Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Geographen der Universität Jena erhalten für Klimaforschungsprojekt ihre Bohrkerne aus Tibet

13.03.2009
Eine Klima-Bibliothek in Stein

Geographen der Universität Jena erhalten für Klimaforschungsprojekt ihre Bohrkerne aus Tibet

Wer je einen Monsun erlebt hat, kann kaum glauben, dass diese wiederkehrenden Intensivregenfälle jemals aufhören könnten - doch sie können. Gemeinsam mit den umliegenden Himalaya-Gletschern versorgt der Monsun auf dem riesigen tibetischen Plateau bald drei Milliarden Menschen mit Trinkwasser, wie Wissenschaftler schätzen. Der regelmäßige Monsun, der in den tibetischen Gebirgsgletschern gespeichert wird, ist damit die Lebensader für fast die Hälfte der Menschheit.

Doch diese Ader, gespeist aus dem Monsunregen und Schmelzwasser, ist Wandlungen unterworfen und scheint sich mit der Erderwärmung deutlich zu verändern. "Wenn der Monsun ausbliebe, hätte das drastische Folgen", ist sich Prof. Dr. Roland Mäusbacher von der Universität Jena sicher. Diesen Veränderungen in Vergangenheit und Zukunft geht seit letztem Jahr ein deutsch-chinesisches Wissenschaftlerteam auf dem tibetischen Plateau nach. Im Rahmen des Schwerpunktprogramms 1372 der Deutschen Forschergemeinschaft, in dessen Vorfeld bereits seit 2005 erste Untersuchungen durchgeführt wurden, werden u. a. die geodynamische Entwicklung des Plateaus und die Variabilität des Monsuns erforscht.

Bohren im See auf 4.718 m Höhe

An diesem auf sechs Jahre angelegten Projekt wirken Geographen der Friedrich-Schiller-Universität Jena sowie Partner von der TU Braunschweig, der FU Berlin und des Jenaer Max-Planck-Instituts für Biogeochemie mit. Die Jenaer Geographen haben 2008 in einem See Bohrungen durchgeführt: dem auf 4.718 m über N. N. liegenden "Nam Co", dem zweitgrößten See Tibets, der ca. fünfmal so groß wie der Bodensee ist. Sie waren dabei die einzigen Wissenschaftler, die 2008 in Tibet forschen durften, wie der Jenaer Teilprojektleiter Mäusbacher erlebt hat. Es gelang ihnen, trotz rauer See und widriger Wetterbedingungen zwei Bohrungen im Seegrund erfolgreich durchzuführen.

Jetzt sind die 11 und 5 m langen und rd. 9 cm dicken Bohrkerne im Institut für Geographie der Uni Jena angekommen, nachdem bereits zuvor an der Uni Köln ein nicht-invasiver Röntgenfluoreszenz-Scan (XRF-Scan) gemacht wurde, der eine qualitative Analyse der enthaltenen Elemente ermöglicht. "Ein spannender Moment", wie Mäusbacher zugibt, der bereits seit fast zwei Jahrzehnten im Himalaya forscht. Gemeinsam mit den deutschen und chinesischen Partnern sind die Kerne in einer speziellen Schneideanlage, die die Jenaer Geographen gemeinsam mit ihren Kollegen aus der Materialwissenschaft entwickelt haben, in handliche Stücke zerlegt worden. Daraus entnommene Proben werden jetzt an die Partner verteilt, um die eigentlichen Forschungsarbeiten durchführen zu können. In Jena sind dies geochemische und sedimentologische Untersuchungen, die z. B. Auskunft über die Änderung des Salzgehalts geben sollen. Daraus lassen sich Hinweise auf den Wasserhaushalt und damit den Monsun ableiten.

Hoffen auf 40.000 Jahre Klima-Geschichte

Die unscheinbaren grau-braunen "Bohrkern-Stäbe" haben es aber in sich, wie die Wissenschaftler erwarten. Bisher reichten die ältesten Seeproben des Plateaus gerade einmal 18.000 Jahre zurück. "Wir hoffen, dass wir etwa 40.000 Jahre Klima-Geschichte betrachten können", sagt Prof. Mäusbacher. Das wäre die älteste Klima-Bibliothek eines tibetischen Sees und damit "eine kleine Sensation", wie sogar der Physische Geograph zugibt, "wenn wir die Monsungeschichte über diese Periode aufzeigen könnten".

Doch den vereinten Wissenschaftlern geht es nicht um diesen Weltrekord. Ihnen ermöglichen die in den Bohrkernen enthaltenen Seesedimente einen Einblick in die Klimageschichte am Beispiel des Monsuns. Aus den Sedimenten kann mit aufwendigen Analysen der Zusammenhang zwischen Luftbewegungen, Temperatur und Gletscherveränderungen abgelesen werden. Selbst menschliche Einflüsse, z. B. durch Weidewirtschaft, die den Boden verändert haben, sind für die Spezialisten erkennbar.

