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Krebs: Software für mehr Lebensqualität

26.02.2015

Innsbrucker Forscher entwickeln Computerprogramm zur Verbesserung der Kommunikation zwischen Kranken und Ärzten

Täglich erhalten 104 Österreicher/innen die Diagnose „Krebs“. Wie fühlen sich diese Betroffenen? Wie schätzen sie selbst ihren Gesundheitszustand ein? Um diese Fragen zu beantworten, entwickeln Forscher der Medizinischen Universität Innsbruck gemeinsam mit einer IT-Firma eine europaweit innovative Software.


Foto: Univ.-Doz. Dr. Bernhard Holzner

Copyright: Fotostudio Stanger, Innsbruck

„Mit diesem Computerprogramm wollen wir die Kommunikation zwischen Patient und Arzt, damit in weiterer Folge die Lebensqualität Krebskranker verbessern“, betonen Univ.-Doz. Dr. Bernhard Holzner und Univ-Prof.in Dr.in Barbara Sperner-Unterweger am Donnerstag in einer Presseaussendung.

„Lebenszeit ist äußerst wertvoll und begrenzt. Mit dieser Tatsache sind Krebskranke besonders konfrontiert. Auch wir als Experten sind gefordert, wollen wir doch trotz der im klinischen Alltag manchmal knappen Zeit die optimale Behandlung sowie die bestmögliche Lebensqualität für Betroffene erreichen.

Zur personalisierten Therapie chronischer Erkrankungen wie Krebs gehört auch die zielgerichtete und auf den jeweiligen Kranken individuell abgestimmte Kommunikation. Unser Computerprogramm leistet dazu einen Beitrag“, erklärt Holzner. Der Forscher beschäftigt sich an der Innsbrucker Universitätsklinik für Biologische Psychiatrie unter Leitung von Univ.-Prof. Dr. W. Wolfgang Fleischhacker seit über zwei Jahrzehnten damit, der subjektiven Sicht von Krebspatient/inn/en im Laufe ihrer Behandlung mehr Gewicht zu geben.

Lebensqualitätsdaten zur Optimierung der Krebsbehandlung

Die Entwicklung des computer-adaptiven Fragebogens zur Erfassung der Lebensqualität wird vom österreichischen Forschungsfonds FWF gefördert. Dieses Instrument hilft routinemäßig unterschiedliche Belastungen und Probleme von Krebspatient/inn/en zu erheben. Betroffene können den Fragebogen an einem Tablet-PC ausfüllen. Die daraus gewonnenen Informationen werden den Ärzt/inn/en unmittelbar zur Verfügung gestellt. In diese bis 2017 laufende Studie werden über 500 Patient/inn/en an der Innsbrucker Klinik im Alter zwischen 18 und 80 Jahren mit unterschiedlichen Krebsdiagnosen sowie verschiedenen Behandlungs- bzw. Erkrankungsphasen eingebunden.

„Diese Selbsteinschätzungen mittels der Fragebögen sind für uns wertvolles Wissen. Wir können Patientengespräche zielgerichteter und damit wirkungsvoller gestalten. Das gesamte Team kann so die Therapie jeweils individuell anpassen. Selbstverständlich werden im gesamten Prozedere strenge Datenschutzrichtlinien eingehalten“, sagt der Forscher. Als weiteren Beitrag zur besseren Identifikation körperlicher und seelischer Symptome arbeitet der Nachwuchsforscher Dr. Johannes Giesinger (33) an der Innsbrucker Universitätsklinik für Biologische Psychiatrie sowie am Netherlands Cancer Institute in Amsterdam an der Festlegung so genannter „Schwellenwerte“ für körperliche und seelische Beeinträchtigungen.

Klinisch relevante Beeinträchtigungen, wie z.B. der körperlichen Leistungsfähigkeit, Schmerzen oder Erschöpfung, sollen durch diese Daten besser erkenn- und behandelbar werden. Die Festlegung dieser Schwellenwerte basiert nicht nur auf dem Schweregrad. Sie fußt auch darauf, wie sich ein Symptom auf den Alltag und die subjektive Belastung Betroffener auswirkt. Giesingers Arbeiten sind eng mit der Entwicklung computer-adaptiver Lebensqualitätsfragebögen verknüpft. Sie werden vom FWF im Rahmen eines Erwin-Schrödinger-Fellowships finanziert. Beide Projekte laufen in intensiver Zusammenarbeit mit der „European Organisation for Research and Treatment of Cancer (EORTC)“.

