Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Berechenbare Sprache – Wie künstliche Stimmen menschlicher klingen

13.12.2012
Was macht eine menschliche Stimme aus? Bernd Möbius entschlüsselt die gesprochene Sprache, um herauszufinden, wie künstliche Stimmen mehr Charakter, mehr „menschlichen Touch“ bekommen.

Hierzu übersetzt der Saarbrücker Professor für Phonetik und Phonologie Laute in Zahlen und sucht und glättet Störstellen mit einem Rechenverfahren. Ziel ist ein selbstlernendes mathematisches Modell der menschlichen Sprache, das es möglich macht, jedem beliebigen Gegenstand jede beliebige Stimme zu verleihen – ohne künstlich zu klingen.

„Den habe ich mir ganz anders vorgestellt“ - das Phänomen tritt zu Tage bei Radiomoderatoren oder Leuten, die bisher nur am Telefon miteinander zu tun hatten: Wer Menschen ausschließlich von ihrer Stimme her kennt, macht sich ein bestimmtes Bild. Da kann eine junge Frau älter wirken, ein kräftiger Mann dünner oder ein blonder Haarträger eher dunkelhaarig. Menschliche Stimmen wecken die Phantasie. „Betrachtet man die Hirntätigkeit beim Hören, ruft eine natürliche Stimme Aktivität in Arealen hervor, die für Gefühle und Assoziationen verantwortlich sind. Bei der klassischen Computerstimme ist das anders. Hört der Mensch eine künstliche Stimme bleiben diese Areale stumm“, erläutert Professor Bernd Möbius, Saarbrücker Experte für Sprachproduktion.

Zwar sind moderne Computerstimmen in Auskunfts- oder Dialogsystemen vom blechernen Klang der abgehackten Wörter ohne Betonung bereits weit entfernt. Trotzdem hört das verwöhnte und seit jeher auf Stimmen spezialisierte menschliche Ohr die feinen Unterschiede, ob Mensch oder Maschine spricht. Werden Sätze aus Laut- und Wortschnipseln zusammengesetzt, entlarvt es selbst feinste Sprünge sofort. Fließende Sprachmelodien und sonstige Eigenheiten machen den besonderen Charakter natürlicher Stimmen aus. Fehlen sie, klingt die Stimme künstlich – und sie weckt auch keinerlei Gefühl.

Bernd Möbius forscht daran, diese Charakteristika der menschlichen Stimme herauszufinden, um sie in künstliche Stimmen hineinzurechnen und Sprungstellen und Störfaktoren aus ihnen herauszuholen. „Der Hörer soll sich eine Person hinter der Stimme vorstellen“, sagt er.

Hierzu begibt sich der Forscher mit seinem Team gewissermaßen auf die mikroskopische Ebene und betrachtet die Sprache in ihren kleinsten Einzelteilen. Zugrunde liegt ein digitalisierter Textkorpus, den ein Sprecher im Tonstudio eingesprochen hat. Die Phonetiker verwenden unter anderem die so genannte „Diphonsynthese“. Ein Diphon ist ein kurzer Sprach-Abschnitt, der in der Mitte eines Lautsegments beginnt und in der Mitte des folgenden Lautsegments endet. „Unsere Sprache kennt 45 Laute und etwa 2000 Diphone, jedes davon ist etwa 100 Millisekunden lang. Mit diesem Instrumentarium können wir auf lautlicher Ebene die gesamte Sprache abdecken“, erläutert Möbius.

In den Diphonen liegen die größten Probleme der künstlichen Stimmen verborgen: Sie enthalten etwa den Übergang zwischen den Lauten – winzige Schallsegmente, die bei der Verknüpfung der Sprachbausteine die verräterischen Sprünge hinterlassen. Diese Übergänge verkettet Möbius neu und glättet sie auf diese Weise, wodurch unstete Holperer und Sprungstellen aus der Computersprache verschwinden. „Anzahl und Häufigkeit der Übergänge lassen sich außerdem verringern, wenn es gelingt, längere Bausteine wie Silben oder ganze Wörter, die in den Sprachaufnahmen bereits verfügbar sind, wieder zu verwenden“, erklärt er. Die optimierten Sprachbausteine lassen sich in allen erdenklichen Kombinationsmöglichkeiten völlig neu zusammensetzen. Mit dieser künstlichen, aber natürlich klingenden Sprache lassen sich beliebige Äußerungen mit unbeschränktem Wortschatz erzeugen.

Das mathematische Sprachsynthese-Modell ist unabhängig von der Stimme des ursprünglichen Sprechers – dadurch ist es auf jede beliebige Stimme übertragbar. Hieraus ergeben sich in Zukunft neben den üblichen Anwendungen in Dialog- oder Auskunftssystemen auch neue Möglichkeiten in der Medizin: „Menschen, die ihre Stimme etwa durch eine Kehlkopfoperation verlieren, könnten so in nicht ferner Zukunft mit einer künstlich erzeugten Stimme sprechen, die wie ihre eigene, natürliche klingt“, stellt Möbius in Aussicht. Die Betroffenen müssten hierfür lediglich ihre Stimme im Tonstudio konservieren, wobei bereits relativ wenig „Sprach-Material“ ausreichen würde – das System könnte den Rest berechnen.

