Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Gesellschaftlicher Wandel für Nomaden problematischer als Klimawandel

15.07.2014

Der gesellschaftliche Wandel könnte die Weideflächen in Trockengebieten weltweit stärker beeinflussen als der Klimawandel.

Zu diesem Ergebnis kommen Wissenschaftlerinnen des Helmholtz-Zentrums für Umweltforschung (UFZ) und der Universität Köln, die dazu ökologische und gesellschaftliche Einflussfaktoren im Computermodell simuliert haben. Bis zu einem gewissen Grad könnten die Auswirkungen des Klimawandels durch eine erhöhte Mobilität der Viehherden ausgeglichen werden, schreiben die Wissenschaftlerinnen im Fachblatt „Global Environmental Change“.


Hirtennomaden im trockenen Südosten Marokkos besitzen ein großes Wissen über die Futterqualität und Verfügbarkeit der in ihrem Weidegebiet vorkommenden Pflanzen.

Foto: Dr. Gisela Baumann/Universität zu Köln


Nomade im Westjordanland, Naher Osten.

Foto: André Künzelmann/UFZ

Der Bedarf nach höheren Einkommen und weniger verfügbares Weideland machten es jedoch den Nomaden zunehmend schwerer, ihre Herden umzutreiben und damit ihre Existenz zu sichern.

Die Trockengebiete der Erde machen etwa 40 Prozent der Landoberfläche weltweit aus. Viehhaltung ist dort die wichtigste Einnahmequelle, von der über eine Milliarde Menschen leben. Da die Niederschläge in diesen Regionen gering sind und unregelmäßig auftreten, haben viele Nomadenvölker ihre Lebensweise daran angepasst und ziehen mit ihren Herden dorthin, wo die Vegetation gerade die beste Nahrung für das Vieh bietet.

Dadurch schonen sie gleichzeitig einen Teil des Weidelandes, das sich so regenerieren kann – eine positive „Nebenwirkung“ der Mobilität. Veränderte Klimabedingungen wie stärkere Schwankungen im Niederschlag könnten dieses empfindliche System stören. So wird beispielsweise für verschiedene Regionen im Nordwesten Afrikas mit einem Rückgang der Niederschläge von 10 bis 20 Prozent gerechnet.

Die Studie hatte deshalb das Ziel, jene Grenzen des Klimawandels aufzuzeigen, bis zu denen die Existenzgrundlagen für Haushalte mit Viehhaltung langfristig erhalten werden können, und hat dabei auch gesellschaftliche Veränderungen mit einbezogen. Dazu kombinierten die Wissenschaftlerinnen eine Risikobewertung mit einem ökologisch-ökonomischen Modell.

Bei der Auswertung zeigte sich, dass stärkere zeitliche Schwankungen bei den Niederschlägen die Viehhaltung weniger beeinträchtigen als ein Rückgang der durchschnittlichen jährlichen Niederschlagsmenge. Sozio-ökonomische Veränderungen wie ein erhöhter Bedarf an Einkommen verschoben die Toleranzgrenzen für Niederschlagsschwankungen nach oben. „Bis zu einem gewissen Grad ermöglicht die Mobilität den Nomaden, ihre Weidewirtschaft auch in weniger produktiven Systemen aufrechtzuerhalten und so negative Effekte des Klimawandels auszugleichen“, berichtet Dr. Romina Martin vom UFZ, die jetzt am Stockholm Resilience Centre forscht. Mit dem gestiegenen Bedarf an Einkommen und dem gesunkenem Zugang zu Weideland wird es jedoch zunehmend schwerer, diese Mobilität aufrechtzuerhalten.

„Auch wenn unser Modell auf nomadische Beweidungssysteme zielt und auf wenige Faktoren beschränkt ist, so spiegelt es doch die Konsequenzen des gewaltigen Landnutzungswandels in den Trockengebieten wider“, schildert Prof. Karin Frank vom UFZ. „Unser Ansatz beschränkt sich aber nicht nur auf die Erforschung von Beweidungssystemen. Er kann überall dort eingesetzt werden, wo die Dynamik von Ökosystemdienstleistungen eng mit der Existenzsicherung verbunden ist.“

„Unsere Ergebnisse unterstreichen, dass mit der Weidewirtschaft von umherziehenden Nomaden sensible Ökosysteme nachhaltig genutzt werden können und dass die Ökosysteme unter dieser Nutzungsweise flexibel genug sind, sich an veränderte Niederschläge und damit an den Klimawandel anzupassen“, betont Dr. Anja Linstädter von der Universität Köln. „Wir sollten daher das Nomadentum nicht einfach als überholte Tradition abtun“, ergänzt Dr. Birgit Müller vom UFZ. In vielen trockenen Regionen könne dies die einzige langfristig nachhaltige Nutzung sein – im Gegensatz zu intensiver Landwirtschaft, die dort zwar höhere Erträge ermöglicht, aber dafür Boden und Wasserressourcen so sehr übernutzt, dass schon nach kurzer Zeit keine Landwirtschaft mehr möglich ist. Aus Sicht der Autorinnen wirft dies auch ein Schlaglicht auf die Debatte um aus westlicher Sicht scheinbar ungenutzte Flächen in vielen Regionen Afrikas. In Wirklichkeit stellen sie als kommunales Weideland eine wichtige Lebensgrundlage für die lokale Bevölkerung dar.

