Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Neues Screening-Verfahren für Arzneiwirkstoffe gegen Viren

22.06.2001


Jenaer Wissenschaftler haben ein Verfahren entwickelt, um neue Substanzen auf ihre Wirksamkeit gegen Viren zu prüfen. Mit diesem schnellen, einfachen und kostengünstigen Screening-Verfahren wird eine hohe Anzahl von verschiedenen chemischen Verbindungen oder Naturstoff-Extrakten gleichzeitig in einem Arbeitsgang daraufhin getestet, inwieweit sie die zellzerstörende Kraft von Viren bremsen oder sogar verhindern können. Das Testverfahren liefert damit den entscheidenden Anfangshinweis, ob die Entwicklung eines neuen Medikaments Erfolg verspricht.

"Die Suche nach antiviralen Wirkstoffen ist etwa so wie die sprichwörtliche Suche nach einer Stecknadel im Heuhaufen", erläutert Dr. Michaela Schmidtke im Institut für Virologie der Jenaer Universität. In den vergangenen drei Jahren hat ihre Forschergruppe mit dem neuen Test selbst über 6.000 Substanzen überprüft und ihn dabei so weit standardisiert, dass ihn jede Laborfachkraft nach kurzer Einweisung anwenden kann. Die "Trefferquote" liegt im "Normbereich": 0,1 Prozent der Ergebnisse fallen so vielversprechend aus, dass sich eine weitere Forschung lohnt. "Das ist mühsam, aber es gibt zur Zeit keine Alternative im Kampf gegen Viren, als immer wieder neue Wirkstoffe zu finden", so Schmidtke.

Denn die elektronenmikroskopisch kleinen Krankheitserreger besitzen die gefährliche Eigenschaft, sich binnen weniger Generationen genetisch zu verändern - und dabei auch Resistenzen gegen medizinisch bewährte Therapien herauszubilden. "Das ist wie beim Wettlauf zwischen Hase und Igel", meint die Jenaer Virologin. Zum Beispiel taucht - statistisch gesehen - etwa alle 15 Jahre ein neues Grippe-Virus auf, gegen das der vorhandene Impfstoff nur wenig ausrichtet, zuletzt die "Hühnergrippe" in Hongkong. Mit dem neuen Jenaer Screening-Test könnten die "Hasen" ihre Arbeit erheblich beschleunigen.

Auf einer herkömmlichen, etwa handtellergroßen Gewebekulturplatte legen die Wissenschaftler Zellkulturen in 60 klar abgegrenzten Proben an und überprüfen zunächst die Testsubstanzen selbst auf ihre zellgiftige Wirkung. "Wir arbeiten dann grundsätzlich nur mit Konzentrationen weiter, die das gesunde Gewebe nicht schädigen", erklärt Dr. Schmidtke, "denn ein Wirkstoff, der die Viren samt gesunden Körperzellen tötet, würde für dem Patienten mehr schaden als nützen." In einem zweiten Arbeitsschritt wird die Zellkulturplatte vorher mit Viren "beimpft", und schon nach 24 bis 48 Stunden verrät die Probe mit dem Standardindikator Kristallviolett, wie viele Zellen den tödlichen Virus-Angriff überlebt haben. Im Routine-Verfahren testen die Forscher Substanzen gegen Herpes-simplex-, Coxsackie- und Influenza-A-Viren, "weil diese drei wichtige genetische Reproduktionsprinzipien der Viren repräsentieren", so Schmidtke.

Grundsätzlich ist der Jenaer Screening-Test leicht auf andere Erregerarten übertragbar, etwa auf Maul- und Klauenseuche-, Schnupfen- oder Masern-Viren. Schmidtke: "Voraussetzung ist allerdings, dass wir die Viren sehr gut kennen." Denn nur auf den "richtigen" Zellkulturen verläuft der Test so schnell, dass spätestens nach zwei Tagen ein aussagekräftiges Ergebnis vorliegt. Zum Beispiel Herpes-Viren gedeihen im Labor am besten auf künstlich gezüchteten Nierenzellen der Grünen Meerkatze, die lebensgefährlichen Coxsackie-Viren, die beim Menschen eine chronische Herzmuskelentzündung verursachen können, "bevorzugen" so genannte Hela-Zellen, das sind entartete Gebärmutterhalskrebs-Zellen.

Aber selbst nach erfolgreicher Wirkstoffsuche ist der Weg bis zu einem zugelassenen Medikament immer noch sehr weit. Etwa zehn, zwölf Jahre dauert das, weiß Michaela Schmidtke, sofern sich überhaupt ein Pharmaunternehmen findet, das in einen neu herausgefundenen Wirkstoff investieren will. Die Entwicklung neuer Medikamente kostet üblicherweise mehrere Millionen Mark - und das schließlich ohne Erfolgsgarantie. Dass die Marktgesetze so manche wissenschaftliche Erkenntnis in die Schubladen verbannen, hat die Jenaer Virologin schon selbst mehrfach erfahren müssen.

