Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Mammut als Nahrungsergänzung bei Neandertalern

12.12.2014

Bedeutung der „Megafauna“ für Ernährungsstrategien von Neandertalern: Neue archäozoologische Untersuchungen belegen, dass Neandertaler zwar erfolgreiche und effiziente Mammutjäger waren, die „Megafauna“ aber nur eine untergeordnete Rolle in der Ernährung spielte. Die Ergebnisse der kontextuellen Studie von Dr. Geoff Smith (MONREPOS, Neuwied) erscheinen nun im Journal of Human Evolution.

Überlebensstrategien und Ernährungsweise von Neandertalern spielen eine herausragende Rolle für das Verständnis der frühen Menschheitsgeschichte und die Entwicklung unseres heutigen Verhaltens. Besondere Aufmerksamkeit erfahren sie seit dem Nachweis einer genetischen Verwandtschaft von Neandertalern und anatomisch modernen Menschen.


Ansicht der Fundstelle La Cotte de St Brelade auf der Insel Jersey, Großbritannien. Ein Großteil der Knochen stammt aus den Ausgrabungen unter dem Granitbogen links im Bild ist.

Foto: Geoff Smith, MONREPOS


Schulterblatt eines Mammuts vom Fundplatz La Cotte de St Brelade. Auf der Knochenoberfläche lassen sich deutliche Schnittspuren von Steinmessern erkennen (Pfeile). Foto: Geoff Smith, MONREPOS

Archäozoologische Untersuchungen der Jagdbeutereste zeigen, dass Neandertaler raubtierartig lebten, erfolgreiche Großwildjäger und ausgemachte Fleischfresser waren. Isotopenanalysen sprechen sogar dafür, dass Mammuts ganz oben auf dem Speiseplan der Neandertaler standen. Sie zu jagen ist keine Kleinigkeit, werden Mammuts doch über 3m hoch und wiegen bis zu 6t. Nur: deren Knochen finden sich vergleichsweise selten auf den Fundplätzen dieser Zeit.

Die Frage, welche Rolle Mammut und Wollnashorn tatsächlich in den neandertalerzeitlichen Ernährungsstrategien und Landnutzungssystemen spielten, wie gezielt und häufig Neandertaler den Kampf mit den Riesen aufnahmen, steht deshalb im Fokus der Forschungen von Dr. Geoff Smith. Dazu hat er zunächst die Jagdbeutereste des Fundplatzes La Cotte de St. Brelade (Insel Jersey, Großbritannien) analysiert. Und auf dieser Basis die Rolle des Mammuts für die Ernährung in der Zeit vor 300.000 bis 35.000 Jahren europaweit im Kontext der Umweltgeschichte evaluiert.

Die Fundstelle La Cotte des St. Brelade liegt am äußersten Nordwestrand der Neandertalerzeitlichen Welt. Sie spielt eine Schlüsselrolle zum Verständnis der damaligen Jagd- und Ernährungsweise: „Hier wurden richtige Mammutknochenhaufen ausgegraben, das gibt es so nirgendwo sonst. Früher dachte man deshalb sogar, die Neandertaler hätten hier ganze Mammutherden bei Treibjagden abgeschlachtet. “, so Geoff Smith. Neue topographische Untersuchungen der Fundstelle und Analysen der Knochenreste fanden dafür zwar keine Belege; ganz sicher hat man jedoch über einen langen Zeitraum immer wieder in La Cotte gejagt und die riesigen Beutetiere hier effizient ausgeschlachtet.

Um zunächst die Funktion der Fundstelle La Cotte de St. Brelade und die Überlieferungsgeschichte der Knochen rekonstruieren zu können, hat der Archäozoologe sie akribisch nicht nur nach Tierarten und Körperteilen bestimmt, sondern auch auf Verwitterung, Brandspuren, Raubtierverbiss und Fragmentierungsweise untersucht. Im Gegensatz zu den anderen Fundplätzen dieser Zeit überwiegen in La Cotte Mammute und Wollnashörner unter den Jagdbeuteresten vor kleineren Rindern, Hirschen und Pferden. Smith fand bei seinen Analysen viele Schnitt- und Schlagspuren auf den Mammutknochen. Sie belegen, dass die Tiere hier zerlegt und entfleischt wurden. Man nutzte auch Hirn und Knochenmark und verbrannte viele Knochen anschließend, vielleicht als Holzersatz.

„Die Jäger in La Cotte waren trotzdem keine spezialisierten Mammutjäger. Die Tierknochen zeigen, dass Neandertaler hier und anderswo ganz opportunistisch vorgegangen sind; ihre Ernährungsstrategien waren viel komplexer, als man lange Zeit dachte. Neandertaler haben verschiedene Tiere im Verlauf der Zeit unterschiedlich intensiv bejagt. Meist waren das mittelgroße Pflanzenfresser wie Wildrinder oder Pferde. Mammuts waren eher so eine Art Nahrungsergänzung, mit der man auf Klima- und Umweltschwankungen reagieren konnte“, so Smith.

