Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Rheuma der Haut - Neues zur Schuppenflechte

06.08.2002


Psoriasis vulgaris, die sogenannte Schuppenflechte, ist eine Hauterkrankung, die beispielhaft den aktuellen Fortschrittsschub in der Dermatologie reflektiert. Dies betrifft das wachsende Verständnis für die Einschränkung der gesundheitsabhängigen Lebensqualität durch Hauterkrankungen ebenso wie die Fortschritte im pathogenetischen Verständnis und die daraus resultierenden therapeutischen Entwicklungen.

Mit immerhin 2 % Inzidenz in der westlichen Bevölkerung ist Psoriasis eine häufige Erkrankung, die nach ihrem Ausbruch in der Mehrzahl der Patienten lebenslang bestehen bleibt. Auch wenn sie zumeist nicht lebensbedrohlich ist, zeigen breit angelegte Studien, dass sie die Gesundheits-abhängige Lebensqualität in gleicher Intensität einschränkt wie Krebsleiden, schwere Herzinsuffizienz, Depression, Gelenksentzündungen und andere schwere medizinische Leiden. Dies wiegt umso schwerer, als der Gipfel im Erkrankungsalters bei etwa 20 Jahren liegt und die Patienten dann für den Rest ihres Lebens, also im Durchschnitt 60 weitere Jahre, durch eine psychisch und sozial extrem belastende Erkrankung in ihrem privaten und beruflichen Leben eingeschränkt sind. Entstellende Hautentzündung, wochenlange Krankenhaus- und Kuraufenthalte und oft mehrere Stunden Behandlungsaufwand täglich unterstreichen die Schwere des Krankheitsbildes, das durch die bisherigen Therapieverfahren zwar unterdrückt, aber nicht ausgeheilt werden kann: nach Therapieende kommt es in der Mehrzahl der Patienten zu einem raschen Rückfall und erneuter Behandlungsbedürftigkeit.

In den letzten Jahren häufen sich die Hinweise, dass Psoriasis eine T-Zell-vermittelte Autoimmunerkrankung ist. Häufigster Auslöser sind hierbei Streptokokkeninfektionen der Mandeln (Streptokokken-Angina). Wie bei anderen Autoimmunerkrankungen kommt es auf einer polygenetischen Grundlage zu einer antigenspezifischen Aktivierung von T-Lymphozyten im Zielorgan der Erkrankung, der Haut. Diese T-Zellen produzieren Entzündungsbotenstoffe, die als Folgeerscheinungen das Krankheitsbild der Psoriasis vermitteln. Die Pathomechanismen sind in weiten Bereichen vergleichbar denen von Gelenksentzündungen - Psoriasis kann somit durchaus als Rheuma der Haut angesehen werden.

Mit den T-Zellen wurde ein zentraler Ansatzpunkt für die Entwicklung von Psoriasis-Medikamenten identifiziert und eine neue Ära in der Psoriasistherapie eingeleitet. Als Protagonist einer T-Zell-vermittelten Autoimmunerkrankung ist Psoriasis zur Modellerkrankung für die Entwicklung neuer T-Zell-spezifischer Medikamente geworden, die dann auch bei anderen Autoimmunerkrankungen eingesetzt werden können. Der Entwicklung dieser neuen Medikament kommt zugute, dass der therapeutische Erfolg bei Psoriasis einfach messbar ist. Anders als bei der Therapie der rheumatoiden Arthritis, chronisch-entzündlicher Darmerkrankungen oder der multiplen Sklerose genügt der objektivierte Anblick des Patienten für die Erfassung der Wirksamkeit eines Medikamentes. Große biotechnologisch innovative pharmazeutische Firmen wie Immunex oder Biogen konzentrieren sich daher nun auf die Entwicklung von Medikamenten, die als sogenannte Biologicals die gesteigerte T-Zell-Funktion der Psoriasis auf "natürliche Weise" unterdrücken können. Zu dieser neuen Medikamentengruppe gehören gentechnisch hergestellte Fusionsmoleküle, die zumindest teilweise menschlichen Eiweißbausteinen entsprechen. Sie greifen gezielt in die T-Zell-Aktivierung ein, indem sie Aktivierungssignale unterdrücken und Entzündungsmediatoren neutralisieren. Entsprechend den bisherigen Studienergebnissen können hierdurch oft lange Remissionen erzielt werden.

Auch wenn die Psoriasis durch sie nicht ausgeheilt wird, bieten die neuen Behandlungsverfahren künftig einfach zu applizierende, rasch und anhaltend wirksame Therapiemodalitäten, die das Leben der Psoriasispatienten erheblich verbessern werden.

Ein Teil dieser neuen Ansätze hat bereits die klinischen Prüfungen durchlaufen und befindet sich im Zulassungsverfahren. Mit ihnen wird wahrscheinlich bereits in Kürze eine technologisch hoch innovative neue therapeutische Ära am Beispiel einer schweren dermatologischen Erkrankung eingeleitet. Inwieweit sie zur realen Chance für die Patienten wird, wird nicht zuletzt auch von den Kostenträgern abhängen. Die - wahrscheinlich "teuren" - Medikamente werden volkswirtschaftlichen Nutzen bringen, indem sie chronisch Kranke langfristig rehabilitieren. Solange dies aber ausschließlich in Form der Medikamentenkosten für die Krankenkassen zu Buche schlägt, wird der Widerstand gegen sie groß sein. Die Lösung dieses Dilemmas erfordert somit möglicherweise einen Wandel in der gesellschaftlichen Auffassung von Kosten und Nutzen der Therapie.

