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Antibiotika - ein Segen mit Risiko

25.08.2014

Die Stiftung Kindergesundheit informiert über den sinnvollen Einsatz von Penicillin und Co. Seit seiner Entdeckung vor 86 Jahren haben das Penicillin und seine mehr als 160 antibiotische Nachfolger Millionen von Menschen vor dem Tod durch gefährliche Keime bewahrt. Ihr jahrzehntelanger sorgloser Einsatz hat jedoch zur Entstehung gefährlicher Resistenzen geführt, deren Entwicklung ein zunehmendes Problem für Kinder und Erwachsene ist, die in einem Krankenhaus behandelt werden müssen, berichtet die Stiftung Kindergesundheit in ihrer aktuellen Stellungnahme.

Die erste Resistenz gegen Penicillin wurde bereits 1947 registriert, nur vier Jahre nach dem breiten Einsatz dieses Antibiotikums in der Medizin. Es war der Eitererreger „Staphylococcus aureus“ (abgekürzt S.aureus), der als erster Keim das Penicillin austrickste.

Mittlerweile lassen sich mehr als 90 Prozent der unterschiedlichen Stämme dieses Bakteriums nicht mehr mit Penicillin bekämpfen. Zum Glück gelang es dann aber, weitere Antibiotika zu entwickeln, gegen die die Staphylokokken noch machtlos waren.

Die Freude währte leider nicht lange. Es dauert in der Regel nur vier Jahre nach der Einführung eines neuen Antibiotikums, bis die ersten resistenten Staphylokokken-Mutanten auftauchen. Nicht selten werden die ersten resistenten Stämme sogar schon vor der Zulassung und Markteinführung einer Substanz gefunden.

Seit fünfzig Jahren kommt es weltweit zu einer beunruhigenden Verbreitung und Vermehrung von S.aureus-Stämmen, die auch gegen die modifizierten Penicilline Methicillin und Oxacillin resistent sind und als „Methicillin-resistente Staphylococcus aureus“ oder MRSA-Stämme bezeichnet werden.

Die höchsten Raten dieser widerborstigen Keime werden in Krankenhäusern und insbesondere auf chirurgischen Intensivstationen, in Abteilungen für Brandverletzungen und leider auch auf Säuglingsstationen gefunden, berichtet die Stiftung Kindergesundheit. In deutschen Kliniken infizieren sich etwa 34.000 Patienten jedes Jahr mit MRSA.

MRSA-Keime finden sich überdurchschnittlich häufig bei Patienten nach längeren oder wiederholten Krankenhausaufenthalten, nach Verlegung von Intensivstationen, nach medizinischen Behandlungen im Ausland (vor allem in Südeuropa, USA, Japan), nach der Behandlung von chronischen Wunden bzw. chronischen Krankheiten, so zum Beispiel bei einer Nierenerkrankung, die eine Blutwäsche („Hämodialyse“) notwendig macht.

MRSA sind nicht nur gefährlich sondern auch teuer: Für Europa werden die Mehrkosten auf 380 Millionen Euro pro Jahr geschätzt. In Deutschland kostet der Liegetag eines Patienten mit MRSA auf einer chirurgischen Intensivstation rund 1.600 Euro.

Um der Verbreitung von resistenten Bakterienstämmen entgegenzuwirken, haben in den letzten Jahren weltweit viele Kliniken „Antibiotic Stewardship“ (ABS)Programme etabliert. Gemeint ist damit das strukturierte, nachhaltige Bemühen einer medizinischen Institution um Verbesserung und Sicherstellung einer rationalen Verordnung von Antibiotika.

Ein von Professor Dr. Johannes Hübner an der Dr. von Haunerschen Kinderklinik der LMU in München 2012 initiiertes ABS-Pilotprogramm hat sich bereits bewährt: Der Verbrauch an Antibiotika ist um rund 60 Prozent zurückgegangen. Ein erfreulicher Nebeneffekt: Die Kinderklinik spart mit dem Programm Kosten von rund 350.000 Euro pro Jahr.

