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Kein sicherer Boden mehr – Gebärmuttersenkung und ihre Folgen

26.03.2008
Viele Frauen schweigen – aus Unsicherheit und Schamgefühl. So auch Ulrike S..

Nach der Geburt ihres zweiten Kindes hatte sie immer wieder Probleme mit Inkontinenz. Beim Tragen schwerer Lasten, beim Hochheben der Kinder oder auch beim plötzlichen Niesen funktionierte der Schließmechanismus ihrer Blase nicht mehr richtig. Bei einer Routineuntersuchung diagnostizierte ihr Gynäkologe schließlich eine leichte Senkung der Gebärmutter mit Harnblasenvorwölbung.

Der Arzt empfahl eine regelmäßige Gymnastik. Dank ihrer konsequenten Beckenbodenübungen kann Ulrike S. inzwischen ihre Kindern wieder unbeschwert herumwirbeln, ohne Angst vor einem ungewollten Harnverlust zu haben. Doch nicht immer ist die Symptomatik so einfach in den Griff zu bekommen.

Wenn der Boden nachgibt

„Normalerweise werden die Organe des kleinen Beckens durch die Beckenbodenmuskulatur und den so genannten Halteapparat der Gebärmutter in Position gehalten“, erklärt Prof. Dr. Stefan Niesert, Direktor der Klinik für Gynäkologie und Geburtshilfe des Elisabeth-Krankenhauses in Essen. „Ist die Muskulatur geschwächt, kommt es zur Senkung und die Gebärmutter kann sich in die Scheide senken. Auch die benachbarten Organe Harnblase und Darm können betroffen sein und ihre Lage verändern. Es gibt unterschiedliche Schweregrade, im Extremfall kann es vorkommen, dass die Gebärmutter soweit absinkt, dass sie ganz oder teilweise aus der Scheide herausragt. Man spricht dann von einem Gebärmuttervorfall.“

Viele Frauen neigen zu einer Schwäche des Beckenbodens. Meistens machen sich die Folgen dieser Veranlagung in oder nach den Wechseljahren bemerkbar. Bestimmte Faktoren können das Auftreten einer Senkung aber bereits in jüngeren Jahren begünstigen. Anstrengende körperliche Arbeiten oder das Tragen und Heben schwerer Lasten stellen genauso eine besondere Belastung für den Beckenboden dar, wie der Druck der während einer Schwangerschaft und Geburt auf ihm lastet. Besonders gefährdet sind Frauen mit mehreren schnell aufeinanderfolgenden Schwangerschaften. Gleiches gilt für Frauen, die große und schwere Kinder geboren haben oder auch Mehrlinge. Eine chronische Verstopfung oder ein dauerhafter Husten, wie er beispielsweise bei einer chronischen Bronchitis auftritt, führen ebenfalls zu einer Druckerhöhung im Bauchraum und zu einer Überlastung des Beckenbodens. Ein weiterer wichtiger Risikofaktor ist Übergewicht.

Als ob etwas herausfällt

Nicht immer verursacht eine Gebärmuttersenkung auch Probleme. Prof. Niesert: „Während einige Frauen keine Beschwerden angeben, beschreiben andere ein Druck- oder Fremdkörpergefühl in der Scheide, bis hin zum Gefühl des ‚Herausfallens’ von Organen und Schmerzen im Unterbauch und Rücken. Beim Geschlechtsverkehr kann es ebenfalls zu Schmerzen oder einem Druckgefühl kommen. Häufig entsteht durch die Beckenbodenschwäche zusätzlich eine so genannte Stressinkontinenz. Anfangs kommt es nur bei einer Druckerhöhung im Bauchraum – beispielsweise beim Lachen oder schwerem Tragen – zum unfreiwilligen Urinabgang. Je nach Ausprägung kann es aber auch im Sitzen und Liegen dazu kommen. Symptomatisch sind ebenfalls wiederkehrende Blasenentzündungen und eine so genannte Restharnbildung, bei der die Blase nicht vollständig entleert wird. Wölbt sich auch der Darm durch die Schwäche in die Scheide vor, können Schwierigkeiten bei der Darmentleerung auftreten. Kommt es zum Gebärmuttervorfall und tritt die Gebärmutter aus der Scheide aus, ist der natürliche Scheidenverschluss gestört. Unangenehme Reizungen, Druckgeschwüre, Entzündungen, Blutungen am Gebärmutter- und Scheidengewebe können die Folge sein.“

