Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Paläontologie: Außergewöhnliche Fischfossilien

16.05.2013
Etwa 23 Millionen Jahre alte Fischfossilien geben Einblick in die Evolutionsgeschichte der Grundelartigen, einer der artenreichsten Gruppen der modernen Knochenfische.

Ein Forscherteam um Professor Bettina Reichenbacher vom Department für Geo- und Umweltwissenschaften, Paläontologie und Geobiologie an der LMU hat eine etwa 23 Millionen Jahre alte fossile Spezies aus der Gruppe der Grundelartigen neu untersucht. Ihre Ergebnisse, die in der Fachzeitschrift PLOS ONE veröffentlicht wurden, geben Einblick in die Evolutionsgeschichte dieser Fische und eröffnen neue Möglichkeiten ihrer Klassifikation.

Die Fossilien sind außergewöhnlich gut erhalten. „Sie ermöglichen uns die bislang genaueste Beschreibung eines fossilen grundelartigen Fisches“, sagt Bettina Reichenbacher. Die Autoren der Studie konnten nachweisen, dass das Fossil keine „echte Grundel“ darstellt, wie von früheren Bearbeitern angenommen, sondern zu der rätselhaften Gruppe der Butidae zählt. Butidae wurden bis vor kurzem zu den Schläfergrundeln gezählt, sind heute jedoch eine eigenständige Familie und in den tropischen Gewässern von Afrika, Madagaskar, Asien und Australien verbreitet. Dass sie auch als Fossilien vorkommen, wurde bislang zwar vermutet, war aber nicht gesichert. Gut datierte Funde fossiler Grundelartigen sind ohnehin sehr selten, allerdings sehr wichtig für die Rekonstruktion ihrer Evolutionsgeschichte. Nur mit Hilfe der Fossilien können die Stammbäume zeitlich skaliert werden.

Verräterische Gehörsteine

Die Fossilien, die von den LMU-Forschern und ihren französischen Kollegen analysiert wurden, stammen aus Südfrankreich und sind eine Leihgabe des Cuvier Museums in Montbéliard. Sie wurden in Lagunen-Sedimenten gefunden, die in der Nähe des damaligen Mittelmeers zur Zeit des ausgehenden Oligozäns entstanden sind, und sind etwa 23 Millionen Jahre alt. Eines der vielen ungewöhnlichen Merkmale der Fossilien sind die vollständig erhaltenen Gehörsteine: Diese sogenannten Otolithen sind im Innenohr liegende Gleichgewichtsorgane, die aus dem Mineral Aragonit sowie organischen Komponenten bestehen. „Das Spektakuläre der Otolithen ist, dass sie, einem genetischen Code vergleichbar, die Art-Bestimmung eines Fisches ermöglichen, auch wenn ansonsten von dem betreffenden Fisch nichts überliefert ist. Daher spielen Otolithen in der Paläontologie eine große Rolle für die Erforschung der Biodiversität und Evolutionsgeschichte der modernen Knochenfische“, sagt Bettina Reichenbacher, die auf die Analyse von Otolithen spezialisiert ist.
Die Otolithen brachten die Forscher auch auf die Spur, dass die Fossilien keine „echten“ Grundeln sind, sondern entweder den Schläfergrundeln oder den Butidae (für die es noch keinen allgemeinen Namen gibt) zuzuordnen sind. „Im Fischskelett haben wir dann weitere Merkmale gefunden, die dies bestätigt und die Zuordnung zu den Butiden ermöglicht haben“, sagt der LMU-Paläontologe und Doktorand Christoph Gierl, der zum Beispiel den Aufbau der Rückenflossen sowie die Anatomie des Schädels und der Bauchflossen analysiert hat.

Die Fossilien sind der erste gesicherte Nachweis einer fossilen Art der Butidae, die im heutigen Mittelmeer und Europa nicht mehr vorkommen. Die Fische lebten vor allem in Flussmündungen und Lagunen im Gebiet des heutigen Mittelmeers und im Bereich des Restmeers, das bei der Gebirgsbildung der Alpen vom heutigen Mittelmeer abgetrennt wurde. Damals herrschte subtropisches Klima. Die Fische verschwanden aus diesen Gewässern schon im Laufe des frühen Miozäns vor etwa 22 Millionen Jahren. „Wahrscheinlich wurden sie von den besser angepassten echten Grundeln verdrängt“, sagt Bettina Reichenbacher.
Die LMU-Forscher gehen davon aus, dass ihre Studie zu einem besseren Verständnis der Evolutionsgeschichte der Grundelartigen beitragen wird. „Unsere Ergebnisse zeigen außerdem, dass Otolithen für die Klassifikation der Grundelartigen eine bisher unerkannte Rolle spielen“, sagt Bettina Reichenbacher. nh

Publikation:
An Extraordinary Gobioid Fish Fossil from Southern France
Christoph Gierl, Bettina Reichenbacher, Jean Gaudant, Dirk Erpenbeck, André Pharisat
PLOS ONE 2013
http://dx.plos.org/10.1371/journal.pone.0064117

