Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Nicht nur Taschengeld regiert die Kinderwelt

23.09.2002


Lange Zeit glaubte man, der soziale Status der Eltern entscheide darüber, welches Kind auf dem Schulhof das Sagen hat. Doch Markenjeans und High-Tech-Spielzeug garantieren noch keine Beliebtheit. Ein Forscherteam der Uni Potsdam und des Max-Planck-Institutes für Bildungsforschung in Berlin betrachtet soziale Ungleichheit unter Kindern nun aus einem neuen Blickwinkel - als Merkmal der Kinderwelt selbst.

Lukas ist der "Bestimmer", weil er die schlimmsten Schimpfwörter kennt. Frida hat jeder gern als Freundin, weil sie die teuerste Hose trägt. Und Hans? Mit dem spielt sowieso niemand. Kaum jemand glaubt noch an das Ideal, in Kindergruppen gebe es keine Rangordnungen. Doch was den Rang bestimmt, darüber wissen Erwachsene noch nichts genaues. Die Diplom-Psychologinnen Judith Schrenk und Christine Gürtler führten unter der Leitung von Professor Dr. Lothar Krappmann (MPIB) und Professor Dr. Hans Oswald (Pädagogisches Institut, Universität Potsdam) von Mai bis Juli 2001 eine Untersuchung an Berliner Grundschulen durch. Ihr Ziel ist es, herauszufinden, welche Strukturen sozialer Ungleichheit in Schulklassen vorherrschen und was Kindern dazu verhilft, ihre Absichten auch gegen den Willen ihrer Mitschüler durchzusetzen. Gibt es also neben dem Elternhaus weitere Faktoren, die die soziale Stellung eines Kindes beeinflussen?

Um diesem Problem auf den Grund zu gehen, befragten die Wissenschaftler 234 Dritt- und Fünftklässler aus zehn Grundschulklassen. "Die Besonderheit war", erklärt Schrenk, "dass wir die Befragung nach vier verschiedenen Perspektiven ausrichteten." Zuerst fragten sie jedes Kind, wie es sich verhalte, um seine Interessen gegen die anderer durchzusetzen. Die Kinder konnten beispielsweise "Ich halte mich an Spielregeln" oder "Ich schubse andere weg" ankreuzen (Ich-Perspektive). Dann ging es darum, welches Vorgehen und welche Merkmale es einem leichter bzw. schwerer machen, sich bei anderen durchzusetzen (Klassenperspektive) und darum, was die Schüler eigentlich für richtig halten (normative Perspektive). Die vierte Perspektive erhoben Gürtler und Schrenk mit Hilfe des Klassenspiels, einer aus den USA stammenden Art der Befragung. Die Kinder mussten ihren Klassenkameraden bestimmte Rollen zuschreiben, wie "Tim spielt den, der immer nachgibt". Dadurch wurden Aussagen der Kinder übereinander erfasst. Informationen zur wirtschaftlichen Lage und den Schulleistungen trugen die Psychologinnen über die Eltern und Lehrer zusammen.

Obwohl es noch eine Weile dauern wird, das umfangreiche Material komplett auszuwerten, stellten die Forscherinnen nun erste Ergebnisse vor. Judith Schrenk hat genauer untersucht, welche Mittel Kinder anwenden, um sich durchzusetzen. "Wenn Kinder, egal ob Junge oder Mädchen, bei anderen etwas erreichen wollen", sagt sie, "sind sie freundlich." Anderen Schaden zufügen, Schlagen oder Auslachen, sei "out". Weiterhin ermittelte Schrenk, ob diese Methode auch wirklich Erfolg bringt. Sie fand heraus, dass Kinder, die laut Fragebogen "viele Ideen haben" und "ihre Absichten erklären", sich tatsächlich besser in der Klasse durchsetzen können. Kinder, die schlagen oder andere auslachen, haben weniger Einfluss. Erstaunlich ist, dass ihnen dabei persönliche Leistungen wie gute Schulnoten und Sportlichkeit zugute kommen, während gutes Aussehen oder die Höhe des Taschengeldes fast keinen Einfluss auf den Status in der Klasse haben.

Doch welchen Stand haben eigentlich aggressive Kinder bei ihren Mitschülern? Dieser Frage widmet sich Christine Gürtler. Denn die meisten dieser Jungen und Mädchen schaffen es trotz ihres negativen Auftretens, Freunde an sich zu binden. "Ich hatte mir vorgestellt, dass Freunde von aggressiven Kindern sich weniger als andere daran stören, dass diese andere ärgern oder schlagen. Sonst wären sie ja kaum befreundet", so Gürtler. Doch genau das Gegenteil sei der Fall: "Die Kinder sind nicht blind für das aggressive Verhalten ihrer Freunde. Sie nehmen es sogar viel stärker wahr als nichtbefreundete Klassenkameraden." Dafür erkennen diese Kinder andererseits auch deren positive Eigenschaften wie gute Laune oder Humor viel eher an. In Langzeitstudien fanden Krappmann und Oswald heraus, dass manche dieser Freundschaften nach einiger Zeit zerbrechen. Andere halten sich jedoch und sind den aggressiven Kindern eine Brücke in eine Sozialwelt, in der man Konflikte aushandelt. Krappmann dazu: "Von Freundinnen und Freunden erwarten Kinder, dass sie ihre Probleme von gleich zu gleich und ohne Schlagen und Anschreien regeln. Aber das muss man erst miteinander lernen."

