Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Kanonenkugeln hatten hohe Durchschlagskraft

22.07.2009
Archäologen spielen Schiffe-versenken für die Wissenschaft

Selbst besonders stark gebaute Schiffsrümpfe schützten kaum vor dem Beschuss mit Kanonenkugeln. Zu diesem Schluss kommen israelische Archäologen der Universität Haifa und Rüstungsingenieure, die ein 1799 versunkenes Schiff im Maßstab 1:2 nachbauten und versuchshalber mit Kanonen beschossen. Dadurch erhielten die Forscher nähere Einblicke in die Kriegsführung zur See.

"Die Geschichte der Seefahrt, des Segelns, der Meeresschlachten wie auch der Schiffskonstruktion sind wesentliche Forschungsgebiete der Unterwasser-Archäologie. Diese Erkenntnisse sind für Bildungszwecke relevant und gehören auch zum Erbe einer Weltkultur", so der Forschungsleiter Ya'acov Kahanov im pressetext-Interview.

Die Schiffsmodelle gehen auf ein Schiff zurück, das bei der 61-tägigen, vergeblichen Belagerung der befestigten Hafenstadt Akko durch Napoleon versenkt wurde. Das Wrack wurde 1966 wiederentdeckt und stellte wahrscheinlich ein Blockschiff dar, das englische und osmanische Verteidiger in der Hafeneinfahrt versenkt hatten, um somit den Zugang für eindringende französische Schiffen zu sperren. Angesichts des besonders stark gebauten Eichenholz-Rumpfes fragten sich die Archäologen, ob das Schiff den Kanonen jener Zeit gewachsen war. Zur Klärung bauten sie gemeinsam mit der Rüstungsfirma Rafael Advanced Defense Systems fünf Modellrümpfe des Schiffes sowie eine Kanone und Metallkugeln nach und machte die Probe aufs Exempel.

Die Holzrümpfe widerstanden den Kugeln nicht, egal ob der Beschuss mit Geschwindigkeiten von 500 oder bloß mit 100 Meter pro Sekunde erfolgte. Langsamere Kugelgeschwindigkeiten produzierten beim Einschlag besonders viele für die damalige Besatzung gefährliche rasende Holzsplitter, demnach musste der Rumpf bei langsamen Beschuss besonders viel Energie absorbieren.

Die beste Form der Verteidigung eines Holzschiffes in einer Seeschlacht war, stärker als der Feind zu sein. Die hölzernen Kriegsschiffe des 18. und frühen 19. Jahrhunderts waren schwimmende, robuste Plattformen für Geschütze, deshalb waren sie in Sachen Design und Konstruktion speziell auf diesen Zweck hin ausgerichtet. "Man wollte kaum Stärke für Geschwindigkeit oder besondere Manövrierbarkeit opfern", so Kahanov. Seitlichen Schutz vor Beschuss erhielt ein Schiff durch doppelte Holzverschalungen außen und innen, die selbst direkten Treffern standhalten konnten. "Trotz der Wucht der Kanonenkugeln war es sehr schwer, so ein Schiff zu versenken. Das Risiko einer Zerstörung durch Feuer oder durch eine Explosion im Magazin war viel größer."

Kanonenkugeln glichen einander zwar in der Form, ihr Gewicht variierte jedoch stark, laut Kahanov von 4 bis 36 Pfund pro Stück. "Kleine Fregatte mit 28 Kanonen verfügten etwa über 100 Kanonenkugeln pro Geschütz. Die noch heute Existierende HMS Victory hatte 104 Kanonen und führte insgesamt 80 Tonnen Munition in den Ladevorrichtungen mit." Erzeugt wurden diese relativ unkompliziert hergestellten Kugeln aus Gusseisen in den zahlreichen Schmiedewerkstätten der kriegsführenden Länder. Erst in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts kamen Geschosse mit explosiver Mantelung auf, die auch Änderungen im Schiffsbau erforderten. "Mit der Weiterentwicklung der Kanonenkugeln mussten auch die Schiffe mit schmiedeeisernen Platten getäfelt werden", so der israelische Unterwasser-Archäologe.

Kahanov erkennt einen wesentlichen Unterschied der Kriegstaktik zwischen einander angreifenden Schiffen und der Bombardierung eines befestigten Ortes von See aus. "Wurde eine befestigte Stadt wie etwa Akkon bombardiert, so sollte dies eher die nicht-verteidigende Bevölkerung und ihre Häuser vernichten als die eigentlichen militärischen Verteidiger der Festungen, die sich stets in geschützten Baracken verschanzten. Die Todesfälle und die damit verbundene Verzweiflung sollte die Besatzung zur Kapitulation zwingen." Bei Schiffsangriffen seien die Taktik grundlegend anders gewesen. Anhand der Spuren bei den gefundenen Wracks glaubt man heute an verschiedene Strategien bei den einzelnen kriegsführenden Nationen. "Französische Schiffe haben wahrscheinlich hoch geschossen, um Mast und Takelung der Feinde zu zerstören, während britische Schiffe durch tiefe Treffer den Schiffskörper durchschlagen wollten, um die Kanoniere des Feindes zu töten."

