Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Fossiler Schädel verbindet Kontinente

29.01.2015

Bisher fehlte jede Spur von jenen modernen Menschen, die von Afrika aus ihren Weg nach Norden nahmen, um vor ca. 45.000 Jahren in Europa anzukommen und alle anderen menschlichen Lebensformen zu ersetzen. Nun wurde im Norden Israels in der Manot-Höhle ein Fund gemacht, der diese Lücke im Wissen über unsere eigene Herkunft schließt. Die rund 55.000 Jahre alten Überreste eines Gehirnschädels konnten mit modernsten Computer-Methoden untersucht werden. Die Ergebnisse, welche einen Teil der Menschheitsgeschichte in Raum und Zeit neu verbinden, erscheinen nun aktuell im Fachjournal "Nature".

Manot ist eine Karsthöhle im Norden Israels, sehr nahe der libanesischen Grenze. Die ersten Forschungen dort begannen 2010 und laufen bis heute. Entdeckt wurden unzählige archäologische Objekte, die eine Besiedelung der Höhle seit mehr als 100.000 Jahren belegen.


Die computertomographische Version des Manot Fundes und die Manot-Höhle im Hintergrund.

Copyright: Gerhard Weber


Der Manot Gehirnschädel am Computerbildschirm, von der Seite betrachtet (links), und von Innen (rechts).

Copyright: Gerhard Weber

Vor ca. 30.000 Jahren stürzte schließlich das Dach der Höhle ein und versiegelte die Fundschichten bis in unsere Tage. Neben Steinwerkzeugen und Tierknochen erhielten sich auch einige wenige menschliche Überreste. Der spektakulärste Fund wurde in einer etwas abseits gelegenen Nische der Höhle gemacht: eine sehr gut erhaltene "Kalotte", also der Oberteil eines Gehirnschädels. Der Gesichtsschädel, der viele diagnostische Merkmale für Paläoanthropologen aufweist, fehlte leider.

"Virtuelle Anthropologie" ermöglicht Identifizierung

Die traditionellen Methoden der Anthropologie erlauben nur ein sehr grobes Bild der Klassifikation eines Gehirnschädels, der sich hauptsächlich durch seine gleichmäßige Wölbung auszeichnet. Durch die an der Universität Wien in den letzten 15 Jahren entwickelten Verfahren der "Virtuellen Anthropologie", bei der dreidimensionale Daten von Objekten mit ausgefeilten mathematisch-statistischen Methoden analysiert werden, war es möglich, zu wesentlich schärferen Aussagen zu kommen. Gerhard Weber vom Department für Anthropologie der Universität Wien wurde daher von den israelischen Forschern zur Mitarbeit eingeladen.

Zusammen mit seinem früheren Doktoranden Philipp Gunz, der nunmehr am Max-Planck-Institut in Leipzig forscht, wurden computertomographische Aufnahmen unter die Lupe genommen. Dabei haben die Forscher an der virtuellen Repräsentation von Manot und einigen hunderten anderen Gehirnschädel sehr viele Messpunkte in dichter Anordnung gesetzt, die die Gestaltunterschiede erfassen und Unterschiede sowie Gemeinsamkeiten aufzeigen.

Es stellte sich heraus, dass der Fund nicht nur zeitlich genau in die bisher unbekannte Phase der Auswanderung aus Afrika passt, sondern auch von seiner Morphologie her perfekt die Lücke schließt. Weber erklärt: "Die Gestaltanalysen zeigen ganz eindeutig, dass Manot ein moderner Mensch war. Das Interessante ist, dass die ähnlichsten Schädel in unseren Vergleichsdaten einerseits von heute lebenden Afrikanern stammen und andererseits von jenen modernen Menschen, die vor ca. 20.000 bis 30.000 Jahren bei uns in Mitteleuropa lebten, z.B. Schädel aus dem nahen Tschechien, wie Mladeč 1 oder Předmostí 4."

Datierung belegt hohes Alter

Die morphometrischen Befunde alleine wären allerdings noch zu wenig für eine Sensation. Es könnte sich ja immerhin auch um moderne Menschen gehandelt haben, die erst später wieder von Europa in die Levante zurückgewandert waren. Zum Glück des Forscherteams legten sich aber in der Tropfsteinhöhle von Manot etliche dünne Kalzit-Schichten an der Innen- und Außenseite des Schädelfragmentes an.

Diese konnten mit der zuverlässigen Uranium-Thorium Methode datiert werden. Die israelischen KollegInnen belegten damit ein Alter von ca. 55.000 Jahren. Manot ist also 10.000 Jahre älter als alle modernen Menschen, die in Europa gefunden wurde, und um ca. 5.000 bis 10.000 Jahre jünger als jener Zeitpunkt, den Genetiker für die Entstehung unserer direkten Ahnenlinie in Afrika vorhersagten.

Die Levante als Kreuzungspunkt der Migration

Eine der logischen Migrationsrouten von Afrika nach Europa führt durch den levantinischen Korridor. Das Alter und die Morphologie von Manot legen nahe, dass die ersten modernen Menschen diese Route genommen haben. Dabei trafen sie aber zeitgleich auf Neandertaler, die immer wieder die Levante bewohnten, aber nie weiter Richtung Süden vordringen konnten.

Genetische Hinweise deuten darauf hin, dass heute lebende Menschen 1 bis 4 Prozent Neandertalergene in uns tragen. Bisher wurde spekuliert, dass diese Vermischung in Europa stattgefunden haben könnte. Manot ändert dieses Bild. Es ist wahrscheinlich, dass dies schon früher, also auf dem Weg der ersten modernen Menschen durch die Levante, passiert sein könnte.

Manot verbindet

"Dieser Schädelfund aus Manot ist genau das, was wir Anthropologen seit Jahrzehnten gesucht haben. Er verbindet perfekt diejenigen Teile der Menschheitsgeschichte in Raum und Zeit, die uns bisher bekannt waren", fasst Weber zusammen. Manot ist aber nicht nur ein Glücksfall für die Erkenntnis rund um unsere eigene Herkunft. Er führte auch zu einer sehr erfolgreichen wissenschaftlichen Kooperation zwischen israelischen und österreichischen bzw. deutschen Institutionen. Weitere Projekte und mehr Austausch von Know-how sind bereits in Angriff genommen worden.

Publikation in Nature
Levantine cranium from Manot Cave (Israel) foreshadows the first European modern humans. Hershkovitz, I., Marder, O., Ayalon, A., Boaretto, E., Caracuta, V., Alex, B., Frumkin, A., Goder-Goldberger, M., Gunz, P., Holloway, R., Latimer, B., Lavi, R., Matthews, A., Sloan, V., Bar-Yosef Mayer, D., Berna, F., Bar-Oz, G., May, H., Hans, M., Weber, G.W., Barzilai, O., 2015
Nature am 29. Jan. 2015, DOI: 10.1038/nature14134.

Wissenschaftliche Kontakte
Deutsch und Englisch
ao. Univ.-Prof. Dr. Gerhard W. Weber
Department für Anthropologie
Universität Wien
A-1090 Wien, Althanstraße 14
T +43-1-4277-547 77
M +43-664-817 49 26
gerhard.weber@univie.ac.at

Englisch und Hebräisch
Prof. Dr. Israel Hershkovitz
Tel Aviv University
T +972-3-640-94 95
anatom2@post.tau.ac.il

Rückfragehinweis
Mag. Veronika Schallhart
Pressebüro der Universität Wien
Forschung und Lehre
1010 Wien, Universitätsring 1
T +43-1-4277-175 30
M +43-664-602 77-175 30
veronika.schallhart@univie.ac.at

Die Universität Wien ist eine der ältesten und größten Universitäten Europas: An 19 Fakultäten und Zentren arbeiten rund 9.700 MitarbeiterInnen, davon 6.900 WissenschafterInnen. Die Universität Wien ist damit die größte Forschungsinstitution Österreichs sowie die größte Bildungsstätte: An der Universität Wien sind derzeit rund 92.000 nationale und internationale Studierende inskribiert. Mit über 180 Studien verfügt sie über das vielfältigste Studienangebot des Landes. http://univie.ac.at

1365 gegründet, feiert die Alma Mater Rudolphina Vindobonensis im Jahr 2015 ihr 650-jähriges Gründungsjubiläum mit einem vielfältigen Jahresprogramm – unterstützt von zahlreichen Sponsoren und Kooperationspartnern. Die Universität Wien bedankt sich dafür bei ihren KooperationspartnerInnen, insbesondere bei: Österreichische Post AG, Raiffeisen NÖ-Wien, Bundesministerium für Wissenschaft, Forschung und Wirtschaft, Stadt Wien, Industriellenvereinigung, Erste Bank, Vienna Insurance Group, voestalpine, ÖBB Holding AG, Bundesimmobiliengesellschaft, Mondi. Medienpartner sind: ORF, Die Presse, Der Standard.

