Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Spezielle Tumorchirurgie: Wie ein krankes Oberlid rekonstruiert wird

13.08.2001


Oberlidrekonstruktion in vier Schritten: Tumor auf dem Oberlid; Oberlid entfernt, Unterlid abgetrennt; Unterlid über dem Auge angenäht; Patientin mit neuem Ober- und Unterlid am linken Auge


Prof. Dr. med. Dr. med. dent. Helmut von Domarus, Direktor der Lübecker Universitätsklinik für Kiefer- und Gesichtschirurgie


Ungewöhnliches OP-Verfahren an der Medizinischen Universität zu Lübeck eingesetzt

Krebsgeschwüre können an allen nur denkbaren Stellen des menschlichen Körpers wachsen. Besonders häufig betroffen ist das größte Organ, die Haut. Meist in Folge zu starker oder zu langer Sonneneinstrahlung entwickeln sich oft Tumoren im Hals- und Gesichtsbereich. Diese können, wenn sie nicht rechtzeitig und umfassend behandelt werden, zu erheblichen, mitunter auch lebensgefährlichen Beeinträchtigungen führen.
Ein besonderes Problem bilden Krebsgeschwüre in unmittelbarer Augennähe, weil sie eine direkte Bedrohung für die Sehkraft des Betroffenen darstellen. Nur sehr schlecht behandeln lassen sich z.B. Tumoren auf dem sensiblen Oberlid, mit dem das Auge geöffnet und geschlossen wird. Eine außergewöhnliche Operationsmethode wendet hier Prof. Helmut von Domarus, Direktor der Klinik für Kiefer- und Gesichtschirurgie an der Medizinischen Universität zu Lübeck, an. In einem aufwendigen Verfahren funktioniert er das Unterlid zum Oberlid um und ermöglicht den Patienten somit, weiterhin selbständig das Auge zu öffnen und zu schließen. Auch die Sehkraft wird durch diesen Eingriff nicht eingeschränkt. Als wahrscheinlich einziger Chirurg in Deutschland hat der Lübecker Spezialist diese Operation in den vergangenen Jahren etwa acht bis zehn Mal durchgeführt.

... mehr zu:
»Basaliom

Am Beispiel einer 66jährigen Patientin erläutert Prof. von Domarus das ungewöhnliche Verfahren: Die Hamburgerin litt bereits seit längerem an einem so genannten Basalzellkrebs (siehe Informationen unten) am Oberlid des linken Auges. Zwei Operationsversuche in einer anderen Klinik brachten nicht den gewünschten Erfolg, der Tumor wuchs langsam aber stetig weiter. Ohne Behandlung, so von Domarus, hätte die Patientin in absehbarer Zeit ihr Augenlicht verloren, weil der Tumor in Augenhöhle und Augapfel eingedrungen wäre.
In der Lübecker Uniklinik wurde in einer ersten Operation vorsichtig das tumoröse Oberlid entfernt. Anschließend trennt der Chirurg auch das Unterlid ab - allerdings nicht vollständig. Es bleibt als eine Art gestielter Lappen am inneren Augenwinkel befestigt. Dieser Lappen wird hochgeschlagen, mit dem für das Öffnen und Schließen des Auges verantwortlichen Muskel verbunden und über dem Auge im Bereich des vorherigen Oberlides vernäht. Dort lässt man ihn etwa drei Wochen einheilen, bis er mit dem umliegenden Gewebe verbunden und von den Blutgefäßen ausreichend mit Nährstoffen versorgt ist.
Bei der zweiten Operation ist ebenfalls großes handwerkliches Geschick erforderlich: Zunächst muss der Lappen so zurecht geschnitten werden, dass er exakt den Platz des vorherigen Oberlides einnimmt. Anschließend wird aus einem Stück Mundschleimhaut die Bindehaut für ein neues Unterlid geformt, vernäht und mit Wangenhaut abgedeckt, die wiederum mit besonderer Technik verlegt wird. Im günstigsten Fall ist einige Monate später weder etwas von dem vorherigen Tumor noch etwas von den Operationen zu sehen.