Wirkungsvoll

Da eine Gebärmuttersenkung durch eine Schwäche des Bindegewebes und der Beckenbodenmuskulatur verursacht wird, können nur die Symptome therapiert werden. Die Behandlung ist abhängig vom Allgemeinzustand der Patientin, den subjektiven Beschwerden und dem Schweregrad der Senkung. „Es wird zwischen konservativen und operativen Therapiemethoden unterschieden“, erklärt Prof. Niesert. „Konservative Behandlungsmethoden können bei leichtgradiger Senkung oder einem kleinen Inkontinenzproblem bereits gute Erfolge erzielen. Eine konsequente Beckenbodengymnastik beispielsweise hat eine stärkende Wirkung auf die Muskulatur. Durch tägliches Training kann ein vorhandenes Inkontinenzproblem wieder zurückgehen. Für einen dauerhaften Erfolg ist es aber notwendig, dass die Übungen auch nach dem Verschwinden der Symptome weiter geführt werden.“ Zur Stärkung der Beckenbodenmuskulatur kann ebenfalls Reizstromtherapie eingesetzt werden. Dabei wird ein Stab in die Scheide oder den Enddarm eingeführt. Mittels Strom wird dann die Muskulatur angeregt, sich zusammen zuziehen. Nach den Wechseljahren kann die zusätzliche Gabe von Östrogenen hilfreich sein. Das weibliche Hormon verbessert als Tablette oder lokal als Salbe oder Zäpfchen verabreicht die Durchblutung des Bindegewebes und der Schleimhaut im Bereich des Beckenbodens.

Ein Netz für sicheren Boden

Bei einer stärkeren Gebärmuttersenkung oder einem Vorfall mit Harninkontinenz bleibt oft nur eine operative Behandlung. Es gibt heute vielfältige Operationsmöglichkeiten. Welche Methode zum Einsatz kommt, muss individuell entschieden werden. „Ziel eines operativen Eingriffs ist es, die Organe wieder zu stabilisieren und langfristig in Position zu halten. Dabei wird der Winkel zwischen Gebärmutter, Blase und Harnröhre verbessert und somit auch die Inkontinenz behoben“, so Prof. Niesert. „Treten die Beschwerden nach dem gebärfähigem Alter auf, wird oftmals eine Entfernung der Gebärmutter mit einer stützenden vorderen und hinteren Scheidenplastik kombiniert.“ Seit kurzem kommen verschiedene schonendere Behandlungsmethoden zum Einsatz: Beispielsweise ein Netz, welches in den Beckenboden implantiert wird und das erschlaffte Gewebe ersetzt und die Gebärmutter stützt. Ein anderes Netz ist so konstruiert, dass es sich nach dem Einsetzen zum Teil wieder auflöst. Somit bleibt weniger Fremdmaterial im Beckenboden zurück, ohne das sich dies nachteilig auf das Operationsergebnis auswirkt. Da für diese Eingriffe kein Bauchschnitt notwendig ist, können die Patientinnen bereits nach wenigen Tagen das Krankenhaus wieder verlassen. Ein anderes Operationsverfahren, gerade bei Stressinkontinenz, ist das Einsetzen einer stabilen Schlinge. Sie wird von der Scheide her eingeführt und stabilisiert die Harnröhre. Betroffenen Frauen rät Prof. Niesert sich vor einem Eingriff ausführlich von ihrem behandelnden Gynäkologen über die Therapiemöglichkeiten und Operationstechniken aufklären zu lassen.

| EKE
Weitere Informationen:
http://www.elisabeth-essen.de

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