Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

In Sekundenschnelle oder: Wie man zusammenarbeitet, wenn keine Zeit zum Reden ist

07.06.2016

Welche Möglichkeiten stehen Hochgeschwindigkeitshändlern und anderen, über mehrere Standorte verteilten Teams zur Verfügung, um die Zusammenarbeit zu verbessern?

Der Informationsaustausch unter Teammitgliedern ist, in Abhängigkeit von wirtschaftlichen und physikalischen Gegebenheiten, unter Umständen nicht immer möglich. Ein Beispiel hierfür ist der Hochfrequenzhandel (1), bei dem das Versenden von Mitteilungen an weltweit verteilte Mitglieder eines Teams viel zu langsam wäre, um als sinnvoll zu gelten.


Unternehmen investieren zunehmend mehr Ressourcen in den Zugang zu Hochgeschwindigkeitskommunikationsnetzwerken. Hier: Teilansicht einer Internet-Karte vom 15. Januar 2005. Quelle: www.opte.org


Prof. Pierfrancesco La Mura, Ph.D., Inhaber des Lehrstuhls für Wirtschaftsinformatik des E-Business an der HHL, untersucht Herausforderungen von über mehrere Standorte verteilten Teams. Foto: HHL.

Die Forschung von Prof. Pierfrancesco La Mura, Ph.D. von der HHL Leipzig Graduate School of Management und Prof. Adam Brandenburger, Ph.D. von der NYC Stern School of Business untersucht Szenarien, in denen direkte Kommunikation nicht möglich ist, Teammitglieder aber ihre gemeinsame globale Umgebung nutzen können, um dennoch hocheffektive Koordination zu erreichen.

In Lichtgeschwindigkeit oder schneller handeln

Hochfrequenzhändler benötigen schnelle Computer, Algorithmen und so genannte Live-Feeds zu Finanzdaten von verschiedenen Börsen, damit sie entscheiden können, was und wann sie kaufen bzw. verkaufen.

In diesem Umfeld zählt jede Millisekunde. Schnellere Datenverbindungen zwischen den Börsen minimieren die Zeit, die benötigt wird, um neue Informationen zu übertragen oder um einen Handel abzuschließen. Folglich investieren Unternehmen zunehmend mehr Ressourcen in den Zugang zu Hochgeschwindigkeitskommunikationsnetzwerken oder zu Host-Servern, die sich so nah wie möglich an der Leitung zu wichtigen Informationen befinden.

In einem kürzlich erschienen Artikel der Fachzeitschrift "Nature" (2) wird erklärt, dass die physikalischen Grenzen der Kommunikation auf den Finanzmärkten bereits erreicht wurden. Während die NASDAQ-Server alle 0,5 Millisekunden einen Handel abwickeln, beträgt die Kommunikationszeit, beispielsweise von New York nach Schanghai, selbst mit Lichtgeschwindigkeit über 40 Millisekunden.

Da diese physikalischen Grenzen unüberwindbar sind, untersuchten Prof. La Mura und sein Koautor weitere Möglichkeiten, die Hochgeschwindigkeitshändlern und anderen, über mehrere Standorte verteilten Teams zur Verfügung stehen, um die Zusammenarbeit zu verbessern, selbst wenn Kommunikation nicht möglich ist.

Quantenbasierter Handel

Eine Leitfrage lautete: Könnte für die Entscheidungsfindung innerhalb eines Teams, genau wie in der Kryptografie und EDV, der Einsatz von Quantenressourcen zu verbesserten Leistungen im Vergleich zu dem, was in einer klassischen Umgebung möglich ist, führen? Die Autoren fanden heraus, dass der Zugang zu einem Quantennetzwerk, in dem Händler, die an weit voneinander entfernten Standorten agieren, durch Quantenbits, die an einer gemeinsamen Quelle generiert und von dort übertragen werden, bestimmte Messungen vornehmen können, die es ihnen erlauben, ihre gemeinsamen Leistungen zu verbessern.