In die Studie waren Forschungsergebnisse von Feldstudien im Atlasgebirge und der östlichsten Provinz Oriental in Marokko sowie aus dem Tibetischen Hochland eingeflossen, die im Rahmen zweier interdisziplinärer Projekte entstanden sind. Unter dem Dach des Projektes „IMPETUS“ der Universitäten Köln und Bonn hatten Klimatologen, Hydrologen, Geografen, Weideökologen und Ethnologen über zwölf Jahre die Folgen des Klima- und Landnutzungswandels auf Naturressourcen im Hohen Atlas Marokkos untersucht. Ihre Daten zu Niederschlagsschwankungen sowie zur Produktivität und Regenerationsfähigkeit der Weidevegetation bildeten die Grundlage für den ökologischen Teil des Modells. Der Schwerpunkt des Sonderforschungsbereichs „Differenz und Integration“ der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) lag dagegen auf der Erforschung des Lebens von nomadischen Völkern im sogenannten altweltlichen Trockengürtel. Dabei hatten über zehn Jahre lang Archäologen, Ethnologen, Geografen, Historiker und Orientwissenschaftler der Universitäten Halle und Leipzig zusammen mit Kollegen von anderen Instituten geforscht, denn seit über 5000 Jahren existieren zwischen Marokko und Tibet nomadische und sesshafte Kulturen nebeneinander.

Bei der Vermittlung dieses Wissens wurden inzwischen auch unkonventionelle Wege eingeschlagen: Im Rahmen des DFG-Sonderforschungsbereichs „Differenz und Integration“ hatten Wissenschaftler des UFZ zusammen mit der Universität der Künste Berlin (UdK) ein Strategiespiel entwickelt, um die Zusammenhänge zwischen Landnutzung, Niederschlägen und Viehertrag einem breiten Publikum verständlich zu machen. Dabei schlüpfen bis zu sechs Spieler in die Rollen eines Hirtennomaden mit dem Ziel, ihr Kapital in Form von Schafen zu vergrößern. Dabei müssen sie Entscheidungen treffen, die nicht nur vom Zustand der Weiden sondern auch von den alltäglichen Herausforderungen in der Steppe abhängen. Das Brettspiel „NomadSed“ ist ab einem Alter von 10 Jahren geeignet und wird inzwischen auch für die entwicklungspolitische Bildungsarbeit eingesetzt, so zum Beispiel von der Organisation „Tierärzte ohne Grenzen“ in Kenia.
Tilo Arnhold

Publikation:
Martin, R., Müller, B., Linstädter, A., Frank, K. (2014): How much climate change can pastoral livelihoods tolerate? Modelling rangeland use and evaluating risk. Global Environmental Change 24, 183–192. http://dx.doi.org/10.1016/j.gloenvcha.2013.09.009
Die Untersuchungen wurden von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) im Rahmen des Sonderforschungsbereichs 586 "Differenz und Integration", dem Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) durch das Projekt IMPETUS sowie der Helmholtz-Gemeinschaft gefördert.

Weitere Informationen:
Prof. Dr. Karin Frank, Dr. Birgit Müller
Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung (UFZ)
Telefon: +49-(0)341-235-1279, -1708
https://www.ufz.de/index.php?de=5457
https://www.ufz.de/index.php?de=15522
Dr. Romina Martin (geb. Drees)
Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung (UFZ), z.Z. am Stockholm Resilience Centre
Telefon: +46 76 70 60 676
https://www.ufz.de/index.php?de=16975 & http://www.stockholmresilience.org/21/contact/staff/9-12-2013-martin.html
und
Dr. Anja Linstädter
Universität Köln
Telefon: +49-(0)221-470-7905
http://www.botanik.uni-koeln.de/ag_linstaedter.html
oder über
Tilo Arnhold, Susanne Hufe (UFZ-Pressestelle)
Telefon: +49-(0)341-235-1635, -1630
http://www.ufz.de/index.php?de=640