Ihr Ansprechpartner:
Professor Dr. med. Jörg Christoph Prinz
Klinik und Poliklinik für Dermatologie und Allergologie am Klinikum der Universität
Frauenlobstraße 9- 11
80337 München
Telefon 089 / 5160-6010

S. Nicole Bongard | idw
Weitere Informationen:
http://www.klinikum.uni-muenchen.de/

Weitere Berichte zu: Autoimmunerkrankung Medikament Psoriasis Rheuma Schuppenflechte

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Medizin Gesundheit:

nachricht Neuer Ansatz: Nierenschädigungen therapieren, bevor Symptome auftreten
20.09.2017 | Universitätsklinikum Regensburg (UKR)

nachricht Neuer Ansatz zur Therapie der diabetischen Nephropathie
19.09.2017 | Universitätsklinikum Magdeburg

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Medizin Gesundheit >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: The pyrenoid is a carbon-fixing liquid droplet

Plants and algae use the enzyme Rubisco to fix carbon dioxide, removing it from the atmosphere and converting it into biomass. Algae have figured out a way to increase the efficiency of carbon fixation. They gather most of their Rubisco into a ball-shaped microcompartment called the pyrenoid, which they flood with a high local concentration of carbon dioxide. A team of scientists at Princeton University, the Carnegie Institution for Science, Stanford University and the Max Plank Institute of Biochemistry have unravelled the mysteries of how the pyrenoid is assembled. These insights can help to engineer crops that remove more carbon dioxide from the atmosphere while producing more food.

A warming planet

Im Focus: Hochpräzise Verschaltung in der Hirnrinde

Es ist noch immer weitgehend unbekannt, wie die komplexen neuronalen Netzwerke im Gehirn aufgebaut sind. Insbesondere in der Hirnrinde der Säugetiere, wo Sehen, Denken und Orientierung berechnet werden, sind die Regeln, nach denen die Nervenzellen miteinander verschaltet sind, nur unzureichend erforscht. Wissenschaftler um Moritz Helmstaedter vom Max-Planck-Institut für Hirnforschung in Frankfurt am Main und Helene Schmidt vom Bernstein-Zentrum der Humboldt-Universität in Berlin haben nun in dem Teil der Großhirnrinde, der für die räumliche Orientierung zuständig ist, ein überraschend präzises Verschaltungsmuster der Nervenzellen entdeckt.

Wie die Forscher in Nature berichten (Schmidt et al., 2017. Axonal synapse sorting in medial entorhinal cortex, DOI: 10.1038/nature24005), haben die...

Im Focus: Highly precise wiring in the Cerebral Cortex

Our brains house extremely complex neuronal circuits, whose detailed structures are still largely unknown. This is especially true for the so-called cerebral cortex of mammals, where among other things vision, thoughts or spatial orientation are being computed. Here the rules by which nerve cells are connected to each other are only partly understood. A team of scientists around Moritz Helmstaedter at the Frankfiurt Max Planck Institute for Brain Research and Helene Schmidt (Humboldt University in Berlin) have now discovered a surprisingly precise nerve cell connectivity pattern in the part of the cerebral cortex that is responsible for orienting the individual animal or human in space.

The researchers report online in Nature (Schmidt et al., 2017. Axonal synapse sorting in medial entorhinal cortex, DOI: 10.1038/nature24005) that synapses in...

Im Focus: Tiny lasers from a gallery of whispers

New technique promises tunable laser devices

Whispering gallery mode (WGM) resonators are used to make tiny micro-lasers, sensors, switches, routers and other devices. These tiny structures rely on a...

Im Focus: Wundermaterial Graphen: Gewölbt wie das Polster eines Chesterfield-Sofas

Graphen besitzt extreme Eigenschaften und ist vielseitig verwendbar. Mit einem Trick lassen sich sogar die Spins im Graphen kontrollieren. Dies gelang einem HZB-Team schon vor einiger Zeit: Die Physiker haben dafür eine Lage Graphen auf einem Nickelsubstrat aufgebracht und Goldatome dazwischen eingeschleust. Im Fachblatt 2D Materials zeigen sie nun, warum dies sich derartig stark auf die Spins auswirkt. Graphen kommt so auch als Material für künftige Informationstechnologien infrage, die auf der Verarbeitung von Spins als Informationseinheiten basieren.

Graphen ist wohl die exotischste Form von Kohlenstoff: Alle Atome sind untereinander nur in der Ebene verbunden und bilden ein Netz mit sechseckigen Maschen,...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

11. BusinessForum21-Kongress „Aktives Schadenmanagement"

22.09.2017 | Veranstaltungen

Internationale Konferenz zum Biomining ab Sonntag in Freiberg

22.09.2017 | Veranstaltungen

Die Erde und ihre Bestandteile im Fokus

21.09.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

11. BusinessForum21-Kongress „Aktives Schadenmanagement"

22.09.2017 | Veranstaltungsnachrichten

DFG bewilligt drei neue Forschergruppen und eine neue Klinische Forschergruppe

22.09.2017 | Förderungen Preise

Lebendiges Gewebe aus dem Drucker

22.09.2017 | Biowissenschaften Chemie