Messinstrumente zur Erfassung von Selbststeinschätzungen chronisch Kranker nennt die Medizin „Patient-reported Outcomes“, kurz „PROs“. Bislang wurden PRO- Fragebögen gemäß klassischer Testtheorie entwickelt. Das heißt, die Interpretierbarkeit der gewonnenen Daten beruht darauf, dass alle Patient/inn/en die gleichen Fragen beantworten. „Dies geht mit einer Reihe von Nachteilen bezüglich Patientenbelastung und Messgenauigkeit einher“, erklärt Holzner. Der in Innsbruck mitentwickelte computer-adaptive Fragebogen für Lebensqualität verwendet auf den jeweiligen Patienten zugeschnittene Fragen. Basierend auf den Antworten wird die sinnvollste nächste Frage ausgewählt. Dies erhöht die Messgenauigkeit und verringert die Gesamtzahl der Fragen an mitunter schwer kranke Menschen.

Das Innsbrucker Team ist Mitglied der „Quality of Life Group“ der EORTC und untersucht im Detail die Messgenauigkeit dieser Tests. „Wir wollen feststellen, ob sich die neu entwickelten Fragebögen dazu eignen, auch geringe Änderungen im Gesundheitszustand abzubilden“, betont Holzner. Weiters zielt dieses Projekt darauf ab, die anonymisierten Resultate mit Normdaten der österreichischen Bevölkerung abzugleichen. Die gesamte Forschung in diesem Bereich will laut den Forschern einzelnen Patient/inn/en eine Stimme geben und ein angemesseneres Bild von Krebserkrankungen und deren Behandlung ermöglichen. Außerdem wollen die Wissenschaftler zu verbesserten Grundlagen gesundheitspolitischer Entscheidungen beitragen.

Lebensqualitätsforschung in der Onkologie

In der Onkologie werden seit den frühen 1990er Jahren neben so genannten „harten Daten“, wie medizinischen Befunden, auch Selbsteinschätzungen der Patient/inn/en bezüglich ihres Gesundheitszustandes zur Behandlungsplanung eingesetzt. Durch den medizinischen Fortschritt ist bei einigen Krebsarten die Überlebensrate hoch. Betroffene leben mitunter lange Jahre mit ihrer Erkrankung, aber teilweise mit einer Reihe von Einschränkungen. Die relativ junge Fachdisziplin der „Lebensqualitätsforschung in der Onkologie“ untersucht, wie es diesen Menschen während ihrer Behandlung, aber auch auf lange Sicht geht. In diesem Feld leistet die Innsbrucker Universitätsklinik für Biologische Psychiatrie seit über 20 Jahren Pionierarbeit. Die Gruppe entwickelt nicht nur computer-adaptive Tests, sondern auch internetbasierte Patienten-Portale, die z.B. die Erhebung des Gesundheitszustandes über den Krankenhausaufenthalt hinaus ermöglichen. Diese praxisorientierte Forschung führte zur Ausgründung des Unternehmens „Evaluation Software Development“ (ESD) mit Sitz in Rum bei Innsbruck. Software dieses Spin-off wird derzeit in der medizinischen Praxis sowie in der Forschung in Österreich, Großbritannien, Italien, Deutschland und der Schweiz eingesetzt.

Kontakt:

Univ.-Doz. Dr. Bernhard Holzner
Medizinische Universität Innsbruck
Univ.-Klinik für Biologische Psychiatrie
Telefon: +43 512 504 0
Mail: Bernhard.HOLZNER@uki.at
Web: www.psychiatrie.uki.at

Mag.a Gabriele Rampl
Science Communications
Forschungsteam Prof. Fleischhacker
Telefon: +43 650 2763351
Mail: office@scinews.at
Web: www.scinews.at

Mag.a Gabriele Rampl | scinews.at

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