Weiterführende Links:
DFG-Sonderforschungsbereich 586 "Differenz und Integration"
http://www.nomadsed.de/home/
Ausstellung Brisante Begegnungen
http://www.voelkerkundemuseum.com/306-0-Brisante-Begegnungen-Nomaden-in-einer-se...
„Verteilungskämpfe der Nomaden - Forschungsprojekt von Wissenschaftlern aus Leipzig und Halle“ (Deutschlandfunk, 31.07.2008)
http://www.nomadsed.de/fileadmin/user_upload/redakteure/Dateien_Projekte/SFB_im_...
Projekt IMPETUS
http://www.impetus.uni-koeln.de/projekt.html
Helmholtz-Graduiertenschule HIGRADE
http://www.ufz.de/higrade/
„NomaSed“ – Nachhaltigkeit spielend erleben
http://www.nomadsed-spiel.de/
Strategien für eine nachhaltige Landnutzung in Trockengebieten (UFZ-Newsletter Dezember 2012):
http://www.ufz.de/export/data/global/45927_UFZ_Newsletter_Dez2012.pdf

Weitere Informationen:

http://www.ufz.de/index.php?de=33025

Tilo Arnhold | UFZ News

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Geowissenschaften:

nachricht Meeresforschung in Echtzeit verfolgen
22.02.2017 | GEOMAR Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung Kiel

nachricht Weniger Sauerstoff in allen Meeren
16.02.2017 | GEOMAR Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung Kiel

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Geowissenschaften >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Wie Proteine Zellmembranen verformen

Zellen schnüren regelmäßig kleine Bläschen von ihrer Außenhaut ab und nehmen sie in ihr Inneres auf. Daran sind die EHD-Proteine beteiligt, die Professor Oliver Daumke vom MDC erforscht. Er und sein Team haben nun aufgeklärt, wie sich diese Proteine auf der Oberfläche von Zellen zusammenlagern und dadurch deren Außenhaut verformen.

Zellen schnüren regelmäßig kleine Bläschen von ihrer Außenhaut ab und nehmen sie in ihr Inneres auf. Daran sind die EHD-Proteine beteiligt, die Professor...

Im Focus: Safe glide at total engine failure with ELA-inside

On January 15, 2009, Chesley B. Sullenberger was celebrated world-wide: after the two engines had failed due to bird strike, he and his flight crew succeeded after a glide flight with an Airbus A320 in ditching on the Hudson River. All 155 people on board were saved.

On January 15, 2009, Chesley B. Sullenberger was celebrated world-wide: after the two engines had failed due to bird strike, he and his flight crew succeeded...

Im Focus: „Vernetzte Autonome Systeme“ von acatech und DFKI auf der CeBIT

Auf der IT-Messe CeBIT vom 20. bis 24. März präsentieren acatech – Deutsche Akademie der Technikwissenschaften und das Deutsche Forschungszentrum für Künstliche Intelligenz (DFKI) in Kooperation mit der Deutschen Messe AG vernetzte Autonome Systeme. In Halle 12 am Stand B 63 erwarten die Besucherinnen und Besucher unter anderem Roboter, die Hand in Hand mit Menschen zusammenarbeiten oder die selbstständig gefährliche Umgebungen erkunden.

Auf der IT-Messe CeBIT vom 20. bis 24. März präsentieren acatech – Deutsche Akademie der Technikwissenschaften und das Deutsche Forschungszentrum für...

Im Focus: Kühler Zwerg und die sieben Planeten

Erdgroße Planeten mit gemäßigtem Klima in System mit ungewöhnlich vielen Planeten entdeckt

In einer Entfernung von nur 40 Lichtjahren haben Astronomen ein System aus sieben erdgroßen Planeten entdeckt. Alle Planeten wurden unter Verwendung von boden-...

Im Focus: Mehr Sicherheit für Flugzeuge

Zwei Entwicklungen am Lehrgebiet Rechnerarchitektur der FernUniversität in Hagen können das Fliegen sicherer machen: ein Flugassistenzsystem, das bei einem totalen Triebwerksausfall zum Einsatz kommt, um den Piloten ein sicheres Gleiten zu einem Notlandeplatz zu ermöglichen, und ein Assistenzsystem für Segelflieger, das ihnen das Erreichen größerer Höhen erleichtert. Präsentiert werden sie von Prof. Dr.-Ing. Wolfram Schiffmann auf der Internationalen Fachmesse für Allgemeine Luftfahrt AERO vom 5. bis 8. April in Friedrichshafen.

Zwei Entwicklungen am Lehrgebiet Rechnerarchitektur der FernUniversität in Hagen können das Fliegen sicherer machen: ein Flugassistenzsystem, das bei einem...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Poseidon goes Politics – Wer oder was regiert die Ozeane?

27.02.2017 | Veranstaltungen

Fachtagung Rapid Prototyping 2017 – Innovationen in Entwicklung und Produktion

27.02.2017 | Veranstaltungen

Aufbruch: Forschungsmethoden in einer personalisierten Medizin

24.02.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Herz-Untersuchung: Kontrastmittel sparen mit dem Mini-Teilchenbeschleuniger

27.02.2017 | Medizintechnik

Neue Maßstäbe für eine bessere Wasserqualität in Europa

27.02.2017 | Biowissenschaften Chemie

Wenn der Schmerz keine Worte findet - Künstliche Intelligenz zur automatisierten Schmerzerkennung

27.02.2017 | Medizintechnik