Stephan Brodicky | Universität Wien

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Geowissenschaften:

nachricht Wasser - der heimliche Treiber des Kohlenstoffkreislaufs?
17.01.2017 | Max-Planck-Institut für Biogeochemie

nachricht Was ist krebserregend am Erionit?
13.01.2017 | Friedrich-Schiller-Universität Jena

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Geowissenschaften >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Interfacial Superconductivity: Magnetic and superconducting order revealed simultaneously

Researchers from the University of Hamburg in Germany, in collaboration with colleagues from the University of Aarhus in Denmark, have synthesized a new superconducting material by growing a few layers of an antiferromagnetic transition-metal chalcogenide on a bismuth-based topological insulator, both being non-superconducting materials.

While superconductivity and magnetism are generally believed to be mutually exclusive, surprisingly, in this new material, superconducting correlations...

Im Focus: Erforschung von Elementarteilchen in Materialien

Laseranregung von Semimetallen ermöglicht die Erzeugung neuartiger Quasiteilchen in Festkörpersystemen sowie ultraschnelle Schaltung zwischen verschiedenen Zuständen.

Die Untersuchung der Eigenschaften fundamentaler Teilchen in Festkörpersystemen ist ein vielversprechender Ansatz für die Quantenfeldtheorie. Quasiteilchen...

Im Focus: Studying fundamental particles in materials

Laser-driving of semimetals allows creating novel quasiparticle states within condensed matter systems and switching between different states on ultrafast time scales

Studying properties of fundamental particles in condensed matter systems is a promising approach to quantum field theory. Quasiparticles offer the opportunity...

Im Focus: Mit solaren Gebäudehüllen Architektur gestalten

Solarthermie ist in der breiten Öffentlichkeit derzeit durch dunkelblaue, rechteckige Kollektoren auf Hausdächern besetzt. Für ästhetisch hochwertige Architektur werden Technologien benötigt, die dem Architekten mehr Gestaltungsspielraum für Niedrigst- und Plusenergiegebäude geben. Im Projekt »ArKol« entwickeln Forscher des Fraunhofer ISE gemeinsam mit Partnern aktuell zwei Fassadenkollektoren für solare Wärmeerzeugung, die ein hohes Maß an Designflexibilität erlauben: einen Streifenkollektor für opake sowie eine solarthermische Jalousie für transparente Fassadenanteile. Der aktuelle Stand der beiden Entwicklungen wird auf der BAU 2017 vorgestellt.

Im Projekt »ArKol – Entwicklung von architektonisch hoch integrierten Fassadekollektoren mit Heat Pipes« entwickelt das Fraunhofer ISE gemeinsam mit Partnern...

Im Focus: Designing Architecture with Solar Building Envelopes

Among the general public, solar thermal energy is currently associated with dark blue, rectangular collectors on building roofs. Technologies are needed for aesthetically high quality architecture which offer the architect more room for manoeuvre when it comes to low- and plus-energy buildings. With the “ArKol” project, researchers at Fraunhofer ISE together with partners are currently developing two façade collectors for solar thermal energy generation, which permit a high degree of design flexibility: a strip collector for opaque façade sections and a solar thermal blind for transparent sections. The current state of the two developments will be presented at the BAU 2017 trade fair.

As part of the “ArKol – development of architecturally highly integrated façade collectors with heat pipes” project, Fraunhofer ISE together with its partners...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Bundesweiter Astronomietag am 25. März 2017

17.01.2017 | Veranstaltungen

Über intelligente IT-Systeme und große Datenberge

17.01.2017 | Veranstaltungen

Aquakulturen und Fangquoten – was hilft gegen Überfischung?

16.01.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Bundesweiter Astronomietag am 25. März 2017

17.01.2017 | Veranstaltungsnachrichten

Intelligente Haustechnik hört auf „LISTEN“

17.01.2017 | Architektur Bauwesen

Satellitengestützte Lasermesstechnik gegen den Klimawandel

17.01.2017 | Maschinenbau