf Kollisionskurs

Mit einer neuen Kühlmethode gelingt Wissenschaftlern am MPQ die Beobachtung von Stößen in einem dichten Strahl aus kalten und langsamen dipolaren Molekülen.

Wie verlaufen chemische Reaktionen bei extrem tiefen Temperaturen? Um diese Frage zu beantworten, benötigt man molekulare Proben, die gleichzeitig kalt, dicht...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

DFG unterstützt Kongresse und Tagungen - Dezember 2017

17.10.2017 | Veranstaltungen

Intelligente Messmethoden für die Bauwerkssicherheit: Fachtagung „Messen im Bauwesen“ am 14.11.2017

17.10.2017 | Veranstaltungen

Meeresbiologe Mark E. Hay zu Gast bei den "Noblen Gesprächen" am Beutenberg Campus in Jena

16.10.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Partnervermittlung mit Konsequenzen

17.10.2017 | Biowissenschaften Chemie

DFG unterstützt Kongresse und Tagungen - Dezember 2017

17.10.2017 | Veranstaltungsnachrichten

3D-Mapping von Räumen mittels Radar

17.10.2017 | Energie und Elektrotechnik