Was steckt hinter den Resistenzen?

Die Hauptgründe für die Zunahme der Resistenzen liegen in der allzu häufigen und auch unnötigen Verordnung von Antibiotika durch Ärzte und in der ungenügenden Beachtung hygienischer Grundregeln in den Kliniken. An der Entwicklung von Resistenzen sind aber auch die Patienten maßgeblich beteiligt: Werden Antibiotika nicht wie verordnet eingenommen, kann die Behandlung misslingen und Resistenzen entstehen.

„Von größter Wichtigkeit ist deshalb die korrekte Einnahme des Antibiotikums, wie es vom Arzt verordneten wurde“, betont Kinder- und Jugendarzt Professor Johannes Hübner. „Mit Hilfe der Antibiotika-Behandlung geht es dem Kind zwar meist schon nach 24 bis spätestens 48 Stunden wieder gut. Das Verschwinden der Beschwerden bedeutet aber nicht, dass damit auch alle Bakterien eliminiert sind. Wichtig ist vor allem auch die korrekte Dosis, da zu niedrige Antibiotikaspiegel Antibiotikaresistenzen induzieren. Aber auch eine zu lange Behandlungsdauer kann zur Selektion von resistenten Erregern führen. Übliche Therapiedauern liegen bei 7 bis 10 Tagen, aber in besonderen Fällen können auch längere Therapiedauern notwendig sein“.

Eine weitere Quelle der Resistenzen liegt in der Landwirtschaft. Allein in Deutschland wurden im letzten Jahr 1.452.000 Kilogramm Antibiotika von Herstellern und Großhändlern an Tierärzte abgegeben. Es ist nicht verwunderlich, dass Resistenzen auch bei den mit Antibiotika behandelten Tieren auftreten können.

In Deutschland sind bis zu 70 Prozent der Schweine mit besonderem Tier-MRSA besiedelt, auch Rinder und Geflügel sind oft befallen. Eine bedachtsame Anwendung von Antibiotika ist deshalb nicht nur beim Menschen sondern auch bei Tieren von größter Bedeutung, mahnt die Stiftung Kindergesundheit.

Zum Glück machen die bei Nutztieren nachgewiesenen MRSA nur einen sehr kleinen Anteil der Erkrankungen des Menschen aus. Betroffen davon sind überwiegend Personen, die beruflichen Kontakt zu Nutztieren haben. Bei den im Krankenhaus erworbenen Infektionen mit MRSA handelt es sich fast ausschließlich um Stämme, die nur beim Menschen vorkommen.

Gegen Viren sind Antibiotika wirkungslos

Während der ersten Lebensjahre machen Kinder mit hunderten von Krankheitserregern Bekanntschaft, mit Viren, Bakterien und Pilzen. Sie sind wesentlich häufiger krank als Erwachsene und bekommen deshalb noch häufiger ein Antibiotikum als ihre Eltern. Laut Studien wird bundesweit jedem zweiten Kind zwischen drei und sechs Jahren mindestens ein Antibiotikum pro Jahr verschrieben, besonders häufig gegen Erkältungskrankheiten und Husten.

Dazu sollte man wissen: Mehr als 80 Prozent der akuten Atemwegsinfektionen werden durch Viren verursacht, gegen die kaum adäquate Medikamente zur Verfügung stehen. Antibiotika wirken bekanntermaßen nur gegen Bakterien, gegen Viren sind sie völlig wirkungslos. Trotzdem verschreiben rund 60 Prozent der Ärzte ihren erkälteten Patienten Antibiotika: Das geschieht nicht selten auf Bitten der Patienten selbst, oder der Eltern, die dadurch (meist vergeblich) auf schnellere Heilung für ihr Kind hoffen.