Diese Art der Rekonstruktion, die Prof. John Clarke Mustardé von der Klinik für plastische und Wiederherstellungschirurgie Glasgow (Schottland) entwickelt hat, die aber weltweit nur sehr selten angewandt wird, ist nach Meinung von Prof. von Domarus das einzig sinnvolle Verfahren, das ein voll funktionsfähiges neues Oberlid nach vorherigem Totalverlust ermöglicht. Die bei der Operation gekappten Nervenenden sprießen innerhalb kurzer Zeit wieder ins Oberlid ein, und auch der Schließmuskel nimmt seine Arbeit schnell wieder auf. "Ein so gutes funktionelles und kosmetisches Ergebnis ließe sich nicht mit anderen Hautpartien und schon gar nicht mit Fremdmaterial erzielen", erläutert von Domarus, der seit April 1991 Direktor der Lübecker Kiefer- und Gesichtschirurgie ist.
Die Hamburger Patientin jedenfalls hat sich gefreut: Von dem bösartigen Tumor befreit, konnte sie nun ihr Auge wieder wie vor der Erkrankung benutzen. Und die Operationen sind beinahe spurlos an ihrem Gesicht vorbei gegangen.


Der Basalzellkrebs,
auch Basaliom genannt, gehört zur Familie des Hautkrebses und ist der häufigste bösartige Tumor beim Menschen. Experten schätzen, dass pro Jahr in Deutschland etwa 100 000 bis 150 000 neue Hautkrebsfälle auftreten; bei der übergroßen Mehrheit handelt es sich um ein Basaliom. Die Fallzahl hat sich seit 1970 wegen der intensiven Sonnenbestrahlung (v.a. im Urlaub) etwa vervierfacht. Das Basalzellkarzinom, das meist langsam über Jahre und Jahrzehnte wächst, kann unterschiedliche Formen annehmen. Typischer Weise sieht es anfangs wie ein kleiner, porzellanartiger Pickel aus, auf dessen Oberfläche winzige Gefäße zu erkennen sind. Schon bei solchen ersten Hautveränderungen handelt es sich um Krebsgeschwüre, die entfernt werden sollten - denn Vorstufen der Erkrankung gibt es nicht. Von einem Basaliom sind vor allem stark belichtete Hautpartien betroffen; 80 Prozent der Neuerkrankungen sind im Gesichts- und Halsbereich, auf der Kopfhaut sowie an den Ohren zu finden. In aller Regel verläuft eine Basalzellkrebs-Erkrankung nicht tödlich; sie kann jedoch erhebliche funktionelle (im Bereich von Augen, Ohren, Nase und Mund) und kosmetische Probleme nach sich ziehen.
Zwar siedelt ein Basalzellkarzinom nur in sehr seltenen Fällen Krebszellen in Lymphknoten oder innere Organe ab, so dass sich Tochtergeschwülste (Metastasen) bilden. Doch wächst eine Geschwulst im Gesicht unaufhaltsam weiter und kann sogar tiefer liegende Knochen- und Hirnteile zerfressen. Auf diesem Wege kann die Tumorerkrankung auch tödlich ausgehen, wenn sie nicht rechtzeitig behandelt wird.
Frühzeitig und radikal genug operiert, liegt die Heilungsrate nach Angaben von Prof. von Domarus bei rund 95 Prozent: "Eine Tumorentfernung kompromisslos ausreichend radikal bedeutet, dass der Operateur sich nicht vor großen und/oder komplizierten Defekten im Gesicht scheuen darf, wenn er eine Vielzahl von Operationsmethoden beherrscht, um im Gesicht die Funktion und Ästhetik wieder herzustellen."

