Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

ADHS bei Erwachsenen – Universitätsmedizin Rostock erforscht optimale Diagnostik und Therapie

01.12.2011
„Ob Menschen Frühaufsteher oder Nachtschwärmer sind, ist zumindest teilweise genetisch vorprogrammiert; und dieses „genetische Programm des Tag-Nacht-Rhythmus“ scheint bei Menschen mit ADHS fundamental gestört zu sein“, sagt Professor Dr. Dr. Johannes Thome. Er ist seit über einem halben Jahr Direktor der Klinik und Poliklinik für Psychiatrie und Psychotherapie am Universitätsklinikum Rostock.

Zuvor war der 44-jährige Arzt Inhaber des Lehrstuhls für Psychiatrie an der Universität Swansea in Wales/ Großbritannien. Von dort hat er den Forschungsschwerpunkt ADHS bei Erwachsenen („Zappelphilipp-Syndrom“) nach Rostock mitgebracht und etabliert ihn neben der Demenzforschung an der Rostocker Psychiatrischen Universitätsklinik.

Die Erwachsenenpsychiatrie beschäftigt sich weltweit mit diesem Thema erst seit wenigen Jahren“, sagt Professor Thome, der auch als Secretary General im Vorstand der World Federation of ADHD (Weltgesellschaft für ADHD) ist. „Es ist Anliegen unserer Klinik, für erwachsene ADHS-Patienten eine optimale Diagnostik und Therapie anzubieten, die zu einer verbesserten Lebensqualität führt“, gibt Prof. Thome das Ziel seiner vor.

Erste Erkenntnisse veröffentlichte der Wissenschaftler zusammen mit Dr. Andrew Coogan von der National University of Ireland, Dr. Alison Baird und weiteren Wissenschaftlern aus Swansea jüngst in der international anerkannten Fachzeitschrift „Molecular Psychiatry“. „Bei Kindern ist AHDS sehr gut erforscht“, sagt Professor Thome. „Viele Patienten verlieren diese psychische Störung aber nicht, wenn sie 18 sind“. Bei etwa einem Drittel der Patienten wächst sich ADHS nicht aus. Für sie gibt es kaum fachärztliche Betreuung in Deutschland. Die Betroffenen haben erhebliche Konzentrationsschwierigkeiten, Probleme im Beruf und Privatleben, verpassen Termine. Sie leiden unter Schlafdefizit und Stimmungsschwankungen, sind überaktiv und impulsiv, haben ihr Leben nicht im Griff. Wenn diese Patienten dann zum Alkohol greifen, gesellt sich ein Suchtproblem dazu. Etwa drei bis fünf Prozent der erwachsenen Bevölkerung sind schätzungsweise von ADHS betroffen.

„Wir haben beobachtet, dass der 24-Stunden-Rhythmus bei psychisch Kranken häufig gestört ist“, so der Professor. „Es gibt Hinweise, dass der Rhythmus bei ADHS-Patienten verkürzt ist“. Sie schlafen wenig und fühlen sich morgens müde. Auch finden sich in dieser Patientengruppe sehr viel häufiger „Nachtschwärmer“ als in der Normalbevölkerung.

Am Uni-Klinikum Rostock wird jetzt der Lebens-Rhythmus von erwachsenen ADHS-Patienten untersucht. Im Klartext: Die Medizin-Forscher suchen nach den genetischen, zellulären und molekularen Veränderungen, die für den gestörten Zeitrhythmus bei ADHS im Erwachsenenalter verantwortlich sind.
Den Aktivitätszustand von Patienten verfolgen die Rostocker Forscher über eine Acti-Watch, einen Miniaturcomputer, der aussieht wie eine Quarzuhr und am Handgelenk getragen werden kann. So wird der Tag-Nacht-Rhythmus aufgezeichnet.

Die Forscher untersuchen zusätzlich nach einer eigenständig entwickelten Methode, die weltweit nur wenige Labors beherrschen, die sogenannten Clock-Gene. „Das ist kein Gentest“, stellt Professor Thome klar. Vielmehr wird die Menge des Genproduktes gemessen, das für die innere Uhr des Menschen verantwortlich ist. „Erhalten wir den Nachweis, dass die Genproduktion für den 24-Stunden-Rhythmus gestört ist, haben wir die wissenschaftliche Erklärung dafür, warum Erwachsene mit ADHS häufig Probleme mit ihrem Tages- und Nachtrhythmus haben“, beschreibt Prof. Thome das Procedere. Diese Erkenntnisse könnten auch zur Entwicklung neuer Therapieansätze beitragen. Erst seit diesem Jahr gibt es auch für Erwachsene ein zugelassenes ADHS-Medikament.

Bereits zu Beginn des nächsten Jahres will der Rostocker Mediziner die Untersuchungsmethode auf andere psychische Erkrankungen mit schweren Störungen des Lebensrhythmus übertragen. „An erster Stelle auf Demenzpatienten, bei denen nächtliche Unruhe und Erregungszustände beschrieben sind“, so Prof. Thome. In einer weiteren Studie will seine Klinik herausfinden, wie Medikamente die gestörte Genproduktion beeinflussen und möglicherweise verbessern können. Dabei soll die erfolgreiche Kooperation mit Dr. Coogan fortgesetzt und intensiviert werden.