Die wichtigste Eigenschaft der Quanten für die Leistungsverbesserung ist die „telepathische“ Fähigkeit der Quantenpartikel, koordiniertes Verhalten zu zeigen, selbst wenn sie räumlich und zeitlich weit voneinander entfernt sind. Dieser Prozess basiert auf einem gut erforschten Quanten-Set-up, das auf Bell (3) zurückgeht und als Teamentscheidungsproblem in einem Journal-Beitrag von Prof. La Mura (4) diskutiert wurde.

Prof. La Mura sagt: „Wir haben gezeigt, wie die Zusammenarbeit verbessert werden kann, selbst wenn Kommunikation zu langsam ist, um nützlich zu sein. Man erreicht dies nicht, indem man versucht, schneller zu sein als andere Händler; erfolgreiche Zusammenarbeit entsteht vielmehr aus Abstimmung von Marktaktivitäten an verschiedenen Standorten.“

So wäre es beispielsweise besser, wenn zwei Hochfrequenzhändler, die sich an verschiedenen Standorten befinden und beide eine bestimmtes Anlagegut kaufen oder verkaufen wollen, auf unterschiedlichen Märkten agieren würden, damit sie nicht gegeneinander antreten müssen. Wenn jedoch einer von ihnen eine Anlage verkaufen und der andere genau diese kaufen will, so sollten sie besser auf demselben Markt agieren. Der Zugang zu einem Quantennetzwerk würde es den Händlern ermöglichen, im ersten Fall einander zu meiden, und die Wahrscheinlichkeit erhöhen, dass sie im zweiten Fall auf demselben Markt handeln.

Die Forschung führte zu einer Veröffentlichung in der renommierten Fachzeitschrift "Philosophical Transactions of the Royal Society A" (5). Prof. La Mura erklärt zudem, dass die Arbeit auch zu einer neuen Patentanmeldung in Zusammenarbeit mit der New York University sowie einem laufenden Projekt mit US-Finanzintermediären als Partner führte.

Prof. Adam Brandenburger, Ph.D. ist der J.P. Valles Professor an der New York University, Leonard N. Stern School of Business.

Prof. Pierfrancesco La Mura, Ph.D. ist Inhaber des Lehrstuhls für Wirtschaftsinformatik des E-Business an der HHL Leipzig Graduate School of Management.

Quellen

(1) Pagnotta E, Philippon T. ‚Competing on speed‘ NBER Workking Paper 17652 (2011); verfügbar unter https://archive.nyu.edu/bitstream/2451/31369/2/CompetingOnSpeed.pdf
(2) Buchanan M. ‚Physics in finance: Trading at the speed of light‘ Nature (11. Februar 2015); verfügbar unter http://nature.com/news/physics-in-finance-trading-at-the-speed-of-light-1.16872.
(3) Bell J.‚On the Einstein–Podolsky–Rosen paradox’ Physics 1, 195–200 (1964).
(4) La Mura P. ‚Correlated equilibria of classical strategic games with quantum signals‘ Int. J. Quantum Inf. 3, 183–188 (2005).
(5) Brandenburger A., La Mura P. ‚Team decision problems with classical and quantum signals‘. Philosophical Transactions of the Royal Society A (30. November 2015); verfügbar unter http://rsta.royalsocietypublishing.org/content/374/2058/20150096

Volker Stößel | idw - Informationsdienst Wissenschaft

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Informationstechnologie:

nachricht Warnsystem KATWARN startet international vernetzten Betrieb
27.06.2017 | FOKUS - Fraunhofer-Institut für Offene Kommunikationssysteme

nachricht Überschwemmungen genau in den Blick nehmen
27.06.2017 | Technische Universität Chemnitz

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Informationstechnologie >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Vorbild Delfinhaut: Elastisches Material vermindert Reibungswiderstand bei Schiffen

Für eine elegante und ökonomische Fortbewegung im Wasser geben Delfine den Wissenschaftlern ein exzellentes Vorbild. Die flinken Säuger erzielen erstaunliche Schwimmleistungen, deren Ursachen einerseits in der Körperform und andererseits in den elastischen Eigenschaften ihrer Haut zu finden sind. Letzteres Phänomen ist bereits seit Mitte des vorigen Jahrhunderts bekannt, konnte aber bislang nicht erfolgreich auf technische Anwendungen übertragen werden. Experten des Fraunhofer IFAM und der HSVA GmbH haben nun gemeinsam mit zwei weiteren Forschungspartnern eine Oberflächenbeschichtung entwickelt, die ähnlich wie die Delfinhaut den Strömungswiderstand im Wasser messbar verringert.