Das Vorgehen ist jedoch riskant und führt oft zu unangenehmen Folgen: Es können Magen-Darm-Beschwerden wie Übelkeit, Erbrechen und Durchfall auftreten, da das Medikament auch nützliche Darmbakterien angreift. Auch allergische Reaktionen sind möglich.

Die Wunderwaffe braucht selber Schutz

Antibiotika sind zum Glück immer noch eine Wunderwaffe der Medizin, für ihre Verteufelung gibt es weiterhin keinen Grund, unterstreicht die Stiftung Kindergesundheit. Vom Arzt gezielt gegen Bakterien eingesetzt und richtig dosiert sind Antibiotika millionenfach bewährte, wirksame Mittel bei schweren, durch Bakterien verursachten Krankheiten wie Lungenentzündung oder Meningitis, Keuchhusten oder Borreliose, Harnwegsinfekten oder einer Blutvergiftung (Sepsis).

Oder zum Beispiel bei Scharlach - einer besonders schwer verlaufende Infektion mit Bakterien, die auch die sehr viel harmlosere eitrige Halsentzündung hervorrufen können. Scharlach ist gekennzeichnet durch hohes Fieber, einen typischen Hautauschlag und weiteren klinischen Zeichen (wie zum Beispiel eine sogenannte Himbeerzunge): Bevor es Antibiotika gab, wurden scharlachkranke Kinder sechs Wochen lang völlig isoliert. Die Wohnung musste gründlich desinfiziert werden, ebenfalls alle Gegenstände, die das kranke Kind benutzt hat. Bücher und Spielsachen mussten verbrannt werden.

Ein mit Penicillin behandeltes Kind ist dagegen schon am Tag nach Behandlungsbeginn nicht mehr ansteckend. Wenn es sich wieder wohl fühlt, kann es meist schon nach wenigen Tagen wieder in den Kindergarten oder zur Schule.

Scharlachkranke Kinder ohne Penicillinbehandlung gelten dagegen drei Wochen lang als „infektiös“. Nach Paragraph 34 des Infektionsschutzgesetzes IfSG dürfen sie die Kita, den Kindergarten oder die Schule so lange nicht besuchen, „bis nach ärztlichem Urteil eine Weiterverbreitung der Krankheit durch sie nicht mehr zu befürchten ist“.

Die Hauptvorteile der Penicillin-Behandlung für das Kind liegen auf der Hand:

o Die Beschwerden verschwinden schneller,

o die Ansteckungszeit wird abgekürzt,

o das Kind darf eher wieder in den Kindergarten oder zur Schule,

o gefährliche Komplikationen fürs Herz oder für die Gelenke werden vermieden.

„Antibiotika sind weiterhin unverzichtbare Helfer im Einsatz gegen gefährliche Bakterien. Ohne sie wäre die moderne Medizin nicht denkbar“, stellt Professor Johannes Hübner mit großem Nachdruck fest. „Es gehört deshalb zu den großen Herausforderungen unseres Gesundheitswesens, die Wirksamkeit von Antibiotika zu erhalten und die Entstehung und Verbreitung von Resistenzen einzudämmen. Das können wir nur erreichen, wenn der zu häufige und teilweise unbegründete Einsatz dieser Medikamente bei Menschen und Tieren auf ein vernünftiges Maß zurückgeführt wird – eine wichtige gemeinsame Aufgabe für Ärzte und Patienten“.

Vorbeugen ist besser als heilen.
Die Stiftung Kindergesundheit setzt sich durch Forschung und Praxisprojekte für die Vorbeugung von Kinderkrankheiten ein. Gemeinsam mit anerkannten Experten verbessern wir die Chancen aller Kinder, gesund aufzuwachsen und ihre Talente optimal zu entwickeln. Fördern Sie die Stiftung Kindergesundheit mit Ihrer Spende!

Weitere Informationen:

http://www.kindergesundheit.de

Hildegard Debertin | idw - Informationsdienst Wissenschaft

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