Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Mit Windpockenerregern den Tumor bekämpfen

06.08.2002


Therapie-Optimierung von Krebserkrankungen im Kindesalter

 Mehr als zwei Drittel aller krebskranken Kinder können heute geheilt werden. Leider kommt es bei manchen Kindern jedoch nach erfolgreicher Erstbehandlung später zu einem erneuten Aufflackern der Erkrankung. Dann sind die Behandlungsmöglichkeiten eingeschränkt. Die Arbeitsgruppe von Dr. Claudia Rössig, Pädiatrische Hämatologie und Onkologie am Universitätsklinikum Münster, arbeitet jetzt an einem vielversprechenden Ansatz mit dem Ziel, ein erneutes Krebszell-Wachstum zu stoppen: "Wir wollen das körpereigene Abwehrsystem so manipulieren, dass es die Krebszellen wirkungsvoll und dauerhaft vernichten kann." Dafür verwendet das Forscherteam Abwehrzellen, die normalerweise gegen das Windpockenvirus gerichtet sind. Die Deutsche Krebshilfe fördert das Projekt mit rund 233.000 Euro.

Das Abwehrsystem des Körpers ist ein kompliziert aufgebauter Verbund von Molekülen und Zellen, der einem einzigen Zweck dient: der Unterscheidung zwischen "körpereigen" und "fremd". Die Abwehrzellen identifizieren mittels spezifischer Erkennungsregionen, so genannte Rezeptoren, die Fremdstoffe oder Krankheitserreger und leiten deren Zerstörung ein. Darüber hinaus besitzen spezielle Zellen des Immunsystems eine Gedächtnisfunktion. Dadurch "erinnern" sie sich an Fremdmoleküle, mit denen sie bereits konfrontiert waren. So können sie bei einer erneuten Begegnung viel schneller und wirkungsvoller reagieren als beim ersten Mal. Das Immunsystem bildet auch spezifische Abwehrzellen zur Vernichtung von Krebszellen. Doch in den meisten Fällen reicht die Funktion dieser Tumor-Abwehrzellen nicht aus, um das Krebswachstum zu verhindern.

Ziel der Immuntherapie ist es, Abwehrzellen genetisch so zu manipulieren, dass sie Krebszellen besser erkennen und vernichten. Diese genetisch veränderten Immunzellen können jedoch nur dann längerfristig im Körper überleben, wenn sie immer wieder aktiviert werden. Der Kontakt mit verbliebenen Tumorzellen reicht in der Regel nicht aus, die Zellen in einem aktiven Zustand zu erhalten. Dr. Claudia Rössig, Leiterin der Arbeitsgruppe Zelluläre Immuntherapie der Universitätsklinik für Pädiatrische Hämatologie und Onkologie in Münster, möchte dieses Problem beheben: "Unser Ziel ist es, eine Strategie zu entwickeln, mit der die veränderten Abwehrzellen im Körper länger aktiv bleiben."

Zu diesem Zweck macht sich ihre Arbeitsgruppe windpockenspezifische Abwehrzellen zu Nutze. Denn diese Zellen, die den Windpockenerreger erkennen, schützen den Körper in den meisten Fällen ein Leben lang davor, erneut an dem Virus zu erkranken. Das Münsteraner Forscherteam möchte die Eigenschaften der windpockenspezifischen Immunzellen mit denen der Tumor-Abwehrzellen zu einer wirkungsvollen Killerzelle gegen das Krebswachstum vereinen: "Wir wollen die windpockenspezifischen Zellen genetisch so verändern, dass sie in der Lage sind, neben dem Windpockenvirus auch die Tumorzellen zu erkennen und zu vernichten." Durch Einschleusen eines Gens wollen die Wissenschaftler die Windpocken-Abwehrzellen anregen, einen neuen Rezeptor zu bilden, mit dem sie auch die Krebszellen erkennen können.

Die Behandlung mit den manipulierten Killerzellen soll ein erneutes Krebswachstum nach einer Operation, Bestrahlung oder Strahlentherapie stoppen. Dr. Rössig und ihr Team wollen dazu windpockenspezifische Abwehrzellen von Patienten im Labor anzüchten, genetisch verändern und ihnen diese anschließend zurückgeben. Später würden die betroffenen Kinder mit abgeschwächten oder abgetöteten Windpockenerregern geimpft. Die Abwehrzellen könnten auf diese Weise bei erneutem Krebswachstum jederzeit aktiviert werden. "Wir hoffen, dadurch die Krebserkrankung langfristig unter Kontrolle bringen zu können", sagt die Forscherin. Prinzipiell sei diese Tumor-Immuntherapie bei verschiedenen Krebsformen anwendbar und könne auch bei erwachsenen Patienten eingesetzt werden.

