Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Wo kein Kraut mehr wächst

10.03.2014

Geographen der Uni Jena gehen typischer Landschaftsform der Toskana auf den Grund

Riesige Sonnenblumenfelder, ausladende Pinien und schlanke Zypressen sowie Weinberge soweit das Auge reicht – wer einmal die Toskana bereist hat, wird sie vermutlich so oder ähnlich in Erinnerung haben.


Die als „Crete Senesi“ bekannte Landschaft in der Toskana mit ihren durch Erosion geprägten Hügeln.

Foto: Beate Michalzik/FSU

Prof. Dr. Beate Michalzik von der Friedrich-Schiller-Universität Jena und ihre Kollegen interessieren sich dagegen für die eher kargen Seiten der Region in Mittelitalien: Die Jenaer Geographen haben in einer Studie die Bodenbeschaffenheit der durch Erosion geprägten Hügel erforscht, die die als „Crete Senesi“ bekannte Landschaft zwischen Florenz und Grosseto typischerweise prägen.

Jedenfalls noch. Denn die sogenannten Badlands der Toskana sind akut bedroht. „Den vielen kleinen, aufgrund ihrer weißlichen Färbung als Biancane bezeichneten Erhebungen, die sich durch eine kahle, stark abfallende Südseite und eine weniger steile, dafür von Kräutern bewachsene, Nordseite auszeichnen, setzt die Erosion stark zu“, erklärt Prof. Michalzik. Ein bis zwei Zentimeter des lockeren nackten Bodens an der Südseite der Hänge werden jedes Jahr von Wind und Wetter abgetragen.

Doch warum, so fragte sich die Inhaberin des Lehrstuhls für Bodenkunde, findet sich auf der einen Seite der Hügel eine schützende Decke aus Beifuß, Knäuelgras, Quecke oder Currykraut und nicht ebenso auf der anderen? Dieser Frage sind Michalzik und zwei ehemalige Jenaer Studierende nun buchstäblich auf den Grund gegangen: Wie Peggy Bierbaß, Michael Wündsch und Beate Michalzik in der Fachzeitschrift Catena schreiben, resultiert diese typisch toskanische Landschaft aus dem engen Wechselspiel von Bodenbeschaffenheit und Vegetation (DOI: 10.1016/j.catena.2013.08.003).

Im Val d’Orcia, rund 30 Kilometer südlich von Siena, haben die Jenaer Studierenden und ihre Betreuer im Rahmen eines Geländepraktikums insgesamt 12 Bodenproben eines Biancana-Hügels genommen und im heimischen Labor ihre chemischen, physikalischen und hydrologischen Eigenschaften analysiert. Dabei hat das Wissenschaftlerteam herausgefunden, dass der Gehalt an Natrium im Boden entscheidend dessen Stabilität beeinflusst.

"Im kahlen Teil der Hügel ist der Natriumgehalt des Bodens deutlich höher als auf der bewachsenen Seite“, erläutert Michael Wündsch ein zentrales Ergebnis. Aufgrund des hohen Natriumgehalts ist der Zusammenhalt der einzelnen Tonschichten des Bodens verringert, so dass diese leichter durch Regen angreifbar sind. Die Folge: weniger Stabilität und mehr Erosion.

Eine weitere Ursache liegt in der Vegetation selbst. „Wo einmal etwas wächst, gelangt organisches Material in den Boden, das als Kitsubstanz dient und den Boden vor Abtrag schützt“, so Peggy Bierbaß. Der Bewuchs führe zudem zu einer besseren Wasserbenetzung des Bodens, was die weitere Begrünung begünstigt und so den Boden schützt.

Eine gezielte Begrünung der kahlen Flächen der Biancane-Hügel könnte diese folglich langfristig stabilisieren. Allerdings, so macht Beate Michalzik deutlich, könne auch das das allmähliche Verschwinden dieser Landschaftsform nicht aufhalten. Das zeige die zunehmende landwirtschaftliche Nutzung der Region. „In den zurückliegenden Jahrzehnten sind immer größere Flächen für den Weizenanbau nutzbar gemacht worden, was dieser Landschaft ihren unverwechselbaren Charakter nimmt“, so Michalzik. In 35 bis 40 Jahren, so heutige Schätzungen, werden die Badlands aus der Toskana vollständig verschwunden sein.

Original-Publikation:
Bierbaß P et al. The impact of vegetation on the stability of dispersive material forming biancane badlands in Val d’Orcia, Tuscany, Central Italy, Catena 113 (2014), 260–266, DOI: 10.1016/j.catena.2013.08.003

Kontakt:
Prof. Dr. Beate Michalzik, Michael Wündsch
Institut für Geographie der Friedrich-Schiller-Universität Jena
Löbdergraben 32, 07743 Jena
Tel.: 03641 / 948820, 03641 / 948807
E-Mail: beate.michalzik[at]uni-jena.de, michael.wuendsch[at]uni-jena.de

Weitere Informationen:

http://www.uni-jena.de

Dr. Ute Schönfelder | Friedrich-Schiller-Universität Jena

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Geowissenschaften:

nachricht Neues Forschungsspecial zu Meeren, Ozeanen und Gewässern
18.01.2017 | Hochschule für Angewandte Wissenschaften Hamburg

nachricht Wasser - der heimliche Treiber des Kohlenstoffkreislaufs?
17.01.2017 | Max-Planck-Institut für Biogeochemie

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Geowissenschaften >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Innovatives Hochleistungsmaterial: Biofasern aus Florfliegenseide

Neuartige Biofasern aus einem Seidenprotein der Florfliege werden am Fraunhofer-Institut für Angewandte Polymerforschung IAP gemeinsam mit der Firma AMSilk GmbH entwickelt. Die Forscher arbeiten daran, das Protein in großen Mengen biotechnologisch herzustellen. Als hochgradig biegesteife Faser soll das Material künftig zum Beispiel in Leichtbaukunststoffen für die Verkehrstechnik eingesetzt werden. Im Bereich Medizintechnik sind beispielsweise biokompatible Seidenbeschichtungen von Implantaten denkbar. Ein erstes Materialmuster präsentiert das Fraunhofer IAP auf der Internationalen Grünen Woche in Berlin vom 20.1. bis 29.1.2017 in Halle 4.2 am Stand 212.

Zum Schutz des Nachwuchses vor bodennahen Fressfeinden lagern Florfliegen ihre Eier auf der Unterseite von Blättern ab – auf der Spitze von stabilen seidenen...

Im Focus: Verkehrsstau im Nichts

Konstanzer Physiker verbuchen neue Erfolge bei der Vermessung des Quanten-Vakuums

An der Universität Konstanz ist ein weiterer bedeutender Schritt hin zu einem völlig neuen experimentellen Zugang zur Quantenphysik gelungen. Das Team um Prof....

Im Focus: Traffic jam in empty space

New success for Konstanz physicists in studying the quantum vacuum

An important step towards a completely new experimental access to quantum physics has been made at University of Konstanz. The team of scientists headed by...

Im Focus: Textiler Hochwasserschutz erhöht Sicherheit

Wissenschaftler der TU Chemnitz präsentieren im Februar und März 2017 ein neues temporäres System zum Schutz gegen Hochwasser auf Baumessen in Chemnitz und Dresden

Auch die jüngsten Hochwasserereignisse zeigen, dass vielerorts das natürliche Rückhaltepotential von Uferbereichen schnell erschöpft ist und angrenzende...

Im Focus: Wie Darmbakterien krank machen

HZI-Forscher entschlüsseln Infektionsmechanismen von Yersinien und Immunantworten des Wirts

Yersinien verursachen schwere Darminfektionen. Um ihre Infektionsmechanismen besser zu verstehen, werden Studien mit dem Modellorganismus Yersinia...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Mittelstand 4.0 – Mehrwerte durch Digitalisierung: Hintergründe, Beispiele, Lösungen

20.01.2017 | Veranstaltungen

Nachhaltige Wassernutzung in der Landwirtschaft Osteuropas und Zentralasiens

19.01.2017 | Veranstaltungen

Künftige Rohstoffexperten aus aller Welt in Freiberg zur Winterschule

18.01.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

21.500 Euro für eine grüne Zukunft – Unserer Umwelt zuliebe

20.01.2017 | Unternehmensmeldung

innovations-report im Interview mit Rolf-Dieter Lafrenz, Gründer und Geschäftsführer der Hamburger Start ups Cargonexx

20.01.2017 | Unternehmensmeldung

Niederlande: Intelligente Lösungen für Bahn und Stahlindustrie werden gefördert

20.01.2017 | Förderungen Preise