Um diese Ergebnisse zu bestätigen, wird es noch in diesem Jahr in einem anderen tibetischen See geophysikalische Untersuchungen und Bohrungen mit nachfolgenden Analysen geben. Damit soll auch die räumliche Variabilität des Monsuns ermittelt werden. "Wir liefern die Daten, die für die Klimamodellierung wichtig sind", weist Mäusbacher auf den nächsten Forschungsschritt hin. Klimaspezialisten werden ein Modell errechnen und es auf die Vergangenheit anwenden. Wenn das Modell stimmig ist, lassen sich dann auch Prognosen für die Zukunft erstellen. Prognosen, die die aktuelle Tendenz der Erderwärmung einbeziehen, um so für das Tibet-Plateau ein realistisches Klima-Szenario erstellen zu können. Wenn dann "der dritte Pol", wie die Experten dieses weltgrößte Plateau nennen, gefährdet ist, müssen rasch Maßnahmen geplant werden, um zu einer nachhaltigen Nutzung dieses Ökosystems zu kommen.

Kontakt:
Prof. Dr. Roland Mäusbacher
Institut für Geographie der Universität Jena
Löbdergraben 32, 07743 Jena
Tel.: 03641 / 948810
E-Mail: crm[at]uni-jena.de

Axel Burchardt | idw
Weitere Informationen:
http://www.uni-jena.de

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Geowissenschaften:

nachricht Klima-Satellit: Mit robuster Lasertechnik Methan auf der Spur
22.06.2017 | Fraunhofer-Gesellschaft

nachricht Ursuppe in Dosen
21.06.2017 | Universität Duisburg-Essen

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Geowissenschaften >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Can we see monkeys from space? Emerging technologies to map biodiversity

An international team of scientists has proposed a new multi-disciplinary approach in which an array of new technologies will allow us to map biodiversity and the risks that wildlife is facing at the scale of whole landscapes. The findings are published in Nature Ecology and Evolution. This international research is led by the Kunming Institute of Zoology from China, University of East Anglia, University of Leicester and the Leibniz Institute for Zoo and Wildlife Research.

Using a combination of satellite and ground data, the team proposes that it is now possible to map biodiversity with an accuracy that has not been previously...

Im Focus: Klima-Satellit: Mit robuster Lasertechnik Methan auf der Spur

Hitzewellen in der Arktis, längere Vegetationsperioden in Europa, schwere Überschwemmungen in Westafrika – mit Hilfe des deutsch-französischen Satelliten MERLIN wollen Wissenschaftler ab 2021 die Emissionen des Treibhausgases Methan auf der Erde erforschen. Möglich macht das ein neues robustes Lasersystem des Fraunhofer-Instituts für Lasertechnologie ILT in Aachen, das eine bisher unerreichte Messgenauigkeit erzielt.

Methan entsteht unter anderem bei Fäulnisprozessen. Es ist 25-mal wirksamer als das klimaschädliche Kohlendioxid, kommt in der Erdatmosphäre aber lange nicht...

Im Focus: Climate satellite: Tracking methane with robust laser technology

Heatwaves in the Arctic, longer periods of vegetation in Europe, severe floods in West Africa – starting in 2021, scientists want to explore the emissions of the greenhouse gas methane with the German-French satellite MERLIN. This is made possible by a new robust laser system of the Fraunhofer Institute for Laser Technology ILT in Aachen, which achieves unprecedented measurement accuracy.

Methane is primarily the result of the decomposition of organic matter. The gas has a 25 times greater warming potential than carbon dioxide, but is not as...

Im Focus: How protons move through a fuel cell

Hydrogen is regarded as the energy source of the future: It is produced with solar power and can be used to generate heat and electricity in fuel cells. Empa researchers have now succeeded in decoding the movement of hydrogen ions in crystals – a key step towards more efficient energy conversion in the hydrogen industry of tomorrow.

As charge carriers, electrons and ions play the leading role in electrochemical energy storage devices and converters such as batteries and fuel cells. Proton...

Im Focus: Die Schweiz in Pole-Position in der neuen ESA-Mission

Die Europäische Weltraumagentur ESA gab heute grünes Licht für die industrielle Produktion von PLATO, der grössten europäischen wissenschaftlichen Mission zu Exoplaneten. Partner dieser Mission sind die Universitäten Bern und Genf.

Die Europäische Weltraumagentur ESA lanciert heute PLATO (PLAnetary Transits and Oscillation of stars), die grösste europäische wissenschaftliche Mission zur...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Von Batterieforschung bis Optoelektronik

23.06.2017 | Veranstaltungen

10. HDT-Tagung: Elektrische Antriebstechnologie für Hybrid- und Elektrofahrzeuge

22.06.2017 | Veranstaltungen

„Fit für die Industrie 4.0“ – Tagung von Hochschule Darmstadt und Schader-Stiftung am 27. Juni

22.06.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Radioaktive Elemente in Cassiopeia A liefern Hinweise auf Neutrinos als Ursache der Supernova-Explosion

23.06.2017 | Physik Astronomie

Dünenökosysteme modellieren

23.06.2017 | Ökologie Umwelt- Naturschutz

Makro-Mikrowelle macht Leichtbau für Luft- und Raumfahrt effizienter

23.06.2017 | Materialwissenschaften