Ansprechpartnerin:
Professor Dr. Bettina Reichenbacher
Tel.: 089 / 2180–6603
E-Mail: b.reichenbacher@lrz.uni-muenchen.de
http://www.palaeontologie.geowissenschaften.uni-muenchen.de/personen/professuren/reichenbacher/index.html

Luise Dirscherl | idw
Weitere Informationen:
http://www.uni-muenchen.de

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Geowissenschaften:

nachricht Meeresforschung in Echtzeit verfolgen
22.02.2017 | GEOMAR Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung Kiel

nachricht Weniger Sauerstoff in allen Meeren
16.02.2017 | GEOMAR Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung Kiel

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Geowissenschaften >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Mehr Sicherheit für Flugzeuge

Zwei Entwicklungen am Lehrgebiet Rechnerarchitektur der FernUniversität in Hagen können das Fliegen sicherer machen: ein Flugassistenzsystem, das bei einem totalen Triebwerksausfall zum Einsatz kommt, um den Piloten ein sicheres Gleiten zu einem Notlandeplatz zu ermöglichen, und ein Assistenzsystem für Segelflieger, das ihnen das Erreichen größerer Höhen erleichtert. Präsentiert werden sie von Prof. Dr.-Ing. Wolfram Schiffmann auf der Internationalen Fachmesse für Allgemeine Luftfahrt AERO vom 5. bis 8. April in Friedrichshafen.

Zwei Entwicklungen am Lehrgebiet Rechnerarchitektur der FernUniversität in Hagen können das Fliegen sicherer machen: ein Flugassistenzsystem, das bei einem...

Im Focus: HIGH-TOOL unterstützt Verkehrsplanung in Europa

Forschung am Karlsruher Institut für Technologie (KIT) unterstützt die Europäische Kommission bei der Verkehrsplanung: Anhand des neuen Modells HIGH-TOOL lässt sich bewerten, wie verkehrspolitische Maßnahmen langfristig auf Wirtschaft, Gesellschaft und Umwelt wirken. HIGH-TOOL ist ein frei zugängliches Modell mit Modulen für Demografie, Wirtschaft und Ressourcen, Fahrzeugbestand, Nachfrage im Personen- und Güterverkehr sowie Umwelt und Sicherheit. An dem nun erfolgreich abgeschlossenen EU-Projekt unter der Koordination des KIT waren acht Partner aus fünf Ländern beteiligt.

Forschung am Karlsruher Institut für Technologie (KIT) unterstützt die Europäische Kommission bei der Verkehrsplanung: Anhand des neuen Modells HIGH-TOOL lässt...

Im Focus: Zinn in der Photodiode: nächster Schritt zur optischen On-Chip-Datenübertragung

Schon lange suchen Wissenschaftler nach einer geeigneten Lösung, um optische Komponenten auf einem Computerchip zu integrieren. Doch Silizium und Germanium allein – die stoffliche Basis der Chip-Produktion – sind als Lichtquelle kaum geeignet. Jülicher Physiker haben nun gemeinsam mit internationalen Partnern eine Diode vorgestellt, die neben Silizium und Germanium zusätzlich Zinn enthält, um die optischen Eigenschaften zu verbessern. Das Besondere daran: Da alle Elemente der vierten Hauptgruppe angehören, sind sie mit der bestehenden Silizium-Technologie voll kompatibel.

Schon lange suchen Wissenschaftler nach einer geeigneten Lösung, um optische Komponenten auf einem Computerchip zu integrieren. Doch Silizium und Germanium...

Im Focus: Innovative Antikörper für die Tumortherapie

Immuntherapie mit Antikörpern stellt heute für viele Krebspatienten einen Erfolg versprechenden Ansatz dar. Weil aber längst nicht alle Patienten nachhaltig von diesen teuren Medikamenten profitieren, wird intensiv an deren Verbesserung gearbeitet. Forschern um Prof. Thomas Valerius an der Christian Albrechts Universität Kiel gelang es nun, innovative Antikörper mit verbesserter Wirkung zu entwickeln.

Immuntherapie mit Antikörpern stellt heute für viele Krebspatienten einen Erfolg versprechenden Ansatz dar. Weil aber längst nicht alle Patienten nachhaltig...

Im Focus: Durchbruch mit einer Kette aus Goldatomen

Einem internationalen Physikerteam mit Konstanzer Beteiligung gelang im Bereich der Nanophysik ein entscheidender Durchbruch zum besseren Verständnis des Wärmetransportes

Einem internationalen Physikerteam mit Konstanzer Beteiligung gelang im Bereich der Nanophysik ein entscheidender Durchbruch zum besseren Verständnis des...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

6. Internationale Fachkonferenz „InnoTesting“ am 23. und 24. Februar 2017 in Wildau

22.02.2017 | Veranstaltungen

Wunderwelt der Mikroben

22.02.2017 | Veranstaltungen

Der Lkw der Zukunft kommt ohne Fahrer aus

21.02.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Ursache für eine erbliche Muskelerkrankung entdeckt

22.02.2017 | Medizin Gesundheit

Möglicher Zell-Therapieansatz gegen Zytomegalie

22.02.2017 | Biowissenschaften Chemie

Meeresforschung in Echtzeit verfolgen

22.02.2017 | Geowissenschaften