Infokasten: Krebserkrankungen im Kindesalter

 

In Deutschland erkranken jedes Jahr 1.750 Kinder unter 15 Jahren an Krebs. In dieser Altersgruppe ist Krebs besonders bösartig: Die Tumorzellen vervielfachen sich rasend schnell. Am häufigsten werden Leukämien (Blutkrebs), Tumoren des Gehirns und des Rückenmarks sowie Lymphknotenkrebs diagnostiziert. Etwa 90 Prozent aller krebskranken Kinder werden in kinderonkologischen Zentren und nach bundesweit einheitlichen Konzepten untersucht und behandelt.
Die Deutsche Krebshilfe finanziert fast alle derzeit in Deutschland laufenden Therapiestudien bei Kindern. Die Erfolge stetig verbesserter Behandlungskonzepte sind beeindruckend: Kam die Diagnose Leukämie bei einem Kind noch vor drei Jahrzehnten einem Todesurteil gleich, überleben heute mehr als 70 Prozent der kleinen Patienten diese Erkrankung.



Dr. med. Eva M. Kalbheim | Presseinfo
Weitere Informationen:
http://www.krebshilfe.de/

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Medizin Gesundheit:

nachricht Abstoßung von Spenderorganen: Neue Biomarker sollen Komplikationen verhindern
15.12.2017 | Deutsche Herzstiftung e.V./Deutsche Stiftung für Herzforschung

nachricht Antibiotikaresistenzen durch Nanopartikel überwinden?
15.12.2017 | Friedrich-Schiller-Universität Jena

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Medizin Gesundheit >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Immunsystem - Blutplättchen können mehr als bislang bekannt

LMU-Mediziner zeigen eine wichtige Funktion von Blutplättchen auf: Sie bewegen sich aktiv und interagieren mit Erregern.

Die aktive Rolle von Blutplättchen bei der Immunabwehr wurde bislang unterschätzt: Sie übernehmen mehr Funktionen als bekannt war. Das zeigt eine Studie von...

Im Focus: First-of-its-kind chemical oscillator offers new level of molecular control

DNA molecules that follow specific instructions could offer more precise molecular control of synthetic chemical systems, a discovery that opens the door for engineers to create molecular machines with new and complex behaviors.

Researchers have created chemical amplifiers and a chemical oscillator using a systematic method that has the potential to embed sophisticated circuit...

Im Focus: Nanostrukturen steuern Wärmetransport: Bayreuther Forscher entdecken Verfahren zur Wärmeregulierung

Der Forschergruppe von Prof. Dr. Markus Retsch an der Universität Bayreuth ist es erstmals gelungen, die von der Temperatur abhängige Wärmeleitfähigkeit mit Hilfe von polymeren Materialien präzise zu steuern. In der Zeitschrift Science Advances werden diese fortschrittlichen, zunächst für Laboruntersuchungen hergestellten Funktionsmaterialien beschrieben. Die hiermit gewonnenen Erkenntnisse sind von großer Relevanz für die Entwicklung neuer Konzepte zur Wärmedämmung.

Von Schmetterlingsflügeln zu neuen Funktionsmaterialien

Im Focus: Lange Speicherung photonischer Quantenbits für globale Teleportation

Wissenschaftler am Max-Planck-Institut für Quantenoptik erreichen mit neuer Speichertechnik für photonische Quantenbits Kohärenzzeiten, welche die weltweite...

Im Focus: Long-lived storage of a photonic qubit for worldwide teleportation

MPQ scientists achieve long storage times for photonic quantum bits which break the lower bound for direct teleportation in a global quantum network.

Concerning the development of quantum memories for the realization of global quantum networks, scientists of the Quantum Dynamics Division led by Professor...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Call for Contributions: Tagung „Lehren und Lernen mit digitalen Medien“

15.12.2017 | Veranstaltungen

Die Stadt der Zukunft nachhaltig(er) gestalten: inter 3 stellt Projekte auf Konferenz vor

15.12.2017 | Veranstaltungen

Mit allen Sinnen! - Sensoren im Automobil

14.12.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Weltrekord: Jülicher Forscher simulieren Quantencomputer mit 46 Qubits

15.12.2017 | Informationstechnologie

Wackelpudding mit Gedächtnis – Verlaufsvorhersage für handelsübliche Lacke

15.12.2017 | Verfahrenstechnologie

Forscher vereinfachen Installation und Programmierung von Robotersystemen

15.12.2017 | Energie und Elektrotechnik