Delfine haben eine glatte Haut mit einer darunter liegenden dicken, nachgiebigen Speckschicht. Diese speziellen Hauteigenschaften führen zu einer signifikanten...

Im Focus: Kaltes Wasser: Und es bewegt sich doch!

Bei minus 150 Grad Celsius flüssiges Wasser beobachten, das beherrschen Chemiker der Universität Innsbruck. Nun haben sie gemeinsam mit Forschern in Schweden und Deutschland experimentell nachgewiesen, dass zwei unterschiedliche Formen von Wasser existieren, die sich in Struktur und Dichte stark unterscheiden.

Die Wissenschaft sucht seit langem nach dem Grund, warum ausgerechnet Wasser das Molekül des Lebens ist. Mit ausgefeilten Techniken gelingt es Forschern am...

Im Focus: Hyperspektrale Bildgebung zur 100%-Inspektion von Oberflächen und Schichten

„Mehr sehen, als das Auge erlaubt“, das ist ein Anspruch, dem die Hyperspektrale Bildgebung (HSI) gerecht wird. Die neue Kameratechnologie ermöglicht, Licht nicht nur ortsaufgelöst, sondern simultan auch spektral aufgelöst aufzuzeichnen. Das bedeutet, dass zur Informationsgewinnung nicht nur herkömmlich drei spektrale Bänder (RGB), sondern bis zu eintausend genutzt werden.

Das Fraunhofer IWS Dresden entwickelt eine integrierte HSI-Lösung, die das Potenzial der HSI-Technologie in zuverlässige Hard- und Software überführt und für...

Im Focus: Can we see monkeys from space? Emerging technologies to map biodiversity

An international team of scientists has proposed a new multi-disciplinary approach in which an array of new technologies will allow us to map biodiversity and the risks that wildlife is facing at the scale of whole landscapes. The findings are published in Nature Ecology and Evolution. This international research is led by the Kunming Institute of Zoology from China, University of East Anglia, University of Leicester and the Leibniz Institute for Zoo and Wildlife Research.

Using a combination of satellite and ground data, the team proposes that it is now possible to map biodiversity with an accuracy that has not been previously...

Im Focus: Klima-Satellit: Mit robuster Lasertechnik Methan auf der Spur

Hitzewellen in der Arktis, längere Vegetationsperioden in Europa, schwere Überschwemmungen in Westafrika – mit Hilfe des deutsch-französischen Satelliten MERLIN wollen Wissenschaftler ab 2021 die Emissionen des Treibhausgases Methan auf der Erde erforschen. Möglich macht das ein neues robustes Lasersystem des Fraunhofer-Instituts für Lasertechnologie ILT in Aachen, das eine bisher unerreichte Messgenauigkeit erzielt.

Methan entsteht unter anderem bei Fäulnisprozessen. Es ist 25-mal wirksamer als das klimaschädliche Kohlendioxid, kommt in der Erdatmosphäre aber lange nicht...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Internationale Fachkonferenz IEEE ICDCM - Lokale Gleichstromnetze bereichern die Energieversorgung

27.06.2017 | Veranstaltungen

Internationale Konferenz zu aktuellen Fragen der Stammzellforschung

27.06.2017 | Veranstaltungen

Fraunhofer FKIE ist Gastgeber für internationale Experten Digitaler Mensch-Modelle

27.06.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Mainzer Physiker gewinnen neue Erkenntnisse über Nanosysteme mit kugelförmigen Einschränkungen

27.06.2017 | Biowissenschaften Chemie

Wave Trophy 2017: Doppelsieg für die beiden Teams von Phoenix Contact

27.06.2017 | Unternehmensmeldung

Warnsystem KATWARN startet international vernetzten Betrieb

27.06.2017 | Informationstechnologie