Bei fachlichen Fragen wenden Sie sich bitte an Dipl. Psych. Christine Gürtler oder Dipl. Psych. Judith Schrenk.

Kontaktadresse: Christine Gürtler, Judith Schrenk
Max-Planck-Institut für Bildungsforschung
Lentzeallee 94, 14195 Berlin
Tel.: 030-82406-234
E-Mail: guertler@mpib-berlin.mpg.de; schrenk@mpib-berlin.mpg.de

Dr. Antonia Rötger | idw

Weitere Berichte zu: Kinderwelt Taschengeld

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Interdisziplinäre Forschung:

nachricht Speiseröhrenkrebs einfacher erkennen
06.03.2017 | Helmholtz Zentrum München - Deutsches Forschungszentrum für Gesundheit und Umwelt

nachricht Neues Labor für die Aufbautechnik von ultradünnen Mikrosystemen
21.02.2017 | Hahn-Schickard

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Interdisziplinäre Forschung >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Wegweisende Erkenntnisse für die Biomedizin: NAD⁺ hilft bei Reparatur geschädigter Erbinformationen

Eine internationale Forschergruppe mit dem Bayreuther Biochemiker Prof. Dr. Clemens Steegborn präsentiert in 'Science' neue, für die Biomedizin wegweisende Forschungsergebnisse zur Rolle des Moleküls NAD⁺ bei der Korrektur von Schäden am Erbgut.

Die Zellen von Menschen und Tieren können Schäden an der DNA, dem Träger der Erbinformation, bis zu einem gewissen Umfang selbst reparieren. Diese Fähigkeit...

Im Focus: Designer-Proteine falten DNA

Florian Praetorius und Prof. Hendrik Dietz von der Technischen Universität München (TUM) haben eine neue Methode entwickelt, mit deren Hilfe sie definierte Hybrid-Strukturen aus DNA und Proteinen aufbauen können. Die Methode eröffnet Möglichkeiten für die zellbiologische Grundlagenforschung und für die Anwendung in Medizin und Biotechnologie.

Desoxyribonukleinsäure – besser bekannt unter der englischen Abkürzung DNA – ist die Trägerin unserer Erbinformation. Für Prof. Hendrik Dietz und Florian...

Im Focus: Fliegende Intensivstationen: Ultraschallgeräte in Rettungshubschraubern können Leben retten

Etwa 21 Millionen Menschen treffen jährlich in deutschen Notaufnahmen ein. Im Kampf zwischen Leben und Tod zählt für diese Patienten jede Minute. Wenn sie schon kurz nach dem Unfall zielgerichtet behandelt werden können, verbessern sich ihre Überlebenschancen erheblich. Damit Notfallmediziner in solchen Fällen schnell die richtige Diagnose stellen können, kommen in den Rettungshubschraubern der DRF Luftrettung und zunehmend auch in Notarzteinsatzfahrzeugen mobile Ultraschallgeräte zum Einsatz. Experten der Deutschen Gesellschaft für Ultraschall in der Medizin e.V. (DEGUM) schulen die Notärzte und Rettungsassistenten.

Mit mobilen Ultraschallgeräten können Notärzte beispielsweise innere Blutungen direkt am Unfallort identifizieren und sie bei Bedarf auch für Untersuchungen im...

Im Focus: Gigantische Magnetfelder im Universum

Astronomen aus Bonn und Tautenburg in Thüringen beobachteten mit dem 100-m-Radioteleskop Effelsberg Galaxienhaufen, das sind Ansammlungen von Sternsystemen, heißem Gas und geladenen Teilchen. An den Rändern dieser Galaxienhaufen fanden sie außergewöhnlich geordnete Magnetfelder, die sich über viele Millionen Lichtjahre erstrecken. Sie stellen die größten bekannten Magnetfelder im Universum dar.

Die Ergebnisse werden am 22. März in der Fachzeitschrift „Astronomy & Astrophysics“ veröffentlicht.

Galaxienhaufen sind die größten gravitativ gebundenen Strukturen im Universum, mit einer Ausdehnung von etwa zehn Millionen Lichtjahren. Im Vergleich dazu ist...

Im Focus: Giant Magnetic Fields in the Universe

Astronomers from Bonn and Tautenburg in Thuringia (Germany) used the 100-m radio telescope at Effelsberg to observe several galaxy clusters. At the edges of these large accumulations of dark matter, stellar systems (galaxies), hot gas, and charged particles, they found magnetic fields that are exceptionally ordered over distances of many million light years. This makes them the most extended magnetic fields in the universe known so far.

The results will be published on March 22 in the journal „Astronomy & Astrophysics“.

Galaxy clusters are the largest gravitationally bound structures in the universe. With a typical extent of about 10 million light years, i.e. 100 times the...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Rund 500 Fachleute aus Wissenschaft und Wirtschaft diskutierten über technologische Zukunftsthemen

24.03.2017 | Veranstaltungen

Lebenswichtige Lebensmittelchemie

23.03.2017 | Veranstaltungen

Die „Panama Papers“ aus Programmierersicht

22.03.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Rund 500 Fachleute aus Wissenschaft und Wirtschaft diskutierten über technologische Zukunftsthemen

24.03.2017 | Veranstaltungsnachrichten

Förderung des Instituts für Lasertechnik und Messtechnik in Ulm mit rund 1,63 Millionen Euro

24.03.2017 | Förderungen Preise

TU-Bauingenieure koordinieren EU-Projekt zu Recycling-Beton von über sieben Millionen Euro

24.03.2017 | Förderungen Preise