Kontakt:
Universität Rostock
Medizinische Fakultät
Klinik und Poliklinik für Psychiatrie und Psychotherapie
Prof. Dr. Dr. Johannes Thome
Fon: +49 (0)381 494 9500
eMail: johannes.thome@med.uni-rostock.de
Presse+Kommunikation
Dr. Ulrich Vetter
Fon: +49 (0)381 498 1013
eMail: ulrich.vetter@uni-rostock.de

Ingrid Rieck | Universität Rostock
Weitere Informationen:
http://www.uni-rostock.de

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Medizin Gesundheit:

nachricht Wachablösung im Immunsystem: wie Dendritische Zellen ihre Bewaffnung an Mastzellen übergeben
16.11.2017 | Universitätsklinikum Magdeburg

nachricht Wie Lungenkrebs zur Entstehung von Lungenhochdruck führt
16.11.2017 | Justus-Liebig-Universität Gießen

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Medizin Gesundheit >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Transparente Beschichtung für Alltagsanwendungen

Sport- und Outdoorbekleidung, die Wasser und Schmutz abweist, oder Windschutzscheiben, an denen kein Wasser kondensiert – viele alltägliche Produkte können von stark wasserabweisenden Beschichtungen profitieren. Am Karlsruher Institut für Technologie (KIT) haben Forscher um Dr. Bastian E. Rapp einen Werkstoff für solche Beschichtungen entwickelt, der sowohl transparent als auch abriebfest ist: „Fluoropor“, einen fluorierten Polymerschaum mit durchgehender Nano-/Mikrostruktur. Sie stellen ihn in Nature Scientific Reports vor. (DOI: 10.1038/s41598-017-15287-8)

In der Natur ist das Phänomen vor allem bei Lotuspflanzen bekannt: Wassertropfen perlen von der Blattoberfläche einfach ab. Diesen Lotuseffekt ahmen...

Im Focus: Ultrakalte chemische Prozesse: Physikern gelingt beispiellose Vermessung auf Quantenniveau

Wissenschaftler um den Ulmer Physikprofessor Johannes Hecker Denschlag haben chemische Prozesse mit einer beispiellosen Auflösung auf Quantenniveau vermessen. Bei ihrer wissenschaftlichen Arbeit kombinierten die Forscher Theorie und Experiment und können so erstmals die Produktzustandsverteilung über alle Quantenzustände hinweg - unmittelbar nach der Molekülbildung - nachvollziehen. Die Forscher haben ihre Erkenntnisse in der renommierten Fachzeitschrift "Science" publiziert. Durch die Ergebnisse wird ein tieferes Verständnis zunehmend komplexer chemischer Reaktionen möglich, das zukünftig genutzt werden kann, um Reaktionsprozesse auf Quantenniveau zu steuern.

Einer deutsch-amerikanischen Forschergruppe ist es gelungen, chemische Prozesse mit einer nie dagewesenen Auflösung auf Quantenniveau zu vermessen. Dadurch...

Im Focus: Leoniden 2017: Sternschnuppen im Anflug?

Gemeinsame Pressemitteilung der Vereinigung der Sternfreunde und des Hauses der Astronomie in Heidelberg

Die Sternschnuppen der Leoniden sind in diesem Jahr gut zu beobachten, da kein Mondlicht stört. Experten sagen für die Nächte vom 16. auf den 17. und vom 17....

Im Focus: «Kosmische Schlange» lässt die Struktur von fernen Galaxien erkennen

Die Entstehung von Sternen in fernen Galaxien ist noch weitgehend unerforscht. Astronomen der Universität Genf konnten nun erstmals ein sechs Milliarden Lichtjahre entferntes Sternensystem genauer beobachten – und damit frühere Simulationen der Universität Zürich stützen. Ein spezieller Effekt ermöglicht mehrfach reflektierte Bilder, die sich wie eine Schlange durch den Kosmos ziehen.

Heute wissen Astronomen ziemlich genau, wie sich Sterne in der jüngsten kosmischen Vergangenheit gebildet haben. Aber gelten diese Gesetzmässigkeiten auch für...

Im Focus: A “cosmic snake” reveals the structure of remote galaxies

The formation of stars in distant galaxies is still largely unexplored. For the first time, astron-omers at the University of Geneva have now been able to closely observe a star system six billion light-years away. In doing so, they are confirming earlier simulations made by the University of Zurich. One special effect is made possible by the multiple reflections of images that run through the cosmos like a snake.

Today, astronomers have a pretty accurate idea of how stars were formed in the recent cosmic past. But do these laws also apply to older galaxies? For around a...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

500 Kommunikatoren zu Gast in Braunschweig

20.11.2017 | Veranstaltungen

VDI-Expertenforum „Gefährdungsanalyse Trinkwasser"

20.11.2017 | Veranstaltungen

Technologievorsprung durch Textiltechnik

17.11.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Künstliche neuronale Netze: 5-Achs-Fräsbearbeitung lernt, sich selbst zu optimieren

20.11.2017 | Informationstechnologie

Tonmineral bewässert Erdmantel von innen

20.11.2017 | Geowissenschaften

Hemmung von microRNA-29 schützt vor Herzfibrosen

20.11.2017 | Biowissenschaften Chemie