Ansprechpartnerin:
Dr. Michaela Schmidtke
Institut für Virologie der Universität Jena
Tel.: 03641/657222, Fax: 657202
E-Mail: i6scmi@rz.uni-jena.de

Literatur: Journal of Virological Methods, 2001; 95 (1-2): 133-43

Friedrich-Schiller-Universität
Dr. Wolfgang Hirsch
Referat Öffentlichkeitsarbeit
Fürstengraben 1
D-07743 Jena
Telefon: 03641 · 931030
Telefax: 03641 · 931032
E-Mail: roe@uni-jena.de

Dr. Wolfgang Hirsch | idw

Weitere Berichte zu: Screening-Verfahren Virus

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Medizin Gesundheit:

nachricht Dual-Layer Spektral-CT: Bessere Therapieplanung beim Bauchspeicheldrüsenkrebs
18.05.2017 | Deutsche Röntgengesellschaft e.V.

nachricht MRT-Kontrastmittel: Neue Studie spricht für Sicherheit
17.05.2017 | Deutsche Röntgengesellschaft e.V.

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Medizin Gesundheit >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Hauchdünne magnetische Materialien für zukünftige Quantentechnologien entwickelt

Zweidimensionale magnetische Strukturen gelten als vielversprechendes Material für neuartige Datenspeicher, da sich die magnetischen Eigenschaften einzelner Molekülen untersuchen und verändern lassen. Forscher haben nun erstmals einen hauchdünnen Ferrimagneten hergestellt, bei dem sich Moleküle mit verschiedenen magnetischen Zentren auf einer Goldfläche selbst zu einem Schachbrettmuster anordnen. Dies berichten Wissenschaftler des Swiss Nanoscience Institutes der Universität Basel und des Paul Scherrer Institutes in der Wissenschaftszeitschrift «Nature Communications».

Ferrimagneten besitzen zwei magnetische Zentren, deren Magnetismus verschieden stark ist und in entgegengesetzte Richtungen zeigt. Zweidimensionale, quasi...

Im Focus: Neuer Ionisationsweg in molekularem Wasserstoff identifiziert

„Wackelndes“ Molekül schüttelt Elektron ab

Wie reagiert molekularer Wasserstoff auf Beschuss mit intensiven ultrakurzen Laserpulsen? Forscher am Heidelberger MPI für Kernphysik haben neben bekannten...

Im Focus: Wafer-thin Magnetic Materials Developed for Future Quantum Technologies

Two-dimensional magnetic structures are regarded as a promising material for new types of data storage, since the magnetic properties of individual molecular building blocks can be investigated and modified. For the first time, researchers have now produced a wafer-thin ferrimagnet, in which molecules with different magnetic centers arrange themselves on a gold surface to form a checkerboard pattern. Scientists at the Swiss Nanoscience Institute at the University of Basel and the Paul Scherrer Institute published their findings in the journal Nature Communications.

Ferrimagnets are composed of two centers which are magnetized at different strengths and point in opposing directions. Two-dimensional, quasi-flat ferrimagnets...

Im Focus: XENON1T: Das empfindlichste „Auge“ für Dunkle Materie

Gemeinsame Meldung des MPI für Kernphysik Heidelberg, der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg, der Johannes Gutenberg-Universität Mainz und der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster

„Das weltbeste Resultat zu Dunkler Materie – und wir stehen erst am Anfang!“ So freuen sich Wissenschaftler der XENON-Kollaboration über die ersten Ergebnisse...

Im Focus: World's thinnest hologram paves path to new 3-D world

Nano-hologram paves way for integration of 3-D holography into everyday electronics

An Australian-Chinese research team has created the world's thinnest hologram, paving the way towards the integration of 3D holography into everyday...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

14. Dortmunder MST-Konferenz zeigt individualisierte Gesundheitslösungen mit Mikro- und Nanotechnik

22.05.2017 | Veranstaltungen

Branchentreff für IT-Entscheider - Rittal Praxistage IT in Stuttgart und München

22.05.2017 | Veranstaltungen

Flugzeugreifen – Ähnlich wie PKW-/LKW-Reifen oder ganz verschieden?

22.05.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Myrte schaltet „Anstandsdame“ in Krebszellen aus

22.05.2017 | Biowissenschaften Chemie

Hauchdünne magnetische Materialien für zukünftige Quantentechnologien entwickelt

22.05.2017 | Physik Astronomie

Wie sich das Wasser in der Umgebung von gelösten Molekülen verhält

22.05.2017 | Biowissenschaften Chemie