Seine Studien zeigen auch: es bedarf diachroner, disziplinübergreifender Forschungen, die sowohl den ökologischen und sozialen Kontext, als auch die Überlieferungsgeschichte der Funde einschließen. Erst auf dieser Basis lässt sich unsere Verhaltensentwicklung in der frühen Menschheitsgeschichte entschlüsseln.

Publikation

G. M. Smith, Neanderthal megafaunal exploitation in Western Europe and its dietary implications: A contextual reassessment of La Cotte des St Brelade (Jersey). Journal of Human Evolution.
http://dx.doi.org/10.1016/j.jhevol.2014.10.007

Ansprechpartner

Dr. Daniela Holst
Wissenschaftskommunikation
MONREPOS Archäologisches Forschungszentrum und
Museum für menschliche Verhaltensevolution
Schloss Monrepos
56567 Neuwied
E-Mail: holst@rgzm.de

Dr. Geoff M. Smith
MONREPOS Archäologisches Forschungszentrum und
Museum für menschliche Verhaltensevolution
Schloss Monrepos
56567 Neuwied
Tel. 02631-9772286
E-Mail: smith@rgzm.de

MONREPOS ist eine Einrichtung des Römisch-Germanischen Zentralmuseums, Forschungsinstitut für Archäologie, Mitglied der Leibniz Gemeinschaft
http://www.monrepos-rgzm.de


Weitere Informationen:

http://web.rgzm.de/ueber-uns/presse/pressemitteilungen/pm/article/mammut-als-nahrungsergaenzung-bei-neandertalern-bedeutung-der-megafauna-fuer-ernaehrungsstrat.html - Pressebereich des RGZM
http://web.rgzm.de/fileadmin/Gruppen/Presse/2014/Pressemappe_MONREPOS_12122014.zip  - Pressemappe (ZIP-Datei)

Daniela Holst | idw - Informationsdienst Wissenschaft

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Geowissenschaften:

nachricht Warum der Meeresboden in Bewegung gerät
13.02.2018 | GEOMAR Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung Kiel

nachricht Erste Messung der Erdgravitation mit einer transportablen optischen Uhr
12.02.2018 | Physikalisch-Technische Bundesanstalt (PTB)

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Geowissenschaften >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Erste integrierte Schaltkreise (IC) aus Plastik

Erstmals ist es einem Forscherteam am Max-Planck-Institut (MPI) für Polymerforschung in Mainz gelungen, einen integrierten Schaltkreis (IC) aus einer monomolekularen Schicht eines Halbleiterpolymers herzustellen. Dies erfolgte in einem sogenannten Bottom-Up-Ansatz durch einen selbstanordnenden Aufbau.

In diesem selbstanordnenden Aufbauprozess ordnen sich die Halbleiterpolymere als geordnete monomolekulare Schicht in einem Transistor an. Transistoren sind...

Im Focus: Quantenbits per Licht übertragen

Physiker aus Princeton, Konstanz und Maryland koppeln Quantenbits und Licht

Der Quantencomputer rückt näher: Neue Forschungsergebnisse zeigen das Potenzial von Licht als Medium, um Informationen zwischen sogenannten Quantenbits...

Im Focus: Demonstration of a single molecule piezoelectric effect

Breakthrough provides a new concept of the design of molecular motors, sensors and electricity generators at nanoscale

Researchers from the Institute of Organic Chemistry and Biochemistry of the CAS (IOCB Prague), Institute of Physics of the CAS (IP CAS) and Palacký University...

Im Focus: Das VLT der ESO arbeitet erstmals wie ein 16-Meter-Teleskop

Erstes Licht für das ESPRESSO-Instrument mit allen vier Hauptteleskopen

Das ESPRESSO-Instrument am Very Large Telescope der ESO in Chile hat zum ersten Mal das kombinierte Licht aller vier 8,2-Meter-Hauptteleskope nutzbar gemacht....

Im Focus: Neuer Quantenspeicher behält Information über Stunden

Information in einem Quantensystem abzuspeichern ist schwer, sie geht meist rasch verloren. An der TU Wien erzielte man nun ultralange Speicherzeiten mit winzigen Diamanten.

Mit Quantenteilchen kann man Information speichern und manipulieren – das ist die Basis für viele vielversprechende Technologien, vom hochsensiblen...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

VideoLinks
Industrie & Wirtschaft
Veranstaltungen

Auf der grünen Welle in die Zukunft des Mobilfunks

16.02.2018 | Veranstaltungen

Smart City: Interdisziplinäre Konferenz zu Solarenergie und Architektur

15.02.2018 | Veranstaltungen

Forschung für fruchtbare Böden / BonaRes-Konferenz 2018 versammelt internationale Bodenforscher

15.02.2018 | Veranstaltungen

VideoLinks
Wissenschaft & Forschung
Weitere VideoLinks im Überblick >>>
 
Aktuelle Beiträge

Erste integrierte Schaltkreise (IC) aus Plastik

17.02.2018 | Energie und Elektrotechnik

Stammbaum der Tagfalter erstmalig umfassend neu aufgestellt

16.02.2018 | Biowissenschaften Chemie

Neue Strategien zur Behandlung chronischer Nierenleiden kommen aus der Tierwelt

16.02.2018 | Biowissenschaften Chemie

Weitere B2B-VideoLinks
IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics