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Gesundheitsinformatiker entwickeln Schnittstellen für weltweite Medizinsprache

11.04.2014

Wenn Mediziner untereinander reden, verstehen Laien oft nur Bahnhof. Besonders problematisch wird es, wenn sich Mediziner auch untereinander nicht mehr hundertprozentig verstehen. Denn die von ihnen verwendeten Begrifflichkeiten sind häufig ungenau oder können unterschiedliche Bedeutungen haben.

Denn die von ihnen verwendeten Begrifflichkeiten sind häufig ungenau oder können unterschiedliche Bedeutungen haben. Wissenschaftler der Hochschule Niederrhein arbeiten daran, eine einheitliche, international gültige und auf Codierungen aufbauende Medizin-Sprache zu etablieren.

„Wenn die Sprache exakt ist und bei allen Beteiligten gleich verstanden wird, passieren auch weniger Fehler in der Medizin“, sagt Prof. Dr. Sylvia Thun, die am Fachbereich Gesundheitswesen der Hochschule Niederrhein lehrt und forscht.

Die Professorin für Informations- und Kommunikationstechnologie im Gesundheitswesen leitet drei aktuelle Forschungsprojekte am Fachbereich, die sich alle mit den Themen Wissensmanagement und Kommunikation in der Medizin beschäftigen. Das mit 1,5 Millionen Euro Volumen größte Projekt ist „Standards zur Unterstützung von eCommerce im Gesundheitswesen“. Bei diesem durch das Bundesministerium für Wirtschaft und Technologie geförderten Forschungsprojekt geht es darum, Einkaufsprozesse im Gesundheitswesen zu vereinheitlichen und transparenter zu gestalten.

„Wir wollen das Wissen aus dem medizinischen Prozess direkt in den Bestellprozess integrieren“, erklärt Lasse van de Sand, der gemeinsam mit Prof. Dr. Sylvia Thun und Prof. Dr. Hubert Otten das Projekt leitet. So sollen etwa für eine anstehende Operation die benötigten Instrumente angezeigt werden – falls diese nachbestellt werden müssen, erfolgt dies automatisch. „Wir wollen eine Interoperabilität der unterschiedlichen eBusiness-Standards im Gesundheitswesen herstellen. Wenn wir automatisierte Bestellprozesse haben, können sich die Kliniken wieder stärker auf ihre Kernkompetenzen konzentrieren“, erklärt Thun.

Bei einem weiteren Projekt geht es um das Infektionsschutzgesetz, das Ärzte verpflichtet, bestimmte Erreger zeitnah an die Landegesundheitsämter und das Robert-Koch-Institut zu melden. Diese Meldungen werden in der Regel gefaxt, der Meldeprozess dauert oft lange. Dies zeigte sich zuletzt bei einem Legionellen-Fall in Warstein, bei dem vom Zeitpunkt der Erkennung der Krankheit bis zur vollständigen Meldung mehrere Tage vergingen. Mit einem elektronischen Meldesystem könne man dies verhindern, glaubt Thun. Sie arbeitet mit ihrem Team daran, die exakte Bezeichnung verschiedener Erreger mit einer weltweit angewandten Terminologie zu codieren – damit auch bei diesem Thema sprachliche Klarheit und Genauigkeit herrscht.

Ein drittes Forschungsprojekt widmet sich der Notfallmedizin. Dort gibt es Begriffe, die einen gewissen Interpretationsspielraum lassen, wie zum Beispiel der GCS (Glasgow Coma Scale) mit dem Parameter „Augen öffnen prompt“, ein medizinischer Ausdruck, um die Ansprechbarkeit des Patienten zu verifizieren. Was mit „prompt“ genau gemeint ist, bleibt dabei unklar. Ist prompt, wenn der Patient angetippt oder gezwickt wird? Gilt als prompt, wenn er nach fünf Sekunden die Augen öffnet? Und für wie lange? „Das muss eindeutig definiert werden, die semantische Interoperabilität ist nur dann gewährleistet“, sagt Thun.

Bei einem Notfall verfassen Ärzte und das medizinische Fachpersonal ein aufwändiges Aufnahmeprotokoll. „Durch die von uns entwickelte Methode wird dieses im Hintergrund in die Medizin-Sprache codiert. Dadurch ist das Protokoll zwischen zwei Menschen, zwei Rechnern oder Mensch und Rechner interoperabel anwendbar. Wir schließen damit eine Reihe von Fehler-Quellen, wenn Dinge klar und eindeutig benannt werden“, führt Thun weiter aus. Ein wichtiger Bereich dabei ist die Anwendung international gültiger Einheiten oder Begriffe für Diagnosen. Für die Ärzte bedeutet die Einführung der Terminologien und Schnittstellen eine Entbürokratisierung; die Codierung in die einheitliche Medizinsprache bekommen sie gar nicht mit.

Die drei Projekte im Überblick:

Standards zur Unterstützung von eCommerce im Gesundheitswesen
Partner: Hochschule Niederrhein, Zentrum für Informations- und Medizintechnik des Universitätsklinikums Heidelberg (ZIM)
Bundesverband Medizintechnologie e.V. (BVMed)
Integrating the Healthcare Enterprise (IHE Deutschland)
Laufzeit: 1. 8. 2012 bis 31. 7. 2015

„Einführung des überregionalen Echtbetriebs eines elektronischen Meldeverfahrens von Laboren an die zuständigen Gesundheitsämter“
Partner: Hochschule Niederrhein, Zentrum für Telematik und Telemedizin GmbH (ZTG), Ministerium für Gesundheit, Emanzipation, Pflege und Alter des Landes NRW (MGEPA), Robert-Koch-Institut (RKI), Health Level Seven Deutschland e.V. (HL7)
Laufzeit: 1.9.2013 bis 1.7.2014

AKTIN – „Verbesserung der Versorgungsforschung in der Akutmedizin in Deutschland durch den Aufbau eines Nationalen Notaufnahmeregisters“
Partner: Hochschule Niederrhein
Goethe-Universität Frankfurt am Main
Justus-Liebig Universität Gießen
Technologie- und Methodenplattfom für die vernetzte Forschung e. V. (TMF)
Laufzeit: 01.11.2013 – 31.1.2016

Pressekontakt: Dr. Christian Sonntag, Referat für Presse und Öffentlichkeitsarbeit, Tel.: 02151 822-3610, E-Mail: christian.sonntag@hs-niederrhein.de

Dr. Christian Sonntag | idw - Informationsdienst Wissenschaft
Weitere Informationen:
http://www.hs-niederrhein.de

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