Von Uwe Groenewold

Rüdiger Labahn | idw

Weitere Berichte zu: Basaliom

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Medizin Gesundheit:

nachricht Wachablösung im Immunsystem: wie Dendritische Zellen ihre Bewaffnung an Mastzellen übergeben
16.11.2017 | Universitätsklinikum Magdeburg

nachricht Wie Lungenkrebs zur Entstehung von Lungenhochdruck führt
16.11.2017 | Justus-Liebig-Universität Gießen

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Medizin Gesundheit >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Ultrakalte chemische Prozesse: Physikern gelingt beispiellose Vermessung auf Quantenniveau

Wissenschaftler um den Ulmer Physikprofessor Johannes Hecker Denschlag haben chemische Prozesse mit einer beispiellosen Auflösung auf Quantenniveau vermessen. Bei ihrer wissenschaftlichen Arbeit kombinierten die Forscher Theorie und Experiment und können so erstmals die Produktzustandsverteilung über alle Quantenzustände hinweg - unmittelbar nach der Molekülbildung - nachvollziehen. Die Forscher haben ihre Erkenntnisse in der renommierten Fachzeitschrift "Science" publiziert. Durch die Ergebnisse wird ein tieferes Verständnis zunehmend komplexer chemischer Reaktionen möglich, das zukünftig genutzt werden kann, um Reaktionsprozesse auf Quantenniveau zu steuern.

Einer deutsch-amerikanischen Forschergruppe ist es gelungen, chemische Prozesse mit einer nie dagewesenen Auflösung auf Quantenniveau zu vermessen. Dadurch...

Im Focus: Leoniden 2017: Sternschnuppen im Anflug?

Gemeinsame Pressemitteilung der Vereinigung der Sternfreunde und des Hauses der Astronomie in Heidelberg

Die Sternschnuppen der Leoniden sind in diesem Jahr gut zu beobachten, da kein Mondlicht stört. Experten sagen für die Nächte vom 16. auf den 17. und vom 17....

Im Focus: «Kosmische Schlange» lässt die Struktur von fernen Galaxien erkennen

Die Entstehung von Sternen in fernen Galaxien ist noch weitgehend unerforscht. Astronomen der Universität Genf konnten nun erstmals ein sechs Milliarden Lichtjahre entferntes Sternensystem genauer beobachten – und damit frühere Simulationen der Universität Zürich stützen. Ein spezieller Effekt ermöglicht mehrfach reflektierte Bilder, die sich wie eine Schlange durch den Kosmos ziehen.

Heute wissen Astronomen ziemlich genau, wie sich Sterne in der jüngsten kosmischen Vergangenheit gebildet haben. Aber gelten diese Gesetzmässigkeiten auch für...

Im Focus: A “cosmic snake” reveals the structure of remote galaxies

The formation of stars in distant galaxies is still largely unexplored. For the first time, astron-omers at the University of Geneva have now been able to closely observe a star system six billion light-years away. In doing so, they are confirming earlier simulations made by the University of Zurich. One special effect is made possible by the multiple reflections of images that run through the cosmos like a snake.

Today, astronomers have a pretty accurate idea of how stars were formed in the recent cosmic past. But do these laws also apply to older galaxies? For around a...

Im Focus: Pflanzenvielfalt von Wäldern aus der Luft abbilden

Produktivität und Stabilität von Waldökosystemen hängen stark von der funktionalen Vielfalt der Pflanzengemeinschaften ab. UZH-Forschenden gelang es, die Pflanzenvielfalt von Wäldern durch Fernerkundung mit Flugzeugen in verschiedenen Massstäben zu messen und zu kartieren – von einzelnen Bäumen bis hin zu ganzen Artengemeinschaften. Die neue Methode ebnet den Weg, um zukünftig die globale Pflanzendiversität aus der Luft und aus dem All zu überwachen.

Ökologische Studien zeigen, dass die Pflanzenvielfalt zentral ist für das Funktionieren von Ökosys-temen. Wälder mit einer höheren funktionalen Vielfalt –...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Technologievorsprung durch Textiltechnik

17.11.2017 | Veranstaltungen

Roboter für ein gesundes Altern: „European Robotics Week 2017“ an der Frankfurt UAS

17.11.2017 | Veranstaltungen

Börse für Zukunftstechnologien – Leichtbautag Stade bringt Unternehmen branchenübergreifend zusammen

17.11.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Technologievorsprung durch Textiltechnik

17.11.2017 | Veranstaltungsnachrichten

IHP präsentiert sich auf der productronica 2017

17.11.2017 | Messenachrichten

Roboter schafft den Salto rückwärts

17.11.2017 | Innovative Produkte