Bei seiner Forschung arbeitet Möbius an der Universität des Saarlandes unter anderem mit Computer- und Psycholinguisten sowie mit Informatikern im Exzellenzcluster „Multimodal Computing and Interaction“ und am Deutschen Forschungszentrum für Künstliche Intelligenz (DFKI) zusammen.

Prof. Dr. Bernd Möbius: Tel.: 0681 / 302-4500;
E-Mail: moebius@coli.uni-saarland.de
http://www.coli.uni-saarland.de/~moebius/
Hinweis für Hörfunk-Journalisten: Sie können Telefoninterviews in Studioqualität mit Wissenschaftlern führen, über Rundfunk-Codec (IP-Verbindung). Interviewwünsche bitte an die Pressestelle (0681/302-2601) richten.

Claudia Ehrlich |
Weitere Informationen:
http://www.coli.uni-saarland.de/~moebius/
http://www.uni-saarland.de

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Informationstechnologie:

nachricht TU Ilmenau entwickelt Chiptechnologie von morgen
20.04.2017 | Technische Universität Ilmenau

nachricht Datenschutzwächter sichert Smart Homes
20.04.2017 | FZI Forschungszentrum Informatik am Karlsruher Institut für Technologie

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Informationstechnologie >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Immunzellen helfen bei elektrischer Reizleitung im Herzen

Erstmals elektrische Kopplung von Muskelzellen und Makrophagen im Herzen nachgewiesen / Erkenntnisse könnten neue Therapieansätze bei Herzinfarkt und Herzrhythmus-Störungen ermöglichen / Publikation am 20. April 2017 in Cell

Makrophagen, auch Fresszellen genannt, sind Teil des Immunsystems und spielen eine wesentliche Rolle in der Abwehr von Krankheitserregern und bei der...

Im Focus: Tief im Inneren von M87

Die Galaxie M87 enthält ein supermassereiches Schwarzes Loch von sechs Milliarden Sonnenmassen im Zentrum. Ihr leuchtkräftiger Jet dominiert das beobachtete Spektrum über einen Frequenzbereich von 10 Größenordnungen. Aufgrund ihrer Nähe, des ausgeprägten Jets und des sehr massereichen Schwarzen Lochs stellt M87 ein ideales Laboratorium dar, um die Entstehung, Beschleunigung und Bündelung der Materie in relativistischen Jets zu erforschen. Ein Forscherteam unter der Leitung von Silke Britzen vom MPIfR Bonn liefert Hinweise für die Verbindung von Akkretionsscheibe und Jet von M87 durch turbulente Prozesse und damit neue Erkenntnisse für das Problem des Ursprungs von astrophysikalischen Jets.

Supermassereiche Schwarze Löcher in den Zentren von Galaxien sind eines der rätselhaftesten Phänomene in der modernen Astrophysik. Ihr gewaltiger...

Im Focus: Deep inside Galaxy M87

The nearby, giant radio galaxy M87 hosts a supermassive black hole (BH) and is well-known for its bright jet dominating the spectrum over ten orders of magnitude in frequency. Due to its proximity, jet prominence, and the large black hole mass, M87 is the best laboratory for investigating the formation, acceleration, and collimation of relativistic jets. A research team led by Silke Britzen from the Max Planck Institute for Radio Astronomy in Bonn, Germany, has found strong indication for turbulent processes connecting the accretion disk and the jet of that galaxy providing insights into the longstanding problem of the origin of astrophysical jets.

Supermassive black holes form some of the most enigmatic phenomena in astrophysics. Their enormous energy output is supposed to be generated by the...

Im Focus: Neu entdeckter Exoplanet könnte bester Kandidat für die Suche nach Leben sein

Supererde in bewohnbarer Zone um aktivitätsschwachen roten Zwergstern gefunden

Ein Exoplanet, der 40 Lichtjahre von der Erde entfernt einen roten Zwergstern umkreist, könnte in naher Zukunft der beste Ort sein, um außerhalb des...

Im Focus: Resistiver Schaltmechanismus aufgeklärt

Sie erlauben energiesparendes Schalten innerhalb von Nanosekunden, und die gespeicherten Informationen bleiben auf Dauer erhalten: ReRAM-Speicher gelten als Hoffnungsträger für die Datenspeicher der Zukunft.

Wie ReRAM-Zellen genau funktionieren, ist jedoch bisher nicht vollständig verstanden. Insbesondere die Details der ablaufenden chemischen Reaktionen geben den...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Smart-Data-Forschung auf dem Weg in die wirtschaftliche Praxis

21.04.2017 | Veranstaltungen

Baukultur: Mehr Qualität durch Gestaltungsbeiräte

21.04.2017 | Veranstaltungen

Licht - ein Werkzeug für die Laborbranche

20.04.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Intelligenter Werkstattwagen unterstützt Mensch in der Produktion

21.04.2017 | HANNOVER MESSE

Forschungszentrum Jülich auf der Hannover Messe 2017

21.04.2017 | HANNOVER MESSE

Smart-Data-Forschung auf dem Weg in die wirtschaftliche Praxis

21.04.2017 | Veranstaltungsnachrichten