Johannes Pernsteiner | pressetext.austria
Weitere Informationen:
http://hcc.haifa.ac.il/Departments/maritime/english/index.htm

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Interdisziplinäre Forschung:

nachricht Multidisziplinäre Studie regt neue Strategie zur Medikamentenentwicklung an
15.01.2018 | Heidelberger Institut für Theoretische Studien gGmbH

nachricht Interaktionen zwischen einfachen molekularen Mechanismen führen zu komplexen Infektionsdynamiken
09.01.2018 | Institute of Science and Technology Austria

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Interdisziplinäre Forschung >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Vollmond-Dreierlei am 31. Januar 2018

Am 31. Januar 2018 fallen zum ersten Mal seit dem 30. Dezember 1982 "Supermond" (ein Vollmond in Erdnähe), "Blutmond" (eine totale Mondfinsternis) und "Blue Moon" (ein zweiter Vollmond im Kalendermonat) zusammen - Beobachter im deutschen Sprachraum verpassen allerdings die sichtbaren Phasen der Mondfinsternis.

Nach den letzten drei Vollmonden am 4. November 2017, 3. Dezember 2017 und 2. Januar 2018 ist auch der bevorstehende Vollmond am 31. Januar 2018 ein...

Im Focus: Maschinelles Lernen im Quantenlabor

Auf dem Weg zum intelligenten Labor präsentieren Physiker der Universitäten Innsbruck und Wien ein lernfähiges Programm, das eigenständig Quantenexperimente entwirft. In ersten Versuchen hat das System selbständig experimentelle Techniken (wieder)entdeckt, die heute in modernen quantenoptischen Labors Standard sind. Dies zeigt, dass Maschinen in Zukunft auch eine kreativ unterstützende Rolle in der Forschung einnehmen könnten.

In unseren Taschen stecken Smartphones, auf den Straßen fahren intelligente Autos, Experimente im Forschungslabor aber werden immer noch ausschließlich von...

Im Focus: Artificial agent designs quantum experiments

On the way to an intelligent laboratory, physicists from Innsbruck and Vienna present an artificial agent that autonomously designs quantum experiments. In initial experiments, the system has independently (re)discovered experimental techniques that are nowadays standard in modern quantum optical laboratories. This shows how machines could play a more creative role in research in the future.

We carry smartphones in our pockets, the streets are dotted with semi-autonomous cars, but in the research laboratory experiments are still being designed by...

Im Focus: Fliegen wird smarter – Kommunikationssystem LYRA im Lufthansa FlyingLab

• Prototypen-Test im Lufthansa FlyingLab
• LYRA Connect ist eine von drei ausgewählten Innovationen
• Bessere Kommunikation zwischen Kabinencrew und Passagieren

Die Zukunft des Fliegens beginnt jetzt: Mehrere Monate haben die Finalisten des Mode- und Technologiewettbewerbs „Telekom Fashion Fusion & Lufthansa FlyingLab“...

Im Focus: Ein Atom dünn: Physiker messen erstmals mechanische Eigenschaften zweidimensionaler Materialien

Die dünnsten heute herstellbaren Materialien haben eine Dicke von einem Atom. Sie zeigen völlig neue Eigenschaften und sind zweidimensional – bisher bekannte Materialien sind dreidimensional aufgebaut. Um sie herstellen und handhaben zu können, liegen sie bislang als Film auf dreidimensionalen Materialien auf. Erstmals ist es Physikern der Universität des Saarlandes um Uwe Hartmann jetzt mit Forschern vom Leibniz-Institut für Neue Materialien gelungen, die mechanischen Eigenschaften von freitragenden Membranen atomar dünner Materialien zu charakterisieren. Die Messungen erfolgten mit dem Rastertunnelmikroskop an Graphen. Ihre Ergebnisse veröffentlichen die Forscher im Fachmagazin Nanoscale.

Zweidimensionale Materialien sind erst seit wenigen Jahren bekannt. Die Wissenschaftler André Geim und Konstantin Novoselov erhielten im Jahr 2010 den...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

Veranstaltungen

15. BF21-Jahrestagung „Mobilität & Kfz-Versicherung im Fokus“

22.01.2018 | Veranstaltungen

Transferkonferenz Digitalisierung und Innovation

22.01.2018 | Veranstaltungen

Kongress Meditation und Wissenschaft

19.01.2018 | Veranstaltungen

VideoLinks Wissenschaft & Forschung
Weitere VideoLinks im Überblick >>>
 
Aktuelle Beiträge

15. BF21-Jahrestagung „Mobilität & Kfz-Versicherung im Fokus“

22.01.2018 | Veranstaltungsnachrichten

Forschungsteam schafft neue Möglichkeiten für Medizin und Materialwissenschaft

22.01.2018 | Biowissenschaften Chemie

Ein Haus mit zwei Gesichtern

22.01.2018 | Architektur Bauwesen

Weitere B2B-VideoLinks
IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics